Selfpublishing als Phänomen betrachtet

Betrachtet man die derzeitige Netz-Landschaft, so erhält man den Eindruck, als wäre der Begriff Selfpublishing kein Phänomen im eigentlichen Sinne, sondern eher ein Wort, das, wenn es fällt, sofort Empörung, Streit und Schimpfwörter auslöst. Ein Reizbegriff also. Im folgenden soll nicht näher auf diesen Aspekt eingegangen werden, auch sollen hier keine Daten wiedergekäut werden, die in vielen anderen Artikeln zur Genüge zu finden sind. Vielmehr soll das Phänomen, denn um ein solches handelt es sich letztendlich, aus einer eher medienwissenschaftlichen Perspektive betrachtet werden.

Selfpublishing bedeutet: Heute kann jeder „drucken“.

Publizieren konnte bisher nur derjenige Autor, der es geschafft hat, die Hürde eines Verlagslektorats zu überspringen. Auch hieß es, nur mithilfe eines Literaturagenten könne es gelingen, sein Buch einem Verlag „anzudrehen“. Durch Selfpublishing gibt es zum einen die oben genannte Hürde nicht mehr und zum anderen stellt sich die Frage, wer Agenten benötigt, wenn jeder seinen Text selbst veröffentlichen kann. Man könnte fast sagen, dass dieses mediale Phänomen eine Demokratisierung im Publikationswesen auslöst. Jeder kann daran teilnehmen. Und dass viele daran teilnehmen wollen, zeigt sich an den hohen Veröffentlichungszahlen.

Die Folge davon ist eine ganz ähnliche wie wir sie bereits durch Youtube kennen. Was bei dieser Plattform das Visuelle betrifft, betrifft bei Selfpublishing das Sprachliche. Bei Youtube kann jeder seine eigenen Videos hochladen und sie der, wenn man so will, Weltgemeinschaft im Netz zur Verfügung stellen. Dass hierbei Unterschiede in Qualität, Einfallsreichtum und den visualisierten Objekten bestehen, ist eindeutig. Dennoch ist eine klare Folge von Youtube, dass Visualisierung nicht mehr ein Privileg von Regisseuren ist, welche zuvor eine Filmhochschule absolviert haben, sondern jeder zum Regisseur wird – Regisseur in dem Sinne, da der Filmende bestimmt, was zu sehen ist und was nicht. Dies betrifft sowohl fiktive Narrationen als auch Live-Aufnahmen.

Durch die Möglichkeit des Selfpublishing auf Amazon oder Neobooks haben wir nun dasselbe Phänomen auf einer rein sprachlichen Ebene. Aufgrund dieser Innovation kann nun jeder Autor von Romanen, Kurzgeschichten und Sachbüchern werden. Wie auch bei Youtube, so gibt es aber auch hier massive Unterschiede in Sachen Qualität. Da gibt es Autoren, die weder die Grammatik noch die Rechtschreibung beherrschen und auch nicht wissen, wie man eine spannende Geschichte erzählt. Auf diese Akteure wird gezeigt, wenn es darum geht, Selfpublishing zu verunglimpfen. Dann aber gibt es auch Autoren, welche hochgradige Literatur präsentieren. Es sind Texte, welche einen wunderbaren Stil besitzen und in Sachen Lektorat nichts zu wünschen übrig lassen. Auf diese Akteure wird nur wenig hingewiesen. Dass es zu diesen beiden Extrempunkten kommt, ist eine Konsequenz des Jeder-kann-daran-teilnehmens. Es gibt keine Qualitätshürden, also kommt es zu einer Ansammlung von „Schrott“, genauso aber, da viele Autoren, welche ihr Hobby ernst nehmen, darin eine Chance sehen, ihre Werke zu veröffentlichen, zu einer zunehmenden Vielfalt an qualitativ guter bis sehr guter Literatur.

Dieser letzte Punkt bietet in der Tat eine ästhetische Chance. Betrachtet man zurzeit den klassischen Buchmarkt, so zeigt sich, dass es hier in Sachen Vielfalt zu einer Stagnation gekommen ist. Originalität ist nicht mehr gefragt. Wichtig ist es, Trends zu bedienen. Daher erscheint es, dass wir in einem Buchladen zwar auf unterschiedliche Bücher treffen, deren Inhalte sich jedoch kaum von einander unterscheiden. Ich möchte soweit gehen, dies als eine ästhetische Krise zu bezeichnen. Verleger wollen keine Risiken eingehen, sondern auf Nummer Sicher gehen, was zu einer Variationsbegrenzung und nicht weniger zu einer Qualitätsbegrenzung führt.

Hier scheint Selfpublishing eine Lösung zu sein, welche diese ästhetische Krise durchbricht, da jeder seine eigenen Ideen, egal ob sie einem Trend entsprechen oder nicht, veröffentlichen kann. Man sollte das Phänomen Selfpublishing also nicht als einen Marktplatz für Schmuddelautoren abtun. Das dürfte es bei weitem auch nicht mehr sein, gehen doch auch Verlagsautoren dazu über, manche ihrer Werke direkt über Amazon zu vermarkten ( daher hat sich dieser unschöne Begriff Hybridautor eingeschlichen). Man darf auf jeden Fall gespannt sein, wie lange sich noch der traditionelle und zurzeit festgefahrene Buchmarkt sowie die Verlagslandschaft aufrecht erhalten werden. Sicher ist nur, dass es in dieser Hinsicht viele Verlierer geben wird. Seitens der Autoren aber viele Gewinner.