„Ich würde für dich sterben!“ oder Wieso koreanische Schülerinnen Angst vor Geistern haben

Park Jae-Jin als die Schülerin Hyo-Shin in „Memento Mori“ (1999); © e-m-s

„Ich würde für dich sterben!“ Dieser Ausbruch von Leidenschaft findet im Finale eines der bekanntesten koreanischen Horrorfilme statt. Titel: Memento Mori. Produktionsjahr 1999. Der Film erregte dazumal großes Aufsehen. Nicht nur national, sondern auch international wurde er mit diversen Nominierungen beehrt. Hinzu kam ein weiterer Aspekt, der Memento Mori zu einem außergewöhnlichen Werk werden ließ. Wie kein anderer Film zuvor sprachen die beiden Regisseure Kim Tae-Yong und Min Kyu-Dong das Thema Homosexualität an. Dies anscheinend auf eine so direkte Weise, dass die koreanische Zensurbehörde die Produktionsfirma dazu aufforderte, ganze zwanzig Minuten herauszuschneiden. Was soll’s, dachten sich die beiden und kamen der Aufforderung nach. Fünf Jahre später wurden diese Szenen dem fertigen Film wieder hinzugefügt. Aber dabei blieb es nicht. Denn der Director’s Cut, der zum fünfjährigen Jubiläum (leider nur in Korea) erschien, besitzt eine Länge von sage und schreibe drei Stunden.

Doch um was geht es überhaupt in Memento Mori und in welchem Zusammenhang steht dieser Film eigentlich?

Kinoplakat von „Memento Mori“

Memento Mori erzählt die tragische Liebesbeziehung zwischen den beiden Schülerinnen Hyo-Shin und Min-Ah. Während sowohl Lehrer als auch Schüler Min-Ah aufgrund ihrer Leistungen als Schnellläuferin gleichermaßen respektieren, wird Hyo-Shin zur Außenseiterin abgestempelt. Grund ist, dass ihre lesbischen Neigungen offensichtlich sind. Zugleich benimmt sie sich seltsam und besitzt eine düstere Aura. Die heimliche Beziehung zwischen ihr und Min-Ah halten beide in einem gemeinsamen Tagebuch fest. Doch Min-Ah beginnt plötzlich, sich von ihrer Freundin zu distanzieren. Erst zu spät merkt sie, welche leidenschaftlichen Gefühle Hyo-Shin für sie empfindet. Hyo-Shin hält den Schmerz der Trennung nicht aus und bringt sich um. Von da an geschehen unheimliche Dinge in der Schule, auf der zudem ein Fluch lasten soll. Denn bereits zuvor starben dort sechs Mädchen auf seltsame Weise.

Min-Ah (Gong Hyo-Jin) und Hyo-Shin (Park Jae-Jin) verstecken sich; „Memento Mori“ (1999); © e-m-s

Wer der Inhaltsangabe folgt und sich fragt, ob Memento Mori nicht eher ein Drama als ein Horrorfilm ist, steht nicht alleine da. Denn Kim Tae-Yong und Min Kyu-Dong hatten während der Schreibphase ein Drama im Sinn, in dem die unheimlichen Momente eine sehr geringe Rolle spielen sollten. Doch ihr eigentlicher Plan ging nicht auf. Nachdem die Produzenten das Skript gelesen hatten, lautete es: mehr Horror, weniger Drama, sonst könnt ihr die Tür von außen zumachen. Also schrieben beide das Drehbuch um und wurstelten in das Liebesdrama eine Gruselgeschichte ein. Übrigens stellte dies die erste Regiearbeit der beiden dar. Die Produzenten waren allerdings noch immer nicht ganz zufrieden. Der Titel musste leicht geändert werden. Doch dieser war schnell gefunden: Yeogo Geodam 2: Memento Mori. Wahrscheinlich wird sich der ein oder andere Leser jetzt fragen: Teil 2? Hab ich gerade etwas verpasst? Die Antwort darauf setzt Memento Mori in einen größeren Zusammenhang, bei dem auch ein winziger historischer Einblick in die Filmindustrie Südkoreas nicht fehlen darf.

„Shiri“ (1999) ist der erste koreanische Blockbuster

Fasst man die Geschichte des koreanischen Films in einem kurzen Satz zusammen, so lautet dieser: vorher keine Zuschauer, nachher volle Kinosäle. In der Tat wurden vor Mitte der 90er Jahre koreanische Filme in koreanischen Kinos nur gezeigt, da die Kinobesitzer gesetzlich dazu verpflichtet wurden. Das Problem war, dass die gesamte Filmbranche in staatlicher Hand lag und dementsprechend nur das in den Kinos lief, was vielleicht gerade einmal ein, zwei verstaubte Beamte hinter dem Ofen hervorlockte. Das heißt nicht, dass diese Filme handwerklich schlecht waren. Das heißt aber, dass sie im Vergleich zum bunten und glitzernden Hollywoodkino eindeutig den Kürzeren zogen. Den Filmen vor den 90ern merkt man eindeutig an, dass nicht sonderlich viel Geld für die Ausstattung vorhanden gewesen ist.

Dies änderte sich schlagartig Mitte der 90er Jahre. Die Verstaatlichung der Filmindustrie wurde aufgehoben. Von nun an standen sich vier Produktionsfirmen gegenüber: Cinema Service, CJ Entertainment, Showbox und Lotte Cinema. Diese pumpten riesige Mengen Gelder in ihre Produktionen. Das Ergebnis: gleich die erste Großproduktion, der Thriller Shiri, erzielte an den koreanischen Kinokassen einen weit höheren Umsatz als Titanic, der zur selben Zeit lief. Fasst man diese Veränderung in einen noch größeren Zusammenhang, so findet man diesen in der in den 90er Jahren aufgekommenen Krise in Hollywood, welche den Filmindustrien auch in anderen Ländern Auftrieb verlieh.

In Südkorea ist Hollywood aufgrund der hervorragenden koreanischen Eigenproduktionen inzwischen so sehr in Bedrängnis gekommen, dass z.B. Filmgrößen wie Steven Spielberg versuchen, Gemeinschaftsproduktionen anzuzetteln, da die eigenen Produkte nicht mehr genug einbringen. Und zum Schluss noch ein weiterer Ausholer: der große Erfolg der modernen japanischen Horrorfilme, welche traditionellen Geisterglauben mit dem modernen Großstadtleben verbinden und Mitte/Ende der 90er Jahre ins Leben gerufen wurden, führte dazu, dass sich die Industrien in Südkorea ebenfalls dem Horrorgenre zuwandten, das bis dahin eher geschmäht worden war. Die erste Produktion trug den Titel Yeogo Geodam – Whispering Corridors (1998). In diesem Film tauchten nicht gerade Geister auf. Vielmehr kann dieser Streifen als Psychothriller bezeichnet werden, dessen Schauplatz eine Schule ist, in der die Schülerinnen von den Lehrern auf jede Art und Weise schikaniert werden. Dabei kommt es zu mehreren unheimlichen Morden.

Die Schülerinnen werden von ihrem Lehrer schikaniert; „Whispering Corridors“ (1998); © Cinema Service

Der Film wurde ein voller Erfolg. Mit seiner Darstellung der Misshandlungen von Schülern durch Lehrer übte er scharfe Kritik am südkoreanischen Schulsystem. Die Diskussion über dieses System hält bis heute an. Während man seit der PISA-Studie ehrfürchtig von Deutschland aus nach Südkorea und Japan blickt, denkt man dort darüber nach, wie man den teils unmenschlichen Leistungsdruck nach und nach lockern kann. Eine Folge dieses Drucks ist eine hohe Selbstmordrate unter Schülern. Diese Selbstmorde wiederum sind Auslöser für so genannte urbane Legenden, welche dem tragischen Schicksal einer Schülerin oder eines Schülers eine düster-romantische Note verleiht.

Man kann sagen, fast jede Schule hat ihre eigenen Geistergeschichten, in denen es um unglücklich verliebte Jugendliche geht oder auch um bizarre Flüche. Nicht selten vernimmt man die Geschichte, dass der Geist eines Mädchens durch das Klassenzimmerfenster blickt, während ihr Lieblingslehrer gerade Unterricht hält. Stirbt jemand in der Schule, so wird sogleich spekuliert, ob der Geist einer Schülerin die unglückliche Person heimgesucht hat. Diese Legenden oder Spukgeschichten griff Whispering Corridors auf. Der eigentliche Titel Yeogo Geodam bedeutet übrigens Geistergeschichten aus der Schule. Der Titel macht noch einmal deutlich, dass sich der Film (und auch die nachfolgenden Filme) auf eben diese Legenden und Gerüchte beziehen, welche sich bei den Schülerinnen und Schülern großer Beliebtheit erfreuen.

„Whishing Stairs“ (2003)

Memento Mori setzte diese Form des Horrorfilms fort. Doch nun waren es nicht mehr die bösen Lehrer, sondern die Schülerinnen untereinander, die sich schikanierten, um dadurch den Druck abzubauen, der aufgrund des Schulsystems auf ihnen lastet. Geschickt webt der Film die Spuklegenden gleich am Anfang in die Erzählung ein, um kurz darauf mit der unglücklichen Beziehung zwischen Hyo-Shin und Min-Ah fortzufahren, welche letztendlich in tatsächlichen Spukphänomenen mündet. Äußerst komplex verbinden Kim und Min die eigentliche Handlung mit Rückblenden, sodass man nach dem ersten Anschauen zunächst einmal unter einer gewissen Ratlosigkeit leidet.

Erst nach mehrmaligem Ansehen ist es möglich, die unterschiedlichen Erzählebenen voneinander zu trennen und damit die ganze Story aufzulösen. Die Komplexität verbindet sich mit einer ungeheuren Ästhetik, welche den Film radikal aus der Yeogo Geodam-Reihe hervorhebt. Ebenso ist die Tragik der Handlung in keiner der anderen vier Filme derart ausgeprägt wie hier. Hyo-Shins verzweifelter Ausruf „Ich würde für dich sterben!“ löst auch nach mehrmaligem Ansehen eine regelrechte Gänsehaut aus.

„Voice“ (2005)

Diese Intensität ist vor allem den beiden hervorragenden Hauptdarstellerinnen zu verdanken, hierbei allen voran Park Yae-Jin, welche für ihre Rolle der sinnlich-düsteren Hyo-Shin gleich bei zwei Filmfestivals als beste Newcomerin ausgezeichnet wurde. Ihre darauf folgende Karriere ist nicht weniger erfolgreich, beschränkt sich allerdings in der Hauptsache auf Rollen in den so genannten Dramas, den berühmtberüchtigten koreanischen Fernsehserien. Wie bei allen Yeogo Geodam-Filmen wurden die Darstellerinnen aus speziellen Castings ausgewählt, an denen tausende von Bewerberinnen, in der Regel unerfahrene Schauspielerinnen oder junge Frauen, die von einer Filmkarriere träumen, teilnahmen. Dieses Vorgehen sowie die Strategie, unbekannte Regisseure die Arbeit machen zu lassen, dient allein dazu, die Produktionskosten so gering wie möglich zu halten.

„A Blood Pledge“ (2009)

Vier Jahre nach Memento Mori ging der dritte Teil der Schulhorrorreihe an den Start. Mit Yeogo Geodam 3 – Wishing Stairs machte man zwar erneut Kasse, doch ließ die Qualität zu Wünschen übrig. Regisseurin Yoon Jae-Yeon fiel nichts anderes ein, als aus der Handlung einer Mädchenschule, hinter der sich eine geheimnisvolle Wunschtreppe befindet, einen miserablen Argento-Abklatsch zu liefern. Die Qualität steigerte sich zum Glück wieder bei den Teilen vier und fünf. Yeogo Geodam 4 – Voice aus dem Jahr 2005 bringt wiederum das Thema Homosexualität ins Spiel, wenn auch nicht so sinnlich-tragisch wie in Memento Mori. Hier geht es um den Tod einer Schülerin, die besonders gut singen konnte. Ihre Freundin findet heraus, dass sie eine Beziehung zu ihrer Musiklehrerin hatte.

„Ghost“ (2004)

Es geht um Eifersüchteleien und die Aufklärung eines weiteren Todesfalles. Alles in allem ein recht gut in Szene gesetzter Film, der jedoch aufgrund seiner Längen etwas Durchhaltevermögen abverlangt. Mit Yeogo Geodam 5 – A Blood Pledge von 2009 erreichte die Reihe ihr vorläufiges Ende. Das Schulgebäude erinnert stark an dasjenige aus Memento Mori, allerdings befindet sich jetzt darin eine streng katholische Einrichtung. Vier Mädchen beschließen einen Selbstmordpakt. Nur eines der Mädchen setzt das Vorhaben auch tatsächlich um. Kurz darauf werden die anderen drei Schülerinnen von ihrem Geist ermordet. Der fünfte Teil ist eindeutig der blutigste von allen. Zugleich ist er auch der schnellste und kurzweiligste. Trotz der Konzentration auf Blut und Action ist A Blood Pledge hervorragend gefilmt, zitiert gelegentlich Memento Mori und weist auch wie dieser ein Durcheinander aus eigentlicher Handlung und Rückblenden auf. Es kommt einem fast so vor, als wollte man mit einem gehörigen Paukenschlag die Reihe zu einem Ende führen. Da die Besucherzahlen gegenüber Voice aber fast um das Doppelte gestiegen waren, dürften die Produzenten gerade am Überlegen sein, ob man nicht doch noch ein kleines Filmchen hinzufügen könnte.

Parallel zur Yeogo Geodam-Reihe entstanden und entstehen weitere Schulhorrorfilme, die allerdings nicht die Eigentümlichkeiten dieser Serie aufweisen. Es handelt sich dabei um so unterschiedliche Filme wie Ghost, der mit einem freudianischen Konzept aufwartet, oder um Slasher-Movies wie Death Bell, die sich ansatzweise an den Produktionen von Eli Roth orientieren. Die Herstellung dieser Filme zeigt, wie stark das Thema Schule auf negative Weise in das Bewusstsein der koreanischen Gesellschaft eingewebt ist. Die Angst vor den Geistern, die in den Schulgebäuden lauern, entpuppt sich aus dieser Perspektive als eine Angst vor der Schule selbst.

Ghoul in the School oder ein Werwolf im Mädcheninternat

werewolf1961 sangen die Fortunes den Hit „There is a ghoul in the school“. Der Song war zugleich das Titellied zu dem Horrorfilm „A Werewolf in a Woman’s Dormitory“, der im selben Jahr in die Kinos kam. Der Film handelt von ominösen Todesfällen in unmitelbarer Nähe eines Mädcheninternats. Die Opfer? Natürlich die Schülerinnen.

Der Lehrer Julian Olcott tritt dort seine neue Stelle an. Kurz zuvor hatte es einen dieser rätselhaften Morde gegeben. Olcott, der an seiner früheren Schule mysteriöse Experimente durchgeführt hat und deswegen entlassen wurde, versucht, hinter das Geheimnis der Morde zu kommen.

„A Werewolf in a Woman’s Dormitory“ ist eine fast vergessene Perle des US-Horrorfilms, trotzdem er Anfang der 60er Jahre mit recht großem Erfolg in den Kinos lief. Der Film verbindet den Charme des klassischen Horrors mit der sozialen Realität des Schulalltags und den Aspekten des „Who’s done it“-Plots. Die Schule hat sich auf schwer erziehbare Mädchen spezialisiert. Einer der Lehrer hat ein geheimes Verhältnis mit einer der Schülerinnen und wird von ihr erpresst. Interessanterweise wird nicht wie in einer typischen Dr. Jekyll und Mr. Hyde-Variante der Unhold präsentiert. Ganz im Gegenteil, denn ein Reiz des Films besteht darin, dass er den Zuschauer miträtseln lässt, wer denn nun der Werwolf ist.

Mehrere Kandidaten kommen dafür in Frage, unter anderem auch Julian Olcott selbst, da dieser bereits mit Fällen von Lykanthropie zu tun gehabt hat. Oder ist es vielleicht eher der zwielichtige Hausmeister? Oder etwa eine der Schülerinnen?

werewolfNicht nur das Miträtseln macht den Film zu einer wunderbaren Mischung aus Spaß und Spannung. Denn die Werwolf-Variation überzeugt zusätzlich durch ihre Gruselästhetik. Gleich die Anfangssequenz, in der eine der Schülerinnen durch den Wald flieht, um ihrem unheimlichen Verfolger zu entkommen, ist geradezu perfekt in Szene gesetzt. Besonders die Flucht über eine einsame, alte Steinbrücke ist ein echter cineastischer Genuß. Die Szene, in der die Schülerinnen und der Lehrerstab einer Beerdigung beiwohnen, orientiert sich an Mario Bavas Sinn für die Bildkomposition. Stellenweise sind die Szenen auf eine Art geschnitten, dass sie eine ungeheure Dichte vermitteln. Die Anspannung greift über, da man glaubt, der Werwolf könne jeden Moment um die Ecke springen.

Kurz, „A Werewolf in a Woman’s Dormitory“ ist gelungene Horrorunterhaltung, die bis heute nichts von ihrem Reiz verloren hat.