The Silenced – Erst Hoffnung, dann Enttäuschung

thesilencedSommer. Für Südkoreas Filmindustrie bedeutet dies, dass nun wieder die Horrorfilmsaison beginnt. Den Anfang machte im Juni die Produktion „The Silenced“. Der Film spielt im Jahr 1938, während der japanischen Besetzung Koreas. Die Schülerin Joo-Ran kommt in ein abgelegenes Internat, in dem gebrechliche und kranke Mädchen gesund gepflegt werden, um sie später nach Tokyo zu bringen. Aus unerklärlichen Gründen verschwinden immer wieder Mädchen spurlos. Joo-Ran versucht zusammen mit ihrer Freundin, das Geheimnis des Internats zu lösen.

Der Titel der Rezension verrät es bereits. Am Anfang des Films hofft man, dass K-Horror endlich zu seinen alten Stärken zurückgekehrt ist. Doch ab der zweiten Hälfte des Films wird diese Hoffnung langsam, aber kontinuierlich wieder abgebaut.

Der Film beginnt hervorragend. Die Kamera nähert sich dem mitten im Wald liegenden Internat, parallel dazu fährt ein Auto eine gewundene Straße entlang. Überragend sind hierbei die satten Farben und die unheimliche Atmosphäre im klassischen Stil. Tatsächlich wirkt „The Silenced“ über weite Strecken ungewöhnlich europäisch. Die sorgfältige, teils elegante Kameraführung lässt auf einen angenehmen Grusel schließen. Die Szenen werden von einer Musik untermalt, die ansatzweise an Philip Glass erinnert. Kurz, es könnte sich um einen Topfilm handeln.

Als Zuschauer wird man in den kommenden Minuten auch nicht enttäuscht. Die ungewöhnliche und rätselhafte Atmosphäre, die in dem Internat herrscht, wird durch ein gelungenes Spiel aus Licht und Schatten sowie düsteren Farben unterstrichen. Regisseur Lee Hae-Young, der zuvor nur durch Durchschnittskomödien aufgefallen ist, lässt es sich nicht nehmen, sein Werk mit Zitaten aus der Hochzeit des K-Horror zu schmücken. All dies macht den Film durchweg interessant und unterhaltsam. Die Ästhetik, die sich teils an „A Tale of two Sisters“ orientiert, scheint deutlich zu machen, dass Koreas Filmemacher wissen, was sie in den vergangenen Jahren falsch gemacht haben. Sprich, Lee Hae-Young möchte dort neu beginnen, wo die Blüte des K-Horror verwelkt ist. Und es gelingt ihm.

thesilenced1Doch als Zuschauer hat man mal wieder die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Es wäre zu schön gewesen, wenn es sich tatsächlich um einen erstklassigen Horrorstreifen gehandelt hätte. Denn ab der Hälfte wechselt Lee abrupt das Fach. Die geniale Horrorästhetik dient nur noch als Rahmen für eine völlig andere Geschichte. Man findet sich auf einmal in einer Art Superheldenfilm a la „Unbreakable“ wieder. Die Kunst, die Lee Hae-Young hierbei vollführt, hängt damit zusammen, dass er tatsächlich die durchweg elegante Optik am Leben erhält. Die Geschichte selbst aber offenbart dadurch mehrere Logikfehler oder besser, Lee hatte anscheinend keine Lust, die unheimlichen Zwischenfälle im Finale zu erklären. Dann hätte es durchaus eine gewisse Abrundung gegeben. So aber hat man in der einen Hälfte einen gut gemachten Gruselfilm, in der zweiten ein SF-Comic-Drama, das Horrorfans enttäuscht. Die Reaktionen der Zuschauer in Korea (der Film schaffte es auf Anhieb auf Platz drei der Kinocharts) zeigt, dass der Handlungswechsel durchaus überrascht hat. Das hat er, aber leider nicht im positiven Sinne.

Mourning Grave – Neuer Schoolhorror aus Korea

Mourning Grave Plakat
Mourning Grave (2014). Kinoplakat.

Eigentlich dachte man, die Schoolhorrorfilme aus Südkorea wären längst in Vergessenheit geraten. Die Überraschung war daher groß, als Anfang Juli der Film „Mourning Grave“ in die koreanischen Kinos kam. Die internationale Erstvorführung gab es bereits bei den Filmfestspielen in Cannes. Erzählt wird darin die Geschichte des Schülers In-Su, der die Fähigkeit, Geister zu sehen, besitzt. Diese Fähigkeit liegt quasi in der Familie, denn auch sein Onkel kann mit Geistern kommunizieren. Um diesem Fluch zu entkommen, zieht In-Su von Seoul zu seinem Onkel aufs Land. Doch bereits bei seiner Ankunft in dem kleinen Ort geschehen seltsame Dinge. Auf der neuen Schule, die er besucht, setzt zudem eine berüchtigte Schlägergruppe diverse Mitschüler unter Druck. Nach und nach werden die Mitglieder dieser Clique brutal ermordet…

Die Mischung aus Mystery und Horror scheint dieses Jahr Programm zu sein. Bereits die Low Budget-Produktion „A Touch of Unseen“, welche die Horrorsaison 2014 in Südkorea eröffnete, war ein Mix aus beiden Genres. „Mourning Grave“ setzte diese Linie fort. Um es kurz zu machen: Der Film gefällt. Die Handlung geht zügig voran. Die Farbgebung orientiert sich interessanterweise wie auch schon „A Touch of Unseen“ an den skandinavischen Thrillern. Ein kühles Weißblau schimmert überall hindurch und verschafft dem Film dadurch eine tolle Atmosphäre aus Melancholie und Verlorensein.

mourning grave
Eine Szene aus „Mourning Grave“.

Schön gelingt es Regisseur Oh In-Cheon seinen Film immer wieder durch einzelne Gags aufzulockern. Auch die Deathscenes sind bespickt mit einem Hauch schwarzen Humors. Allerdings besitzt „Mourning Grave“ gegen Ende hin einen Durchhänger, der die Handlung leicht in den Kitsch überführt. Die Schlusssequenz aber macht dies wieder durch ihren ironischen Gruselfaktor wett.

Wie auch alle anderen Schoolhorrorfilme, so handelt es sich auch hier um einen Film, der vor allem für ein weibliches Publikum gedreht wurde. Dies ergibt sich nicht nur aus der Handlung, sondern nichtzuletzt aus der genauen Übersetzung des Titels. Dieser lautet nämlich „Sonyeogeodam“, was soviel wie „Geistermädchengeschichte“ bedeutet. Man ist leicht dazu geneigt, zu behaupten, dies sei ein Teil der „Yeogeodam“-Reihe, deren letzter Teil „A Blood Pledge“ 2005 in die Kinos gekommen war. Doch ganz in diese Reihe lässt sich der Film nicht einordnen. Dafür ist er zu eigenwillig umgesetzt. Insgesamt aber ist „Mourning Grave“ solider Schoolhorror, der durchaus seine gruseligen Momente besitzt. Ob der Film seinen Weg nach Deutschland finden wird, muss sich erst noch zeigen. Da die letzten beiden „Yeogodam“-Filme ebenfalls keinen deutschen Verleih gefunde haben, stehen die Chancen eher schlecht.