Das Haus der sieben Giebel – Eine überzeugende Hörspielversion

hausdersiebengiebelDer 150. Todestag des amerikanischen Autors Nathaniel Hawthorne ging auch bei den Machern der Hörspielreihe Gruselkabinett nicht spurlos vorbei. So nahm sich Marc Gruppe des berühmten Romans „Das Haus der sieben Giebel an“. Die düstere Geschichte um einen unheimlichen Familienfluch ist mit Sicherheit eines der intensivsten Werke des berühmten Romanciers. Die Mischung aus Drama, Schauergeschichte und Kriminalroman hat es auch noch heute in sich.

Es geht um den Fotographen Holgrave, der in dem Haus der sieben Giebel ein Zimmer mietet. Von der einzigen Bewohnerin, einer alten Frau namens Hepzibah Pyncheon, erfährt er, dass es in dem alten Haus spuken soll. Aber nicht nur das, auf der Familie der Pyncheons lastet ein sonderbarer Fluch. Während Holgrave in dem Haus wohnt, wird er mehr und mehr in das Geheimnis der Familie hineingezogen.

Marc Gruppe und Stephan Bosenius gelang einmal mehr ein wunderbares Hörspiel. Die akustische Umsetzung der dichten und zugleich düsteren Atmosphäre des Romans gelang ihnen einwandfrei. Jeder, der Hawthornes Roman gelesen hat, weiß, dass man die Geschichte nicht so schnell wieder vergisst. Umso schöner ist es daher, dass das Hörspiel die einzelnen Szenen des Romans noch einmal aufleben läßt. Eine düster-tragische Musik untermalt dabei das ablaufende Drama und sorgt für zusätzliche Intensität. Man merkt, dass die Geschichte auch den Sprechern Spaß machte. Sie steigern sich in ihre Figuren geradezu hinein und sorgen dadurch für eine überaus lebendige und spannende Unterhaltung. Allerdings wirken hierbei der schwarze Diener Scipio und der Pfefferkuchen liebende Schüler weniger überzeugend. Scipios Stimme hat eher etwas Asiatisches an sich und der Schüler klingt mehr wie ein verstörter junger Mann. Ansonsten aber passt das Ensemble hervorragend zusammen. Das Hörspiel als Ganzes ist nicht nur für Hawthorne-Fans ein Gewinn. Jeder, der schön-schaurige Geschichten mag, kommt hier voll und ganz auf seine Kosten.

Das Haus der sieben Giebel
Buch: Marc Gruppe (nach Nathaniel Hawthorne), Produktion und Regie: Stephan Bosenius, Marc Gruppe, Sprecher: Dagmar von Kurmin, Horst Naumann, Helmut Winkelmann, Louis Friedemann Thiele, Janina Sachau u. a.
Titania Medien 2014
Laufzeit: 79 Min.

Alraune – Zwischen klassischem Schauer und modernem Erotikthrill

AlrauneHanns Heinz Ewers (1871-1943) war das, was man als Skandalautor bezeichnen könnte. Nicht selten wurden seine Werke für pornographisch gehalten, gingen sie doch ziemlich direkt auf erotische Sachverhalte ein (denselben Vorwurf musste sich bekanntlich Emile Zola gefallen lassen). 1911 veröffentlichte Ewers mit Alraune seinen bekanntesten Roman. Es geht darin um eine künstlich gezeugte Frau, die eine unwiderstehliche sinnliche Ausstrahlung sowohl auf Männer als auch auf Frauen ausübt und jeden, der mit ihr schlafen möchte, ins Verderben zieht.

Ewers‘ Roman wurde bereits mehrmals verfilmt. Marc Gruppe und Stephan Bosenius haben sich nun an eine Hörspieladaption gewagt, die versucht, der Mischung aus Drama, Schauerroman und Erotikthriller gerecht zu werden. Die Geschichte spielt im Jahr 1905. Eine Gruppe recht verdorbener Menschen, darunter auch Mediziner, kommen auf die bizarre Idee, eine Prostituierte mit dem Samen eines kürzlich gehängten Lustmörders zu befruchten. Das Experiment gelingt. Das auf diese Weise geborene Kind erhält den Namen Alraune ten Brinken. Bereits im Kindesalter stiftet sie ihre Spielkameradinnen zu bösartigen Streichen an. Als sie schließlich 20 ist, verfallen ihr sowohl Männer als auch Frauen. So auch Frank Braun, der als Vormund Alraunes im Testament seines Onkels bestimmt wurde.

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Hanns Heinz Ewers

Wer die Reihe „Gruselkabinett“ bereits kennt, wird bei Alraune sicherlich sehr überrascht sein. Die beiden Produzenten Marc Gruppe und Stephan Bosenius wagen sich diesmal über die bisherigen Darstellungen sinnlicher Anspielungen weit hinaus. Das Ergebnis, um dies vorweg zu nehmen, ist absolut grandios. Wir erleben hier ein dichtes, geradezu rasantes Hörspiel, das den Hörer keine Sekunde lang zur Ruhe kommen lässt. Wahnsinn, Begierde und Sadomasochismus treiben in dem Stück die Dramatik im wahrsten Sinne des Wortes auf den Höhepunkt. Der pädophile Geheimrat Jakob ten Brinken beginnt sich, vor Alraune zu erniedrigen, nur um in ihrer Nähe sein zu können. Die beiden lesbischen Freundinnen Frieda und Olga buhlen um Alraunes Aufmerksamkeit und Frank Braun gibt sich mit Alraune diversen SM-Spielchen hin. Hinzu kommt ein akustisch in Szene gesetzter „Handjob“, der wohl bisher einzigartig in der Geschichte des Labels Titania Medien sein dürfte.

Alraune ist dennoch alles andere als triviale oder rein auf Erotik fokussierte Unterhaltung. Der Hörer darf sich auf ein anspruchsvolles und niveauvolles Hörspiel freuen. Die Dialoge sind wundervoll und wie immer von erstklassigen Schauspielern vorgetragen. Die Musik unterstreicht hervorragend die zunehmende Dramatik des Geschehens. Marc Gruppe und Stephan Bosenius gelingt mit dem Stück Alraune, das man ohne Weiteres als Meisterstück bezeichnen kann, eine perfekte Mischung aus klassischer Schauergeschichte und modernem Erotikthriller. Kurz: ein Garant für einen weiteren Hörspielpreis.

Alraune. Buch: Marc Gruppe (nach Hanns Heinz Ewers), Produktion: Marc Gruppe und Stephan Bosenius, Sprecher: Johannes Raspe, Hans Bayer, Sabine Bohlmann, Liane Rudolph, Gabrielle Pietermann, Wolfgang Welter, Bene Gutjan, Jaqueline Belle u. a., Titania Medien 2014, Laufzeit: 89 Minuten.