Korean Lovestory – Die Videoclips des Rappers San E

Koreanische Rapmusik ist, was Anspruch und Ästhetik anbelangt, in den obersten Rängen zu finden. Sie stellt eine besondere Form des Geschichtenerzählens dar, in der sich Herzschmerz, Sozialkritik, Ironie und Selbstironie zu einem besonderen Ganzen vermengen. Innerhalb dieser Konstellation ragt zurzeit vor allem der Musiker San E heraus, der seine Songs sowohl selbst komponiert als auch die Texte dazu schreibt.

Bereits vor seiner Karriere im Musikgeschäft machte er auf diversen Wettbewerben auf sich aufmerksam, was ihm schließlich einen Vertrag bei JYP, einer der drei einflussreichsten koreanischen Musikkonzerne, einbrachte. Mitte 2013 wechselte er zu Brand New Music, einer Tochterfirma der LEON-Gesellschaft. Erst hier schien sich seine Kreativität frei zu entfalten. Seine selbstironischen Texte aus der JYP-Zeit wandelten sich in interessante, leicht melancholische Liebesgeschichten, die ganz ohne Kitsch auskommen.

Der Erfolg seiner Songs ist sicherlich auch viel den dazu gehörenden Videoclips zu verdanken. Die Videos aus der JYP-Zeit sind recht einfach und strikt. Ab 2013, also nach seinem Wechsel zu Brand New Music, werden die Clips komplex. Sie besitzen mehrere Erzählebenen, weisen einen vorbildlichen Spannungsbogen auf und ziehen dadurch den Zuschauer in ihren Bann.

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Szene aus dem Clip „Where did you sleep last Night“.

In dem Clip „Where did you sleep last Night?“ geht es um einen Mann, der versucht, aus seiner Freundin herauszubekommen, wo sie die vergangene Nacht zugebracht hat. Diese Befragung verläuft im Clip auf drei Ebenen. Zum einen ist es San E selbst, der in Form einer Fantasiefigur eine Frau in seiner Wohnung ausfragt, während er ihre Antworten auf eine Schreibmaschine tippt. In der zweiten Ebene untersucht ein Kommissar San Es Wohnung, um Hinweise darüber aufzuspüren, was in der vergangenen Nacht geschehen ist. Dabei kommt es zu einem Verhör von San Es Freundin in der Polizeistation. Schließlich, auf der dritten Ebene, erscheint eine Gruppe Gangster in San Es Wohnung, welche die Befragung auf ihre Weise weiterführen. Die Befragung der Freundin findet dementsprechend in einer leeren Lagerhalle statt. Alle drei Erzählebenen zeigen die unterschiedlichen Vorstellungen, die der Erzähler von seiner Freundin hat. Zum einen ist da seine Erinnerung an sie, welche sie als liebevoll charaktersieren. In der zweiten Ebene wird sie zur Verbrecherin und in der dritten zum Luder. Alle drei vermengen sich, um zum Schluss zu zeigen, dass gar nichts geschehen ist.

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Das Split-Screen-Verfahren in „Midsummernight Sweetness“ zeigt zwei parallel zueinander verlaufende Lebensweisen.

„A Midsummernight Sweetness“ arbeitet wie auch „Where did you sleep last Night“ und „Brake up Dinner“ mit Split Screen-Verfahren. Dies scheint schon fast ein Markenzeichen der Videos von San E zu sein. In dem erst genannten Clip wird eine sehr zarte Liebesgeschichte erzählt, in der es um einen Mann geht, der eine Frau bei einem Vorstellungesgespräch kennenlernt und sich später mit ihr trifft. Die Geschichte ist einfach, aber visuell aufgrund der Anwendung des Verfahrens komplex umgesetzt. Das Leben zweier Menschen wird praktisch parallel zueinender erzählt. Die Parallelität löst sich auf, um zum Schluss erneut diese Form anzunehmen. Das Ende bleibt dadurch offen. Der Clip weist zugleich auf den Alltag von jungen Uni-Abgängern hin, der zwischen „Zuviel Arbeit“ und der Schwierigkeit, Arbeit zu finden, pendelt. Man könnte in dem Clip fast schon einen Hang zum Neorealismus sehen.

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Split-Screen als „Markenzeichen“ der Clips von San E.

In dem Clip zu „Brake up Dinner“ wird eine Geschichte a la „Ghost“ erzählt. Ein Mann möchte sich mit seiner Freundin zum Dinner verabreden. Doch auf dem Weg dorthin verunglückt der Mann tödlich. Das Dinner findet dennoch statt. Man muss sich den Clip mehrmals ansehen, um hinter die unterschiedlichen Erzählebenen zu kommen. Zum einen ist da die „Geistergeschichte“. Zum anderen das tatsächlich stattfindende Abendessen. Spätestens beim zweiten Mal wird klar, dass die Frau sich mit einem ganz anderen Mann trifft. Dies wird gegen Ende des Videos offensichtlich, doch bereits während des Clips angedeutet, da die Ärmel des Mannes, die links in den Bildrand hineinragen, nicht zu San Es Kleidung gehören. Diese Szenen sind sehr kurz und gleichen fast nur Andeutungen. In Sachen Optik ist dies sicherlich das bisher beste Video des Rappers.

Es muss also nicht immer gleich kitschig sein, wenn es um Liebesgeschichten geht. San Es Erzählweise und die Narrationen der Clips weisen hierbei eine sehr hohe Kunstfertigkeit auf.