Lady Chatterley – Der Skandalroman von D. H. Lawrence

Deutsche Ausgabe im Rowohlt Verlag

1928, zwei Jahre vor seinem Tod, veröffentlichte D. H. Lawrence einen Roman, der auch noch 1960 in England für Furore sorgte. Denn dort versuchte man, 32 Jahre nach der Veröffentlichung, das Buch per Gerichtsverordnung verbieten zu lassen. Der Grund war, dass man „Lady Chatterley“ als Pornographie betrachtete.

Eigentlich hatte Lawrence den Roman zunächst gar nicht als einen erotischen Roman geplant. Viel eher sollte es sich um eine Geschichte handeln, in der es um die soziale Ungleichheit ging. Erst die sog. dritte Fassung, für die Lawrence in England keinen Verleger fand und die er dann in Italien als Privatdruck veröffentlichen ließ, beinhaltet diverse Sexszenen, die bei vielen damaligen Lesern und vor allem bei den Behörden als obszön betrachtet wurden, bei Intellektuellen und Autoren (in Deutschland u. a. von Erich Kästner) aber gefeiert wurde.

Nachdem sich ein französischer Verlag für das Werk interessierte und veröffentlichte, wurden die Exemplare, die nach England versandt wurden, vom Zoll beschlagnahmt. Erst Mitte der 30er Jahre erfolgte dann eine Veröffentlichung in Lawrence‘ Heimat. In vielen anderen Ländern blieb das Buch verboten.

D. H. Lawrence (Quelle: Wikipedia)

Lawrence geht es eigentlich nicht nur um Sex, obwohl dies natürlich auch Thema ist, sondern um die bereits oben genannte soziale Ungerechtigkeit und die Lebensumstände der Arbeiter, die durch die Oberschicht absichtlich auf niedrigem Niveau gehalten werden. Wahrscheinlich ärgerten sich die damaligen englischen Politiker und Richter mehr darüber, dass Lawrence ausgerechnet Clifford Chatterley, der letzte Spross einer Adelsfamilie, als impotent darstellt, als über den Roman als solchen.

Die Handlung von „Lady Chatterley“ ist im Grunde genommen schnell erzählt: Es geht um Constance Chatterley, deren Mann Clifford im Ersten Weltkrieg so stark verwundet wurde, dass er teilweise gelähmt ist und daher mit seiner Frau nicht schlafen kann. Doch Constance leidet immer mehr unter ihrer unbefriedigten Lust. Als sie Cliffords Waldhüter Mellors begegnet, entflammt zwischen beiden eine tiefe Leidenschaft. Ihre Beziehung muss jedoch unter allen Umständen geheim bleiben, da beide sonst gesellschaftlich geächtet werden könnten.

Englische Ausgabe in der Bantam Press

Erregten die Sexszenen damals für Anstoß, so muss man aus heutiger Sicht sagen, dass gerade diese Szenen am wenigsten interessant sind. Viel spannender ist das Drama, das sich aus dieser Beziehung ergibt. Denn diese ist nicht nur deswegen heikel, da Mellors und Constance verheiratet sind, sondern auch, da beide aus unterschieldichen sozialen Schichten stammen, und damals war es geradezu undenkbar, dass eine Frau der Oberschicht eine Beziehung mit einem Bediensteten eingehen würde.

Auf diese Weise kritisiert D. H. Lawrence dann auch das damalige Gesellschaftssystem. Er entlarvt die Oberschicht als dekadent und abgehoben, während die Arbeiter unter den Bedingungen leiden. Constances Mann ergeht sich gerne im Sozialdarwinismus, was sie mehr und mehr verabscheut. Ihr Blick richtet sich durch die Beziehung mit Mellors immer stärker auf die düstere Realität, die bestimmt ist von der Armut und Trostlosigkeit, die das Leben der Arbeiter bestimmen. Die Kritik von damals lässt sich dabei ohne weiteres auch auf die heutige Situation übertragen. Man denke nur an Hartz 4 und die mit Absicht herbeigeführten Ungerechtigkeiten, die sich daraus ergeben.

Ständig ist natürlich die Angst da, dass die heimliche Beziehung der beiden auffliegen könnte. Während Constance sich immer freier und lebendiger fühlt, agiert Mellors vorsichtiger. Im Gegensatz zu ihr hat er bereits schlechte Erfahrungen im Leben gesammelt. Überhaupt hat er um sich herum einen dicken Schutzpanzer gezogen, um nicht erneut verletzt zu werden. Obwohl er Connstance liebt, fällt es ihm schwer, diesen Panzer fallen zu lassen. In dieser Hinsicht ist „Lady Chatterley“ ein großartiges Liebesdrama, dessen Erfolg Lawrence jedoch nicht mehr erlebte. Er starb 1930 an Tuberkulose.

Tag der Heuschrecke – Nathanael Wests Abrechnung mit Hollywood

Cover der deutschen Neuübersetzung

Nathanael Wests Roman „Tag der Heuschrecke“ („The Day of the Locust“) aus dem Jahr 1939 gilt bis heute als einer der besten Romane über Hollywood. West hatte selbst erfolglos als Drehbuchautor gearbeitet und daher das Leben hinter den Kulissen aus erster Hand miterlebt.

In seinem Roman geht es nicht um cholerische Produzenten oder notgeile Regisseure, sondern um die Menschen, deren Träume schlicht und ergreifend zerplatzt sind. Um diejeningen also, die vergeblich versuchen, Erfolg zu haben.

Im Zentrum des Romans steht der Künstler Tod Hackett, der Kostüme und Hintergrundbilder für Filme entwickelt. Gleich zu Anfang musste er einsehen, dass Kunst in Hollywood nichts zählt. Daher arbeitet er in seiner Freizeit an einem riesigen Gemälde mit dem Titel „Der Brand von Los Angeles“. Im selben Wohnhaus lebt auch Fay Greener zusammen mit ihrem Vater Harry, einem völlig heruntergekommenen Variete-Künstler. Um Fay, die nichts anderes als Schauspielerin werden möchte, bemühen sich die skurrilsten Kerle. Natürlich auch Tod. Doch als der überaus schüchterne Homer Simpson auftaucht, nutzt sie diesen gnadenlos aus …

Cover der Originalausgabe von 1939

Ja, richtig, Homer Simpson. In der Tat entlehnte „Simpsons“-Erfinder Matt Groening den Namen seiner berühmten Figur aus Nathanael Wests Roman. Doch Wests letzte Veröffentlichung war alles andere als erfolgreich. Erst Mitte der 50er Jahre wurde die Bedeutung seiner Werke erkannt. Heutzutage zählt Nathanael West (1903 – 1940) zu den wichtigsten Autoren der US-amerikanischen Literatur.

„Der Tag der Heuschrecke“ ist ein überaus düsteres Buch. Es geht um Menschen, die auf ganzer Linie gescheitert sind, die sich auch keine Hoffnung mehr auf bessere Zeiten machen, sondern sich mit ihren geplatzten Träumen irgendwie abfinden. Da ist der Cowboy-Darsteller Earl, der nichts auf die Reihe bekommt und mit seinem mexikanischen Freund Hahnenkämpfe veranstaltet, um über die Runden zu kommen. Fay, die es nicht einmal bis zur Komparsin schafft, ihren Tagträumen nachhängt, sich dennoch aufführt wie eine Diva, in Wirklichkeit aber auf den Strich geht. Dann ist da noch der „Zwerg“ Abe Kunich, ein kleinwüchsiger Halbkrimineller, der sich allen aufdrängt. Oder der bereits erwähnte Vater Fays, der als drittklassiger Variete-Künstler auftrat und nun Putzmittel verkauft. Nur Homer Simpson hat eigentlich mit Hollywood nichts zu tun. Er kommt nach Los Angeles, um sich von einer Krankheit zu erholen. Unglücklicherweise begegnet er der hübschen Fay, die zu seinem düsteren Schicksal wird.

Nathanael West (1903 – 1940)

Nathanael Wests letzter Roman geht einem so leicht nicht mehr aus dem Kopf. Mit bitterem Spott macht er sich über seine Mitmenschen lustig und wirkt dabei erschreckend aktuell. Besonders, als er die dumpfe Masse schreiender Fans beschreibt, die auf einen großen Hollywood-Star warten, möchte man nicht meinen, dass der Roman vor fast 80 Jahren erschienen ist. Hier liefert West das Bild einer Gesellschaft ab, deren Mitglieder in eine Mediensucht fliehen, um ihren stupiden Alltag zu ertragen.

Nathanael West starb ein Jahr nach Veröffentlichung des Romans zusammen mit seiner Frau bei einem schweren Autounfall. 1975 wurde das Buch von John Schlesinger verfilmt, und David Bowie zählte den Roman zu seinen Lieblingsbüchern. Ein großartiger Roman, ein Klassiker eben.

Pierre Boulles „Die Brücke am Kwai“ – Ein Abenteuer- oder ein Kriegsroman?

Erste deutsche Ausgabe im Rowohlt Verlag aus dem Jahr 1956

Der französische Schriftsteller Pierre Boulle (1912 – 1994) ist auch den Leuten bekannt, die noch nie eines seiner Bücher gelesen haben. Denn sein Roman „Planet der Affen“ (1963) wird immer wieder gerne für die Leinwand adaptiert. Sein erster großer Roman aber war „Die Brücke am Kwai“ (1952), den 1957 David Lean verfilmte.

In dem Roman geht es um eine Einheit britischer Soldaten, die von den Japanern gefangen wurden und nun in den thailändischen Dschungel gebracht werden, um dort eine Brücke über den Fluss Kwai zu bauen, die Thailand mit Burma verbinden soll. Angeführt werden die britischen Soldaten von Oberst Nicholson, einem Mann, der voll und ganz auf die englischen Tugenden setzt. Auf diese Weise bringt er den japanischen Oberst Saito, einem jähzornigen Alkoholiker, mehr und mehr in Rage. Doch mit der Zeit macht Nicholson sich das Bauvorhaben der Japaner zu seinem eigenen, persönlichen Projekt. Was er nicht weiß, ist, dass britische Agenten, die zuvor in Indien stationiert waren, die Brücke sprengen sollen …

„Die Brücke am Kwai“ ist ein durch und durch spannender Roman. Boulle erlebte die japanische Kriegsgefangenschaft ab 1942 am eigenen Leib, konnte aber 1944 fliehen. Anfang der 50er Jahre schließlich begann er, diese Erfahrungen in Form eines Romans umzusetzen, wobei er sich im Hinblick auf den Bau der Brücke auf eine reale Begebenheit bezog.

Und dennoch, obwohl Boulle diese schlimme Zeit selbst erfahren hat, bleibt sein Roman überraschend oberflächlich. Hätte ich über Pierre Boulles Biografie vorab nichts gewusst, so hätte ich nicht vermutet, dass der Autor das Leben in einem solchen Gefangenenlager selbst durchgemacht hat. Alles wirkt doch recht skizziert. Bis auf Oberst Nicholson und seinen Gegenspieler Saito wirken die übrigen Figuren relativ grob gezeichnet. So auch die drei Agenten Joyce, Shears und Warden, obwohl Boulle zu allen dreien – vor allem zu Joyce – eine Hintergrundgeschichte liefert.

Während des Lesens habe ich mich ständig gefragt, über was Boulle eigentlich schreibt. Ich meine damit nicht die Handlung, sondern das zugrunde liegende Thema. Dabei kam mir der Roman in dieser Hinsicht überraschend leer vor. Wie bereits bemerkt, wirkt alles doch recht oberflächlich und diese Oberflächlichkeit setzte sich auch im Thema fort, da – meiner Meinung nach – der Roman kein wirkliches Thema liefert. Es geht weder um den Alltag in einem japanischen Gefangenenlager, da der Roman in dieser Hinsicht kaum historische bzw. (aus Boulles Sicht) autobiographische Informationen liefert, und es geht nicht um den soziokulturellen Gegensatz zwischen Japanern und Briten, da dieser ebenfalls nur knapp skizziert wird.

Erste englische Ausgabe aus dem Jahr 1954

Dies hat mich dann doch gewundert, da ich mir in dieser Hinsicht etwas ganz anderes vorgestellt habe. Längere Zeit davor habe ich Laurens van der Posts Roman „Das Schwert und die Puppe“ gelesen, in dem van der Post ebenfalls seine Erlebnisse in einem japanischen Gefangenenlager verarbeitet hat. Van der Post verlieh seinem Roman durch die Figur Jacques Celliers einen fast mystischen Touch (in der Verfilmung grandios dargestellt von David Bowie).

Doch Pierre Boulles „Die Brücke am Kwai“ wirkt gegenüber van der Posts Roman eher wie ein typischer Abenteuerroman aus der damaligen Zeit, mit den typischen (aus heutiger Sicht rassistischen) Bemerkungen. Obwohl mir der Roman wirklich gut gefallen hat, wurde ich letztendlich nicht wirklich schlau daraus. Denn im Gegensatz dazu besitzt sein Roman „Planet der Affen“ eine ungeheure Tiefe und steckt so voller verschiedener (philosophischer, soziologischer, politischer usw.) Themen, dass man sich immer wieder gerne damit beschäftigt.

Wiedersehen mit Brideshead – Evelyn Waughs zeitloser Klassiker

Cover der Originalausgabe von 1945

Als Evelyn Waughs Roman „Wiedersehen mit Brideshead“ 1945 erschien, wurde er von den Kritikern eher mittelmäßig bewertet. Eigentlich wusste niemand so recht, was der Roman sollte. Und vor allem das Ende ließ die Leser irgendwie unbefriedigt zurück. Dennoch wurde „Wiedersehen in Brideshead“ ein Bestseller. Dies nicht nur in England, sondern auch in den USA, wo bis dahin Waughs Romane nur wenige Leser gefunden hatten.

„Wiedersehen mit Brideshead“ ist in aller erster Linie ein Familienroman. Allerdings nicht geschildert aus der Perspektive eines der Mitglieder, sondern eines Freundes und Liebhabers namens Charles Ryder. Als dieser während des Zweiten Weltkriegs im Landhaus Brideshead stationiert wird, beginnt er sich an die Zeit zu erinnern, als er selbst immer wieder in den 20er und 30er Jahren hierher gekommen ist.

Evelyn Waugh (1903 – 1966)

Aus dieser Rahmenhandlung ergibt sich eine wunderbare Geschichte, die voller Witz, Tragik und einer sanften Melancholie steckt. Es geht um Liebe, um Verlust, um Veränderung. Und dabei erschafft Evelyn Waugh ein Kaleidoskop einzigartiger tragikomischer Figuren, die dem Leser regelrecht ans Herz wachsen. Angefangen von Sebastian Flyte, der mit seinem Teddybären die Uni in Oxford besucht und mit dem sich Charles anfreundet, ja sich regelrecht in ihn verliebt, bis hin zur sinnlich-melancholischen Julia, Sebastians Schwester, für die Charles später seine Frau verlässt. Und dann gibt es da noch die vielen Nebenfiguren, wie den schrulligen Anthony Blanche, Julias ersten Mann Rex Mottram, der sich durch jeden und alles Vorteile erhofft, oder sogar den sonderbaren, fast schon widerlichen Kurt, der später von Sebastian nicht mehr weichen will.

Waugh haucht all diesen Figuren ein unvergleichliches Leben ein, was den Roman an sich zu etwas überaus Lebendigem macht. Als Leser ist man mitten drin in dem Geschehen. Man fühlt mit den Figuren, man lacht über die gelungenen Gags und ist tief betroffen bei den tragischen Episoden. Und dann ist da noch dieser wundervolle Schreibstil, mit dem man durch Charles Ryders Erlebnisse gleitet: nicht nur flüssig und makellos, sondern in jeder Hinsicht elegant.

Cover der Neuübersetzung im Diogenes Verlag

In absolute Hochform kommt Waugh im ersten Kapitel des dritten Teils, als Charles zusammen mit seiner Frau auf einem Schiff von den USA zurück nach England fährt und dort nach langen Jahren (ich glaube, es sind inzwischen zehn Jahre vergangen), wieder auf Julia trifft. Ich habe das Kapitel gleich mehrmals nacheinander gelesen, da es einfach nur wunderbar, genial, ja schlicht und ergeifend perfekt ist.

Doch dann kommt eben dieser unerwartete Schluss des Romans, der einem nach dem letzten Kapitel ratlos und nach dem Epilog irgendwie erschreckt zurücklässt. Es ist so, als wollte Waugh den Leser am Ende aus seinem Roman wieder vertreiben und die Tür hinter ihm zu schlagen. Nach dem Motto: Tschüss, das war’s dann. Aber böse kann man ihm deswegen nicht sein. Dafür ist die Geschichte von Charles und der Familie Flyte einfach ein zu großes Geschenk.

1981 wurde der Roman als TV-Serie verfilmt und schrieb dadurch Fernsehgeschichte. Der Erfolg der Serie war so enorm, dass in den USA Brideshead-Partys veranstaltet wurden und Geschäfte in ihren Auslagen Kleidung aus der damaligen Zeit (20er und 30er) ausstellten. Nicht zuletzt wurde dadurch der Roman selbst erneut zu einem Bestseller. Die Kinoadaption aus dem Jahr 2008 dagegen ging zu recht unter. Der Film konstruierte die Handlung des Romans auf eine Weise um, sodass diese völlig falsch wiedergegeben wird.

Schau heimwärts, Engel – Ein Klassiker der Klassiker

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Cover der Originalausgabe von 1929

Es gibt nicht viele Romane, von denen gleich eine Vielzahl von bekannten Schriftstellern behaupten, dass dieser sie selbst zum Schreiben gebracht oder ihren Stil beeinflusst habe. Ein solcher Fall ist „Schau heimwärts, Engel“ von Thomas Wolfe (1900 – 1938) aus dem Jahr 1929.

Philip Roth, Ray Bradbury, William Faulkner, sogar Hermann Hesse konnten sich nicht diesem Meisterwerk entziehen. Jack Kerouac und die gesamte Beat Generation betrachtete Thomas Wolfe als ihr Vorbild. Und dies nicht ohne Grund. Das, was Thomas Wolfe dem damals bekannten Lektor Maxwell Perkins anbot, sucht bis heute seinesgleichen. Das Manuskript soll angeblich weit über 1000 Seiten gehabt haben. Um es in einen Band herausbringen zu können, wurde der Text auf knapp 600 Seiten zusammengestrichen.

Wolfe war davon nicht wirklich begeistert, doch lag es ihm vor allem daran, endlich den Roman veröffentlichen zu können, nachdem bereits mehrere Verlage das Buch abgelehnt hatten. „Schau heimwärst, Engel“ ist die Geschichte der Familie Gant, die in dem fiktiven Ort Altamont lebt, wo der Vater als Steinmetz arbeitet. Vor dem Geschäft steht ein steinerner Engel, da Gant sich von einem gemeißelten Engel, den er einmal gesehen hatte, zum Bildhauer berufen sah. Im Mittelpunkt aber steht der Junge Eugene Gant, der als letzter von insgesamt acht Kindern zur Welt kommt.

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Thomas Wolfe (1937)

In der Familie geht es alles andere als harmonisch zu. Der Vater ist ein Trinker und versucht stets, seine Frau zu demütigen, während Eliza von Grundstückspekulationen nicht genug bekommen kann, was dazu führt, dass sie sich nicht richtig um ihre Kinder kümmert. Auf diese Weise bekommt Eugene vor allem tiefe familiäre Konflikte mit. Sein ältester Bruder Steve verkommt zu einem Alkoholiker und Herumtreiber, Eugene selbst wird von der eigenen Familie als Außenseiter betrachtet, da er sich für Literatur interessiert und lieber Bücher liest, als sich einen Job zu suchen.

Wolfe erzählt in „Schau heimwärts, Engel“ keine durchgehende Geschichte. Es handelt sich viel eher um eine Aneinanderreihung verschiedener Episoden. In diesen zeigt der Autor eine fast unbändige Sprachgewalt. Fast wie in einem nicht endenden Rausch schildert er die tragische Geschichte, die zugleich seine eigene ist. Wie kein anderer Autor machte Wolfe aus seinem Leben einen Roman. Seine Familie und die Einwohner von Ahseville waren über die Schilderungen empört. Zwar änderte Wolfe die Namen der Figuren, doch wusste jeder, wer gemeint war.

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Cover der ersten Übersetzung von 1932

Die Folge davon war, dass Thomas Wolfe für mehrere Jahre nicht mehr in seine Heimatstadt zurückkehrte. „Schau heimwärts, Engel“ schlug ein wie eine Bombe. Der Roman wurde zu einem Bestseller. Wolfe, der bis zur Veröffentlichung von seiner 20 Jahre älteren Freundin Aline Bernstein, die eigentlich verheiratet war und zwei Kinder hatte, finanziell unterstützt worden war, konnte von da an selbst für sich aufkommen.

Wer einmal mit „Schau heimwärts, Engel“ begonnen hat, kommt nicht wieder davon los, bis er die letzte Seite des umfangreichen Romans erreicht hat. Wolfe schreibt einerseits sehr poetisch, andererseits aber auch unglaublich packend. Gerne übertreibt er, was die Gestik seiner Figuren anbelangt, sodass manche Szene wie aus einem klassischen Drama erscheint. Es fehlen aber genauso wenig Witz und Ironie, die fein in den Roman eingewebt sind. Zugleich finden sich in dem Roman eine Unmenge an literarischen Anspielungen und Zitaten, die Wolfes Belesenheit offenbart. Kurz: „Schau heimwärts, Engel“ ist ein Roman, den man gelesen haben muss.

 

Die Abtei von Northanger – Jane Austens postum veröffentlichtes Meisterwerk

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Titelblatt der Ausgabe von 1818.

Die meisten Leser kennen Jane Austen (1775 – 1817) als Autorin diverser, teils satirischer Liebesromane. Ihr erster Roman, der allerdings erst nach ihrem Tod veröffentlicht wurde, legt zwar den Fokus ebenfalls auf eine Liebesgeschichte, ist zugleich aber auch eine gelungene Persiflage auf die damaligen Schauerromane.

Die siebzehnjärige Cathrine Morland verbringt den Sommer zusammen mit Mr. und Mrs. Allen, die mit Cathrines Eltern befreundet sind, in Bath. Zunächst verläuft der Aufenthalt alles andere als interessant. Dann aber macht Cathrine die Bekanntschaft mit einem rätselhaften Mann namens Henry Tilney. Tilney, seine Schwester Eleanor und sein Vater General Tilney möchten Cathrine zu sich nach Hause, einer ehemaligen Abtei, einladen. Cathrine, die durch das Lesen von Schauerromanen von alten Gemäuern fasziniert ist, nimmt die Einladung an. Doch kaum ist sie dort angekommen, bemerkt sie merkwürdige Dinge, die in der Abtei vor sich gehen. Und noch etwas gibt ihr Rätsel auf: Hat General Tilney etwa seine Frau ermordet?

Wer den Roman bereits kennt, weiß, dass ich mich bei der Inhaltsangabe auf die Kernhandlung beschränkt habe. Denn Jane Austen würzt ihren Roman mit einer Vielzahl weiterer Figuren, wie etwa Isabella Thorpe, mit der sich Cathrine in Bath anfreundet, die sich jedoch immer sonderbarer verhält, sowie Isabellas Bruder John, einem Angeber und Lügner, der Cathrines Leben schwer macht. Nicht zuletzt auch Cathrines Bruder James, der sich Hals über Kopf in Isabella verliebt.

northanger-abbey1Ich muss zugeben, dass ich zuvor noch nie einen Roman von Jane Austen gelesen habe. Und, um es kurz zu machen, die Lektüre von „Northanger Abbey“ hat mich spätestens ab der dritten Seite regelrecht umgehauen. Wieso? Jane Austens Roman wirkt nicht nur unglaublich modern, sondern besticht durch schwungvolle, gewitzte Dialoge, die einen regelrecht mitreißen. Die Geschichte um Cathrine, deren Fantasie und Weltanschauung vom Lesen der Schauerromane geprägt ist, ist zudem so dicht und spannend erzählt, dass man mit dem Lesen einfach nicht aufhören kann. Stets möchte man wissen, wie es im nächsten Kapitel weitergeht und so legt man das Buch nicht zur Seite, sondern liest den ganzen Roman in einem durch.

Die Figuren wirken überaus lebendig und geradezu echt, die Wendungen und Zwischenfälle sind grandios eingefädelt. Es ist hierbei nicht zu viel verraten und hat auch nichts mit der Pointe zu tun, dass John Thorpe auf seine geradezu ekelhafte Art versucht, die Beziehung zwischen Cathrine und Henry zu zerstören.

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Die grandiose Umsetzung als Hörspiel von Marc Gruppe und Stephan Bosenius.

Was den Roman einen zusätzlichen Reiz verleiht, ist der Aspekt, dass Jane Austen in die Liebesgeschichte die Merkmale der damaligen Schauerromane einwebt, sodass aus der Mischung aus Satire und Liebesgeschichte ein leichter Touch düsteren Grauens aufkommt. Beinahe so wie Cathrines Lieblingsheldin aus Ann Radcliffes „Udolpho, der Magier“, so wird auch sie, wenn auch nicht entführt, dann immerhin doch mit einer Kutsche in ein einsam gelegenes altes Gebäude gebracht, in dem es anscheinend nicht mit rechten Dingen zu geht. All dies funktioniert bei Jane Austen beinahe so wie in heutigen Horrorkomödien, und es ist ein Wunder, dass der Roman bisher nur zwei Adaptionen fürs Fernsehen erfuhr.

Egal, ob man Liebesromane mag oder nicht, und egal, ob man Jane Austen mag oder nicht, „Die Abtei von Northanger“ ist ein ersklassiger, witziger und spannender Roman. Unterhaltsamer kann eine Geschichte kaum sein.

Ich, der letzte Mensch – Zum Tod von Richard Matheson

Am 23. Juni 2013 starb einer der bekanntesten SF- und Horrorschriftsteller: Richard Matheson. Seine Ideen waren wegweisend für das Horror- und SF-Genre. Mit seinem Roman „I am Legend“ (1954) definierte er das Vampirgenre neu. Aus mythologisch verankerten Figuren wurden Opfer einer globalen Seuche. Dieses Konzept übertrug sich später auf die Zombie-Welle. Aber auch seine Romane „The shrinking Man“ (1956) und „Hell House“ (1971) zeigen einen innovativen Charakter.

ich bin legende
Erste (gekürzte) deutsche Veröffentlichung von „I am Legend“.

In „I am Legend“ kämpft der letzte Mensch Robert Neville gegen eine Horde Vampirwesen, die jede Nacht sein Haus angreifen. Bei diesen Kreaturen handelt es sich allerdings nicht um gewöhnliche Vampire, sondern um Überlebende einer globalen Seuche, die sich genetisch verändert haben und nun kein Sonnenlicht vertragen. Der Roman wurde mehrfach verfilmt. 1964 erfolgte die erste Adaption mit dem Titel „The last Man on Earth“. Niemand anderer als Vincent Price spielte damals die Hauptrolle. Der Film hält sich ziemlich genau an dem Roman, sodass auch die spezielle Pointe übernommen wurde. 1971 erfolgte die zweite Adaption mit Charlton Heston als Robert Neville. Hierbei haomega manndelt es sich um die bekannteste Verfilmung des Romans, auch wenn sie sich weniger an die Vorlage hält. 2007 kam es gleich zu zwei Verfilmungen. Zum einen spielte Will Smith in „I am Legend“ die Hauptfigur. Mit Sicherheit ist dieser Film im Hinblick auf den Roman alles andere als gelungen, sondern suhlt sich in Smiths Selbstinszenierung. Im selben Jahr erfolgte die Kickbox-Variante unter dem Titel „I am Omega“. Trash-Star Marc Dacascos spielte Robert Neville. Die erste Hälfte des Films hält sich brav an die Romanvorlage. Die zweite Hälfte dagegen liefert den typischen C-Picture-Charme.

„The shrinking Man“ wurde 1957 von Jack Arnold unter dem Titel „The incredible shrinking Man“ verfilmt. Es geht um Scott Carey, der bei einer Bootsfahrt in eine radioaktive Wolke gerät. Von da an beginnt er, zu incredible shrinking manschrumpfen. Was zunächst Einfluss auf sein Eheleben hat, wird schließlich zu einem immer bedrohlicheren Problem. Denn irgendwann muss Scott vor seiner eigenen Hauskatze fliehen. Während der Roman überzeugend das Gefühlsleben und die Gedanken Scotts wiedergibt, orientiert sich der Film vor allem an der Action. Resultat ist einer der berühmtesten SF-Filme der 50er Jahre. Der Kampf mit der Spinne ging in die Filmgeschichte ein.

„Hell House“ wurde 1973 als „Legend of Hell House“ verfilmt. Es geht um den Parapsychologen Lionel Barrett, der in einem angeblichen Spukhaus ein parapsychologisches Experiment durchführen möchte. Natürlich mit unheimlichen Konsequenzen. Der Roman ist mehr oder weniger ein „Remake“ von Shirley Jacksons „The Haunting of Hill House“ (1959), der 1963 als „The Haunting“ verfilmt wurde. Dennoch ist er überaus spannend umgesetzt. Im Gegensatz zu Shirley Jackson, bringt Matheson einen technischen Aspekt mit ein.

Neben Romanen und Kurzgeschichten verfasste Richard Matheson auch mehrere Drehbücher. Am bekanntesten dürften seine Drehbücher zu den Edgar Allan Poe-Filmen der 60er Jahre sein, in denen vor allem Vincent Price die Hauptrolle spielte. Am berühmtesten ist sicherlich „The Fall of the House of Usher“. Aber auch Filme wie „The Pit and the Pendulum“ (mit Barabara Steele) und „The Raven“ (mit Jack Nicholson, Peter Lorre und Boris Karloff) sind Klassiker des Horrorgenres.