BUtterfield 8 – John O’Haras New York-Roman

Gloria Wanderous ist das, was man schlechthin als leichtes Mädchen bezeichnet. Sie geht mit so ziemlich jedem ins Bett, macht sich über nichts und niemanden Gedanken, sondern möchte vor allem eines haben: Spaß. Doch dann begegnet sie in einer Kneipe den fast 20 Jahre älteren Weston Liggett und verliebt sich in ihn. Liggett aber möchte nur eines: mit ihr ins Bett.

John O’Hara (1905 – 1970) sorgte mit seinem zweiten Roman „BUtterfield 8“ (der zweite Großbuchstabe ist von O’Hara so gewollt und bezieht sich auf die Telefonnummern der Upper Eastside), der 1935 erschien, für einen riesigen Skandal. Keiner vor ihm hatte so freimütig über Sex geschrieben wie er. Hinzu kommt eine gelegentlich recht derbe Sprache, die sogar Krimiautoren wie Jim Thomson u. Co. blass aussehen lässt.

Cover der deutschen Übersetzung im dtv-Verlag

„BUtterfield 8“ ist jedoch keineswegs ein Schmuddelroman (auch wenn er von den damaligen Kritikern als schmutzig bezeichnet wurde), sondern O’Haras Abrechnung mit New York, wo er selbst lebte. Dahingehend erinnern manche Absätze, in denen er das Treiben in der Großstadt beschreibt, an John Don Passos‘ Meisterwerk „Manhattan Transfer“. In seinem zweiten Roman ist jeder sich selbst am nächsten. Sogar Glorias bester Freund Eddie, der ihr zum ersten Mal begegnet, als er als Türsteher in einem Bordell arbeitet. Zwischen beiden existiert eine Art Hassliebe, wobei Gloria Angst hat, Eddie zu zerstören, wenn sie mit ihm eine richtige Beziehung beginnen würde. Und Eddie möchte ihr im Grunde auch nicht näher kommen, da er bereits eine richtige Freundin hat.

Da Gloria auf niemanden Rücksicht nimmt – nicht einmal auf sich selbst – wirft sie sich ins New Yorker Nachtleben, wo sie von einer Kneipe zur nächsten tingelt, Drogen nimmt und jede Menge Alkohol trinkt. Doch dann, wie bereits erwähnt, trifft sie auf Weston Liggett, einem widerlichen Kerl, der mit seiner Frau nicht mehr klar kommt, doch in Erklärungsnot gerät, da Gloria den Pelzmantel seiner Frau hat mitgehen lassen.

Die Suche nach Gloria und Glorias ausschweifendes Leben machen die Geschichte zu einem wirbelnden Großstadtroman, der in den USA zu den wichtigsten Romanen der Moderne zählt. Als Leser ist man mitten drin in der Hektik, der atemlosen Vergnügungssucht und der sich daraus ergebenden Dramatik. An wenigen Stellen geraten die Schilderungen zu ausschweifenden Ausführungen, doch so als hätte O’Hara dies selbst bemerkt, hüpft er mit einem Satz zurück in die rasante Handlung – und schon ist man wieder inmitten des turbulenten Nachtlebens.

1960 wurde der Roman mit Elizabeth Taylor verfilmt, erhielt jedoch (trotz diverser Oscarnominierungen) schlechte Kritiken. John O’Haras zweiter Roman jedoch ist nicht nur großartig, frech und witzig, sondern absolut zeitlos.

Denn sie wissen, was sie tun – Ernst Ottwalts vergessener Justizroman aus dem Jahr 1931

Mit den Goldenen Zwanzigern bringt man in der Regel eine Blütezeit in Sachen Kunst, Mode, Design und Film in Verbindung. Doch wie sah es damals in der Rechtssprechung aus? Ernst Ottwalt (1901-1942) schrieb darüber 1931 den Roman „Denn sie wissen, was sie tun“, in dem er Willkür und Ungerechtigkeit anprangert.

Ottwalt verfolgt in seinem vergessenen und nun wieder entdeckten Werk den Werdegang von Friedrich Wilhelm Dickmann, der Jura studiert, Mitglied einer Burschenschaft wird und später zum Richter aufsteigt. Wie Kurt Tucholsky in seiner damaligen Rezension treffend bemerkte, ist das Besondere an Ottwalts Roman, dass er Dickmann nicht als Widerling darstellt, sondern als ein Mensch, der vom System so lange geformt wird, bis er selbst genauso funktioniert, wie es die anderen von ihm haben wollen.

Auf diese Weise ist Ottwalts Roman eine scharfe Kritik an den damaligen Zuständen, in denen mit Arbeitslosen, Kommunisten oder einfachen Leuten kurzer Porzess gemacht wurde, während man die Reichen einfach laufen ließ, egal, was sie verbrochen hatten. Ottwald bezieht sich in „Denn sie wissen, was sie tun“ auf Fälle, die es tatsächlich gegeben hat. Und die jeweilige Urteilssprechung ist wirklich erschütternd.

So wird ein Baron, der einen Mann erschossen hat, frei gesprochen, während ein Bauer, der nachts seine Kuh zum Markt geführt hat, ohne die Laterne an seiner Kutsche angezündet zu haben, zu drei Wochen Gefängnis verurteilt wird. Ein Prozess gegen eine Gruppe Kommunisten wird zu einer reinen Farce, die Männer werden schlicht und ergreifend zum Tode verurteilt.

Dickmann versucht dabei stets, verkrampft nach einer moralischen Rechtfertigung zu suchen. Doch da er keine findet, klammert er sich am Rechtssystem als Institution fest, um dadurch sein schlechtes Gewissen zu besänftigen. Aber auch dieses bröckelt nach und nach, bis Dickmann letztendlich genauso handelt wie alle Richter vor ihm: die einfachen Leute werden verurteilt, die Reichen lässt man, schon aufgrund eines gewissen Beziehungsgeflechts, das sich teilweise in den Burschenschaften gebildet hat, wieder laufen.

„Denn sie wissen, was sie tun“ ist dabei flott geschrieben, die jeweiligen Stationen von Dickmanns Leben sind nicht ohne Ironie, Ottwalt lässt es daher nicht allein bei einer harschen Kritik, sondern nutzt diese, um mit einem gewissen Spott die Juristerei durch den Kakao zu ziehen. Der Roman besitzt eine ungeheure Dichte, und die Prozesse, die Ottwald schildert, sind teils so erschütternd, dass man kaum glauben möchte, dass es diese Fälle tatsächlich gegeben hat. Ottwald aber erwähnt in seinem kurzen Vorwort, dass sämtliche Fälle belegbar seien.

Es ist ein großes Glück, dass der Verlag Das kulturelle Gedächtnis diesen Roman von Ernst Ottwald aus der Vergessenheit gezogen und nun wieder in einer schönen Ausgabe den Lesern zugänglich gemacht hat. „Denn sie wissen, was sie tun“ ist ein wichtiger Roman, ganz besonders für die heutige Zeit.

Ernst Ottwald. Denn sie wissen, was sie tun. Verlag das kulturelle Gedächtnis 2017, 365 Seiten, 25,00 Euro, ISBN: 978-3-946990-12-3