Denn sie wissen, was sie tun – Ernst Ottwalts vergessener Justizroman aus dem Jahr 1931

Mit den Goldenen Zwanzigern bringt man in der Regel eine Blütezeit in Sachen Kunst, Mode, Design und Film in Verbindung. Doch wie sah es damals in der Rechtssprechung aus? Ernst Ottwalt (1901-1942) schrieb darüber 1931 den Roman „Denn sie wissen, was sie tun“, in dem er Willkür und Ungerechtigkeit anprangert.

Ottwalt verfolgt in seinem vergessenen und nun wieder entdeckten Werk den Werdegang von Friedrich Wilhelm Dickmann, der Jura studiert, Mitglied einer Burschenschaft wird und später zum Richter aufsteigt. Wie Kurt Tucholsky in seiner damaligen Rezension treffend bemerkte, ist das Besondere an Ottwalts Roman, dass er Dickmann nicht als Widerling darstellt, sondern als ein Mensch, der vom System so lange geformt wird, bis er selbst genauso funktioniert, wie es die anderen von ihm haben wollen.

Auf diese Weise ist Ottwalts Roman eine scharfe Kritik an den damaligen Zuständen, in denen mit Arbeitslosen, Kommunisten oder einfachen Leuten kurzer Porzess gemacht wurde, während man die Reichen einfach laufen ließ, egal, was sie verbrochen hatten. Ottwald bezieht sich in „Denn sie wissen, was sie tun“ auf Fälle, die es tatsächlich gegeben hat. Und die jeweilige Urteilssprechung ist wirklich erschütternd.

So wird ein Baron, der einen Mann erschossen hat, frei gesprochen, während ein Bauer, der nachts seine Kuh zum Markt geführt hat, ohne die Laterne an seiner Kutsche angezündet zu haben, zu drei Wochen Gefängnis verurteilt wird. Ein Prozess gegen eine Gruppe Kommunisten wird zu einer reinen Farce, die Männer werden schlicht und ergreifend zum Tode verurteilt.

Dickmann versucht dabei stets, verkrampft nach einer moralischen Rechtfertigung zu suchen. Doch da er keine findet, klammert er sich am Rechtssystem als Institution fest, um dadurch sein schlechtes Gewissen zu besänftigen. Aber auch dieses bröckelt nach und nach, bis Dickmann letztendlich genauso handelt wie alle Richter vor ihm: die einfachen Leute werden verurteilt, die Reichen lässt man, schon aufgrund eines gewissen Beziehungsgeflechts, das sich teilweise in den Burschenschaften gebildet hat, wieder laufen.

„Denn sie wissen, was sie tun“ ist dabei flott geschrieben, die jeweiligen Stationen von Dickmanns Leben sind nicht ohne Ironie, Ottwalt lässt es daher nicht allein bei einer harschen Kritik, sondern nutzt diese, um mit einem gewissen Spott die Juristerei durch den Kakao zu ziehen. Der Roman besitzt eine ungeheure Dichte, und die Prozesse, die Ottwald schildert, sind teils so erschütternd, dass man kaum glauben möchte, dass es diese Fälle tatsächlich gegeben hat. Ottwald aber erwähnt in seinem kurzen Vorwort, dass sämtliche Fälle belegbar seien.

Es ist ein großes Glück, dass der Verlag Das kulturelle Gedächtnis diesen Roman von Ernst Ottwald aus der Vergessenheit gezogen und nun wieder in einer schönen Ausgabe den Lesern zugänglich gemacht hat. „Denn sie wissen, was sie tun“ ist ein wichtiger Roman, ganz besonders für die heutige Zeit.

Ernst Ottwald. Denn sie wissen, was sie tun. Verlag das kulturelle Gedächtnis 2017, 365 Seiten, 25,00 Euro, ISBN: 978-3-946990-12-3