Ruhestörung – Richard Yates‘ Roman über Alkoholsucht

Cover der Übersetzung im Verlag DVA

Richard Yates‘ Werk wurde erst nach seinem Tod Wiederentdeckt. Er war vor allem für seinen Debutroman „Zeiten des Aufruhrs“ (1961) bekannt, den er selbst für seinen besten Roman hielt. Später sollte er in einem Interview sogar sagen, dass es schlimm sei, wenn man seinen besten Roman gleich am Anfang schreibt.

In der Tat reichen seine nachfolgenden Romane nicht mehr ganz an den Klassiker heran. Allerdings gelang ihm 1976 mit „Easter Parade“ nochmals ein genialer Wurf. Ein Jahr davor erschien mit „Ruhestörung“ ein Roman, der eher wie eine Art Flickwerk aus verschiedenen Ansätzen wirkt. Es geht um den Verkäufer von Werbeanzeigen John C. Wilder, der sein Leben so richtig satt hat. Am liebsten würde er Filme produzieren, doch stattdessen versinkt er immer mehr im Alltagstrott. Hinzu kommt seine Alkoholsucht, die er nicht mehr im Griff hat. Sein Freund, der Anwalt Paul Borg, liefert ihn, als John während eines Alkoholexzesses durchdreht, in eine Nervenheilanstalt ein.

Doch hilft dies nicht. John kommt von seiner Alkoholsucht einfach nicht los. Eines Tages begegnet er Pamela Hendricks, die sich genauso wie er für das Filmgeschäft interessiert. Beide beginnen eine Affäre und fahren schließlich gemeinsam nach Hollywood, um ihrer vermeintlichen Berufung nachzugehen. Doch die nächste Katastrophe lässt nicht lange auf sich warten …

Cover der amerikanischen Erstausgabe

„Ruhestörung“ beginnt recht vielversprechend, doch dann wird man plötzlich von einer Art Kurzversion von Ken Keseys Roman „Einer flog über das Kuckucksnest“ überrascht. Später, als John auf Pamela trifft, wirkt die Handlung wie eine Art Kurzversion von Sinclair Lewis‘ „Babbitt“. Wie George Babbitt, so gerät John Wilder in eine Gruppe Bohemians. Was für ihn zunächst wie ein Weg in die Freiheit vorkommt, wird für ihn zu einer einzigen Enttäuschung.

In seinem Roman wirft Yates zwar erneut in seiner für ihn typischen bitter-satirischen Weise einen Blick auf die US-amerikanische Gesellschaft, doch wirkt dieser hier nicht wirklich überzeugend. Vielleicht liegt dies daran, dass sich Yates geradezu offen an den beiden oben genannten Romanen von Kesey und Sinclair bedient beziehungsweise ihnen zu ähnlich wird. Das Thema der Alkoholsucht schwingt zwar immer mit, doch gerät es nicht wirklich ins Zentrum der Handlung, so wie man es sich eigentlich erwartet hätte. Hätte Yates den Roman wie sein Debut konzipiert, wäre es sicherlich grandios geworden. So aber wird man nicht wirklich schlau daraus, da man sich ständig fragt, was Yates einem eigentlich sagen möchte.

Andererseits ist es auch wieder durchaus gelungen, wie Yates den amerikanischen Traum durch den Kakao zieht. John und Pamela gehen äußerst naiv an ihr Werk, um ins Big Business der Filmwelt einzusteigen, doch werden ihre Träume durch die bittere Realität, die in diesem Geschäft nun einmal herrscht, nach und nach zerstört. Dennoch fehlt es dem Roman an Kraft, die Figuren erlangen keine richtige Tiefe. Die ganze Handlung, wie bereits erwähnt, wirkt eher zusammengeschustert als fließend.

Auch die damaligen Kritiken fielen negativ aus. Man erkannte in dem Roman nichts mehr von dem Autor von „Zeiten des Aufruhrs“. Erst mit „Easter Parade“ sollte er wieder ein weiteres Meisterwerk schaffen.

Zeiten des Aufruhrs – Der Klassiker von Richard Yates

Cover der Erstausgabe von 1961

Richard Yates (1926 – 1992) beklagte sich selbst darüber, dass sein erster Roman zugleich sein bester Roman gewesen sei. Gemeint war „Zeiten des Aufruhrs“, der 1961 erschienen ist und seitdem als Klassiker der modernen amerikanischen Literatur gilt.

In dem Roman geht es um das Ehepaar Frank und April Wheeler, die Mitte der 50er Jahre mit ihren beiden kleinen Kindern in einem Vorort von New York wohnen. Beide sind Ende 20 und befinden sich in einer tiefen Krise, die sämtliche Lebensbereiche umfasst. So ist Frank von seiner Tätigkeit bei der Computerfirma Knox nur noch angeödet, während April das Eheleben nicht mehr aushält. Das Einüben eines Theaterstücks soll Abhilfe schaffen, doch die Premiere der Amateurgruppe Laurel Players verkommt zum Desaster. Und dies wirkt sich wiederum negativ auf das Zusammenleben von Frank und April aus. Schließlich hat April die Idee, dass sie alles aufgeben sollten, um nach Frankreich zu ziehen, wo sie gemeinsam von vorne anfangen könnten. Doch alles kommt anders, als geplant …

Yates gelingt in seinem Roman das Kunststück, eine tief ernste und überaus tragische Handlung in die Form einer gelungen Satire zu gießen. Der schöne und ruhig gelegene Vorort entpuppt sich als ein Sammelbecken für Spießer, die sich der Oberflächlichkeit hingeben und hinterrücks über ihre Bekannten und angeblichen Freunde herziehen.

Frank und April sind in dieser Hinsicht nicht anders. Auch sie verstecken sich hinter einer Fassade des Anstands und der Normalität. Dahinter aber brodelt ein Vulkan. Während beide so tun, als wären sie das Vorzeigeehepaar der typischen US-amerikanischen Vorstadt, möchte April aus ihre Rolle als Hausfrau ausbrechen, um ihre eigenen Träume zu erfüllen. Doch Frank hat Angst vor Veränderungen und versucht, seine Frau bei all ihren Aktionen zurückzuhalten.

Auf diese Weise ist alles, was beide anpacken, zum Scheitern verurteilt. Und in dieser Hinsicht schildert Yates ein düsteres Drama, das bar jeglicher Hoffnung ist. Es ist wirklich seltsam, obwohl es Yates versteht, den Leser mit seiner bissigen Satire zu amüsieren, so kommt dabei keineswegs Heiterkeit oder etwas ähnliches auf. Im Gegenteil, das Düstere und Tragische besitzt eine solch intensive Wirkung, dass man beim Lesen stets eine gewisse Traurigkeit und Schwermut empfindet.

Auf eine geradezu minutiöse Art und Weise schildert Yates den Konflikt zwischen den beiden Ehepartnern, ohne aber dabei Stellung zu beziehen. Er ist weder auf der Seite Franks noch auf der Seite Aprils, sondern legt eine geradezu erbarmungslose Objektivität an den Tag, in deren Licht die unterschiedlichen Probleme und Wendungen noch schmerzhafter und trostloser wirken.

Wie eine Art Paradoxon erscheint dabei der federleichte Schreibstil, so als wollte Yates damit ein zusätzliches satirisches Element in den Roman einbringen, ähnlich wie ein hell erleuchtetes Szenario, in dem sich eine finstere Tragödie abspielt. „Revolutionary Road“ lautet sowohl der Originaltitel als auch der Name der Straße, in der die Wheelers wohnen. Der Name ist fast schon Programm, wirken Frank und April inmitten der hoch gehaltenen Moralvorstellungen der 50er Jahre doch wie Ausbrecher, die nach Alternativen suchen. Doch die Straße führt sie nicht dahin, wo sie hinwollen. Das bereits mehrfach erwähnte Drama, das dadurch entsteht, ist ein großartiges Stück Literatur, das man unbedingt einmal gelesen haben sollte.