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Posts Tagged ‘Richard Albrecht’

FILM und BUCH 7 ist endlich erschienen. Zugleich feiern wir mit dieser Ausgabe den dritten Jahrgang unseres kostenlosen e-Magazins.

Auch in dieser Ausgabe gibt es wieder interessante Interviews und spannende Artikel. Als Interviewpartner konnten wir den italienischen Horrorregisseur Ivan Zuccon und den Schriftsteller Andreas Eschbach gewinnen. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen!

Hier der Link zum kostenlosen Download: Film und Buch7

FilmundBuch7

Inhalt

Interviews

Ivan Zuccon: Die Mechanismen der Angst

Andreas Eschbach: Ich starte immer mit einem fertigen Konzept

Artikel

Die Schule des Schreckens – Zum 250. Geburtstag von Ann Radcliffe (Alexander Pechmann)

Die Blutbühne – Die Geschichte des französischen Schauertheaters Grand Guignol (Sabine Schwientek)

Dokumentarfilmer und mehr: Hanus Burger (Richard Albrecht)

Mama, das schmeckt super! – Kannibalen im Horrorfilm (Max Pechmann)

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Würde ich, wie bis Ende der Nullerjahre lange Jahrzehnte lang, sozial-, kultur- und medienwissenschaftlich arbeiten – dann hätte ich nun hervorragendes ikonographisches Material für eine vergleichende literatur- und mediensoziologische Studie, könnte alles vorbereiten und müßte nur noch abwarten, bis im gegenwärtigen Ganzdeutschland eine Neuverfilmung (etwa in Form einer Literaturadaption fürs „öffentlich-rechtlich“ genannte ganzdeutsche Zwangsgebührenfernsehen) von Robert Louis Stevensons DIE SCHATZINSEL erfolgt …

stevenson

Robert Louis Stevenson

Der zuerst 1881/82 als Fortsetzungsgeschichte und 1883 in Buchform veröffentlichte, als für Kinder und Jugendliche geeignet erklärte (Abenteuer-) Roman des schottischen Autors Robert L. Stevenson (1850-1884) gilt als europäischer Beitrag zur Weltliteratur. Der Roman erschien 2013 in einer auf sprach- und literaturwissenschaftlicher Grundlage erarbeiteten deutschsprachigen Neuübersetzung von Andreas Nohl (*1954). Auf diesem Text beruht auch die neue Hörbuchfassung von Harry Rowohlt (*1945).

Die handlungsbestimmende Fabel des Romans läßt sich so zusammenfassen (http://www.ddrhoerspiele. net/lp/Schatzinsel.html):

Die Geschichte von der Schatzinsel beginnt an der Küste Englands, zu einer Zeit, da die Taten der Seeräuber Flint und Ballantyne noch in aller Munde waren, als sie noch den Alltag der Seefahrt und des Handels bedrohten. Jim Hawkins, der Held der Geschichte, knapp vierzehn Jahre alt, wird Zeuge eines Verbrechens in der Gastwirtschaft der Eltern „Zum Admiral Benbow“, eines Verbrechens, das Seeräuber gegen einen ihrer Kumpane, Bill Bones, planen. Bones hat den Plan vom Versteck all der Schätze, die der Seeräuberkapitän Flint auf einer entlegenen Insel versteckt hat. Sie wollen ihm diesen Plan abjagen, aber Bones erliegt aus Angst und wegen seiner ständigen Sauferei einem Schlaganfall. Sie kommen zu spät, denn Jim hat das Geheimnis des Planes von Bones erfahren, nimmt den Plan der Schatzinsel an sich und kann mit der Mutter in letzter Minute aus dem Hause fliehen. Die Seeräuber werden verjagt, und Jim überreicht seine Beute Dr. Livesay und dem Friedensrichter Trelawney. Der Friedensrichter und der Doktor beschließen, gemeinsam mit Jim auf die Suche nach dem Schatz zu gehen. Sie rüsten ein Schiff und heuern eine Mannschaft, um zu der fernen Insel zu segeln. Damit beginnt für unseren Jim das große Abenteuer, ein Abenteuer, bei dem er und die Freunde große Gefahren zu bestehen haben, aber immer wieder gelingt es Jim, die Freunde aus bedrängter Situation zu retten – mit seiner List und seinen Ideen.“

Die von Andreas Nohl, der vorher schon Texte von Stevenson und Mark Twain neu übersetzte, darunter Tom Sawyers Abenteuer und Huckleberry Finns Abenteuer (Hanser 2010), verantwortete Neuedition des Romans ist mehr als nur eine Neuübersetzung. Sie enthält als Anhang gut dreihundert informative Anmerkungen zum Text, Stevensons Text Mein erstes Buch, Hinweise von Fanny Stevenson von de Grift (1840-1914) zur Entstehung des Romans, eine kurze Nachbemerkung von Lloyd Osbourne und zwei wissenschaftliche Texte des Herausgebers Nohl über Stevensons Romanfabel und seine Romanfiguren sowie zur Übersetzung.

Das von Harry Rowohlt vom Vorspann An den zaudernden Käufer bis zum vierunddreißigsten Kapitel Zu guter Letzt voluminös gesprochene und piratisch gelesene Hörbuch bringt den ungekürzten Romantext in der Neuübersetzung (Länge etwa 488´). Da braucht´s in der Tat Geduld und Muße beim Hören.

schatzinsel

Buch und Hörbuch der neuen Schatzinseleditionen

Bleibt nur noch eine (scheinbar disparate) Einzelheit in memoriam Robert Stevenson und in Erinnerung an meine Juliwochen nördlich von Inverness in Tongue und Durness im Anschluß an die Fußball-WM in England 1966 nachzutragen: möge das Scottish independence referendum am 14. September 2014 nicht nur nach gut dreihundert Jahren die neue Unabhängigkeit Schottlands herbeiführen. Sondern auch zur Überwindung des Scottish capitalism einen neuen Weg zum Scottish socialism im europäischen Kontext eröffnen.

HörBuch
Robert Stevenson, Die Schatzinsel. Roman. Hrgg. und übersetzt von Andreas Nohl. München: Hanser, 2013, 383 p., ISBN 978-3-446-24346-0, € 27.90 (D), 28.70 (A), ca. 37.90 Stutz (CH) (freier Pr.)

Die Schatzinsel. Robert Louis Stevenson; Harry Rowohlt [Sprecher]; Andreas Nohl [Übersetzer].  Neue Ausgabe. Bochum: Roof Music, 2013, 6 CDs, 24.99 € [und] Online Ressource, mp3 player, 450 MB, ISBN 978-3-86484-057-9; € 16.99 (D) (freier Pr.), 17.20 (A) (freier Pr.), 25.90 Stutz (CH) (freier Pr.)

Hinweise in Linkform
Der englischsprachige Originaltext des Romans findet sich unter anderem hier http://www.gutenberg.org/files/120/120-h/120-h.htm Die deutschsprachige Altübersetzung steht hier http://gutenberg.spiegel.de/buch/4359/1 Auf dieser Grundlage gab es eine (in der damaligen DDR) entstandene Hörspielfassung http://www.ddr-hoerspiele.net/lp/Schatzinsel.html und später eine neuere ganzdeutschkommerzielle Version http://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Die-Schatzinsel/Robert-Louis-Stevenson/e387874.rhd
Informative Roman- und Autorendarstellungen einschließlich des literarisierten Doppelgängertopos in der Novelle Dr Jekyll and Mr Hyde (1886) gibt es in der deutsch- und englischspachigen Wikipedia hier
http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Schatzinsel http://en.wikipedia.org/wiki/Treasure_Island
http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Louis_Stevenson http://en.wikipedia.org/wiki/Robert_Louis_Stevenson
http://de.wikipedia.org/wiki/Der_seltsame_Fall_des_Dr._Jekyll_und_Mr._Hyde
http://en.wikipedia.org/wiki/Strange_Case_of_Dr_Jekyll_and_Mr_Hyde
Was Verfilmungen betrifft, kann auf drei (davon zwei neuere) verwiesen werden: einmal auf die 1966 entstandene deutsch-französische Produktion http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Schatzinsel_%281966%29 (Regie Wolfgang Liebeneiner, Länge 340´, im ZDF als Vierteiler gesendet): zum anderen auf die 2007 erfolgte Neuverfilmung http://de.wikipedia.org /wiki/Die_Schatzinsel_%282007%29 (Regie Hansjörg Thurn, Länge 186´): und drittens auf den 1950 produzierten, kostenlos herunterladbaren, englischsprachigen Abenteuerfilm THE TREASURE ISLAND http://www.youtube.com/watch?v=TkBKE07p-oA (Regie Byron Heskin, Länge 96´).
Daten zu Leben & Wirken der Protagonisten der hier vorgestellten Neueditionen finden sich hier http://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Nohl und hier http://de.wikipedia.org/wiki/Harry_Rowohlt

Richard Albrecht ist Sozialwissenschaftler (Diplom, Promotion, Habilitation) und lebt seit seiner Beurlaubung als Privatdozent 1989 als unabhängiger Sozialwissenschaftsjournalist, Editor und Autor in Bad Münstereifel. 1991 Veröffentlichung des Forschungsansatzes THE UTOPIAN PARADIGM. 1994/97 Redaktionsleier der Carl-Zuckmayer-Blätter und Hg. Theater- und Kulturwissenschaftliche Studien. 2002/07 Hg. des Netzmagazins rechtskultur.de. 2005/10 Forschungen zum ARMENOZID als erstem Völkermord im 20. Jahrhundert. 2011 erschien Richard Albrechts bisher letzte Buchveröffentlichung HELDENTOD. Kurze Texte aus Langen Jahren. Bio-Bibliographie -> http://wissenschaftsakademie.net e-Postadresse -> eingreifendes.denken@gmx.net                                                                 

©Autor (2014)

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Klaus-Peter Wolf „schrieb zahlreiche Hörspiele, Theaterstücke und mehr als 20 Bücher, die in Millionenauflage erschienen sind.“ (Galgenberg Verlag 1990) – „Bislang sind seine Bücher in 24 Sprachen übersetzt und über neun Millionen Mal verkauft worden. Mehr als 60 seiner Drehbücher wurden verfilmt, darunter viele für ´Tatort´ und ´Polizeiruf 110´.“ (Fischer Taschenbuch Verlag 2014)
Quelle: Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main (2014)

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Klaus-Peter Wolf

I. OSTFRIESENFEUER ist der Titel des achten Ostfriesenkrimi des Berufsautors Klaus-Peter Wolf (*1954). Das Taschenbuch erschien am 20. Februar 2014 im Frankfurter Fischer Taschenbuch Verlag. Und könnte für mich Anlaß sein, die letzten dreißig Jahre deutscher Krimi-Entwicklung kritisch aufzuarbeiten. Das freilich laß´ ich hier besser mal (auch um den Rahmen nicht zu sprengen) zugunsten einiger Hinweise auf das von mir bisher gelesene halbe Dutzend Bücher von Klaus-Peter Wolf.

 
Den Autor Klaus-Peter Wolf erinnere ich seit Mitte der 1970er Jahre: 1976 las ich sowohl seine Kurzerzählungen, darunter den handlungsbezogen Schulklassentext Rache für Boris, als auch seinen zunächst in Fortsetzungen in der damaligen DKP-Tageszeitung unsere zeit gedruckten Zeitroman Die Fliegen kommen als Geschichte eines Ökologieskandals. Drei weitere Romane Wolfs las ich in den 1980er Jahren: die sprachlich wenig durchgearbeitete, Gegenwartsroman genannte, satirische Erzählung des märchenhaften Aufstieg eines Reklamemanagers in einem Kaufhauskonzern; den Ausstei-ger-, Road- und Liebesroman Biscaya; Wolfs männersexkritischen Roman Traumfrau; und Ende 2013 las ich, als sechsten Reihenband, OSTFRIESENANGST (2012).

 
Wolfs Romantexte bewerte ich als Versuch, lebbare Lebensgefühle authentisch und sprachlich verdichtet zu vermitteln. Das kann der Autor, dem diese Fähigkeiten noch 1989 abgesprochen wurde („Die Charakterschilderungen wirken oftmals peinlich“; „Mary. Die Figur bleibt blaß und papiern“) inzwischen nicht nur professionell, routiniert, gekonnt und ohne mit „wo“ beginnende Relativsätze – etwa wenn er gegen ein bundesweit verbreitetes Stereotyp („In Aurich iss´ traurig / In Leer noch mehr“) einen ostfriesischen Ort an der Nordsee kennzeichnet als einen, „an dem die Alltagssorgen sich in Luft auflösen.“

 
II. Im neuen Krimi OSTFRIESENFEUER, einem mit 500 Druckseiten so langen wie mit 460 Gramm so gewichtigen Taschenbuch, geht´s um eine aparte Täter-Opfer-Ermittler-Reise in den Ostfriesland genannten ganzdeutschen Norden des ersten Drittels der Zehnerjahre. Als Konstante wirken fiktive Kripoleute der realen Polizeinspektion Aurich: die BKA-umworbene Serienmordspezialistin Hauptkommissarin Ann Kathrin Klaasen, ihr (neuer Ehe-) Mann Kommissar Weller, ihr Chef Kriminaldi-rektor Ubbo Heide, ihr (als frauenfeindlich-verklemmte Männerkarikatur präsentierter) Kollege Rupert sowie ihr lokaljournalistischer Hausfreund Holger Bloem. Variabel ist alles, was den fiktiven Fall, der diesmal mit einer am Hochzeitstag von Klaasen und Weller im Osterfeuer verbrannten männlichen Leiche beginnt, ausmacht, Aspekte einer öffentlichen Inszenierung als Hexenverbrennung eingeschlossen. Wie beim Autor üblich wird unterhaltungsliterarisch unter Einvernahme diverser Spannungsbögen linear erzählt und auch was Vorlieben und Optionen des Autors für deutschsprachige (Krimi-) Autoren betrifft aus dem Nähkästchen geplaudert (etwa durch Hinweise auf historische Romane des Kölner Autors Tilman Röhrig).

600px-Ostfriesland_hervorgehoben.svgAuch im achten Ostfriesenkrimi geht´s im Hauptgeschehen um einen intelligenten Kriminellen als Tä-ter und Rächer und die Detektionsarbeit der Verfolgergruppe. Dazu gibt’s verschiedene, mit dem nach Messerstichen schwerverletzten Kriminaldirektor beginnende, Parallelhandlungen. Erzählt wird unterhaltsam mit Episoden, Überraschungen (wie dem auf Mallorca Popstarautogramme auf Frauentitten schreibenden Hauptkommissar Rupert), Wortwitz (als Antwort auf „wir sind längst über alle Berge“): „Hier sind keine Berge. Hier ist Ostfriesland“ und Kaulauern: als Ausdruck der „tiefen Verbundenheit zu Köln“ wurde am Rechner „die Alt-Taste gegen eine Kölsch-Taste ausgewechselt.“ Und so mag sich denn wer´s mag flott durch die fünfhundert Seiten unterhaltsame Krimiaufklärung aus, von und im Ostfriesland der frühen ganzdeutschen Zehnerjahre lesen …

 
III. Bleibt noch etwas (mit meinen Mitteln nicht Aufklärbares) fragend anzusprechen: Auf der Autorennetzseite finden sich fürs laufende Jahr 2014 drei Seminarangebote: Im Februar Die Worte zu Papier gebracht – Autorenwerkstatt, im August Das Talent begleitet den Lebensweg – Schreibwerkstatt und im September Figurenentwicklung (und Dialoge). Zum ersten Seminar im Europahaus Aurich heißt es: „Gebühr auf Anfrage“; zum zweiten in der Evangelische Landjugendakademie Altenkirchen/Westerwald: „Kosten: 220,00 EUR“; zum dritten im Drehbuchcamp: „Teilnehmerzahl: min. 6, max. 10, Trainer: Klaus-Peter Wolf. Kosten: EUR 495.“ (http://www.klauspeterwolf.de/seminare.html)

 
Da muß nicht nur der sprichwörtliche Arme Schlucker schlucken – zumal Wolfs „Ostfrieslandkrimis mit einer Gesamtauflage von über einer Million ein großer wie überraschender Erfolg“ (so Lars Schafft im Nachwort zu OSTFRIESENFEUER) und (so die letzterschienene Ausgabe von Ostfries-landkrimis) „längst zu einem Wirtschaftfaktor für ganz Ostfriesland geworden“ sind.

 
Klaus-Peter Wolf also auf dem bekannten politischen Schröderfischer-Pfad wie Bastagerd und Joseph-vom-Stamme-Nimm von links unten nach rechts oben? Oder geht´s wie üblich nur um business-as-usual entwickelter kapitalistischer Markt- und Machtwirtschaft, in dem jeder, der´s kann, im Sinne von nach-mir-die-Sintflut rasch noch mitnimmt, was er auch immer kriegen kann?
Lesehinweise

 
Richard Albrecht, Literatur/Waren/Produktion, in: die horen, 116/1979: 127-138
-Literarische Unterhaltung als politische Aufklärung: Der neue deutsche Kriminalroman in der Bundesrepublik Deutschland der siebziger Jahre – ein literaturgesellschaftlicher Nekrolog; in: Recherches Germaniques, 14/1984: 119-143
Ostfrieslandkrimis, 1/2013: 1; http://www.klauspeterwolf.de/public/files/krimi-zeitung-jahrgang-5-s1.pdf
Claudia Schmidt, Suche Vagina mit servilem Drumherum; in: UZ MAGAZIN LITERATUR, Oktober 1989: XLVI
Klaus-Peter Wolf, VERSUCHE AUFRECHTZUGEHEN. Leverkusen: Literarischer Verlag Helmut Braun, 1976, 87 p. [= Literarischer Nachwuchs 3]
-Die Fliegen kommen. Roman. Leverkusen: Literarischer Verlag Helmut Braun, 1976, 216 p.
-Das Werden des jungen Leiters. Ein Gegenwartsroman. Frankfurt/Main; Büchergilde Gutenberg, 1986, 270 p.
-Traumfrau. Roman. Hamburg: Galgenberg, 1989, 256 p.
-Vielleicht gibt´s die Biscaya gar nicht. Roman. Hamburg: Galgenberg, 1990, 308 p.
-OSTFRIESENKILLER (2007); OSTFRIESENBLUT (2008); OSTFRIESENGRAB (2009); OSTFRIESEN-SÜNDE (2010); OSTFRIESENFALLE (2011); OSTFRIESENANGST (2012); OSTFRIESENMOOR (2013); OSTFRIESENFEUER (2014); OSTFRIESENWUT (geplanter Erscheinungstermin 15.3.2015). Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch Verlag
-http://www.klauspeterwolf.de/seminare.html

Richard Albrecht ist Sozialwissenschaftler (Diplom, Promotion, Habilitation) und lebt seit seiner Beurlaubung als Privatdozent 1989 als unabhängiger Wissenschaftsjournalist, Editor und Autor in Bad Münstereifel. 1991 Veröffentlichung des Forschungsansatzes THE UTOPIAN PARADIGM. 1994/97 Redaktions-leier der Carl-Zuckmayer-Blätter und Hg. Theater- und Kulturwissenschaftliche Studien. 2002/07 Hg. des Netz-magazins rechtskultur.de. 2005/10 Forschungen zum ARMENOZID als erstem Völkermord im 20. Jahrhundert. 2011 erschien Richard Albrechts bisher letzte Buchveröffentlichung HELDENTOD. Kurze Texte aus Langen Jahren. Bio-Bibliographie http://wissenschaftsakademie.net e-Postadresse eingreifendes.denken@gmx.net

©Autor (2014)

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Zugegeben: ich kann mich nicht erinnern, seit den Filmen des Regisseurs Eberhard Itzenplitz (1926-2012) http://www.tvspielfilm.de/kino/stars/star/eberhard-itzenplitz,1578629,ApplicationStar.html in Sachen: Sozial- und Justizkritik als große Fernsehunterhaltung einen inhaltlich so authentischen und formal dramaturgisch so überzeugenden Fernsehfilm wie UNTER ANKLAGE gesehen zu haben.

Und auch die anschließende fernsehöffentliche ARD-Diskussion bei „Anne Will“ mit dem Betroffenem und einem seiner Rechtsvertreter ließ sich, mal abgesehen von einem als Landgerichter vorgestellten ganzdeutschen Berufsrichter als Biertischtypen, hören und sehen: http://www.ardmediathek.de/das-erste/anne-will/unschuldig-hinter-gittern-sind-justizirrtuemer-wirklich?documentId=19396334

UNTER ANKLAGE stand zunächst ein seit 1997 Falschverdächtigter – Harry Wörz: http://www.daserste.de/unterhaltung/film/filmmittwoch-im-ersten/sendung/unter-anklage-der-film-harry-woerz-chronologie-des-realen-falls100.html Wörz wurde im Januar 1998 in einem Indizienprozess vom Landgericht Karlsruhe zu einer Freiheitsstrafe von elf Jahren wegen versuchten Totschlags verurteilt. Weil zudem ein Zivilverfahren gegen ihn eingeleitet wurde, konnte es, weil Harry Wörz nicht verzweifelte, sondern durchhielt und auch so zäh wie kundig anwaltlich vertreten wurde, zur Wiederaufnahme des Strafverfahrens und nach langen Jahren schließlich zum strafprozessualen Freispruch kommen.

UNTER ANKLAGE steht im Film das Rechts- und Justizsystem, das dieses krasse als „Fehlurteil“ bezeichnete Falschurteil hervorbrachte. Und das nun rumtrixt, um Herrn Wörtz nicht entschädigen zu sollen. Auch deshalb schieb ich am 31. Januar 2014 ins Gästebuch des Betroffenen:

Lieber H. Wörz
gut, daß es diesen guten Film über Ihren „Fall“ gab. Und gar nicht gut, daß Sie Ihrer gewiß nicht üppigen Entschädigung nachlaufen müssen. Auch deshalb kommt von mir als kleine Unterstützung einer großen Sache ein Prozent meines Jänner-Monatsnetto auf Ihr Spendenkonto. Mit solidarischem Gruß, RA.“


Der in Inhalt und Form überzeugende, etwa anderthalbstündige Fernseh(spiel)film UNTER ANKLAGE wurde am 29. April 2014 ab 20:15 Uhr im Ersten ARD gesendet (und bisher am 1. Februar 2014 in EINS FESTIVAL ab 20.15 Uhr wiederholt). Er steht inzwischen ungekürzt hier im Netz:

 

http://www.youtube.com/watch?v=dFk6DgIk2sY

Dr. Richard Albrecht lebt als unabhängiger Sozialwissenschaftsjournalist, Editor und Autor in Bad Münstereifel. Bio-Bibliographie http://wissenschaftsakademie.net e-Korrespondenzadresse eingreifendes.denken@gmx.net

 

 

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DER ERSTE WELTKRIEG UND DIE KÜNSTE
Vortragsexposé zur Wirksamkeit von DADA
Richard Albrecht

„Der erste Weltkrieg ist ein zentrales Thema für die Dada-Künstler. Dada steht dem Kriegstreiben ablehnend gegenüber und er wird für sinnlos erklärt. Dada versteht sich als ein „Protest“ gegen die Gesellschaft und gegen die vorherigen Kunststile. Für die Dadaisten steht die Provokation im Vordergrund. Neben dem Medium Sprache drückt sich Dada in der Malerei aus und geht hier neue Wege. Die Collagentechnik entsteht und findet mit Kurt Schwitters einen Höhepunkt innerhalb des Dada. […] Die Fotomontage erlebt ebenfalls im Dada ihre Geburt. Die Fotomontage bietet den Dadakünstlern neue Möglichkeiten ihren Werken eine bislang nicht erreichte Wirkung zu verleihen. Die Fotografie ist zu dieser Zeit noch jung und die Menschen verbinden mit ihr den Touch des „Wahren“. Mittels künstlerisch und handwerklich raffiniert erstellter Fotomontagen können die Dadaisten Menschen zueinander in Beziehung setzen, wie sie in der Wirklichkeit nicht zu realisieren wären. Prägnantes Beispiel hierfür ist John Heartfield, der mit seinem eher politischen Kunst-Gesamtwerk sich stark gegen den Nationalsozialismus und für die sozialistische Idee verschrieb.“[1]

John Heartfield: So sieht der Heldentod aus (1917)
Netzquelle: http://www.zeitenblicke.de/2004/01/derenthal/ [Abbildung 1]

Im ersten Teil seines Vortrags faßt der Autor als erfahrener historisch arbeitender Sozialforscher im Anschluß an Eric J. Hobsbawms allgemeinen kultursoziologischen Ansatz[2] und als synchrone Dimension seine speziellen Forschungen zur historisch wichtigsten antibellizistischen Kunstströmung im ersten großen „Weltfest des Todes“ (Thomas Mann) mit Schwerpunkt auf Entstehung, Wirkung und Ausdrucksformen DADA-Züri kurz zusammen[3]. Im zweiten, ausgreifenden Teil geht es in Form eines Grundbeitrags um die diachrone Dimension, genauer: um postbellizistische Verbreitung(en) des DADA-Aufbruchs und seiner politästhetischen Wirksamkeit(en) seit 1919 sowohl im Osten als auch im Westen: in Rußland (ab 1923 Sowjet-Union/UdSSR: Союз Советских Социалистических Республик / СССР) u n d in den USA (United States of America) bis Mitte der 1920er Jahre des letzten „kurzen“ Jahrhunderts.

[1] http://www.kunst-zeiten.de/Dada-Allgemein
[2] Erich Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Dt. Yvonne Badal. München-Wien: Hanser, 1995: 228ff.; zum Autor vgl. den Nekrolog
http://soziologieheute.wordpress.com/2012/10/02/eric-j-hobwsbawm-1917-2012/
[3] Richard Albrecht, Dada, Dadaismus, Hans Arp: Kunst als Event – Show – Performance; in: soziologie heute, 4 (2011) 18: 28-32; Netzfassungen: https://filmundbuch.wordpress.com/2012/12/13/dada-dadaismus-hans-arp-ein-artikel-von-richard-albrecht/ [und] http://www.poetenladen.de/richard-albrecht-dadaismus.php; als übergreifend-allgemeinen und historisch fundierten Ansatz vgl. Wilma Ruth Albrecht, „Wer von den Produktionsver-hältnissen nicht redenwill, sollte vom malerischen Schaffen schweigen …” Eine illustrierte These zur Malerei als Prolegomena einer speziellen Soziologie der Künste; in: soziologie heute, 3 (2010) 14: 18-23; erweiterte Netz-version http://soziologisch.wordpress.com/2013/12/21/illustrierte-these-zur-malerei/

Richard Albrecht ist ausgebildeter Journalist, betrieblicher Ausbilder, promovierter und habilitierter Sozialwissenschaftler und lebt seit seiner Beurlaubung als Privatdozent 1989 als unabhängiger Wissenschaftsjournalist, Editor und Autor in Bad Münstereifel. 1991 Veröffentlichung des Forschungsansatzes THE UTOPIAN PARADIGM. 1994/97 Redaktionsleiter der Carl-Zuckmayer-Blätter und Hg. Theater- und Kulturwissenschaftliche Studien. 2002/07 Hg. des Netzmagazins rechtskultur.de. 2005/10 Forschungen zum ARMENOZID als erstem Völkermord im 20. Jahrhundert. 2011 erschien als bisher letzte Buchveröffentlichung HELDENTOD. Kurze Texte aus Langen Jahren. Netzarchiv des Autors http://wissenschaftsakademie.net

(c) Richard Albrecht (2013)

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Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären.

(Friedrich Schiller, Wallenstein. Die Piccolomini, V/1 [Octavio Piccolomini])

Im Anschluß an (m)einen ersten Beitrag zum staats- und regierungskriminellen Skandal-„Fall Mollath“[1] werden hier drei weitere, Ende 2013 erschienene, Bücher vorgestellt. Sie sind skandalistisch angelegt und beanspruchen justizkritische Aufklärung: Wilhelm Schlötterers freistaat-bayernkritisches Sachbuch Wahn und Willkür; der Sammelband Staatsversagen auf höchster Ebene mit Hinweisen, was sich nach dem Fall Mollath ändern muss; und eine unterm Titel Staatsgewalt veröffentlichte Wiener Fallsammlung über die Schattenseiten des Rechtsstaats.

staatsgewaltIm Staatsgewalt-Buch werden sieben vor Wiener Gerichten verhandelte teils rechtsstaatsarme, teils rechtsstaatswidrige, teils menschen(rechts)feindliche Verfahren als „Fälle“ beschrieben. Es ging gegen „junge, engagierte Menschen mit ausgeprägtem Sinn für Recht und Unrecht“, die jeweils als „Objekte“ der Justiz „behandelt“ wurden: „sie konnten kaum zu Wort kommen, geschweige denn eine Strategie zum ihrer Verteidigung aufbauen“. Das ist die Parallele zum „Fall Mollath“ mit der rechtsstaatwidrigen und verfassungsfeindlichen Landgerichtsverhandlung vom 8.8.2006 mit der Konstruktion des fingierten Freispruchs als Rechtsgrundlage der jahrelangen Wegsperre in geschlossenen psychiatrischen Anstalten des Freistaats Bayern. Als Fallinformation zu „Schattenseiten des Rechtstaates“ mit der Mutmaßung, es handelt sich um „die Spitzen eines Gebirges von Eisbergen unter der Oberfläche unseres rechtsstaatlichen Systems“, mag das Buch durchgehn. Die Autorenposition zu „unserem im Prinzip gut konstruierten, aber doch recht fehleranfälligen Rechtsstaat“ freilich fällt so begriffs- wie konzeptionslos hinter alle Falleinsichten zurück und ist insofern staatsapologetisch.

Unter der scheinbar griffigen Titelmetapher vom Staatsversagen geht es im Sammelband, der auch einpommrenke staatsversagen viereinfünftelseitiges Schlusswort von Gustl Mollath enthält, um im „Fall Mollath“ offensichtliche „Schwachstellen“ und „Fehler“. Dabei bewegen sich die Herausgeber und ihre siebzehn Autoren (die Hälfte davon Juristen und Ärzte) mit Ausnahme grundlegender Kritik forensischer Gutachterei (Rudolf Sponsel) vorwiegend auf der Ebene von Einzelheiten. Insofern kommt der Sammelband so konzeptlos wie theoriearm daher und ist bestenfalls oberflächlich justizkritisch: im „Fall Mollath“ sichtbar werdende Staats- und Regierungskriminalität können als justizielle „Fehler“ und „Schwachstellen“ nur ungenügend beschrieben und schon gar nicht kritisch-systematisch analysiert werden. Allein die bei der Durchsicht der vom letzten Mollathverteidiger, Gerhard Strate, bereitgestellten Materialien[2] naheliegende Einsicht, daß die staatsamtliche Front der Mollathunterdrücker nur scheinlegal – wenn nicht überhaupt kriminell – agierte[3], liegt dem Groß der Beiträger fern(er als fern). Darüber hinaus entsteht bei diesen Juristenbeiträgern der Eindruck, daß diese Leute dem im Grundsatz der Morgenstern-Logik[4] – es kann nicht sein was nicht sein darf – angelegten tabuistischen Denkverboten folgen.

Wilhelm Schlötterers flüssig geschriebenes und lesbares Wahn und Willkür-Buch ist besonders nach Mollaths im August 2013 erfolgter, auf einem Entscheid des Bundesverfassungsgerichts beruhender, Freilassung für den wahn und willkürGesamtzusammenhang des „Falls“ wichtig. Dies nicht nur deshalb, weil der Autor als früher und öffentlichkeitswirksamer Mollath-Unterstützer (und Jurist) argumentativ der „Justizirrtum“-These widerspricht und viel Material dazu, daß „alle bekannten Fakten auf vorsätzliches Handeln schließen lassen“ mit „einer ganzen Kette strafbarer Rechtsbeugungen“, auf gut hundert Seiten zusammenträgt und in einen übergreifenden justizkritischen Zusammenhang stellt. Sondern auch und weitergehend deshalb, weil Schlötterer ohne Staatskotau seine auch rechtstheoretisch-diskursiv wichtigen Schlußfolgerungen überzeugend begründet: i) im CSU-dominierten Bayern etablierte sich jahrzehntelang „inmitten einer formalen Demokratie ein Unrechtssystem“ mit „gleichgerichtetem Handeln aller staatlichen Organe“; ii) „eine wirkliche Gewaltentrennung zwischen Parlament und Regierung gibt es nicht“; und iii) als verallgemeinerte Grundthese mittlerer Reichweite: „Bayern ist kein Rechtstaat, wenn es um bestimmte Sachverhalte mit ´politischem´ Bezug geht.“

[1] https://filmundbuch.wordpress.com/2013/06/14/die-affare-mollath-eine-film-und-buchvorstellung-von-richard-albrecht

[2] http://www.strate.net/de/dokumentation/

[3] Grundlegend Gustav Radbruch, Gesetzliches Unrecht und übergesetzliches Recht; in: Süddeutsche Juristenzeitung, 1 (1946) 5: 105-108; Gesamtausgabe Radbruch. Hg. Arthur Kaufmann. Band III. Heidelberg 1990: 83-93; vgl. auch http://de.wikipedia.org/wiki/Radbruchsche_Formel ; Egon Schneider, Logik für Juristen. Die Grundlage der Denklehre und der Rechtsanwendung. Berlin; Frankfurt/M. 1965: 310, betont: auch für „alle Rechtswissenschaft, die diesen Namen verdient, [ist] die Gerechtigkeitsfrage“ das Kernproblem; vgl. http://duckhome.de/tb/archives/9816-LOGIK-FUER-JURISTEN.html

[4] http://www.christian-morgenstern.de/dcma/index.php?title=Die_unm%C3%B6gliche_Tatsache

©Autor (2013)

 Richard Albrecht ist ausgebildeter Journalist und Sozialwissenschaftler (Diplom 1971; Promotion 1976, Habilitation 1988/89). Er lebt seit seiner Beurlaubung als Privatdozent (1989) als unabhängiger Wissenschaftsjournalist, Editor und Autor in Bad Münstereifel. 1991 Veröffentlichung des Forschungsansatzes THE UTOPIAN PARADIGM. 1994/97 Redaktionsleier der Carl-Zuckmayer-Blätter und Herausgeber Theater- und Kulturwissenschaftliche Studien. 2002/07 Herausgeber des Netzmagazins rechtskultur.de. 2005/10 Forschungen zum ARMENOZID als erstem Völkermord im 20. Jahrhundert. Bisher letzte Buchveröffentlichung 2011: HELDENTOD. Kurze Texte aus Langen Jahren.

Bio-Bibliographie http://wissenschaftsakademie.net

Kontakt eingreifendes.denken@gmx.net

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Es tut mir leid, dass wir Carlo Mierendorff – anstatt ihn zu befreien – töten mussten.

Diesen Satz veröffentlichte der Herausgeber des britischen New Statesman & Nation, Kingley Martin, Mitte Januar 1944 in seiner Kolumne A London Diary. Diese öffentliche Entschuldigung für einen deutschen Politiker als Opfer einer Air-Force-Brandbombe beim schwersten Luftangriff auf Leipzig am 4. Dezember 1943 galt dem damals 46-jährigen sozialdemokratischen Intellektuellen und illegalen Widerstandskämpfer Carlo Mierendorff.

Carlo Mierendorff

Carlo Mierendorff – am vierten Mittwoch im März im Sternzeichen des Widder am 24. 3. 1897 hineingeboren in eine familiäre Kaufmannswelt, die Eltern sozialliberale kleine Bürger mit musischen Interessen, die Vorfahren väterlicherseits Stralsunder Schnapsbrenner, Händler und Gastwirte, mütterlicherseits sächsische und thüringische Soldaten, Pfarrer und Ärzte. Nach dem Umzug nach Darmstadt Schüler des humanistischen Ludwig-Georg-Gymnasium dort und erste Verbindungen zur BlauenBlume der bürgerlichen Jugendbewegung vor dem Ersten Weltkrieg; erste Schreibversuche in einer Dachstube im Freundeskreis, der gleichnamige Blätter schrieb, druckte und verteilte: Die Dachstube.

In diese Idylle platzt der Krieg als das erste große Weltfest des Todes (Thomas Mann). Mierendorff wird ihn bald hassen lernen. Doch zunächst ist Carlo begeisterter Kriegsfreiwilliger eines hessischen Artillerieregiments nach dem Notabitur. Kommiss und Schleiferei im Staub des Kasernenhofs. Im Feld als 17-Jähriger an der Ostfront verwundet, wird Carlo später wieder im Westen eingesetzt. Aber ein Ohr bleibt trotz Tapferkeitsmedaillen nahezu taub.

Den Krieg erfährt Carlo als Grauen. In einem Brief an Darmstädter Freunde schreibt er im dritten Kriegswinter Anfang 1917: Nicht bloss zuschauen, teilnehmen wolltet ihr an der Grundsteinlegung der neuen Zeit. Der Enthusiasmus der ersten Tage, an sich schön, schwand, an seine Stelle (trat) die einfache Pflicht. Du in Polen hättest selbst nie geglaubt, dass Du solange standhieltest … Du in Frankreich hast gehofft auf Erlösung von dem Maulwurfsleben in den Gräben mit seiner Eintönigkeit.

Die Literatur hilft auch Carlo, dies zu ertragen und zu überleben. Er veröffentlicht kleinere expressionistische Erzählungen wie zuletzt als Broschüre 1918 Lothringer Herbst, geschrieben in Sätzen, die beanspruchen, für sich allein stehn zu können wie im Schlußsatz der im Juni 1918 veröffentlichten Kurzerzählung Pioppis Sonntagsnachmittag: Er verließ mit einer verächtlichen Gebärde den Schauplatz.

Militärisch geschlagen, demobilisiert, demoralisiert und voller Sympathien für die bolschewistische Umwälzung im fernen Russland kommt Carlo zurück nach Darmstadt. Er will sich von der neuen Zeit herausfordern lassen, engagiert sich mit der Losung FREUNDE, GREIFT EIN! gegen Militarismus und Krieg. Und will ein neues, demokratisches und republikanisches, ein soziales Deutschland mitgestalten. Die von Carlo herausgegebene Monatszeitschrift Das Tribunal. Hessische radikale Blätter erscheint bis zur Pleite Ende 1920 zwei Jahre lang und soll die alte Welt von Muckern und Spiessern aushebeln helfen. Mierendoffs 1920 gedruckter emphatischer Essay Hätte ich das Kino!! gilt heute noch als bedeutendes kulturradikales Dokument des deutschen Expressionismus. Sein wenige Monate später gedruckter Max-Weber-Nekrolog über diesen Mann mit Unterkiefer hingegen ist vergessen …

In Heidelberg wird studiert und politisiert, geliebt und gelacht, geulkt und gesoffen. Das kurze Studium der Nationalökonomie beendet Carlo als Doktor. Und als Genosse Herr Doktor tritt er nun ein in die Welt der deutschen Sozialdemokratie, der er seit Anfang 1920 als SPD-Mitglied angehört, und ihrer politischen Apparate. Nun wurde Politik auch sein Schicksal und Lebensinhalt: Nur in der Demokratie kann sich die Massenkraft der organisierten Arbeiterschaft wirtschaftlich und politisch frei entfalten und dadurch den Kapitalismus […] überwinden. Die Arbeiterklasse hat daher ein Lebensinteresse […] am planmäßigen Ausbau des deutschen Staates zu einer sozialen, demokratischen Republik.

Fachreferent im Transportarbeiterverband in Berlin ab 1923, Zweitredakteur der SPD-Tageszeitung Hessischer Volksfreund in Darmstadt 1925, einer der Sekretäre der SPD-Reichstagsfraktion 1926, Rückkehr nach Darmstadt als Pressesprecher des Innenministers Wilhelm Leuschner im Volksstaat Hessen 1929 – das sind Carlos Wegmarken. Und weil ein Älterer nicht mehr will – kandidiert Carlo zum Reichstag. Und wird am 14. September 1930, 33-jährig, als einer der jüngeren Abgeordneten bei diesen Erdrutschwahlen mit der NSDAP als stärkster Fraktion gewählt.

Carlo Mierendorff im Arbeitszimmer (Darmstadt 1931)
Quelle: Albrecht, Der militante Sozialdemokrat (1987: 141)

Es sind in diesen Jahren des Abwehrkampfs gegen den zur Staatsmacht drängenden, sich Nationalsozialismus nennenden deutschen Faschismus 1930 bis 1933 vor allem vier Bereiche, in denen Carlo und nicht selten bis zur körperlichen Erschöpfung wirkt: Erstens theoretisch als sozialwissenschaftlicher Intellektueller, der im Juni 1930 die Dynamik des faschistischen Nationalsozialismus als Massenbewegung erkennt und in einem großen Fachaufsatz untersucht: Gesicht und Charakter der nationalsozialistischen Bewegung. Zweitens praktisch als wirkungsvoller Agitator und Redner gegen Naziführer, etwa im Februar 1932 im Reichstag in seiner Auseinandersetzung mit Goebbels. Drittens als Publizist in Enthüllungsveröffentlichungen wie 1931 in Hessen gegen Putsch- und Exekutionspläne von Militaristen und Faschisten („wird erschossen“). Und viertens als praktischer Organisator, Agitator und Propagandist des militanten Abwehrkampfs im Zeichen Drei Pfeile gegens Hakenkreuz im Rahmen republikanischer Massenorganisationen wie Reichsbanner oder Eiserne Front.

Die verhassten Anderen bleiben Sieger. Und sie vergessen Carlo Mierendorff nicht. Und rächen sich an ihm, der schon im März 1933 einige Wochen im Schweizer Exil lebte und dann doch bewusst zurückkam, um im Untergrund politisch zu arbeiten. Mitte Juni wird Carlo in einem Frankfurter Café festgenommen und triumphalisch nach Darmstadt verbracht, dort öffentlich vorgeführt und ins Konzentrationslager Osthofen verschleppt.

hätte ich das kino

Erstausgabe des Essays „Hätte ich das Kino!“

Auch weil aus Genf Telegramme mit Fragen nach seinem Verbleib eintreffen, wird Carlo nicht wie so viele andere auf der Flucht erschossen. Sondern kann überleben. Freundinnen und Freunde helfen ihm in den nun folgenden fünf Jahren politischer Gefangenschaft in den Nazi-KZs Börgermoor, Lichtenburg und Buchenwald. Carlo gibt sich nicht auf, schreibt „auf der Lichte“ ein historisches Drama und das Lagerlied, wird schliesslich im Spätherbst 1937 auch mithilfe „grüner“ Häftlinge vor dem tödlichen Steinbruch bewahrt und kann als Blockschreiber überleben.

Anfang 1938 wird Carlo Mierendorff freigelassen. Nachdem er sich bei Freunden erholen kann versucht Carlo eine neue Existenz als freier Schriftsteller zu begründen, wird Mitglied der Reichsschrifttumskammer und pro forma Lektor im Verlag des Freundes Henry Goverts. Und zunächst hält sich Carlo auch politisch zurück.

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wird Mierendorff Angestellter eines rüstungswirtschaftlichen Unternehmens bei Leipzig und Redakteur der BRABAG-Werkszeitung. Nun wird der Schatten der allgegenwärtigen politischen Geheimpolizei GESTAPO kürzer, werden Mierendorffs Handlungsmöglichkeiten grösser: Carlo nimmt Kontakt auf mit seinen alten sozialdemokratischen Genossen in Berlin wie Willem Leuschner und Theo Haubach und in Heidelberg mit Emil Henk. Und Carlo trifft neue Gefährten, lernt etwa den jüngeren Helmuth James Graf v. Moltke und dessen Kreisauer Kreis kennen und schätzen und beginnt eine Doppelexistenz zu leben. Und es ist Carlo Mierendorff, der im Untergrund auch Verbindungen quer zu knüpfen versucht, ungeduldig auf den Sturz der verhassten Nazi und ihrer Führungsclique Hitler, Göring Goebbels und Himmler drängt und der im April/Mai 1943 eine politisch-moralische Perspektive fürs Danach entwirft.

Dieser Programmaufruf zur Sozialistischen Aktion, den ein niederländischer Historiker in den nachgelassenen Moltke-Papieren fand und der auch als Flugblatt nach erfolgreichem Attentat hätte verwendet werden können, mag als Carlo Mierendorffs politisches Vermächtnis gelten. Dort heisst es: Den Aktionsausschuss bilden Vertreter der christlichen Kräfte, der sozialistischen Bewegung, der kommunistischen Bewegung und der liberalen Kräfte […] Nie wieder soll das deutsche Volk sich im Parteienstreit verirren! Nie wieder darf die Arbeiterschaft sich im Bruderkampf zerfleischen! Nie wieder Diktatur und Sklaverei! Ein neues Deutschland muss entstehen, worin sich das schaffende Volk sein Leben im Geist wahrer Freiheit selbst ordnet. Der Nationalsozialismus und seine Lügen müssen mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden, damit wir die Achtung vor uns selbst zurückgewinnen und der deutsche Name wieder ehrlich wird in der Welt. Das Gebot der Stunde lautet: Fort mit Hitler! Kampf für Gerechtigkeit und Frieden!

Auch dies mag veranschaulichen, warum eine Schweizer Zeitung Anfang 1944 nach Bekanntwerden der Todesumstände über Carlo Mierendorff schrieb: Dem deutschen Volk wird dieser Mann fehlen. Er wäre berufen gewesen, führend am Aufbau einer freiheitlichen Demokratie mitzuwirken (…) Er verkörperte den Gedanken der sozialistischen Gerechtigkeit, der menschlichen Würde.

Ausgewählte Veröffentlichungen
Gedrucktes Richard Albrecht, Konzept für ein neues Deutschland. Carlo Mierendorffs Programmentwurf 1943; in: Tribüne, 23 (1984) 91: 163-171. Ders., Carlo Mierendorff und das Konzept einer demokratischen Volksbewegung; in: Jürgen Schmädeke; Peter Steinbach (Hg.), Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die deutsche Gesellschaft und der Widerstand gegen Hitler. München-Zürich: Piper, 1985: 638.-648. Ders., Das geschenkte Leben des Carlo Mierendorf;In. Prisma [GhK], 36/1987: 47-57. Ders., Symbolkampf in Deutschland 1932; in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 22 (1986) 4: 498-533. Ders. (Hg.), Carlo Mierendorff: Demokratie – Abwehrkampf – Widerstand. Politische Texte 1920-1943. Mannheim 1986: mimeo, 389 p. Ders., Der militante Sozialdemokrat. Carlo Mierendorff 1897 bis 1943. Eine Biografie. J.H.W. Dietz Nachfolger, Berlin-Bonn 1987 [= Internationale Bibliothek 128], 464 p. Ders., Der Rhetor Carlo Mierendorff; in: Diskussion Deutsch, 18 (1987) 96: 331-350. Ders., Die Symbolwelt der Drei Pfeile; in: Émile, 1 (1988) 3: 148-179. Ders., “Freunde – greift ein!“ Carlo Mierendorff (1897-1943); in: zeitgeschichte, 19 (1992) 1/2: 51-59. Ders. (Hg.) Arisches Kaiserreich oder Judenrepublik von Carlo Mierendorff, in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 40 (2004) 3: 321-337. Ders., Dreipfeil gegen Hakenkreuz. Symbolkrieg in Deutschland 1932. München: GRIN, 2005, 27 p. http://www.grin.com/de/e-book/40439 /dreipfeil-gegen-hakenkreuzsymbolkrieg-in-deutschland-1932 Ders., Carlo Mierendorff (1897-1943). Zwei biographische Texte. München: GRIN, 2007, 65 p. http://www.grin.com/de/e-book/80628/carlo-mierendorff-1897-1943-zwei-biographischetexte Ders. Carlo Mierendorff (1987-1943); in: Biobibliographisches Kirchenlexikon, XXXI (2010): 894-898. Ders., CARLOS KINO. Mierendorffs Essay Hätte ich das Kino!! (1920); in: Film und Buch, 6/2013: https://filmundbuch.wordpress.com/2013/11/20/film-und-buch-6-zum-kostenlosen-download/

Gesendetes Richard Albrecht, „Es tut mir leid, daß wir Mierendorff – anstatt ihn zu befreien – töten mußten“: Carlo Mierendorff zum 90. Geburtstag (Hessischer Rundfunk 19./20.3.1987). Ders., Das geschenkte Leben des Carlo Mierendorff: Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Krieg (Deutschlandfunk 20.7.1987). Ders., Carlo Mierendorff – Porträt eines Sozialdemokraten (RIAS Berlin 19.12.1988). Ders., „Eine Flamme, die noch brennt…?“ Über die Karriere eines politischen Attentats: 20. Juli 1944 (Deutschlandfunk 18.7.1989)

Filmisches Alfred Jungraithmayr, Hätte ich das Kino!! Der Schriftsteller und Politiker Carlo Mierendorff. Rundfunkmanuskript. Frankfurt/Main 1996: mimeo, 22p. Ders., CARLO MIERENDORFF 1897-1943. Treatment für einen Dokumentar-Film. Frankfurt/Main 1996, 11 p. Ders., Deckname Dr. Friedrich. Carlo Mierendorff – Leben auf Zeit. Deutschland 1997. Dokumentarfilm, 43´. Ders., Carlo Mierendorff. Video 228. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 1999, 10 p.

©Autor (2013)

Richard Albrecht ist ausgebildeter Journalist, betrieblicher Ausbilder und Sozialwissenschaftler (Diplom, Promotion, Habilitation) und lebt seit seiner Beurlaubung als Privatdozent (1989) als unabhängiger Wissenschaftsjournalist, Editor und Autor in Bad Münstereifel. 1991 Veröffentlichung des Forschungsansatzes THE UTOPIAN PARADIGM. 1994/97 Redaktionsleier der Carl-Zuckmayer-Blätter und Herausgeber Theater- und Kulturwissenschaftliche Studien. 2002/07 Herausgeber des Netzmagazins rechtskultur.de. 2005/10 Forschungen zum ARMENOZID als erstem Völkermord im 20. Jahrhundert. 2011 erschien als bisher letzte Buchveröffentlichung des Autors HELDENTOD. Kurze Texte aus Langen Jahren. Bio-Bibliographie http://wissenschaftsakademie.net

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