Die neue Schatzinsel – Eine Rezension von Richard Albrecht

Würde ich, wie bis Ende der Nullerjahre lange Jahrzehnte lang, sozial-, kultur- und medienwissenschaftlich arbeiten – dann hätte ich nun hervorragendes ikonographisches Material für eine vergleichende literatur- und mediensoziologische Studie, könnte alles vorbereiten und müßte nur noch abwarten, bis im gegenwärtigen Ganzdeutschland eine Neuverfilmung (etwa in Form einer Literaturadaption fürs „öffentlich-rechtlich“ genannte ganzdeutsche Zwangsgebührenfernsehen) von Robert Louis Stevensons DIE SCHATZINSEL erfolgt …

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Robert Louis Stevenson

Der zuerst 1881/82 als Fortsetzungsgeschichte und 1883 in Buchform veröffentlichte, als für Kinder und Jugendliche geeignet erklärte (Abenteuer-) Roman des schottischen Autors Robert L. Stevenson (1850-1884) gilt als europäischer Beitrag zur Weltliteratur. Der Roman erschien 2013 in einer auf sprach- und literaturwissenschaftlicher Grundlage erarbeiteten deutschsprachigen Neuübersetzung von Andreas Nohl (*1954). Auf diesem Text beruht auch die neue Hörbuchfassung von Harry Rowohlt (*1945).

Die handlungsbestimmende Fabel des Romans läßt sich so zusammenfassen (http://www.ddrhoerspiele. net/lp/Schatzinsel.html):

Die Geschichte von der Schatzinsel beginnt an der Küste Englands, zu einer Zeit, da die Taten der Seeräuber Flint und Ballantyne noch in aller Munde waren, als sie noch den Alltag der Seefahrt und des Handels bedrohten. Jim Hawkins, der Held der Geschichte, knapp vierzehn Jahre alt, wird Zeuge eines Verbrechens in der Gastwirtschaft der Eltern „Zum Admiral Benbow“, eines Verbrechens, das Seeräuber gegen einen ihrer Kumpane, Bill Bones, planen. Bones hat den Plan vom Versteck all der Schätze, die der Seeräuberkapitän Flint auf einer entlegenen Insel versteckt hat. Sie wollen ihm diesen Plan abjagen, aber Bones erliegt aus Angst und wegen seiner ständigen Sauferei einem Schlaganfall. Sie kommen zu spät, denn Jim hat das Geheimnis des Planes von Bones erfahren, nimmt den Plan der Schatzinsel an sich und kann mit der Mutter in letzter Minute aus dem Hause fliehen. Die Seeräuber werden verjagt, und Jim überreicht seine Beute Dr. Livesay und dem Friedensrichter Trelawney. Der Friedensrichter und der Doktor beschließen, gemeinsam mit Jim auf die Suche nach dem Schatz zu gehen. Sie rüsten ein Schiff und heuern eine Mannschaft, um zu der fernen Insel zu segeln. Damit beginnt für unseren Jim das große Abenteuer, ein Abenteuer, bei dem er und die Freunde große Gefahren zu bestehen haben, aber immer wieder gelingt es Jim, die Freunde aus bedrängter Situation zu retten – mit seiner List und seinen Ideen.“

Die von Andreas Nohl, der vorher schon Texte von Stevenson und Mark Twain neu übersetzte, darunter Tom Sawyers Abenteuer und Huckleberry Finns Abenteuer (Hanser 2010), verantwortete Neuedition des Romans ist mehr als nur eine Neuübersetzung. Sie enthält als Anhang gut dreihundert informative Anmerkungen zum Text, Stevensons Text Mein erstes Buch, Hinweise von Fanny Stevenson von de Grift (1840-1914) zur Entstehung des Romans, eine kurze Nachbemerkung von Lloyd Osbourne und zwei wissenschaftliche Texte des Herausgebers Nohl über Stevensons Romanfabel und seine Romanfiguren sowie zur Übersetzung.

Das von Harry Rowohlt vom Vorspann An den zaudernden Käufer bis zum vierunddreißigsten Kapitel Zu guter Letzt voluminös gesprochene und piratisch gelesene Hörbuch bringt den ungekürzten Romantext in der Neuübersetzung (Länge etwa 488´). Da braucht´s in der Tat Geduld und Muße beim Hören.

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Buch und Hörbuch der neuen Schatzinseleditionen

Bleibt nur noch eine (scheinbar disparate) Einzelheit in memoriam Robert Stevenson und in Erinnerung an meine Juliwochen nördlich von Inverness in Tongue und Durness im Anschluß an die Fußball-WM in England 1966 nachzutragen: möge das Scottish independence referendum am 14. September 2014 nicht nur nach gut dreihundert Jahren die neue Unabhängigkeit Schottlands herbeiführen. Sondern auch zur Überwindung des Scottish capitalism einen neuen Weg zum Scottish socialism im europäischen Kontext eröffnen.

HörBuch
Robert Stevenson, Die Schatzinsel. Roman. Hrgg. und übersetzt von Andreas Nohl. München: Hanser, 2013, 383 p., ISBN 978-3-446-24346-0, € 27.90 (D), 28.70 (A), ca. 37.90 Stutz (CH) (freier Pr.)

Die Schatzinsel. Robert Louis Stevenson; Harry Rowohlt [Sprecher]; Andreas Nohl [Übersetzer].  Neue Ausgabe. Bochum: Roof Music, 2013, 6 CDs, 24.99 € [und] Online Ressource, mp3 player, 450 MB, ISBN 978-3-86484-057-9; € 16.99 (D) (freier Pr.), 17.20 (A) (freier Pr.), 25.90 Stutz (CH) (freier Pr.)

Hinweise in Linkform
Der englischsprachige Originaltext des Romans findet sich unter anderem hier http://www.gutenberg.org/files/120/120-h/120-h.htm Die deutschsprachige Altübersetzung steht hier http://gutenberg.spiegel.de/buch/4359/1 Auf dieser Grundlage gab es eine (in der damaligen DDR) entstandene Hörspielfassung http://www.ddr-hoerspiele.net/lp/Schatzinsel.html und später eine neuere ganzdeutschkommerzielle Version http://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Die-Schatzinsel/Robert-Louis-Stevenson/e387874.rhd
Informative Roman- und Autorendarstellungen einschließlich des literarisierten Doppelgängertopos in der Novelle Dr Jekyll and Mr Hyde (1886) gibt es in der deutsch- und englischspachigen Wikipedia hier
http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Schatzinsel http://en.wikipedia.org/wiki/Treasure_Island
http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Louis_Stevenson http://en.wikipedia.org/wiki/Robert_Louis_Stevenson
http://de.wikipedia.org/wiki/Der_seltsame_Fall_des_Dr._Jekyll_und_Mr._Hyde
http://en.wikipedia.org/wiki/Strange_Case_of_Dr_Jekyll_and_Mr_Hyde
Was Verfilmungen betrifft, kann auf drei (davon zwei neuere) verwiesen werden: einmal auf die 1966 entstandene deutsch-französische Produktion http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Schatzinsel_%281966%29 (Regie Wolfgang Liebeneiner, Länge 340´, im ZDF als Vierteiler gesendet): zum anderen auf die 2007 erfolgte Neuverfilmung http://de.wikipedia.org /wiki/Die_Schatzinsel_%282007%29 (Regie Hansjörg Thurn, Länge 186´): und drittens auf den 1950 produzierten, kostenlos herunterladbaren, englischsprachigen Abenteuerfilm THE TREASURE ISLAND http://www.youtube.com/watch?v=TkBKE07p-oA (Regie Byron Heskin, Länge 96´).
Daten zu Leben & Wirken der Protagonisten der hier vorgestellten Neueditionen finden sich hier http://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Nohl und hier http://de.wikipedia.org/wiki/Harry_Rowohlt

Richard Albrecht ist Sozialwissenschaftler (Diplom, Promotion, Habilitation) und lebt seit seiner Beurlaubung als Privatdozent 1989 als unabhängiger Sozialwissenschaftsjournalist, Editor und Autor in Bad Münstereifel. 1991 Veröffentlichung des Forschungsansatzes THE UTOPIAN PARADIGM. 1994/97 Redaktionsleier der Carl-Zuckmayer-Blätter und Hg. Theater- und Kulturwissenschaftliche Studien. 2002/07 Hg. des Netzmagazins rechtskultur.de. 2005/10 Forschungen zum ARMENOZID als erstem Völkermord im 20. Jahrhundert. 2011 erschien Richard Albrechts bisher letzte Buchveröffentlichung HELDENTOD. Kurze Texte aus Langen Jahren. Bio-Bibliographie -> http://wissenschaftsakademie.net e-Postadresse -> eingreifendes.denken@gmx.net                                                                 

©Autor (2014)

Ostfriesenfeuer: Klaus-Peter Wolfs achter Ostfriesenkrimi – Eine Rezension von Richard Albrecht

Klaus-Peter Wolf „schrieb zahlreiche Hörspiele, Theaterstücke und mehr als 20 Bücher, die in Millionenauflage erschienen sind.“ (Galgenberg Verlag 1990) – „Bislang sind seine Bücher in 24 Sprachen übersetzt und über neun Millionen Mal verkauft worden. Mehr als 60 seiner Drehbücher wurden verfilmt, darunter viele für ´Tatort´ und ´Polizeiruf 110´.“ (Fischer Taschenbuch Verlag 2014)
Quelle: Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main (2014)

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Klaus-Peter Wolf

I. OSTFRIESENFEUER ist der Titel des achten Ostfriesenkrimi des Berufsautors Klaus-Peter Wolf (*1954). Das Taschenbuch erschien am 20. Februar 2014 im Frankfurter Fischer Taschenbuch Verlag. Und könnte für mich Anlaß sein, die letzten dreißig Jahre deutscher Krimi-Entwicklung kritisch aufzuarbeiten. Das freilich laß´ ich hier besser mal (auch um den Rahmen nicht zu sprengen) zugunsten einiger Hinweise auf das von mir bisher gelesene halbe Dutzend Bücher von Klaus-Peter Wolf.

 
Den Autor Klaus-Peter Wolf erinnere ich seit Mitte der 1970er Jahre: 1976 las ich sowohl seine Kurzerzählungen, darunter den handlungsbezogen Schulklassentext Rache für Boris, als auch seinen zunächst in Fortsetzungen in der damaligen DKP-Tageszeitung unsere zeit gedruckten Zeitroman Die Fliegen kommen als Geschichte eines Ökologieskandals. Drei weitere Romane Wolfs las ich in den 1980er Jahren: die sprachlich wenig durchgearbeitete, Gegenwartsroman genannte, satirische Erzählung des märchenhaften Aufstieg eines Reklamemanagers in einem Kaufhauskonzern; den Ausstei-ger-, Road- und Liebesroman Biscaya; Wolfs männersexkritischen Roman Traumfrau; und Ende 2013 las ich, als sechsten Reihenband, OSTFRIESENANGST (2012).

 
Wolfs Romantexte bewerte ich als Versuch, lebbare Lebensgefühle authentisch und sprachlich verdichtet zu vermitteln. Das kann der Autor, dem diese Fähigkeiten noch 1989 abgesprochen wurde („Die Charakterschilderungen wirken oftmals peinlich“; „Mary. Die Figur bleibt blaß und papiern“) inzwischen nicht nur professionell, routiniert, gekonnt und ohne mit „wo“ beginnende Relativsätze – etwa wenn er gegen ein bundesweit verbreitetes Stereotyp („In Aurich iss´ traurig / In Leer noch mehr“) einen ostfriesischen Ort an der Nordsee kennzeichnet als einen, „an dem die Alltagssorgen sich in Luft auflösen.“

 
II. Im neuen Krimi OSTFRIESENFEUER, einem mit 500 Druckseiten so langen wie mit 460 Gramm so gewichtigen Taschenbuch, geht´s um eine aparte Täter-Opfer-Ermittler-Reise in den Ostfriesland genannten ganzdeutschen Norden des ersten Drittels der Zehnerjahre. Als Konstante wirken fiktive Kripoleute der realen Polizeinspektion Aurich: die BKA-umworbene Serienmordspezialistin Hauptkommissarin Ann Kathrin Klaasen, ihr (neuer Ehe-) Mann Kommissar Weller, ihr Chef Kriminaldi-rektor Ubbo Heide, ihr (als frauenfeindlich-verklemmte Männerkarikatur präsentierter) Kollege Rupert sowie ihr lokaljournalistischer Hausfreund Holger Bloem. Variabel ist alles, was den fiktiven Fall, der diesmal mit einer am Hochzeitstag von Klaasen und Weller im Osterfeuer verbrannten männlichen Leiche beginnt, ausmacht, Aspekte einer öffentlichen Inszenierung als Hexenverbrennung eingeschlossen. Wie beim Autor üblich wird unterhaltungsliterarisch unter Einvernahme diverser Spannungsbögen linear erzählt und auch was Vorlieben und Optionen des Autors für deutschsprachige (Krimi-) Autoren betrifft aus dem Nähkästchen geplaudert (etwa durch Hinweise auf historische Romane des Kölner Autors Tilman Röhrig).

600px-Ostfriesland_hervorgehoben.svgAuch im achten Ostfriesenkrimi geht´s im Hauptgeschehen um einen intelligenten Kriminellen als Tä-ter und Rächer und die Detektionsarbeit der Verfolgergruppe. Dazu gibt’s verschiedene, mit dem nach Messerstichen schwerverletzten Kriminaldirektor beginnende, Parallelhandlungen. Erzählt wird unterhaltsam mit Episoden, Überraschungen (wie dem auf Mallorca Popstarautogramme auf Frauentitten schreibenden Hauptkommissar Rupert), Wortwitz (als Antwort auf „wir sind längst über alle Berge“): „Hier sind keine Berge. Hier ist Ostfriesland“ und Kaulauern: als Ausdruck der „tiefen Verbundenheit zu Köln“ wurde am Rechner „die Alt-Taste gegen eine Kölsch-Taste ausgewechselt.“ Und so mag sich denn wer´s mag flott durch die fünfhundert Seiten unterhaltsame Krimiaufklärung aus, von und im Ostfriesland der frühen ganzdeutschen Zehnerjahre lesen …

 
III. Bleibt noch etwas (mit meinen Mitteln nicht Aufklärbares) fragend anzusprechen: Auf der Autorennetzseite finden sich fürs laufende Jahr 2014 drei Seminarangebote: Im Februar Die Worte zu Papier gebracht – Autorenwerkstatt, im August Das Talent begleitet den Lebensweg – Schreibwerkstatt und im September Figurenentwicklung (und Dialoge). Zum ersten Seminar im Europahaus Aurich heißt es: „Gebühr auf Anfrage“; zum zweiten in der Evangelische Landjugendakademie Altenkirchen/Westerwald: „Kosten: 220,00 EUR“; zum dritten im Drehbuchcamp: „Teilnehmerzahl: min. 6, max. 10, Trainer: Klaus-Peter Wolf. Kosten: EUR 495.“ (http://www.klauspeterwolf.de/seminare.html)

 
Da muß nicht nur der sprichwörtliche Arme Schlucker schlucken – zumal Wolfs „Ostfrieslandkrimis mit einer Gesamtauflage von über einer Million ein großer wie überraschender Erfolg“ (so Lars Schafft im Nachwort zu OSTFRIESENFEUER) und (so die letzterschienene Ausgabe von Ostfries-landkrimis) „längst zu einem Wirtschaftfaktor für ganz Ostfriesland geworden“ sind.

 
Klaus-Peter Wolf also auf dem bekannten politischen Schröderfischer-Pfad wie Bastagerd und Joseph-vom-Stamme-Nimm von links unten nach rechts oben? Oder geht´s wie üblich nur um business-as-usual entwickelter kapitalistischer Markt- und Machtwirtschaft, in dem jeder, der´s kann, im Sinne von nach-mir-die-Sintflut rasch noch mitnimmt, was er auch immer kriegen kann?
Lesehinweise

 
Richard Albrecht, Literatur/Waren/Produktion, in: die horen, 116/1979: 127-138
-Literarische Unterhaltung als politische Aufklärung: Der neue deutsche Kriminalroman in der Bundesrepublik Deutschland der siebziger Jahre – ein literaturgesellschaftlicher Nekrolog; in: Recherches Germaniques, 14/1984: 119-143
Ostfrieslandkrimis, 1/2013: 1; http://www.klauspeterwolf.de/public/files/krimi-zeitung-jahrgang-5-s1.pdf
Claudia Schmidt, Suche Vagina mit servilem Drumherum; in: UZ MAGAZIN LITERATUR, Oktober 1989: XLVI
Klaus-Peter Wolf, VERSUCHE AUFRECHTZUGEHEN. Leverkusen: Literarischer Verlag Helmut Braun, 1976, 87 p. [= Literarischer Nachwuchs 3]
-Die Fliegen kommen. Roman. Leverkusen: Literarischer Verlag Helmut Braun, 1976, 216 p.
-Das Werden des jungen Leiters. Ein Gegenwartsroman. Frankfurt/Main; Büchergilde Gutenberg, 1986, 270 p.
-Traumfrau. Roman. Hamburg: Galgenberg, 1989, 256 p.
-Vielleicht gibt´s die Biscaya gar nicht. Roman. Hamburg: Galgenberg, 1990, 308 p.
-OSTFRIESENKILLER (2007); OSTFRIESENBLUT (2008); OSTFRIESENGRAB (2009); OSTFRIESEN-SÜNDE (2010); OSTFRIESENFALLE (2011); OSTFRIESENANGST (2012); OSTFRIESENMOOR (2013); OSTFRIESENFEUER (2014); OSTFRIESENWUT (geplanter Erscheinungstermin 15.3.2015). Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch Verlag
-http://www.klauspeterwolf.de/seminare.html

Richard Albrecht ist Sozialwissenschaftler (Diplom, Promotion, Habilitation) und lebt seit seiner Beurlaubung als Privatdozent 1989 als unabhängiger Wissenschaftsjournalist, Editor und Autor in Bad Münstereifel. 1991 Veröffentlichung des Forschungsansatzes THE UTOPIAN PARADIGM. 1994/97 Redaktions-leier der Carl-Zuckmayer-Blätter und Hg. Theater- und Kulturwissenschaftliche Studien. 2002/07 Hg. des Netz-magazins rechtskultur.de. 2005/10 Forschungen zum ARMENOZID als erstem Völkermord im 20. Jahrhundert. 2011 erschien Richard Albrechts bisher letzte Buchveröffentlichung HELDENTOD. Kurze Texte aus Langen Jahren. Bio-Bibliographie http://wissenschaftsakademie.net e-Postadresse eingreifendes.denken@gmx.net

©Autor (2014)

Unter Anklage: Der Fall Harry Wörz und die Folgen – Ein Beitrag von Richard Albrecht

Zugegeben: ich kann mich nicht erinnern, seit den Filmen des Regisseurs Eberhard Itzenplitz (1926-2012) http://www.tvspielfilm.de/kino/stars/star/eberhard-itzenplitz,1578629,ApplicationStar.html in Sachen: Sozial- und Justizkritik als große Fernsehunterhaltung einen inhaltlich so authentischen und formal dramaturgisch so überzeugenden Fernsehfilm wie UNTER ANKLAGE gesehen zu haben.

Und auch die anschließende fernsehöffentliche ARD-Diskussion bei „Anne Will“ mit dem Betroffenem und einem seiner Rechtsvertreter ließ sich, mal abgesehen von einem als Landgerichter vorgestellten ganzdeutschen Berufsrichter als Biertischtypen, hören und sehen: http://www.ardmediathek.de/das-erste/anne-will/unschuldig-hinter-gittern-sind-justizirrtuemer-wirklich?documentId=19396334

UNTER ANKLAGE stand zunächst ein seit 1997 Falschverdächtigter – Harry Wörz: http://www.daserste.de/unterhaltung/film/filmmittwoch-im-ersten/sendung/unter-anklage-der-film-harry-woerz-chronologie-des-realen-falls100.html Wörz wurde im Januar 1998 in einem Indizienprozess vom Landgericht Karlsruhe zu einer Freiheitsstrafe von elf Jahren wegen versuchten Totschlags verurteilt. Weil zudem ein Zivilverfahren gegen ihn eingeleitet wurde, konnte es, weil Harry Wörz nicht verzweifelte, sondern durchhielt und auch so zäh wie kundig anwaltlich vertreten wurde, zur Wiederaufnahme des Strafverfahrens und nach langen Jahren schließlich zum strafprozessualen Freispruch kommen.

UNTER ANKLAGE steht im Film das Rechts- und Justizsystem, das dieses krasse als „Fehlurteil“ bezeichnete Falschurteil hervorbrachte. Und das nun rumtrixt, um Herrn Wörtz nicht entschädigen zu sollen. Auch deshalb schieb ich am 31. Januar 2014 ins Gästebuch des Betroffenen:

Lieber H. Wörz
gut, daß es diesen guten Film über Ihren „Fall“ gab. Und gar nicht gut, daß Sie Ihrer gewiß nicht üppigen Entschädigung nachlaufen müssen. Auch deshalb kommt von mir als kleine Unterstützung einer großen Sache ein Prozent meines Jänner-Monatsnetto auf Ihr Spendenkonto. Mit solidarischem Gruß, RA.“


Der in Inhalt und Form überzeugende, etwa anderthalbstündige Fernseh(spiel)film UNTER ANKLAGE wurde am 29. April 2014 ab 20:15 Uhr im Ersten ARD gesendet (und bisher am 1. Februar 2014 in EINS FESTIVAL ab 20.15 Uhr wiederholt). Er steht inzwischen ungekürzt hier im Netz:

 

http://www.youtube.com/watch?v=dFk6DgIk2sY

Dr. Richard Albrecht lebt als unabhängiger Sozialwissenschaftsjournalist, Editor und Autor in Bad Münstereifel. Bio-Bibliographie http://wissenschaftsakademie.net e-Korrespondenzadresse eingreifendes.denken@gmx.net

 

 

Der Erste Weltkrieg und die Künste – Ein Beitrag von Richard Albrecht

DER ERSTE WELTKRIEG UND DIE KÜNSTE
Vortragsexposé zur Wirksamkeit von DADA
Richard Albrecht

„Der erste Weltkrieg ist ein zentrales Thema für die Dada-Künstler. Dada steht dem Kriegstreiben ablehnend gegenüber und er wird für sinnlos erklärt. Dada versteht sich als ein „Protest“ gegen die Gesellschaft und gegen die vorherigen Kunststile. Für die Dadaisten steht die Provokation im Vordergrund. Neben dem Medium Sprache drückt sich Dada in der Malerei aus und geht hier neue Wege. Die Collagentechnik entsteht und findet mit Kurt Schwitters einen Höhepunkt innerhalb des Dada. […] Die Fotomontage erlebt ebenfalls im Dada ihre Geburt. Die Fotomontage bietet den Dadakünstlern neue Möglichkeiten ihren Werken eine bislang nicht erreichte Wirkung zu verleihen. Die Fotografie ist zu dieser Zeit noch jung und die Menschen verbinden mit ihr den Touch des „Wahren“. Mittels künstlerisch und handwerklich raffiniert erstellter Fotomontagen können die Dadaisten Menschen zueinander in Beziehung setzen, wie sie in der Wirklichkeit nicht zu realisieren wären. Prägnantes Beispiel hierfür ist John Heartfield, der mit seinem eher politischen Kunst-Gesamtwerk sich stark gegen den Nationalsozialismus und für die sozialistische Idee verschrieb.“[1]

John Heartfield: So sieht der Heldentod aus (1917)
Netzquelle: http://www.zeitenblicke.de/2004/01/derenthal/ [Abbildung 1]

Im ersten Teil seines Vortrags faßt der Autor als erfahrener historisch arbeitender Sozialforscher im Anschluß an Eric J. Hobsbawms allgemeinen kultursoziologischen Ansatz[2] und als synchrone Dimension seine speziellen Forschungen zur historisch wichtigsten antibellizistischen Kunstströmung im ersten großen „Weltfest des Todes“ (Thomas Mann) mit Schwerpunkt auf Entstehung, Wirkung und Ausdrucksformen DADA-Züri kurz zusammen[3]. Im zweiten, ausgreifenden Teil geht es in Form eines Grundbeitrags um die diachrone Dimension, genauer: um postbellizistische Verbreitung(en) des DADA-Aufbruchs und seiner politästhetischen Wirksamkeit(en) seit 1919 sowohl im Osten als auch im Westen: in Rußland (ab 1923 Sowjet-Union/UdSSR: Союз Советских Социалистических Республик / СССР) u n d in den USA (United States of America) bis Mitte der 1920er Jahre des letzten „kurzen“ Jahrhunderts.

[1] http://www.kunst-zeiten.de/Dada-Allgemein
[2] Erich Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Dt. Yvonne Badal. München-Wien: Hanser, 1995: 228ff.; zum Autor vgl. den Nekrolog
http://soziologieheute.wordpress.com/2012/10/02/eric-j-hobwsbawm-1917-2012/
[3] Richard Albrecht, Dada, Dadaismus, Hans Arp: Kunst als Event – Show – Performance; in: soziologie heute, 4 (2011) 18: 28-32; Netzfassungen: https://filmundbuch.wordpress.com/2012/12/13/dada-dadaismus-hans-arp-ein-artikel-von-richard-albrecht/ [und] http://www.poetenladen.de/richard-albrecht-dadaismus.php; als übergreifend-allgemeinen und historisch fundierten Ansatz vgl. Wilma Ruth Albrecht, „Wer von den Produktionsver-hältnissen nicht redenwill, sollte vom malerischen Schaffen schweigen …” Eine illustrierte These zur Malerei als Prolegomena einer speziellen Soziologie der Künste; in: soziologie heute, 3 (2010) 14: 18-23; erweiterte Netz-version http://soziologisch.wordpress.com/2013/12/21/illustrierte-these-zur-malerei/

Richard Albrecht ist ausgebildeter Journalist, betrieblicher Ausbilder, promovierter und habilitierter Sozialwissenschaftler und lebt seit seiner Beurlaubung als Privatdozent 1989 als unabhängiger Wissenschaftsjournalist, Editor und Autor in Bad Münstereifel. 1991 Veröffentlichung des Forschungsansatzes THE UTOPIAN PARADIGM. 1994/97 Redaktionsleiter der Carl-Zuckmayer-Blätter und Hg. Theater- und Kulturwissenschaftliche Studien. 2002/07 Hg. des Netzmagazins rechtskultur.de. 2005/10 Forschungen zum ARMENOZID als erstem Völkermord im 20. Jahrhundert. 2011 erschien als bisher letzte Buchveröffentlichung HELDENTOD. Kurze Texte aus Langen Jahren. Netzarchiv des Autors http://wissenschaftsakademie.net

(c) Richard Albrecht (2013)

Die Affäre Mollath (II) – Drei Rezensionen von Richard Albrecht

Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären.

(Friedrich Schiller, Wallenstein. Die Piccolomini, V/1 [Octavio Piccolomini])

Im Anschluß an (m)einen ersten Beitrag zum staats- und regierungskriminellen Skandal-„Fall Mollath“[1] werden hier drei weitere, Ende 2013 erschienene, Bücher vorgestellt. Sie sind skandalistisch angelegt und beanspruchen justizkritische Aufklärung: Wilhelm Schlötterers freistaat-bayernkritisches Sachbuch Wahn und Willkür; der Sammelband Staatsversagen auf höchster Ebene mit Hinweisen, was sich nach dem Fall Mollath ändern muss; und eine unterm Titel Staatsgewalt veröffentlichte Wiener Fallsammlung über die Schattenseiten des Rechtsstaats.

staatsgewaltIm Staatsgewalt-Buch werden sieben vor Wiener Gerichten verhandelte teils rechtsstaatsarme, teils rechtsstaatswidrige, teils menschen(rechts)feindliche Verfahren als „Fälle“ beschrieben. Es ging gegen „junge, engagierte Menschen mit ausgeprägtem Sinn für Recht und Unrecht“, die jeweils als „Objekte“ der Justiz „behandelt“ wurden: „sie konnten kaum zu Wort kommen, geschweige denn eine Strategie zum ihrer Verteidigung aufbauen“. Das ist die Parallele zum „Fall Mollath“ mit der rechtsstaatwidrigen und verfassungsfeindlichen Landgerichtsverhandlung vom 8.8.2006 mit der Konstruktion des fingierten Freispruchs als Rechtsgrundlage der jahrelangen Wegsperre in geschlossenen psychiatrischen Anstalten des Freistaats Bayern. Als Fallinformation zu „Schattenseiten des Rechtstaates“ mit der Mutmaßung, es handelt sich um „die Spitzen eines Gebirges von Eisbergen unter der Oberfläche unseres rechtsstaatlichen Systems“, mag das Buch durchgehn. Die Autorenposition zu „unserem im Prinzip gut konstruierten, aber doch recht fehleranfälligen Rechtsstaat“ freilich fällt so begriffs- wie konzeptionslos hinter alle Falleinsichten zurück und ist insofern staatsapologetisch.

Unter der scheinbar griffigen Titelmetapher vom Staatsversagen geht es im Sammelband, der auch einpommrenke staatsversagen viereinfünftelseitiges Schlusswort von Gustl Mollath enthält, um im „Fall Mollath“ offensichtliche „Schwachstellen“ und „Fehler“. Dabei bewegen sich die Herausgeber und ihre siebzehn Autoren (die Hälfte davon Juristen und Ärzte) mit Ausnahme grundlegender Kritik forensischer Gutachterei (Rudolf Sponsel) vorwiegend auf der Ebene von Einzelheiten. Insofern kommt der Sammelband so konzeptlos wie theoriearm daher und ist bestenfalls oberflächlich justizkritisch: im „Fall Mollath“ sichtbar werdende Staats- und Regierungskriminalität können als justizielle „Fehler“ und „Schwachstellen“ nur ungenügend beschrieben und schon gar nicht kritisch-systematisch analysiert werden. Allein die bei der Durchsicht der vom letzten Mollathverteidiger, Gerhard Strate, bereitgestellten Materialien[2] naheliegende Einsicht, daß die staatsamtliche Front der Mollathunterdrücker nur scheinlegal – wenn nicht überhaupt kriminell – agierte[3], liegt dem Groß der Beiträger fern(er als fern). Darüber hinaus entsteht bei diesen Juristenbeiträgern der Eindruck, daß diese Leute dem im Grundsatz der Morgenstern-Logik[4] – es kann nicht sein was nicht sein darf – angelegten tabuistischen Denkverboten folgen.

Wilhelm Schlötterers flüssig geschriebenes und lesbares Wahn und Willkür-Buch ist besonders nach Mollaths im August 2013 erfolgter, auf einem Entscheid des Bundesverfassungsgerichts beruhender, Freilassung für den wahn und willkürGesamtzusammenhang des „Falls“ wichtig. Dies nicht nur deshalb, weil der Autor als früher und öffentlichkeitswirksamer Mollath-Unterstützer (und Jurist) argumentativ der „Justizirrtum“-These widerspricht und viel Material dazu, daß „alle bekannten Fakten auf vorsätzliches Handeln schließen lassen“ mit „einer ganzen Kette strafbarer Rechtsbeugungen“, auf gut hundert Seiten zusammenträgt und in einen übergreifenden justizkritischen Zusammenhang stellt. Sondern auch und weitergehend deshalb, weil Schlötterer ohne Staatskotau seine auch rechtstheoretisch-diskursiv wichtigen Schlußfolgerungen überzeugend begründet: i) im CSU-dominierten Bayern etablierte sich jahrzehntelang „inmitten einer formalen Demokratie ein Unrechtssystem“ mit „gleichgerichtetem Handeln aller staatlichen Organe“; ii) „eine wirkliche Gewaltentrennung zwischen Parlament und Regierung gibt es nicht“; und iii) als verallgemeinerte Grundthese mittlerer Reichweite: „Bayern ist kein Rechtstaat, wenn es um bestimmte Sachverhalte mit ´politischem´ Bezug geht.“

[1] https://filmundbuch.wordpress.com/2013/06/14/die-affare-mollath-eine-film-und-buchvorstellung-von-richard-albrecht

[2] http://www.strate.net/de/dokumentation/

[3] Grundlegend Gustav Radbruch, Gesetzliches Unrecht und übergesetzliches Recht; in: Süddeutsche Juristenzeitung, 1 (1946) 5: 105-108; Gesamtausgabe Radbruch. Hg. Arthur Kaufmann. Band III. Heidelberg 1990: 83-93; vgl. auch http://de.wikipedia.org/wiki/Radbruchsche_Formel ; Egon Schneider, Logik für Juristen. Die Grundlage der Denklehre und der Rechtsanwendung. Berlin; Frankfurt/M. 1965: 310, betont: auch für „alle Rechtswissenschaft, die diesen Namen verdient, [ist] die Gerechtigkeitsfrage“ das Kernproblem; vgl. http://duckhome.de/tb/archives/9816-LOGIK-FUER-JURISTEN.html

[4] http://www.christian-morgenstern.de/dcma/index.php?title=Die_unm%C3%B6gliche_Tatsache

©Autor (2013)

 Richard Albrecht ist ausgebildeter Journalist und Sozialwissenschaftler (Diplom 1971; Promotion 1976, Habilitation 1988/89). Er lebt seit seiner Beurlaubung als Privatdozent (1989) als unabhängiger Wissenschaftsjournalist, Editor und Autor in Bad Münstereifel. 1991 Veröffentlichung des Forschungsansatzes THE UTOPIAN PARADIGM. 1994/97 Redaktionsleier der Carl-Zuckmayer-Blätter und Herausgeber Theater- und Kulturwissenschaftliche Studien. 2002/07 Herausgeber des Netzmagazins rechtskultur.de. 2005/10 Forschungen zum ARMENOZID als erstem Völkermord im 20. Jahrhundert. Bisher letzte Buchveröffentlichung 2011: HELDENTOD. Kurze Texte aus Langen Jahren.

Bio-Bibliographie http://wissenschaftsakademie.net

Kontakt eingreifendes.denken@gmx.net

Die Zeit fordert heraus! Carlo Mierendorff (1897-1943) – Ein Beitrag von Richard Albrecht

Es tut mir leid, dass wir Carlo Mierendorff – anstatt ihn zu befreien – töten mussten.

Diesen Satz veröffentlichte der Herausgeber des britischen New Statesman & Nation, Kingley Martin, Mitte Januar 1944 in seiner Kolumne A London Diary. Diese öffentliche Entschuldigung für einen deutschen Politiker als Opfer einer Air-Force-Brandbombe beim schwersten Luftangriff auf Leipzig am 4. Dezember 1943 galt dem damals 46-jährigen sozialdemokratischen Intellektuellen und illegalen Widerstandskämpfer Carlo Mierendorff.

Carlo Mierendorff

Carlo Mierendorff – am vierten Mittwoch im März im Sternzeichen des Widder am 24. 3. 1897 hineingeboren in eine familiäre Kaufmannswelt, die Eltern sozialliberale kleine Bürger mit musischen Interessen, die Vorfahren väterlicherseits Stralsunder Schnapsbrenner, Händler und Gastwirte, mütterlicherseits sächsische und thüringische Soldaten, Pfarrer und Ärzte. Nach dem Umzug nach Darmstadt Schüler des humanistischen Ludwig-Georg-Gymnasium dort und erste Verbindungen zur BlauenBlume der bürgerlichen Jugendbewegung vor dem Ersten Weltkrieg; erste Schreibversuche in einer Dachstube im Freundeskreis, der gleichnamige Blätter schrieb, druckte und verteilte: Die Dachstube.

In diese Idylle platzt der Krieg als das erste große Weltfest des Todes (Thomas Mann). Mierendorff wird ihn bald hassen lernen. Doch zunächst ist Carlo begeisterter Kriegsfreiwilliger eines hessischen Artillerieregiments nach dem Notabitur. Kommiss und Schleiferei im Staub des Kasernenhofs. Im Feld als 17-Jähriger an der Ostfront verwundet, wird Carlo später wieder im Westen eingesetzt. Aber ein Ohr bleibt trotz Tapferkeitsmedaillen nahezu taub.

Den Krieg erfährt Carlo als Grauen. In einem Brief an Darmstädter Freunde schreibt er im dritten Kriegswinter Anfang 1917: Nicht bloss zuschauen, teilnehmen wolltet ihr an der Grundsteinlegung der neuen Zeit. Der Enthusiasmus der ersten Tage, an sich schön, schwand, an seine Stelle (trat) die einfache Pflicht. Du in Polen hättest selbst nie geglaubt, dass Du solange standhieltest … Du in Frankreich hast gehofft auf Erlösung von dem Maulwurfsleben in den Gräben mit seiner Eintönigkeit.

Die Literatur hilft auch Carlo, dies zu ertragen und zu überleben. Er veröffentlicht kleinere expressionistische Erzählungen wie zuletzt als Broschüre 1918 Lothringer Herbst, geschrieben in Sätzen, die beanspruchen, für sich allein stehn zu können wie im Schlußsatz der im Juni 1918 veröffentlichten Kurzerzählung Pioppis Sonntagsnachmittag: Er verließ mit einer verächtlichen Gebärde den Schauplatz.

Militärisch geschlagen, demobilisiert, demoralisiert und voller Sympathien für die bolschewistische Umwälzung im fernen Russland kommt Carlo zurück nach Darmstadt. Er will sich von der neuen Zeit herausfordern lassen, engagiert sich mit der Losung FREUNDE, GREIFT EIN! gegen Militarismus und Krieg. Und will ein neues, demokratisches und republikanisches, ein soziales Deutschland mitgestalten. Die von Carlo herausgegebene Monatszeitschrift Das Tribunal. Hessische radikale Blätter erscheint bis zur Pleite Ende 1920 zwei Jahre lang und soll die alte Welt von Muckern und Spiessern aushebeln helfen. Mierendoffs 1920 gedruckter emphatischer Essay Hätte ich das Kino!! gilt heute noch als bedeutendes kulturradikales Dokument des deutschen Expressionismus. Sein wenige Monate später gedruckter Max-Weber-Nekrolog über diesen Mann mit Unterkiefer hingegen ist vergessen …

In Heidelberg wird studiert und politisiert, geliebt und gelacht, geulkt und gesoffen. Das kurze Studium der Nationalökonomie beendet Carlo als Doktor. Und als Genosse Herr Doktor tritt er nun ein in die Welt der deutschen Sozialdemokratie, der er seit Anfang 1920 als SPD-Mitglied angehört, und ihrer politischen Apparate. Nun wurde Politik auch sein Schicksal und Lebensinhalt: Nur in der Demokratie kann sich die Massenkraft der organisierten Arbeiterschaft wirtschaftlich und politisch frei entfalten und dadurch den Kapitalismus […] überwinden. Die Arbeiterklasse hat daher ein Lebensinteresse […] am planmäßigen Ausbau des deutschen Staates zu einer sozialen, demokratischen Republik.

Fachreferent im Transportarbeiterverband in Berlin ab 1923, Zweitredakteur der SPD-Tageszeitung Hessischer Volksfreund in Darmstadt 1925, einer der Sekretäre der SPD-Reichstagsfraktion 1926, Rückkehr nach Darmstadt als Pressesprecher des Innenministers Wilhelm Leuschner im Volksstaat Hessen 1929 – das sind Carlos Wegmarken. Und weil ein Älterer nicht mehr will – kandidiert Carlo zum Reichstag. Und wird am 14. September 1930, 33-jährig, als einer der jüngeren Abgeordneten bei diesen Erdrutschwahlen mit der NSDAP als stärkster Fraktion gewählt.

Carlo Mierendorff im Arbeitszimmer (Darmstadt 1931)
Quelle: Albrecht, Der militante Sozialdemokrat (1987: 141)

Es sind in diesen Jahren des Abwehrkampfs gegen den zur Staatsmacht drängenden, sich Nationalsozialismus nennenden deutschen Faschismus 1930 bis 1933 vor allem vier Bereiche, in denen Carlo und nicht selten bis zur körperlichen Erschöpfung wirkt: Erstens theoretisch als sozialwissenschaftlicher Intellektueller, der im Juni 1930 die Dynamik des faschistischen Nationalsozialismus als Massenbewegung erkennt und in einem großen Fachaufsatz untersucht: Gesicht und Charakter der nationalsozialistischen Bewegung. Zweitens praktisch als wirkungsvoller Agitator und Redner gegen Naziführer, etwa im Februar 1932 im Reichstag in seiner Auseinandersetzung mit Goebbels. Drittens als Publizist in Enthüllungsveröffentlichungen wie 1931 in Hessen gegen Putsch- und Exekutionspläne von Militaristen und Faschisten („wird erschossen“). Und viertens als praktischer Organisator, Agitator und Propagandist des militanten Abwehrkampfs im Zeichen Drei Pfeile gegens Hakenkreuz im Rahmen republikanischer Massenorganisationen wie Reichsbanner oder Eiserne Front.

Die verhassten Anderen bleiben Sieger. Und sie vergessen Carlo Mierendorff nicht. Und rächen sich an ihm, der schon im März 1933 einige Wochen im Schweizer Exil lebte und dann doch bewusst zurückkam, um im Untergrund politisch zu arbeiten. Mitte Juni wird Carlo in einem Frankfurter Café festgenommen und triumphalisch nach Darmstadt verbracht, dort öffentlich vorgeführt und ins Konzentrationslager Osthofen verschleppt.

hätte ich das kino
Erstausgabe des Essays „Hätte ich das Kino!“

Auch weil aus Genf Telegramme mit Fragen nach seinem Verbleib eintreffen, wird Carlo nicht wie so viele andere auf der Flucht erschossen. Sondern kann überleben. Freundinnen und Freunde helfen ihm in den nun folgenden fünf Jahren politischer Gefangenschaft in den Nazi-KZs Börgermoor, Lichtenburg und Buchenwald. Carlo gibt sich nicht auf, schreibt „auf der Lichte“ ein historisches Drama und das Lagerlied, wird schliesslich im Spätherbst 1937 auch mithilfe „grüner“ Häftlinge vor dem tödlichen Steinbruch bewahrt und kann als Blockschreiber überleben.

Anfang 1938 wird Carlo Mierendorff freigelassen. Nachdem er sich bei Freunden erholen kann versucht Carlo eine neue Existenz als freier Schriftsteller zu begründen, wird Mitglied der Reichsschrifttumskammer und pro forma Lektor im Verlag des Freundes Henry Goverts. Und zunächst hält sich Carlo auch politisch zurück.

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wird Mierendorff Angestellter eines rüstungswirtschaftlichen Unternehmens bei Leipzig und Redakteur der BRABAG-Werkszeitung. Nun wird der Schatten der allgegenwärtigen politischen Geheimpolizei GESTAPO kürzer, werden Mierendorffs Handlungsmöglichkeiten grösser: Carlo nimmt Kontakt auf mit seinen alten sozialdemokratischen Genossen in Berlin wie Willem Leuschner und Theo Haubach und in Heidelberg mit Emil Henk. Und Carlo trifft neue Gefährten, lernt etwa den jüngeren Helmuth James Graf v. Moltke und dessen Kreisauer Kreis kennen und schätzen und beginnt eine Doppelexistenz zu leben. Und es ist Carlo Mierendorff, der im Untergrund auch Verbindungen quer zu knüpfen versucht, ungeduldig auf den Sturz der verhassten Nazi und ihrer Führungsclique Hitler, Göring Goebbels und Himmler drängt und der im April/Mai 1943 eine politisch-moralische Perspektive fürs Danach entwirft.

Dieser Programmaufruf zur Sozialistischen Aktion, den ein niederländischer Historiker in den nachgelassenen Moltke-Papieren fand und der auch als Flugblatt nach erfolgreichem Attentat hätte verwendet werden können, mag als Carlo Mierendorffs politisches Vermächtnis gelten. Dort heisst es: Den Aktionsausschuss bilden Vertreter der christlichen Kräfte, der sozialistischen Bewegung, der kommunistischen Bewegung und der liberalen Kräfte […] Nie wieder soll das deutsche Volk sich im Parteienstreit verirren! Nie wieder darf die Arbeiterschaft sich im Bruderkampf zerfleischen! Nie wieder Diktatur und Sklaverei! Ein neues Deutschland muss entstehen, worin sich das schaffende Volk sein Leben im Geist wahrer Freiheit selbst ordnet. Der Nationalsozialismus und seine Lügen müssen mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden, damit wir die Achtung vor uns selbst zurückgewinnen und der deutsche Name wieder ehrlich wird in der Welt. Das Gebot der Stunde lautet: Fort mit Hitler! Kampf für Gerechtigkeit und Frieden!

Auch dies mag veranschaulichen, warum eine Schweizer Zeitung Anfang 1944 nach Bekanntwerden der Todesumstände über Carlo Mierendorff schrieb: Dem deutschen Volk wird dieser Mann fehlen. Er wäre berufen gewesen, führend am Aufbau einer freiheitlichen Demokratie mitzuwirken (…) Er verkörperte den Gedanken der sozialistischen Gerechtigkeit, der menschlichen Würde.

Ausgewählte Veröffentlichungen
Gedrucktes Richard Albrecht, Konzept für ein neues Deutschland. Carlo Mierendorffs Programmentwurf 1943; in: Tribüne, 23 (1984) 91: 163-171. Ders., Carlo Mierendorff und das Konzept einer demokratischen Volksbewegung; in: Jürgen Schmädeke; Peter Steinbach (Hg.), Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die deutsche Gesellschaft und der Widerstand gegen Hitler. München-Zürich: Piper, 1985: 638.-648. Ders., Das geschenkte Leben des Carlo Mierendorf;In. Prisma [GhK], 36/1987: 47-57. Ders., Symbolkampf in Deutschland 1932; in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 22 (1986) 4: 498-533. Ders. (Hg.), Carlo Mierendorff: Demokratie – Abwehrkampf – Widerstand. Politische Texte 1920-1943. Mannheim 1986: mimeo, 389 p. Ders., Der militante Sozialdemokrat. Carlo Mierendorff 1897 bis 1943. Eine Biografie. J.H.W. Dietz Nachfolger, Berlin-Bonn 1987 [= Internationale Bibliothek 128], 464 p. Ders., Der Rhetor Carlo Mierendorff; in: Diskussion Deutsch, 18 (1987) 96: 331-350. Ders., Die Symbolwelt der Drei Pfeile; in: Émile, 1 (1988) 3: 148-179. Ders., “Freunde – greift ein!“ Carlo Mierendorff (1897-1943); in: zeitgeschichte, 19 (1992) 1/2: 51-59. Ders. (Hg.) Arisches Kaiserreich oder Judenrepublik von Carlo Mierendorff, in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 40 (2004) 3: 321-337. Ders., Dreipfeil gegen Hakenkreuz. Symbolkrieg in Deutschland 1932. München: GRIN, 2005, 27 p. http://www.grin.com/de/e-book/40439 /dreipfeil-gegen-hakenkreuzsymbolkrieg-in-deutschland-1932 Ders., Carlo Mierendorff (1897-1943). Zwei biographische Texte. München: GRIN, 2007, 65 p. http://www.grin.com/de/e-book/80628/carlo-mierendorff-1897-1943-zwei-biographischetexte Ders. Carlo Mierendorff (1987-1943); in: Biobibliographisches Kirchenlexikon, XXXI (2010): 894-898. Ders., CARLOS KINO. Mierendorffs Essay Hätte ich das Kino!! (1920); in: Film und Buch, 6/2013: https://filmundbuch.wordpress.com/2013/11/20/film-und-buch-6-zum-kostenlosen-download/

Gesendetes Richard Albrecht, „Es tut mir leid, daß wir Mierendorff – anstatt ihn zu befreien – töten mußten“: Carlo Mierendorff zum 90. Geburtstag (Hessischer Rundfunk 19./20.3.1987). Ders., Das geschenkte Leben des Carlo Mierendorff: Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Krieg (Deutschlandfunk 20.7.1987). Ders., Carlo Mierendorff – Porträt eines Sozialdemokraten (RIAS Berlin 19.12.1988). Ders., „Eine Flamme, die noch brennt…?“ Über die Karriere eines politischen Attentats: 20. Juli 1944 (Deutschlandfunk 18.7.1989)

Filmisches Alfred Jungraithmayr, Hätte ich das Kino!! Der Schriftsteller und Politiker Carlo Mierendorff. Rundfunkmanuskript. Frankfurt/Main 1996: mimeo, 22p. Ders., CARLO MIERENDORFF 1897-1943. Treatment für einen Dokumentar-Film. Frankfurt/Main 1996, 11 p. Ders., Deckname Dr. Friedrich. Carlo Mierendorff – Leben auf Zeit. Deutschland 1997. Dokumentarfilm, 43´. Ders., Carlo Mierendorff. Video 228. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 1999, 10 p.

©Autor (2013)

Richard Albrecht ist ausgebildeter Journalist, betrieblicher Ausbilder und Sozialwissenschaftler (Diplom, Promotion, Habilitation) und lebt seit seiner Beurlaubung als Privatdozent (1989) als unabhängiger Wissenschaftsjournalist, Editor und Autor in Bad Münstereifel. 1991 Veröffentlichung des Forschungsansatzes THE UTOPIAN PARADIGM. 1994/97 Redaktionsleier der Carl-Zuckmayer-Blätter und Herausgeber Theater- und Kulturwissenschaftliche Studien. 2002/07 Herausgeber des Netzmagazins rechtskultur.de. 2005/10 Forschungen zum ARMENOZID als erstem Völkermord im 20. Jahrhundert. 2011 erschien als bisher letzte Buchveröffentlichung des Autors HELDENTOD. Kurze Texte aus Langen Jahren. Bio-Bibliographie http://wissenschaftsakademie.net

Tod eines Handlungsreisenden – Ein Beitrag von Richard Albrecht

Tod eines Handlungsreisenden
Zu Arthur Millers literarischem Psychodrama

»Das Wunschbild der sexuell-sozialen Versorgtheit, der rationalisierten Sexualität (lässt) die Ehe zur bürgerlichen Einrichtung im Bürgertum werden (…) und setzt Familie als Refugium vor dem Lebenskampf.«  Ernst Bloch (1895-1977): Das Prinzip Hoffnung

I.
In seinem 1987 in den USA veröffentlichten Erinnerungsbuch »Timebends « kommt Arthur Miller auch ein paar Mal und eher wie beiläufig auf sein ästhetisch und kommerziell erfolgreichstes Bühnenstück »Death of the Salesman. Certain Private Conversations in Two Acts & a Requiem« zu sprechen. Der Dramatiker will nämlich die ihn überraschende »unwahrscheinliche Wirkung« seines (inzwischen – 1953/54 und 1984/85 – zwei Mal verfilmten) dramatischen Konfliktstoffs erklären. Miller führt zwei besondere Auffälligkeiten an: Einmal beobachtete Publikumsreaktionen. Zum anderen erfahrene Pressekritiken. Bereits unmittelbar nach der ersten öffentlichen Aufführung von »Tod eines Handlungsreisenden« – dies war  och vor der New Yorker Premiere am 7. Oktober 1949 (in Philadelphia) – gab es seitdem anhaltende (und auch interkulturell vergleichbare, damit nicht auf die USA beschränkte) Betroffenheiten:

Arthur Miller

Wie bei manchen späteren Vorstellungen gab es bei der ersten Aufführung nach dem Schlussvorhang keinen Applaus. Unter den Zuschauern ereigneten sich merkwürdige Dinge. (…) Besonders Männer saßen vorgebeugt und vergruben das Gesicht in den Händen, andere weinten. (…) Zuschauer gingen durch das Theater, um sich mit jemandem leise zu unterhalten. Eine Ewigkeit schien zu vergehen ehe jemand daran dachte, zu applaudieren, und dann hörte der Beifall nicht mehr auf.« Was im ersten Moment als theatralische Inszenierung erscheinen könnte – war authentisch: Eine den Theater-Rahmen aufsprengende Reaktionsweise, merkwürdig und aufschlußreich zugleich. Und natürlich auch der (lower) middle-class-Identifikationsfigur Willy Loman (low man …) als reisendem Kleinhändler (Vertreter) zuzuschreiben…

Zum zweiten, Theaterkritiken der Presse, erinnert Arthur Miller, daß nur beim »Handlungsreisenden« mehrheitlich keine »schlechten, gleichgültigen oder höhnischen Kritiken« in der New Yorker Presse bei der Erstaufführung am Broadway erschienen und daß allein dieses Theaterstück des Dramatikers sofort bei Publikum und Presse gleichermaßen wohl-wollend auf- und angenommen wurde. Arthur Miller führt auch diese Besonderheit vor allem auf seine Loman-Figur zurück: Den Typus des »kleinen Mannes«, der doch nur lieben und geliebt werden will, der im Leben etwas zählen (also: etwas darstellen) und als Mensch wie er lebt respektiert, anerkannt und beliebt (»well-liked«) sein will.(1)

II.
Natürlich war »Tod eines Handlungsreisenden« weder Arthur Millers erstes noch sein letztes Bühnenwerk – wohl aber jenes seiner Theaterstücke, welches den Autor (so der »Literaturbrockhaus« 1995) zu einem der »führenden Vertreter des modernen amerikanischen Theaters« werden läßt – eines Dramatikers, »der in Anlehnung an europäische Vorläufer (…) gesellschaftskritische Themen mit neuen technischen Mitteln weitgehend realistisch auf der Bühne darstellt«. Dabei führt Millers»Handlungsreisender« wie schon sein zwei Jahre früher am Broadway aufgeführtes Schauspiel »All my Sons« (1947) wieder ein in ein, wenn manso will, petty- oder lumpenbürgerliches, vom (vormals Hausieren genannten) gewerblichen Vertreterwesen bestimmtes häusliches Familienmilieu judaisch-amerikanischer Ostküstenausprägung. (Anintellektualisiert und auf middle-class-Maß gehoben, dazu romanhaftarabesk verdichtet und stärker mit Generationsrücksicht, damit auch aufEinwanderer Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts bezogen, ist auch Saul Bellows – Nobelpreis für Literatur 1976 – Kernmilieu in seinen auch deutsch publizierten Romanen: »Herzog«, 1961, »Mr. Sammlers Planet«, 1970 oder »Humboldt’s Gift«, 1973).DeathOfASalesman

Für seinen »Handlungsreisenden« erhielt Arthur Miller zwar nicht den Literaturnobelpreis…aber doch den in der literarischen US-Szene anerkannten Pulitzerpreis (1949). Und dies auch wegen seiner kritischen und mit entwickelten ästhetisch-dramaturgischen Mitteln bühnenwirksam präsentierten Sicht auf US-amerikanische Erfahrung und Geschichte, in der trotz der großen Depressionserfahrung mit der Weltwirtschaftskrise (1929) eine soziale »Lebenslüge« wirksam war und ist: Der US-amerikanische Traum vom individuell möglichen und machbaren sozialen Aufstieg, vom Tellerwäscher zum Millionär…Leistungs- und zugleich Lebensmythos überhaupt.

Dies war Arthur Millers Haupttopos: Und auch als nun schon seit Jahrzehnten »durchgesetzter« und weltweit bekannter Dramatiker geht der Autor diesen Pfad zurück in »The American Clock« (1980): Wenn auch ohne die ästhetische Dichte des »Handlungsreisenden« wieder zu erreichen, führt uns die lockere Spielszenenfolge mit den gut drei DutzendSpielerinnen und Spielern in (so der deutsche Titel des Stücks) »Die Große Depression« zurück. Auch in diesem späten Bühnenwerk Arthur Millers zeigt sich des Autors im Bereich der Ökonomie begründete psychodramatische Virtuosität und dramaturgische Meisterschaft… wobei, zugegeben, der Autor auch auf publizierte Interviews zum Innern der Krise und langanhaltende subjektive Krisenerfahrungen (ich meine Studs Terkels Bände »Hard Times: Oral History of the Great Depression«, 1970, und »American Dreams: Lost & Found«, 1980) zurückgreifen konnte).(2)

Was jedoch im »Tod eines Handlungsreisenden« als Requiemschluss notwendig und zwingend wirkt – erscheint in der »Großen Depression« eher als willkürlich montierter Abspann: Die sarkastische Botschaft des alten Lee Baum, dass erst der (nächste und Zweite) Weltkrieg die wirtschaftliche Depression beenden und den ökonomischen Aufschwung bringen konnte. (Auch dieses Wirkliche war wohl wirklich, deshalb aber nicht notwendig vernünftig). – So gesehen, ist Arthur Millers Rückkehr zum Ausgangspunkt – dem von ihm als Dramatiker wesentlich mitbegründeten neo-realistischen Psychodrama (in) der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in »Die große Depression« – denn doch eher bloße Rückschau als produktive Weiterführung.

III.
Die Handlung des zwölf Personendramas -Doppelbesetzungen wären auch möglich -ist um den Kern, die vierköpfige Kleinfamilie und ihren überdimensionalen und defekten, freilich noch nicht völlig abbezahlten Kühlschrank in der Wohnküche gruppiert. Im Mittelpunkt einerseits Willy Loman, Anfang 60, sein Leben lang Vertreter (Handlungsreisender), erfolglos, ausgelaugt, auch nervlich am Ende. Nun ist Willy altes Eisen, ausgemustert ohne Gehalt (Fixum), nur noch auf seine Abschlüsse in einem weiten Bezirk und in Konkurrenz zu jüngeren commis voyageursangewiesen, vom Firmenchef grad noch als fünftes Rad am Geschäftswagen geduldet. Willy fährt unkonzentriert seinen alten Chevy, sollte wissen, dass er am Ende ist, hängt sich jedoch um so stärker an seine Illusion, dass er nach wie vor gebraucht würde und beliebt war. Dies ist eine durchaus psychotisch in Form von Selbsttäuschung, Depressions-schüben und Suicidvorbereitungen bemerkenswerte Auffälligkeit.

Linda Loman, (Haus-)Frau und Mutter der Söhne Biff und Happy, weiß von den Problemen ihres Mannes und auch, daß ihr Mann, den sie nach vielen Ehejahren sicherlich nicht mehr heiß liebt aber doch als Person wie sie ist anerkennt, in seinem Lebenslüge-Syndrom aktuell suicidgefährdet ist … kann gleichwohl nur zu ihm halten, ihm Mut geben und Willy Außenweltkonflikte mit einem ihn finanziell unterstützenden Nachbarn oder seinem Vorgesetzten zu vermitteln versuchen. Zusätzliche Spannungen kommen in das Beziehungsgeflecht als Willys ältester Sohn Biff – 34jährig – in die elterliche ´kleine Lebenswelt´zurückkommt, aber vom Vater als »Versager« nicht akzeptiert wird. Diese Ebene ist durch (reale) Rückblenden ebenso deutlich wie die der Beziehung Willy zum »erfolgreichen« großen Bruder Ben, der gleichsam als Ich-Idol und damit unerreichbar erscheint (weshalb hier auch irreale Retroperspektiven dramatisiert werden). Insbesondere wird eine zwanzig Jahre zurückliegende Schlüsselszene benutzt, um Willy Loman als Mann, der sich selbst sowie seine Frau und besonders seinen Ältesten täuscht, vorzustellen: Biff sucht Nähe und Hilfe seines Vaters, reist ihm nach, der lässt sich verleugnen … und schläft (um den Preis eines damals begehrten Paar Nylons) mit einer Firmeneinkäuferin in einer billigen Absteige. Dies erkennt der 14jährige Junge. Und damit ist das Verhältnis Vater-Sohn dauerhaft (und unumkehrbar) gestört infolge wechselseitiger Enttäuschungen.

Vielleicht gerade weil Willy Loman von seinen auch finanziell belastenden Alltags- und Zukunftssorgen, zu denen nun noch Sohn Biff ins Haus kommt, schier erdrückt wird, nimmt er die Einladung seiner beiden Söhne in ein Restaurant mit anschließendem Kneipenbummel unter Männern an.

Gefeiert werden sollte eigentlich eine Anstellung Biffs, der sich irgendwo vorstellte, aber nicht mal vorgelassen wird, also übers Vorzimmer nicht hinaus kommt. Deutlich wird, daß Biff immer nur »odd Jobs« hatte, gestohlen und betrogen hat und doch vom Vater als toller Kerl, dem die Welt offensteht, gesehen werden will. Im Restaurant reißt Happy, der jüngere Bruder, routiniert zwei Frauen auf. Zu den vier gesellt sich der eingeladene und verstaubt-schäbig wirkende Willy Loman. Und nun bricht der Vater-Sohn-Konflikt im öffentlichen Raum aus im Beisein der beiden angelachten Frauen, denen gegenüber Happy seinen Vater verleugnet und ihn als irgendeinen alten Mann ausgibt.

Ein so verwirrter wie enttäuschter Willy Loman verläßt den Schauplatz und geht allein nach Hause. Dort gibts eine erneute Vater – Sohn – Auseinandersetzung: Ein ebenfalls enttäuschter Biff entdeckt das Instrument des gedanklich bei Willy Loman immer präsenten Suizids, einen Schlauch in der Garage, und zeigt ihn wütend in der Küche vor, um zu verdeutlichen, daß er den Vater durchschaut … und Biff schont sich selbst nicht, gibt in Form eines Geständnisses zu, daß er immer und überall aus den Jobs geflogen und eben nicht der vom Vater erwünschte allseits beliebte Biff, der erfolgreiche Sportsmann und die anerkannte Stimmungskanone, ist. Willy Loman erkennt, behutsam bestärkt durch Linda, daß Biff ihn, Willy, als Vater immer bewundern wollte und als Sohn geliebt hat. Was folgt ist ein (dramaturgisch gleichsam als Abspann nur angedeuteter) Bilanzsuizid Willy Lomans, gleichsam rational in Form eines Opfertods inszeniert, weil die Versicherungsprämie rechtzeitig bezahlt wurde und der Tod den Hinterbliebenen 20.000 US-Dollar Prämie bringen soll: Der Motor des Chevy springt in der Garage an und Willy Loman jagt mit Vollgas davon …

Was Arthur Miller auch mittels artistischer Montagen, Schauplatzwechsel, Ineinandergreifen von Fiktivem und Realem, Symbolischem und Konkretem sowie mit Rückblenden auf einer dreigliedrigen Bühne – unterstützt durch Vorgaben für Lichteffekte und Musikelemente – ästhetisch entwickelt – hat, ein paar Jahre später, ein deutscher Autor thematisch bündig auf den inhaltistischen Punkt gebracht: »Er sah die Menschen, und er sah, daß sie sich an Illusionen festklammerten, an die sie schon lange nicht mehr glaubten. Eine dieser Illusionen war das Familienglück.«(3)

Im Abspann seines Dramas vom »Tod eines Handlungsreisenden« läßt Arthur Miller als »Requiem« Nachbar Charley, der als einziger auch dem lebenden Willy Loman finanziell unter die Arme griff, gegen dessen Söhne am Grab des Vaters sagen (und der Eingangssatz wurde denn auch jahrelang so etwas wie ein geflügeltes Wort): »Willy was a salesman. And for a salesman, there is not rock bottum to the life. He don’t put a bolt to a nut, he don’t tell you the law or give you medicine. He’s a man way out there in the blue, riding on a smile and a shoeshine. And when they start not smiling back – that’s an eaithquake. And then you get yourself a couple of spots on your hat, and you’re finished. Nobody dast blame this man. A salesman is got to dream, boy. It comes with the territory.«

Wenn Manfred Pütz im Nachwort zu seiner (im Übrigen soweit erkennbar preisgünstigsten) englischsprachigen Ausgabe des »Handlungsreisenden« sich darüber verwundert gibt, wie wenig sich Kritiker und Kommentatoren über Themen und Tendenzen oder über formale Gestaltung des Stückes einig zu werden vermochten(4) – so halte ich grad dies‘ ambiguöse, unabgeschlossene und offene für eine erweisliche Stärke des »Handlungsreisenden« als theatralisch-sprachlichem Kunstwerk. Denn dieses ist – wie jedes Kunstwerk, das so genannt werden soll – mehrdeutig, polyvalent, damit auch in verschiedener Weise wirkend und von (hier: Theater-) Zuschauern aufnehmbar bzw. zu deuten, zu akzeptieren oder auch abzulehnen. Es ist gerade diese ästhetisch vielfältige und niemals eindimensionale Wirkungspotenz, die jedes Kunstwerk von der bekannten im Sinne mathematischer Binär- und aller darauf aufbauenden technischen Ein-Eindeutigkeitslogik im computerisierten Zeitalter mit ihren nur Ja- oder- Nein-Vereinfachungen unterscheidet … und zugleich Spannung, Reiz und über aktuelle Räume und Zeiten mögliche Wirksamkeiten von Kunst als solcher ausmacht.

Und dies trifft sicherlich auch auf Arthur Millers »Death of a Salesman« als darstellende Wort- und Aktionskunst zu. Insofern ist das Theaterstück von 1949 mehr als das, was es in publizistischer Funktion auch -aber eben nicht nur – ist: Uns heute Nachgeborenen eine angemessenere, weil zusammenschauende, Vorstellung von konfliktorischenLebensbedingungen, -weisen und -formen zu geben als die zahlreichen »direkten, vielfältigen und verwirrenden Zeitzeugnisse«(5) – hier etwa innerhalb der Berufswelt männlicher Untermittelklässler und ihres familiären Umfelds in/um New York nach dem Zweiten Weltkrieg und noch vor der US-Prosperität infolge des Koreakrieges in den 50er Jahren.

Arthur Miller (1966)

IV.
Manfred Pütz systematisiert in seinem informativen Nachwort zusammenfassend Arthur Millers ästhetisch-entwickelte »formale Besonderheiten« des »Handlungsreisenden« und betont im Zusammenhang der »auffallenden Verwendung von Symbolen, Effekten der Licht- und Musikregie, komplexer Überlagerung verschiedener Zeitebenen, Perspektivenwechsel zwischen realistischer Gegenwartshandlung und imaginären Vergangenheitserlebnissen« sowie dem »so einfachen wie multifunktionalen Bühnenbild, das die Vorstellungskraft des Zuschauers herausfordert« das auch genre-ästhetisch offene Moment in Millers Stück, zugespitzt: Ob der »Handlungsreisende« eher als »realistischnaturalistisches Theater« oder eher als »expressionistisches Drama« zukategorisieren sei. (Pütz geht den goldenen Mittelweg und plädiert fürs differenzierte Sowohl-als-Auch, demzufolge der Dramatiker Arthur Miller’s halt verstanden hat, »die realistischen und naturalistischen Elemente des Stückes so mit expressionistischen Darstellungstechniken zu verschmelzen, daß eine neue, durchaus eigenständige Einheit entsteht.«(6) Zugleich spricht der Herausgeber drei thematische Felder als Konfliktdimensionen im »Handelsvertreter« an: Gesellschaftskritik, schrankenlos-kapitalistischen Verdrängungskampf und Schmutzkonkurrenz unter den Bedingungen US-amerikanischer Wettbewerbs- und Tüchtigkeitsideologie; Kritik an Personen und Konfigurationen, die/in denen der »American Dream« subjektiv wirksam, das meint: nicht nur geglaubt, sondern werthaft verinnerlicht und normhaft durch Handlungen inbezug auf andere, also nach außen, dokumentiert wird. Und das innerfamiliäre Beziehungsgeflecht mit der zentralen Konfliktachse Vater-Sohn-Verhältnis … wobei diese Sicht Willy Loman als Hauptfigur und Protagonisten relativierte und in der (auch in beientsprechender Regie herauszuarbeitende) bürgerlichen Vater-Mutter-Söhne-Kleinfamilie und ihrer verclinchten kleinen Lebenswelt die Zentraldimension sähe – Familie also als Ursache und Wirkung, Täter und Opfer zugleich … letztlich für eine weitere, vierte Konfliktebene: eine soziale Noxe, also das, was Persönlichkeiten zerstört und Individuen insbesondere im sozialmedizinisch-psychiatrischen Sinn krank macht und damit zugleich auf spezifische Konstruktionsdefekte im modernen US-amerikanischen Sozialcharakter bzw. dem auch ökonomisch bestimmten Zusammenhang von »Character and Social Structure« (Hans Gerth/C. Wright Mills) hinweist.

tod eines handlungsreisendneDiese Aufnahme- und Deutungsvariante würde das Besondere an Arthur Millers Zweiakter als Psychodrama herauszuarbeiten bzw. in entsprechender Inszenierung dramaturgisch und wirkungsästhetisch zu transformieren versuchen: Etwa mit der schon sprachlich deutlichen Parallelisierung von wirtschaftlicher und seelischer Depression – die im Detektionsprozess um Willy Loman bis ins früher »Spaltungsirresein« genannte Feld von Schizophrenie im klinischen Sinn führt, damit zugleich auch einen »klassischen« europäischen intrapsychischen Konfliktstoff – etwa die faustischen zwei Seelen in der Mannesbrust oder dieJanusköpfigkeit des Jekyll & Hyde-Stoffs – in der modernen US-amerikanischen dramatischen Literatur wieder aufnimmt und zugleichproduktiv bearbeitet. Dieser – vierte – Ansatz könnte denn auch zu einem fünften Deutungsstrang verdichtet werden. Einer literatur- und dramenpsychologischen Ebene: Willy Loman als »Maske« (Thomas Mann) – als Zirkulationsagent ohne handwerklichen Hintergrund („who don’t put aholt to a nut“), der also nicht mit Schrauben und Muttern dinglich arbeitet und der nicht anders kann als sich auf die abstrakte Tauschebene auszurichten und vom Geld abhängig und insofern seinen Gattungsmöglichkeiten nach ent-fremdet wird, dieses ahnt und sich ständig des »well-liked«, also der Außenanerkennung, rück-versichern muß.

Dies wäre eine wenn man so will: Von der Wirtschafts- und Erwerbswelt »kleiner Leute« ausgehende klinisch-soziologische (oder: sozialdiagnostischsozialpsychologische) Deutungsvariante, die sowohl an zeitgenössische USamerikanische als auch westeuropäische Gesellschaftskritik anschließen könnte.(7)

Auch wenn sicherlich über die fünf angedeuteten hinausgehend weitere und Variante Interpretationen von Millers »Handlungsreisenden« möglich wären … sie sollen jetzt und hier nicht versucht werden. Wichtig scheint mir jedoch, daß entsprechend dem Grundanliegen des Theaterstücks als Kunstwerk unsere Verletzlichkeiten auch in ihrer Destruktivität (hier Lomans Selbsttötung) offen thematisiert werden können … was unter Einvernahme geeigneter Symbol-, Bilder- und Formensprache nur ein Kunstwerk kann. Denn es geht gerade im Betroffenheiten hervorrufenden »Tod eines Handlungsreisenden« um eine der beiden Möglichkeiten – Zerstörung – unserer umfassenden conditio humana und jene immergeschichtlich konkret wirksamen, folglich auch durch menschliches Handeln veränderbaren Lebensbedingungen.

V.
Das nächste große Theaterstück Arthur Millers kommt parallel zur erstenVerfilmung des »Handlungsreisenden« 1953: Es ist ein historisches Drama – »The Crucible« (deutsch: »Hexenjagd«). Und jeder, auch der dort implizit angesprochene Kommunistenjäger – Joseph McCarthy, Spitzname: „Senator Amok“ -, nimmt das Stück als das, was es nur sein kann: Eine Kritik anrepressiven Verfolgungspraxen mit den US-Kernstücken Gesinnungsschnüffelei und Kontaktverbot („guilt-by-association“). Der Dramatiker hat in seinen Altersmemoiren das später weltweit, nur zunächstnicht in den USA gespielte Stück ebenfalls von der Wirksamkeit her so bewertet:

Cruciblecover
Hexenjagd

»Im Laufe der Jahre wurde die Hexenjagd mein bei weitem am häufigsten aufgeführtes Stück – sowohl im Ausland als auch in den USA. Seine Bedeutung veränderte sich jeweils mit dem Ort und mit der Zeit. Ich weiß beinahe, wie die politische Situation eines Landes aussieht, wenn das Stück dort ein Erfolg wird – entweder ist es eine Warnung vor einer kommenden Tyrannei oder die Erinnerung an eine gerade Überwundene.«(8)

Mit der »Hexenjagd« und einem Stückchen an Jonathan Swift(9) geschulter aktueller politischer Publizistik (unter dem Titel »A Modest Proposal« und der dann entwickelten scheinbaren Untertanenbitte) kommt sowohl die Einladung zum öffentlichen Verhör vor dem Auschuss für unamerikanische Umtriebe des US-Repräsentantenhauses am 21. Juni 1956(10) als auch eine »längere Periode persönlicher und politischer Schwierigkeiten in Millers Leben.(11)

Und gerade Arthur Millers Lebensjahrzehnt bis etwa Mitte der 60er Jahre zeigt, daß es ganz falsch wäre, den Autor von »Tod eines Handlungsreisenden« und »Hexenjagd« als ungebrochenen Helden darzustellen. So mutig sich Miller im öffentlichen Hearing verhält, in dem er (hier dem Beispiel von Lilian Hellman folgend)(12) als »unfreundlicher Zeuge« keine Namen ex-kommunistischer Sympathisanten nennt, so hat er doch gleichzeitig im persönlichen Leben seine zeitweilige Ehefrau Marilyn Monroe, die den gut zehn Jahre älteren Autor als moralische Autorität bewunderte, enttäuscht – nicht zuletzt, weil der »Beschützer« aus der Sicht einer damals alkohol-, tabletten- und beziehungsabhängigen und so verletzlichen wie schutzsuchenden Marilyn die in ihn gesetzten hohen Erwartungen und Anforderungen nicht erfüllen kann, weil er selbst, seit Jahren als Schriftsteller ästhetisch-creativ blockiert und unproduktiv, ums Überleben als politisch engagierter Künstler kämpft und all seine Energie für sich aufbraucht. Arthur konnte Marilyn den nötigen und gesuchten Halt nicht geben. Dieser Aspekt subjektiver Enttäuschung der emotional bedürftigen Partnerin scheint in der Darstellung der Marilyn-Monroe-Biographin auch offen auf, wenn es im Miller-Abschnitt unter dem Titel »Die große Hoffnung« heißt: »Miller selbst zerstörte sein positiv kämpferisches Image, indem er sich als literarischer Streikbrecher betätigte. Er schrieb das Drehbuch (…) zu »Let’s Make Love« um, während sich die Scriptautoren im Streik gegen die Studios befanden (…) Von nun an hatte Marilyn die Achtung vor ihrem Ehemann restlos verloren.«(13)

VI.
Ende 1996 waren wenn buchhändlerische Inventarverzeichnisse lieferbarer Titel denn so vollständig sind wie beansprucht – und mal abgesehn von einem 75-Minuten-Video (»Arthur-Miller-Omnibus«) – insgesamt 28 Buch und Broschürentitel des Autors Arthur Miller zu (ver)kaufen, Arbeitshilfen und Originaltextausgaben für den deutsch- und fremdsprachigen Unterricht eingeschlossen. Zum »Tod eines Handlungsreisenden« waren davon allein acht lieferbar, von diesen wiederum sechs englischsprachige Editionen einschließlich »Text & Studies Aids« und kommentierte Originaltextausgaben des Theaterstücks. (Auch die hier benutzte von Manfred & Gunda Pütz, Ausgaben 1984 und 1990). Von den beiden deutschsprachigen Ausgaben habe ich die schon am Titel (»Tod eines Handlungsreisenden«) sofort erkennbare Neuübersetzung herangezogen (in der ersten Übersetzung von Ferdinand Bruckner lautete der unbestimmte Originaltitel irrtümlich: »Tod des Handlungsreisenden«).

Es mag sein, daß die neue deutsche Übersetzung von Schlöndorff/Hopf, die für die Zweitverfilmung mit Dustin Hoffman als Willy Loman eine modernisierte Version des »Handlungsreisenden« feilbietet, flüssiger lesbar ist als die zeitgleiche Eindeutschung. Nur: Mir erscheint die Schlöndorf/Hopf -Variante des Guten zuviel getan zu haben, genauer: Mir ist das, was als »Tod eines Handlungsreisenden« von Arthur Miller in nahezu einer halben Million Fischertaschenbücher auf den Markt kam, doch einerseits zu flapsig, andererseits zu schlampig übersetzt: Es mag – erstens – angehen, eine Schlüsselmetapher wie beliebt oder nicht beliebt als (not) well-liked umgangssprachlich zu fassen, als eine, wenn sicherlich nicht die trennschärfste, Möglichkeit. Hingegen erscheint mir – zweitens – aus dem zitierten Requiem auf den toten Willy Loman die Schlöndorff/Hopf-Version von »He don’t put a holt to a nut« pseudoliterarisiert wenn es heißt: »Er fügt kein Brett in Nut und Feder« und einfach – Nachbar Charley spricht nämlich nicht Shakespearian English, sondern Brooklyn-Slang – die Wendung: Ein Vertreter hantiertweder mit Schrauben und Muttern (und weiter:) noch spricht er Recht oder verschreibt Medikamente, angemessen wäre. Drittens schließlich verkennen Schlöndorff/Hopf als Übersetzer den bewußt artifiziellen Charakter des Originaltextes völlig, wenn sie aus Lidas Liebeserklärung »Willy, darling, you’re the handsomest man in the world« die wurschtige catch-all-version »Willy, Liebling, Du bist ein Prachtkerl« machen. Genau so wird doch das grammatisch Besondere der Linda-Aussage, nämlich der weil ungebräuchlich gestelzt wirkende Superlativ »handso mest« zur postmodernen Beliebigkeit verkehrt, übrigens auch dann, wenn jede Linda-Darstellerin das Du bist betonen würde. Die Allerweltsfloskel »Prachtkerl« verdeckt das hausfraulich Besondere (im übrigen gehts um ihren Mann und kein Pferd im Stall.) Die »Prachtkerl«-Formel ist aber auch sprachmelodisch-rhythmisch unangemessen: Was im Original acht akzentuiert (wenn nicht gestelzt) zu sprechende Silben ausmacht, ergibt bei Schlöndorff/Hopf grad zwei (die auch weggenuschelt werden können, was im Film abgehn mag, aber schlechte Theaterpraxis wäre). Und schließlich geht, kommunikationstopologisch gesehn, das sprachliche Sich-in-Beziehung-Setzen der Linda zu »ihrem« Willy in dieser Sequenz völlig unter. Was im US-amerikanischen Arthur-Miller-Text, vermutlich bewußt artifiziell komponiert, als gedrechselt klingender und ganz gebräuchlicher (bekanntlich nicht mehr steigerbarer) Superlativ als »the handsomest man in the world« sprachlich ausgedrückt wird … kommt als »Prachtkerl« und damit von einer sich zu ihrem Mann als Person verbalisierenden Partnerin Linda in der deutschen Version als beliebige Sprechhülse daher. Das ist nicht nur sprachliche Schlamperei. Das ist darüber hinaus intellektueller Dünnpfiff. […]

VII.
»Death of a Salesman« ist vor allem ein Stück Theater für die Bühne. Und für on stage gilt (wie auch für Literaturverfilmungen), was Bertolt Brecht beiläufig zur breiten Wirksamkeit des Kriminalromans notierte: »Es bereitet Genuß, Menschen handelnd zu sehen, Handlungen mit faktischen, ohne weiteres feststellbaren Folgen mitzuerleben.«(14)

Bibliographische Hinweise
Arthur Miller, Death of a Salesmann. Certain Private Conversations in Two Acts & a Requiem. In: Collected Plays. New York: The Viking Press, 1957. Text nach dieser Ausgabe, mit dt. Glossar, Auswahlbibliographie & Nachwort hrsg. v. Manfred & Gunda
Pütz, Stuttgart: Reclams Universal-Bibliothek/RUB 9172, 1984, 171 p. – DeutscheAusgabe: Tod eines Handlungsreisenden. Gewisse Privatgespräche in zwei Akten und einem Requiem. Dt. von Volker Schlöndorff mit Florian Hopf. Ffm.: Fischer TB 7095/Reihe Theater, 469.-476. Tausend, April 1996, m. Anmerkung von VolkerSchlöndorff, 119 Seiten

Anmerkungen
(1) Arthur Miller, Zeitkurven. Ein Leben. Ffm.: Fischer TB 5685, 1989, zitiert S. 254, 702, 245

(2) dt. Buchausgaben: Studs Terkel, Der Große Krach. Die Geschichte der amerikanischen Depression. Ffm.: suhrkamp taschenbuch/st 23, 1972; ders., Der amerikanische Traum. Vierundvierzig Gespräche mit Amerikanern. Bln.: WagenbachsTaschenbücherei AVAT 80, 1981

(3) Wolfgang Koeppen, Das Treibhaus (Roman). Ffm.: suhrkamp taschenbuch/st 78, 16.-23. Tsd./2. Auflage, 1976, S. 111

(4) Manfred Pütz, Nachwort zu: Death of a Salesman, op. cit., S. 160-170

(5) so Vilfredo Pareto, Trattato di sociologia generale, Firenze: G. Barbfera, sec. ed., 1923, vol. I, § 545

(6) Pütz, Nachwortop. cit., 169

(7) etwa bei David Riesman et. al., The Lonely Crowd (1950), dt. Ausgabe zunächst Neuwied-Berlin: Luchterhand, 1956, dann als Taschenbuch Reinbek: rororo, 1958; oder bei Hans Kilian, Das enteignete Bewußtsein. Neuwied-Berlin: Luchterhand, 1971

(8) Miller, Zeitkurven, op. cit., S. 460

(9) Jonathan Swift, A Modest Proposal For Preventing the Children of poor People in Ireland, from being a Burden to their Parents of the Country; an for making them beneficial to the Public, In: same, Irish Tracts, 1728-1733, ed. Herbert Davis, Oxford: Basil Backwell, 1955, pp. 108-118. In altertümlicher Übersetzung dt. in: Satyrische und ernsthafte Schriften, von Dr. Jonathan Swift, Bd. I, Zürich by Orell, Geßner & Comp., 3. Auflage 1977, S. 51-68 (Reprint)

(10) deutscher Text in: Sind oder [ra]waren Sie Mitglied? Verhörprotokolle über unamerikanischeAktivitäten, hrsg. v. Hartmut Keil. Reinbek: Rowohlt/das neue Buch: dnb 131, S. 116-129; Miller hebt vor allem auf seinen individuellen Künstlerstatus ab

(11) Pütz, Nachwort, op. cit. S. 162

(12) Lilian Hellmann, Scoundrel Time. London: MacMillan,1976; deutsche Ausgabe u.d.T.: Zeit der Schurken. Ffm.: Neue Kritik, 1979

(13) Ruth-Esther Geiger, Marilyn Monroe. Reinbek: Rowohlt/rm 507, April 1995, S. 85-102, zit. S.97

(14) Bertolt Brecht, Über die Popularität des Kriminalromans, Gesammelte Werke Bd. IX, Ffm: Suhrkamp, 2. Auflage, 1968, S. 453

Erstdruck: PSYCHOLOGIE VERSTEHEN! Hg. Kurt Guss, Papillon Verlag, 6 (1997) 1: 9-19. Für diese Veröffentlichung um den Abschnitt der damals über den Büchermarkt verfügbaren Textausgaben mit damaligen DM-Preisen gekürzt. [ra]

Richard Albrecht ist ausgebildeter Journalist, betrieblicher Ausbilder und Sozialwissenschaftler (Diplom, Promotion, Habilitation). Er lebt seit seiner Beurlaubung als Privatdozent (1989) als unabhängiger Wissenschaftsjournalist, Editor und Autor in Bad Münstereifel. 1991 Veröffentlichung des Forschungsansatzes THE UTOPIAN PARADIGM. 1994/97 Redaktionsleier der Carl-Zuckmayer-Blätter und Herausgeber Theater und Kulturwissenschaftliche Studien. 2002/07 Herausgeber des Netzmagazins rechtskultur.de. 2011 erschien als bisher letzte Buchveröffentlichung HELDENTOD. Kurze Texte aus Langen Jahren. Bio-Bibliographie http://wissenschaftsakademie.net

Karl + Rosa: Eine Weltpremiere im Theater Bonn – Eine Theaterkritik von Richard Albrecht

Erinnerungen
Der marxistisch orientierte Marburger Hochschullehrer Wolfgang Abendroth wies seine Studenten jahrzehntelang auf einen besonderen Widerspruch im Zusammenhang mit der deutschen Novemberrevolution hin: einerseits erklärte sich das damalige Zentralorgan der damaligen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, der mehrmals täglich erscheinende „Vorwärts“, im politischen Teil vorn für die Ablösung des Acient Régime auch in Deutschland. Andererseits fanden sich bei den Kleinanzeigen hinten Reklame für die Freikorps als jene konterrevolutionären Kräfte, die die Revolution nicht nur wie die Pest haßten. Sondern strategisch gewaltsam gegen sie arbeiteten.

Eine weitere Facette dieses nicht nur den „Vorwärts“, sondern die politische Führung der bald Mehrheitssozialdemokratie genannten kennzeichnenden geschichtlichen Widerspruch hat Wolf Abenderoth nach seiner Entpflichtung 1979 als historisch aufklärender zorniger Alter so benannt (1):

„Am 13. Januar 1919 hat – nie darf es vergessen werden – Artur Zickler im „Vorwärts“, damals der wichtigsten Tageszeitung jener Mehrheitssozialdemokraten, die sich ihrer während des Krieges mit Hilfe der kaiserlichen Regierung und ihrer Behörden bemächtigt hatten, geschrieben: „Vielhundert Tote in einer Reih – Proletarier! Karl, Rosa, Radek und Kumpanei – es ist keiner dabei, es ist keiner dabei! Proletarier!“ Die Freikorps, von einem „Rat der Volksbeauftragten“ und ihrem militärischen Verantwortlichen Gustav Noske herbeigerufen, um die Berliner Arbeiter „zur Ordnung“ zu bringen, haben diesen Wink in der Weise verstanden, wie es zu erwarten war. Am 15. Januar 1919 wurden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ermordet.“ (2)

November 1918
Es mag sein, daß Alfred Döblin (1887-1957) als Autor der ´klassischen Moderne´ in Deutschland noch immer und trotz Rainer Werner Faßbenders Biberkopf-Serie schon wieder unterschätzt wird. Döblins 1939 begonnene und 1950 beendete Romantrilogie jedenfalls ist bis heute alles andere als breit rezipiert, mehr noch: weder in den schulischen Textkanon des Literaturunterrichts eingegangen noch von jenen Professionellen gelesen, bei denen es am ehesten erwartbar wäre: umso wichtiger, daß mit der vierbändigen Dünndruckausgabe der Romantrilogie im Deutschen Taschenbuchverlag (dtv) eine gediegen edierte und kommentierte Textausgabe von November 1918. Eine deutsche Revolution. Erzählwerk in drei Teilen vorhanden ist (3). Dabei wirkt der hier besonders interessierende letzte Teil der 1950 abgeschlossenen Monumentaltrilogie im Vergleich mit dem ersten, noch im antifaschistischen deutsch(sprachig)em Exil (4) entstandenen Text so entpolitisiert wie jenseitsorientiert: stand zunächst die erkenntnisleitende Frage nach den gesellschaftlich-geschichtlichen Ursachen faschistischer Machtmachtübergabe, Machtübernahme und Machtausübung seit 1933 (5) im Mittelpunkt, so kommt knapp ein Dutzend Jahre später die Niederlage der deutschen Arbeiterbewegung 1918/19 als rational unerklärliches und mythisch verklärtes Phänomen in der personalen Sphäre daher.

AlfredDöblinCover
dtv-Titelblatt
(Archiv des Autors)

Dieser, der sowohl politikhistorisch als auch literarästhetisch schwächlichste Teil von November 1918 wurde als Geschichte zwischen Himmel und Hölle nach dem Roman von ALFRED DÖBLIN für die Bühne bearbeitet von ALICE BUDDENBERG und NINA STEINHILDER in den Kammerspielern des Theaters der Bundestadt Bonn am 2. Oktober 2013 welturaufgeführt.

Eindrückliches
Erfreuliches auf den ersten Blick. Die Kammerspiele als Teil des Stadttheaters Bonn, im Zentrum Bad Godesbergs gelegen, fußläufig zur U-Bahn. Das Gebäude trotz seiner äußerlichen Hülle herinnen ansprechend freundlich, hell angestrichen, großzügig begehbar.

Schauspiel Bonn (Kammerspiele Bad Godesberg)
http://www.viennaticketoffice.com/karl-und-rosa-tickets-195974-es.html

Das Sekundärpersonal des Theaters an Kasse, Garderobe und Theke freundlich gegenüber dem Premierenpublikum, das ausnahmslos pünktlich erscheint und neugierig wirkt. Die etwa 460 Plätze ausverkauft und außer wenigen Einzelplätzen vollbesetzt. Das Gesamtprogrammheft zur neuen Spielzeit 1913/14 rechtzeitig verschickt, formal optisch ansprechend gestaltet wie inhaltlich informativ und anregend; auch die Pressekarte wurde rechtzeitig verschickt und kam einen Tag vor der Veranstaltung selbst an.
Es war als sollte das Bundesstadttheater nun neu aufschwingen. Faktische Hauptstadt des neuen ganzdeutschen Staatsgebildes war Bonn nur bis Herbst 1998. Dr. Manfred Beilharz, 1992/97 Intendant am Schauspiel Bonn und nach Selbstdarstellung ein Schüler Brechts, verließ Bonn rechtzeitig. Ihm folgte als neuer (und zugleich erster General-) Intendant des Theaters Bonn im Herbst 1997 jemand, der Theater als „Abendunterhaltung“ (Bertolt Brecht) verkaufen konnte: Klaus Weise. Seit August 2013 amtiert Dr. Bernhard Helmich als neuer Generalintendant des Bonner Theaters.Ticket

Und doch irritierte mich als ich, zeitig zur Weltpremiere am 2. Oktober 2013 angereist, ins  erste Programmheft der neuen Spielzeit sah, so manches, das mich an zwei Grundeinsichten erinnerte: daß erstens nicht alles, was glänzt, goldig sein muß. Und daß zweitens gut gemeint das Gegenteil von gut sein kann. Auf den ersten Blick referiert die neue Bonner Dramaturgin in ihrer fünfseitigen Einführung die Formalstruktur von Döblins Romantrilogie richtig. Und verweist auf Schwächen speziell des dritten, „800 Seiten starken letzten Bandes von Döblin Werk, der noch einmal in die Zeit um 1918/19 zurückkehrt, als für einen Augenblick sovieles möglich schien“ als „Grundlage des theatralen Epos, das Hausregisseurin Alice Buddeberg mit ihrem achtköpfigen Bonner Spielensemble entwickelt hat.“ (6)

KarlundRosaCover
Theater Bonn, Spielzeit 13/14. Schauspiel. Programmheft Nr. 1:
Karl+Rosa (Broschüre, 40 p. [und] 12 Szenenphotos).

Was dann zur „Geschichte über das Sterben“ erklärt wird und zur „eigentlichen Schlacht“, die „im Innern des Menschen tobt“, ist gewiß kein „Holzweg der Holzwege“ (Joseph Dietzgen). Aber doch Ausdruck von als Stärke ausgegebener Schwäche von Karl und Rosa als theatrales Inszenierungsprojekt.

Sieht man von Rosas ergreifenden Büffelhaut-Text aus der Breslauer Haft Ende 1917 ab, entsprechen weitere Programmhefttexte und -zitationen der ideologischen Sicht der neuen Bonner Dramaturgin: anstatt bekannte Existentialisten wie Albert Camus oder Walter Benjamins Angelus Novus oder mehr oder weniger bedeutsame Wochenblattintellektuelle wie Rüdiger Safranski oder Walter Jens auf entsprechender Abstraktionshöhe zu bemühen – wäre es besser gewesen, die Mühen Ebenen abzuschreiten, genauer: sowohl eine der wenigen bedeutsamen Rezensionen der Romantrilogie (7) als auch eine neuere Studie (8) zu ihr produktiv zu nutzen.

So gesehen, wurde für dieses Programmheft nicht schlampig – sondern gar nicht recherchiert.

Weltpremiere
Unmittelbar während des höflichen Klatschens wurden auf dem Weg zur U-Bahn Stichworte ins noch analoge Diktiergerät gesprochen. Einige folgen, stichwortig notiert: 125´ teils verkopfertes Sprechtheater; wenig gelunge Slaps, mehr aufgesetzter Klamauk. – Die Rosarolla einzig alleinbesetzt. Rosa als zerrissene Person vorn, Karl als Schreihals blaß hinten. Triadisches Handlungsfeld verklammert durch persönlichkeitsgestörte Rosa. – Rosas Breslauer Haftpsychose manisch-depressiv verfestigt, schizoide Schübe. Doppelte Thematisierung Tod vor Augen und Vergeblichkeit linkspolitischen Kampfs. – Bloße Oberfläche Rosa-Karl-Konflikt. Machtmensch Lenin als hinterbühniger Politdaimon. Rosa als kritische Theoretikerin völlig unbegriffen. – Schluß mit Alles-nur-Theater-Spiel abspannendem Mikro-Teufel: peinlicher Premierengag.

Plakat
Werbepostkarte des Stadttheaters Bonn (Archiv des Autors

Von allen Einzelheiten abgezogen lassen sich drei Kernkritikpunkte zu Dramaturgie und Inszenierung kurzfassen:
-Was ich von dieser Weltpremiere als gut zweistündige Aufführung ohne Pause sah kam als sprechtheatrige Zumutung daher. Und war geeignet, eine allgemeine Errungenschaft jedes Theaters, den „Genuß, Menschen handelnd zu sehen“, (9) zu hintertreiben.
-Noch ärger als schon in der Romanvorlage wurde enthistorisiert. Daß ein unterbelichteter Karl Liebknecht und eine nachhaltig persönlichkeitsgestörte Rosa Luxemburg sich im Januar 1919 in Berlin in wechselnden illegalen Quartieren versteckt hielten blieb ebenso draußen vor wie die Bedrohung durch die konterrevolutionär-gewaltsame Soldateska der Noskegarde.
-Als stärkste Verkehrung empfand ich die Verhöhnung Rosa Luxemburgs als Theoretikerin. In dieser Dimension wirkte das Bühnenstück in seiner offenen Verachtung der Marxistin und ihrer theoretischen Leistungen, etwa der in der Breslauer Haft 1916 erarbeiteten Junius-Broschüre zur Deutung der imperialistischen Ursachen des Ersten Weltkriegs, (10) theoriefeindlich und antiaufklärerisch in seiner Mißachtung jedes aufklärerischen Impetus: „Wer verändern will, muß Bescheid um das Verändernde wissen. Der Nutzwert […] besteht eben darin, das Eingreifen in die gesellschaftliche Wirklichkeit zu erleichtern.“ (11) Die daraus folgende Plakatierung der Vergeblichkeit allen theoriegeleiteten praktischen Veränderungshandelns ist offen reaktionär und political theatre at its worst.

Ausblick
Wie an der Bonner Weltpremiere vom 2. Oktober 2013 verdeutlicht – neue Besen müssen nicht immer gut kehren. Sondern hinterlassen nicht selten zunächst Kehricht. So gesehen, kann´s für die neue Hausregisseurin am Theater Bonn nach ihrem Karl+Rosa-Projekt nur besser werden bei den im Programmheft angekündigten beiden Inszenierungen von Shakespeares Königsdramen und ihrer geplanten Dramatisierung von Heinrich Bölls bedeutendem Zeitroman Ansichten eines Clowns. (12)

Anhang
„KARL UND ROSA EINE GESCHICHTE ZWISCHEN HIMMEL UND HÖLLE
Uraufführung nach dem Roman von Alfred Döblin
Für die Bühne bearbeitet von Alice Buddeberg und Nina Steinhilber

Werbebild

Deutschland im Herbst 1918: Es ist das Ende des ersten Weltkriegs, das Land befindet sich im Umbruch. Während viele Tausende auf einem Trümmerfeld nach Orientierung suchen und nach einem Weg zurück ins Leben, kämpft im Breslauer Gefängnis eine Frau gegen die Einsamkeit der Haft und die erzwungene Tatenlosigkeit: Rosa Luxemburg, Ikone der deutschen Arbeiterbewegung, fiebert sich ihren toten Geliebten Hannes herbei. Mit ihm stürzt sie sich in imaginäre Gespräche von politischer Klarsicht und poetischer Raserei, lässt ihn Besitz ergreifen von ihren Träumen und Gedanken. Hannes wird zum geisterhaften Begleiter auf ihrer Reise in den Tod.

Doch zunächst überschlagen sich die Ereignisse: Gerade aus der Haft zurückgekehrt, ruft der linksrevolutionäre Sozialdemokrat Karl Liebknecht am 9. November in Berlin die freie sozialistische Republik aus. Kurz darauf lässt auch Rosa Luxemburg das Gefängnis hinter sich. Die Zeichen der Zeit stehen auf Sturm. ≫Karl und Rosa, zwei Schmetterlinge, flattern an≪ – bereit, die gemeinsam initiierte Revolution des Proletariats zum Erfolg zu führen.

Der jüdische Arzt und Schriftsteller, Sozialist und spätere Katholik Alfred Döblin hat den Protagonisten der Revolution, die keine werden durften, ein Denkmal gesetzt – und eine Sprache gefunden, die die Tragik der Ereignisse um KARL UND ROSA mit einem ironischen Blick auf die politischen Wirren der Zeit verbindet. Nach über 60 Jahren kommt der letzte Band seines großen Erzählwerks November 1918 erstmals auf die Bühne. KARL UND ROSA ist intimes Kammerspiel, große Tragödie und surreales Feuerwerk, ein reicher Stoff für dieneue Bonner Hausregisseurin Alice Buddeberg, die seit ihrem Regiestudium in Hamburg regelmäßig am Schauspielhaus Hamburg und am Schauspiel Frankfurt inszeniert und für ihre prägnanten, poetischenKlassikerinszenierungen 2011 mit dem ≫Kurt-Hübner-Preis≪ ausgezeichnet wurde. Ausgehend von Döblins Roman erzählt sie die Geschichte Rosa Luxemburgs als Geschichte einer schmerzhaften Emanzipation, voller Widerspruche und Wechselwirkungen zwischen politischer und privater Identität, revolutionärer Idee und Sehnsucht nach persönlichem Glück – als Geschichte zwischen Himmel und Hölle. Wo das Paradies für den Menschen verloren ist, bleibt der wütende Traum von einer besseren Welt.

Besetzung
Regie: Alice Buddeberg
Bühne: Cora Saller
Kostüme: Martina Küster
Musik: Stefan Paul Goetsch
Dramaturgie: Nina Steinhilber
Sophie Basse Rosa Luxemburg
Alois Reinhardt Hannes / Satan
Julia Keiling Tanja / Hilde
Sören Wunderlich Friedrich Becker u.a.
Glenn Goltz Karl Liebknecht / Der Direktor
Johanna Falckner Sonja Liebknecht / Lucie
Benjamin Berger Heinz Riedel / Jäger Runge
Daniel Breitfelder Johannes Maus / Erwin“

Richard Albrecht ist Sozialwissenschaftler (Diplom 1971, Promotion 1976, Habilitation 1988) und lebt seit seiner Beurlaubung als Privatdozent (1989) als unabhängiger Wissenschaftsjournalist, Editor und Autor in Bad Münstereifel. 1991 Veröffentlichung des Forschungsansatzes THE UTOPIAN PARADIGM. 1994/97 Redaktionsleier der Carl-Zuckmayer-Blätter und Herausgeber Theater- und Kulturwissenschaftliche Studien. 2002/07 Herausgeber des Netzmagazins rechtskultur.de. 2011 erschien als bisher letzte Buchveröffentlichung HELDENTOD. Kurze Texte aus Langen Jahren. Bio-Bibliographie http://wissenschaftsakademie.net

1 Richard Albrecht, ´… denkt immer an den ´mittleren Funktionär´: Wolfgang Abendroth (2. Mai 1906 bis 15. September 1985); in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 40 (2004) 4: 465-487, hier Anhang: 483-487; das Abendrothporträt steht (ohne den hier zitierten Anhang) kostenfrei im Netz http://www.grin.com/de/e-book/109653/denkt-immer-an-den-mittlerenfunktionaer-wolfgang-abendroth-2
2 Richard Albrecht, Die Ermordung Rosa Luxemburgs und die Mörderkarriere eines Konterrevolutionärs http://www.trend.infopartisan.net/trd1111/t551111.html
3 Das dreiteilige „Erzählwerk“ besteht aus Bürger und Soldaten 1918 (I: 1939), den beiden Teilen Verratenes Volk und Heimkehr der Fronttruppen (II/1 und II/2: 1949) und Karl und Rosa (III: 1950).
4 Richard Albrecht, Exil-Forschung. Studien zur deutschsprachigen Emigration nach 1933. Frankfurt/Main: Lang 1988, 376 p.
5 Richard Albrecht, Machtübergabe, Machtübernahme und Machausübung im Spiegel des ersten antifaschistischen Exilromans 1933; in: Michigan Germanic Studies, 11 (1985) 1: 16-33.
6 Dieser theatralen Binnensicht des Karl+Rosa-Projekts entspricht die Darstellung der acht Schauspieler/innen und ihrer sechzehn Rollen mit dem Vorrang der Darsteller/innen und nicht ihrer Rollen (im Anhang dokumentiert). Das kann auch als Verkehrung gewertet werden.
7 Hans Mayer, Eine deutsche Revolution. Also keine; in: Der Spiegel, 33/1978; 14.81978: 124-128; kostenlose Netzversion http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40607341.html
8 Ulrich Kittstein, Zwischen Revolution, Gewalt und göttlicher Gnade. Alfred Döblins Romantrilogie November 1918 (1939-50); in: ders.; Regine Zeller (Hg.), „Friede, Freiheit, Brot!“ Romane zur deutschen Novemberrevolution. Amsterdam; New York: Rodopi, 2009: 308-324.
9 Bertolt Brecht, Über die Popularität des Kriminalromans [1938]; in: ders., werkausgabe edition suhrkamp, Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1967, Band 19: 450-457, hier 453.
10 Richard Albrecht, Karl Liebknecht und Genossen. Die „Ausrottung der Armenier“ während des Ersten Weltkrieges und die deutsche politische Linke: in: Internationale Wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 41 (2005) 3, 310-328, hier 320-322.
11 Siegfried Kracauer, Das Ornament der Masse [1927]; zitiert nach ders., Essays. Nachwort Karsten Witte. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1977: 77.
12 Richard Albrecht, Heinrich Bölls Erzählung Keine Träne um Schmeck und ihr soziologisches Umfeld; in: soziologie heute, 5 (2012) 23: 32-34.

Der Luxus eines Bügeleisens – Über Peter Hetzlers Hartz 5-Buch von Richard Albrecht

„Nutella und Langnese-Honig. Können Sie sich von Ihrem Arbeitslosengeld Markenprodukte leisten, Frau Sanders?“ ist eine der Fragen beim überraschendem Besuch zweier „Sozialdetektive“ vom Jobcenter. Es folgt die Verdächtigung, „Nebeneinkünfte“ nicht gemeldet zu haben und die Aufforderung, „eine Liste mit allen im vergangenen Monat geschenkt bekommenen Lebensmitteln aufzustellen.“ So beginnt der Text. Und endet so: nach den letzten Aktionen der Hartz-5-Gruppe ist „unser Blog voller Lobeshymnen… Wir brauchen keinen Fan-Club. Wir brauchen Leute, die mitarbeiten.“

Dazwischen gibt es auf 153 Kleindruckseiten in 42 weiteren Kapiteln viel Wissens- und Bedenkenswertes über San-San und Biggi, 10%, Müller und Kurt als Hartzvier-Abhängige und doch gemeinschaftlich handelnde Personen und ihre behördischen Widersacher. Handlungszeit ist Herbst/Winter 2010. Handlungsort ist ein ländlicher Kreis und seine Kreisstadt (im Südhessischen). Was nach einer Krimihandlung glücklich endet, beginnt mit dichten Lagebeschreibungen von Hartzvierern, dem Alltagsleben, seiner Bewältigung („Das grösste Problem waren die Mieten“) und den Bemühungen der Kleingruppe um öffentliche Aufmerksamkeit zur Verbesserung ihrer Lage: „Wir sind ein lockerer Haufen ohne Vorstand und Bürokratie. Das macht uns für die Gegenseite so unberechenbar.“

 
Der Grundinhalt in Kürze: die kleine Selbsthilfegruppe Hartz 5 hilft Betroffenen gegen oft schikanöse Maßnahmen, Bescheide, Vorladungen. Und sucht Öffentlichkeit gegen behördische Übermacht. Gelegentlich wie bei einer zurückgenommenen Geldsperre auch erfolgreich. Phantasievoll gehandelt wird wo immer es geht wie bei einen Bewerberbrief oder bei der vorweihnachtlichen Verwandlung des Kreistagsentré in eine stinkende Müllkippe durch das Kommando Dufte Nikoläuse. Kundig ein zunächst idiotisch erscheinendes Jobcenter-Praktikum nachrechnend, arbeiten San-San und Biggi sich als Kommunikationsguerilla illegal an den Projektleiter und eine seiner Netzidentitäten heran. Sie können schließlich nachweisen, daß er sich von einem Unternehmer „schmieren“ läßt. Der aus unbezahlten Leistungen von Hartzvierern entstandene unternehmerische Extraprofit beträgt etwa 45.000 €. Er soll zum Barkauf eines Oldtimers verwandt werden. Der aktive Kern der Hartz 5-Gruppe nutzt die Gelegenheit zur alternativen Organisation der Geldübergabe. Und kann so nicht nur die Gruppenkasse für weitere Aktionen auffüllen. Sondern auch beiden Frauen einen zweiwöchigen Winterurlaub in Marokko finanzieren…

 
Das Buch des Journalisten Peter Hetzler (*1955) ist kein großer Roman. Sondern eine beachtliche Erzählung. Sie ist aufklärerisch angelegt und locker geschrieben. Sie führt ins Sozialmilieu von Hartzvier-abhängigen Menschen, die versuchen, unter schwierigen und bedrückenden Umständen zu überleben und ihre Würde als ausgegrenzte und wie Objekte behandelte Menschen aktiv handelnd zu bewahren. Damit kommt immer auch die Gegenseite als sie zu oft schikanierendes Jobcenter und der Doppelcharakter der Hartzvier-Lage in den Blick: unmittelbar zu wenig zum auch kulturell angemessenen Leben zu haben. Und um die eigene Abhängigkeit von übermächtig erscheinenden Behörden als Teil des meist feindlich erfahrenen Staats zu wissen: „Im Grunde ist Artikel drei des Grundgesetzes für Erwerbslose außer Kraft gesetzt. Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich…ist ein Hohn.“

 
Hartz 5 ist eine Dokumentarerzählung. Erzählt wird im mittleren Erzählton ohne Rückblende chronologisch nach vorn. Im parallelen, auch linear erzählten Handlungsstrang geht es um San-Sans Cyber-Kommunikation mit einem im Netz chattenden unbekannten Pseudonym, San-Sans Cyber-Sex mit ihm und ihr Gefühl, hier mit einer Maschine zu vögeln. Die Sprache hat banale Eigentümlichkeiten wie das lakonische Jepp, mit dem San-San als Frühvierzigerin Zustimmung kommuniziert, das scheinjugendliche geile Gefühl, das drei 50-€-Scheine hervorrufen, oder das kindliche Biggi giggelte des Erzählers. Freilich gibt es gibt auch sprachlich Anspruchsvolleres: Luxus eines neuen Bügeleisens, Leben auf Ersatzteilniveau, Lust auf Lust oder antiklerikalen Witz als Anspielung auf den Evangelikalen Paulus: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht demonstrieren.

 
Genrebezogen schließt der Erzählstoff an Szenenromane an. In denen ging es um Studies in Hamburg und München (Uwe Timms Heißer Sommer 1974), in Hamburg (Dietrich Schwanitz´ Campus 1995), um flippige Aussteiger in Wiesbaden (Hans-Josef Orteils Agenten 1989) oder in Berlin (Helmut Kuhns Gewegschäden 2012). In Hartz 5 geht es um eine besondere Szene. Weder versteht sie sich selbst als solche noch wird sie so fremdverstanden. Eine Hartzvierer-Szene gibt es im gegenwärtigen Ganzdeutschland noch nicht.

 
Der Campus von Schwanitz wurde 1998 verfilmt. Auch Hetzlers aufklärende und unterhaltsame Hartz 5-Erzählung hat filmisches Potential. Im Film könnten zum einen erzählerisch schwache soziale Oben-Unten-Linien bildhaft werden. Als auch zum anderen klar konturiert werden: verrechtlichte Formen der Auseinandersetzungen drücken nicht Stärken, sondern Schwächen aus. Und binden bei aller Notwendigkeit produktive Kräfte der Betroffenen in Form „gratiser Privatarbeit“ (Marx).

 
Politisch veranschaulicht Hartz 5 einen gesellschaftlichen Tatbestand und eine bittere Erfahrung: derzeit verzichten hierzulande nahezu fünf Millionen Menschen oder gut ein Drittel der Berechtigten auf Hartzvier-Leistungen. Und „immer mehr Jobcenter legen es bewußt darauf an, abschreckende Wirkung zu entfalten.“ Dem entspricht diese Vorstandsaussage der Bundesagentur für Arbeit: „Der Erfolg unserer Anstrengungen wird in den nächsten Jahren noch mehr am Abbau des Langzeitleistungsbezugs liegen.“ (jW 2.7.2013, S. 8)

 
Peter Hetzler, Hartz 5. Ein Hartz IV-Roman. Norderstedt: Books on Demand, 2013, 153 S., 9,90 €, ISBN 978-3-7322-3790-6

 

Richard Albrecht ist „gelernter“ Journalist, extern provomiert und habilitiert, als historisch arbeitender Sozialwissenschaftler der Aufklärung verpflichtet, lebt seit seiner Beurlaubung als Privatdozent (1989) als Freier Autor & Editor in Bad Münstereifel und war 2002/07 Herausgeber von rechtskultur.de. Unabhängiges online-Magazin für Menschen und Bürgerrechte. Letzte Buchveröffentlichung -> HELDENTOD. Kurze Texte aus langen Jahren (Aachen: Shaker, 2011). Bio-Bibliographie -> http://wissenschaftsakademie.net

Objekt Leser – Ein Beitrag von Richard Alrbecht

Wissenschaftsgeschichtliche Miszelle über „Literaturgesellschaft“ und „Leseland“ DDR der 1980er Jahre als deutsch-deutsche Kontoverse.

Es gab Mitte der 1980er Jahre tatsächlich einmal eine so offen wie öffentlich ausgetragene Debatte zu den beiden unterüberschriftig angedeuteten Themenfeldern. Warum zwei damals prominente DDRLiteratursoziologen – einer dieser weiland auch Vorstand des DDR-Schriftstellerverbands – auf (m)einen speziellen Beitrag zur empirischen Literatursoziologie und Lese(r)forschung, der
vergleichbare wissenschaftliche Maßstäbe anlegte wie bei der Kritik bundesdeutscher Forschungsstudien und der durchaus als kritisch-solidarischer Beitrag angelegt war, so (über)reagierten – konnte ich auch später, Ende der 1990er Jahre, in einem vier-Augen-Gespräch mit einem der DDR-Forschungsgruppe angehörenden Autor, der sich an der Polemik der beiden 1985 nicht beteiligte, nicht erfahren. Und daran, daß ich damals in der DDR als junger „fortschrittlicher bürgerlicher Wissenschaftler“ galt, der sowohl in den „Weimarer Beiträgen“ wie auch in der 1980 neugegründeten Zeitschrift „Germanistik“ publiziert wurde, dürfte´s mutmaßlich nicht gelegen haben;-) …

Der erste SPIEL-Text (1984)[1] klang so aus: Allen beeindruckenden Daten übers „Leseland“ Deutsche Demokratische Republik relativierend, gibt es offensichtlich in der DDR-„Literaturgesellschaft“ zumindest in weiten Teilen gegenüber der „sozialistischen Gegenwartsliteratur“ gleichgültige und indifferente Lesantriebe und Lektüreausrichtungen. Sie korrespondieren formal mit vergleichbaren unterhaltungsliterarischen Bedürfnissen realkapitalistischer westlicher Gesellschaften – nicht zuletzt der Bundesrepublik -, bedeuten aber nicht notwendig ein literarische Flucht in den Westen, sondern zunächst nur Distanz(en) gegenüber dem DDR-Alltag uni seiner literarischen Verdopplung […] Zugleich scheinen sowohl im tatsächlichen, aktuellen Leseverhalten – das natürlich auch in der DDR immer in hohen Maße von über den Büchermarkt verfügbaren Büchern und fiktionalen Lesestoffen abhängt – als auch in den tieferliegenden Lesantrieben, Lektüreinteressen, themen- und genrebezogenen Lesestoffen Momente einer verborgenen Gesellschaft auf. Sie mögen gewertet werden als wertbezogener gesellschaftlicher Kontrapunkt oder auch als spurenhafte Elemente historisch älteren volkstümlichen Drangs nach eigenem vitalen Ausdruck – verweisen aber in jefem Fall auf die „ungelöste Wechselwirkung … zwischen dem fertig Gestalteten und dem Suche nach eigenem Ausdruck“ (Peter Weiss). Leseverhalten und Lektüreinteressen in der DDR der 70er Jahre veranschaulichen aber auch das empirisch vorhandene Ausmaß gesellschaftlicher Differenzierung. Die breit und nicht zuletzt im Lager der „unmittelbaren Produzenten“ (Marx) vorhandenen Leseinteressen und Lektürebedürfnisse verwiesen auch in ihrer offensichtlichen Gleichgültigkeit und Indifferenz gegenüber „sozialistischer Gegenwartsliteratur“ damit durchaus auf die „Vitalität der Bedürfnisse“. Deren ideeller Ausdruck ist […] jene Spannungs- und Entspannungsliteratur als Ausdruck von Entlastungs-, Flucht- und Verweigerungstendenzen gegenüber dem DDR-Alltag, seiner relativen Sicherheit, aber auch der mit ihr notwendig einhergehenden Statik und Monotonie. Diesem steht der noch immer vorhandene „Hunger nach Unmittelbarkeit“ (Siegfried Kracauer) in Form erkennbarer Lektüreinteressen und Lesemotive drängend und in seiner zunächst immer gegeben Ambivalenz gegenüber. Die Untersuchung von Leseverhalten, Lektüreinteressen und Leseerfahrung in der DDR zeigt aber noch einen weiteren Aspekt: daß nämlich jene Autoren und Werke der DDR, die in der Bundesrepublik als die DDR-Literatur diskutiert werden, in der DDR-Lesestoffe einer Minderheit sind. Dem nachzuspüren, warum das so ist, wäre freilich eine andere Untersuchung.

Kleines, verwundertes Nachwort hieß unter Bezug auf ein Anna-Seghers-Zitat der zweite knappe SPIEL-Text (1985): „Ob der „Kernpunkt“ meines […] Beitrags einen „Komplex von Vorurteilen … über die gesellschaftlichen Verhältnisse“ in der DDR beförderte, weiß ich nicht. Und als Autor stecke ich auch, um die zugestandenen Antwortzeilen einhalten zu können, dunkel über mich Angedeutetes wie mir sprachlich Unklares ebenso weg wie die schlußendliche Rubrizierung als „Konvergenztheoretiker“. Trotzdem finde ichs schade, daß Sommer/Walter (S&W) meine systematische Arbeitsweise in ihrem Rückbezug auf „gesellschaftliche Verhältnisse“ in der DDR so wenig strukturiert ansprechen wie sie die „dahinter stehende Vorstellungswelt“ kritisch offenlegen. Gerade dies hätte mich interessiert. Denn das – von mir, zugegeben, nur im Schlußakkord angedeutete Konzept von „hidden society“ könnte auch – hüben wie drüben – prominente Literatursoziologen gerade dann interessieren, wenn sie sich nicht auf ein Funktionsverständnis von Datenrapporteuren reduzieren lassen wollen […] S&W verwechseln … zweierlei: erstens ihre soziotechnische Methode mit der erfragten Realität, und zweitens mein – zugegeben idealtypisches – Verfahren mit einer mechanischen – ideologischen – Vorstellung. Erstgenanntes habe ich in der Tat angewandt. Letztere unterstellen mir S&W, weil ich, ihrem Auswertungsverfahren gegenüber skeptisch, so verfahren bin. Schließlich vermag ich nicht zu erkennen, warum S&W einerseits ihre Befragungsergebnisse als „Präponderanz“ des Lebens gegenüber Kunst/Literatur betonen – und auf der anderen Seite die in meiner Interpretation stärker betonte Flucht-These so zentral, ausgiebig und (vielleicht auch) langweilig attackieren. Zumal ich immer noch denke, in auch für S&W nachvollziehbarer Form festgehalten zu haben, daß diese Flucht nicht mit der Flucht aus der DDR (etwa in die BRD) ineinsgesetzt werden kann. S&W befinden zum Schluß, mein Beitrag eigne sich nicht als „Ausgangspunkt für einen wissenschaftlichen Meinungsstreit“, bescheinigen zugleich eingangs „wohlwollendes Nachdenken.“ Die eine Wertung scheint mir so problematisch wie die andere überflüssig. <27.II.1985>

Aber wie auch immer: Wenn diese wissenschaftsgeschichtliche Debatte, die implizit auch eine zwischen einem realsozialistisch-staatsalimentierten Autorenkollektiv und einem unabhängigen, westmarxistisch engagierten „Sozialwissenschaftsjournalisten“ (Lars Clausen) war und in einer soziokulturellen Kerndimension die politische Frage des „dritten“ gesellschaftlichen Wegs zwischen Spätkapitalismus und Realsozialismus in Deutschland ansprach – dann verweist sie auch Jahrzehnte später in der Rückschau auf eine „linke“ Merkwürdigkeit: daß grad jene (in der referierten Debatte von mir selbstbewußt vertretene) unabhängige marxistische Strömung westlicher Provenience mit ihren subjektwissenschaftlichen Zügen nicht nur unbegriffen blieb – sondern als tendenziell schon staatsfeindliche Ideologie attackiert wurde. Dieser Tendenz entsprach der Tatbestand, daß auch der damalige DDR-„Bücherminister“ Klaus Höpcke eine 1987 angeregte öffentliche Debatte anläßlich einer Tagung in Neuwied/Rhein Ende 1988[2] so gar nicht als Chance marxistischen Lernens in der Beschreibung, Untersuchung und Debatte realexistierender Widersprüche verstand …

Die (von mir als damals vierzigjährigem Autor so kundig wie engagiert vertretene) third position erwies sich schon wenige Jahre später als machtpolitisch illusionär – auch wenn eine ähnliche Position des „dritten“ Weges jenseits von Spätkapitalismus und Realsozialismus in der noch existierenden DDR Ende November 1989 von damals prominenten DDR-Bürgern und Intellektuellen wie (dem von mir geschätzten) Stefan Heym im bewegenden Aufruf Für unser Land öffentlich propagiert und bis Mitte Januar 1990 von etwa einer Million DDR-Bürgern mitunterzeichnet wurde. Ähnlich wie das gleichentags, am 28. November 1989, verkündete Zehn-Punkte-Programm von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU)[3] wandten sich die Verfasser des DDR-Aufrufs gegen die „Wiedervereinigung“ genannte deutsch-deutsche Staatsvereinigung und betonten[4]: Entweder können wir auf der Eigenständigkeit der DDR bestehen und versuchen, mit allen unseren Kräften und in Zusammenarbeit mit denjenigen Staaten und Interessengruppen, die dazu bereit sind, in unserem Land eine solidarische Gesellschaft zu entwickeln, in der Frieden und soziale Gerechtigkeit, Freiheit des einzelnen, Freizügigkeit aller und die Bewahrung der Umwelt gewährleistet sind. Oder wir müssen dulden, daß, veranlaßt durch starke ökonomische Zwänge und durch unzumutbare Bedingungen, an die einflußreiche Kreise aus Wirtschaft und Politik in der Bundesrepublik ihre Hilfe für die DDR knüpfen, ein Ausverkauf unserer materiellen und moralischen Werte beginnt und über kurz oder lang die Deutsche Demokratische Republik durch die Bundesrepublik Deutschland vereinnahmt wird. Laßt uns den ersten Weg gehen. Noch haben wir die Chance, in gleichberechtigter Nachbarschaft zu allen Staaten Europas eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik zu entwickeln. Noch können wir uns besinnen auf die antifaschistischen und humanistischen Ideale, von denen wir einst ausgegangen sind.

[1] Englische Zusammenfassung: THE GDR – A PARADISE FOR THE READER AND A NEW LITERARY SOCIETY? Some Systematic Notes on the Use of Literature within the German Democratic Republic. According to the image of the GDT-society, it must be some paradise for the reader: “Leseland” (Klaus Höpcke), and an advanced literary society “Literaturgesellschaft (J.R. Becher). That´s, indeed, not the very truth: besides all the impressive data, e.g. on book production and the network of literary institutions like public libraries, there do exist problems. Some of them are discussed in this essay: e.g., the need of readers for literature due to entertainment. Surveying as much as empirical data from within as he could find out the author of this piece argues that the literary system of the GDR looks pretty more contradictory than its image: although there is no doubt about the fact that the DGR-society succeeded in overcoming those literary genres and texts of so-called popular literature as basically produced in the advanced capitalist societies this development itself gad produced new problems – both relevant within the literary and the social process itself. (SPIEL 1/1984: 99)

[2] “Mut, nochmals Mut immerzu Mut”. Protokollband des internationalen wissenschaftlichen Friedrich-Wolf-Symposions der Volkshochschule der Stadt Neuwied vom 2.-4. Dezember in Neuwied aus Anlaß des 100. Geburtstags von Dr. Friedrich Wolf *23.12.1988 in Neuwied. Neuwied: Kehrein, 1990, ii/318 p.; Beitrag Höpcke 38ff., Beitrag Albrecht 187ff.

[3] http://webarchiv.bundestag.de/archive/2009/0109/geschichte/parlhist/dokumente/dok09.html

[4] http://www.hdg.de/lemo/html/dokumente/DieDeutscheEinheit_aufrufFuerUnserLand/index.html

Publikationen (Auswahl)

(1) Lesbares; Gedrucktes
Das Buch in der BRD; in: Weimarer Beiträge 21 (1975) 12: 129-145 – Leseverhalten und Lektüregebrauch, in: Diskussion Deutsch 7 (1976) 30: 367-384 – Romanzeitung in der DDR: Literatur als Massenmedium; in: publikation, 25 (1979) 7: 13-21 – Aspekte der gegenwärtigen Literatursoziologie; in: Diskussion Deutsch, 11 (1980) 54: 434-443 – Some Aspects of the Sociology of Literature; in: British Journal of Sociology, 32 (1981) 4: 483-492 – Die meisten Leser erwarten eine Leiche: Über den Krimi in der DDR, in: die horen, 26 (1981) 124: 115-130 – [Mitautorin Wilma Ruth Albrecht] Krimi – und Literaturwissenschaft, in: Literatur in Wissenschaft und Unterricht, 13 (1980) 2: 124-142; auch in: Zeitschrift für Germanistik 2 (1981) 4: 438-450 – Der Leser als Objekt; in: Literaturwissenschaft und empirische Methoden (Hg. Helmut Kreuzer; Reinhold Viehoff), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1981 [= Literaturwissenschaft und Linguistik/Beiheft 12]: 329-
347 – ´Sozialistische Gegenwartsliteratur´ und ´echte Geschichten´; in: L ´80, 32/1984: 75-85 – Wolfgang Schreyer et le roman d´aventures; in: Conaissance de la DRA, 18.1984, 51-76 – „Literaturgesellschaft DDR“? – Leseverhalten, Lektüreinteressen und Leserfahrungen in der DDR; in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ) 7. 7. 1984: 17-26; erweitert auch in: Bertelsmann Briefe 115/1984: 15-24 – Das Bedürfnis nach „echten Geschichten“. Systematischer Versuch über Unterhaltungsliteratur in der DDR; in: Jahrbuch zur Literatur in der DDR 4 (1985): 185-213 – Leseverhalten, Lektüreinteressen und Leseerfahrungen in der DDR; in: Siegener Periodikum für internationale empirische Literaturwissenschaft (SPIEL) 3 (1984) 1: 99-118 – Keines, verwundertes Nachwort; in: SPIEL 4 (1985) 1: 203-204 – Wolfgang Schreyers Abenteuerromane; in: L´80, 35/1985: 132-144; erweitert auch in: Diskussion Deutsch, 16 (1985) 86: 620-637 – „Leseland“ DDR oder das Bedürfnis nach „echten Geschichten“; in: deutsche studien 14 (1986) 94: 133-142; auch in: Germanistische Mitteilungen, 24/1986: 15-26 – Leseland DDR – Ein Mythos; in: Buch Magazin 7/1987: 20 – Das Bedürfnis nach echten Geschichten. Zur zeitgenössischen Unterhaltungsliteratur in der DDR. Frankfurt/Main: Peter Lang, 1987, 134 p. [= Forschungen zur Literatur- und Kulturgeschichte 15. Hg. Helmut Kreuzer; Karl Riha]

(2) Hörbares; Gesendetes
„Die meisten Leser erwarten eine Leiche“: Über den Krimi in der DDR und seine Entwicklung (SFB 6./13.2.1981) – Über Bücher und andere Drucksachen: Leseinteressen und Lektüreverhalten in der DDR (DLF 25.8.1984) –„Wir haben eine Spur gezogen“: Der DDR-Unterhaltungsschriftsteller Wolfgang Schreyer (DLF 25.10.1984) – „Literaturgesellschaft“ DDR (RB 17.6.1986) – „Leseland“ DDR (SDR 1.10.1986) – Das Bedürfnis nach „echten Geschichten“: „Literaturgesellschaft“ DDR (HR 18.4.1987) – „Literaturgesellschaft“ DDR (SWF 16.10.1988) – Westmedien in der DDR (WDR 10.5.1989) – Von der Kühlschrank-Theorie zum Clockwork-Orange-Syndrom: Über kulturelle Grenzen der deutsch-deutschen Annäherung (WDR 3.10.1991)

Richard Albrecht wurde als Sozialwissenschaftler promoviert (1976), als Politikwissenschaftler habilitiert (1989) und lebt als freier Sozialwissenschaftsjournalist in Bad Münstereifel. Letzte Buchveröffentlichung: HELDENTOD. Kurze Texte aus langen Jahren (Aachen: Shaker, 2011). Netzseite -> http://wissenschaftsakademie.net e-Post -> eingreifendes.denken@gmx