Gegen die Zeit – Hitchcocks Originalversion von „Der Mann, der zuviel wusste“

dermannderzuvielwusste„Der Mann, der zuviel wusste“ (1956) mit James Stewart und Doris Day in den Hauptrollen zählt zu Alfred Hitchcocks bekanntesten Filmen. Es handelt sich dabei um eine Neuverfilmung seines erfolgreichsten Films seiner Londoner Zeit aus dem Jahr 1934, welche denselben Titel trägt. Damals engagierte Hitchcock Peter Lorre für die Rolle des Bösewichts Abott, der ein Attentat auf einen wichtigen Staatsmann plant.

Die Geschichte beginnt in der Schweiz, wo das Ehepaar Bob und Jill Lawrence gerade Urlaub machen. Auch ihre Tochter Betty ist mit dabei. Alle sind vergnügt, doch dann, bei einer Party, kommt es zu einem Mord. Ein Freund der Familie wird erschossen. Seine letzten Worte richten sich an Jill, die ihrem Mann ausrichten soll, dass er nach einem Zettel in einem Rasierpinsel suchen soll. In der Tat findet Bob den Zettel, auf dem sich eine verschlüsselte Botschaft befindet. Zugleich wird seine Tochter entführt. Bob und Jill kehren aufgebracht zurück nach London, wo sie wegen des Mordfalls in der Schweiz von der Polizei verhört werden. Beide aber dürfen nichts sagen, denn sonst würde Betty sterben. Also machen sich Bob, Jill und ein Freund Bobs auf eigene Faust auf die Suche nach den Verbrechern, um Betty zu befreien.

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Peter Lorre als Abott in „Der Mann, der zuviel wusste“ (1934).

Hitchcock fand die Originalversion von 1934 nicht schlecht, doch betrachtete er sein Remake als weitaus besser. Das erstaunt, denn im Unterschied zu der Version von 1956 ist die Version von 1934 schneller, dichter und auch drastischer. Wirkt der Film aus dem Jahr 1956 in manchen Squenzen etwas zu brav, so schlägt der Originalfilm so ziemlich alle Register. Vor allem verdankt dies der Film Peter Lorre, der als Abott eine wirkliche Glanzleistung in Sachen Übeltäter abliefert. Nicht nur widerwärtig, sondern regelrecht schmierig kommt Lorre daher, auffallend hierbei seine breite, helle Haarsträhne.

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Bob und Jill Lawremce (Leslie Banks und Edna Best) als Gefangene Abotts (Peter Lorre). In: „Der Mann, der zuviel wusste“ (1934).

Hitchcock machte aus Charles Bennetts Stoff eine rasante Verfolgungsjagd, in der es vor allem um eines geht: um die Zeit. Denn viel Zeit haben die Protagonisten nicht, wenn sie Betty retten und zugleich einen Mordanschlag verhindern wollen. Tatsächlich kommt der Film nie zur Ruhe, ständig geschieht etwas, eine der Actionhöhepunkte ist die Szene, in der sich die Kontrahenten mit Stühlen bewerfen. Eine nicht weniger einprägende Szene ist diejenige, in  welcher Bob zusammen mit seinem Freund einen falschen Zahnarzt aufsuchen, um an nähere Informationen über das Versteck der Attentäter zu erhalten. Es wird offensichtlich, dass der „Zahnarzt“ ein Sadist ist und man fühlt sich erinnert an die Zahnarztszene in „Der Marathon Mann“ und zwar so sehr, dass man nicht umhin kommt zu denken, dass John Schlesinger diese Szene an Hitchcock angelehnt hat.

Wenn man also darüber nachdenkt, so ist zwar „Der Mann, der zuviel wusste“ aus dem Jahr 1956 die eindeutig teuerere Version, „Der Mann, der zuviel wusste“ aus dem Jahr 1934 aber die doch irgendwie unterhaltsamere.

Remakes – Kein Phänomen unserer Tage

Das Wort Remake geistert seit den vergangenen zehn Jahren verstärkt durch die Szene der Filmkritik. In der Tat werden seit Beginn des neuen Jahrtausends mehr Remakes produziert als in früheren Jahren. Dennoch ist das Remake an und für sich kein Phänomen unserer Gegenwart.

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Robocop (1987)
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Robocop (2014)

Remakes sind Neuverfilmungen bereits produzierter Filme. So exakt diese Defintion auch ist, so schwer tut es sich die Film- und Medienwissenschaft damit, Remakes von anderen Kategorien zu unterscheiden. Viele Artikel, Bücher und Dissertationen gehen auf dieses Thema ein, ohne jedoch zu einem befriedigenden Ergebnis zu kommen. Denn so klar in den meisten Fällen Remakes als solche zu erkennen sind, so unklar ist es, ob ein Remake nicht auch eine Adaption, ein Sequel/Prequel oder eine Transformation in ein anderes Medium sein kann. In allen Fällen hat man es mit der Bearbeitung ein und desselben „Textes“ zu tun, und nichts anderes unternimmt ja ein Remake.

Vereinzelte Artikel über Remakes erschienen bereits in den 1970er Jahren, als ebenfalls ein hohes Aufkommen von Remakes zu erkennen war. Doch erst ab Mitte/Ende der 90er Jahre wurde die Remakeforschung ins Leben gerufen. Ziel dieser Forschung ist es, das Wesen der Remakes zu ergründen. Fragen wie „Wieso werden Remakes produziert?“ oder „Was unterscheidet ein Remake vom Original?“ stehen dabei im Mittelpunkt. So unterschiedlich manche Forscher das Wesen von Remakes betrachten, so einig sind sie sich in der These, dass Remakes nicht allein aufgrund kommerzieller Hintergedanken produziert werden. Diese These löste verschiedene Theorien aus, die von der Psychoanalyse bis hin zur Soziologie reichen. Die psychoanalytische Richtung sieht in einem Remake eine Art Oedipus-Komplex, die Soziologie die Übertragung eines vorhandenen Textes in ein neues soziokulturelles Umfeld.

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Invasion der Körperfresser (1957)
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Invasion der Körperfresser (1978)
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Invasion (2007)

Legt man den Fokus nur auf die ökonomischen Gründe, so zeigt sich etwas durchaus Interessantes: Remakes tauchen verstärkt immer dann auf, wenn es zu einer Absatzkrise im Filmgeschäft kommt. So produzierte die Filmindustrie in den 1930er Jahren aufgrund der Wirtschaftskrise mehr Remakes als vor der Krise. Anfang der 50er Jahre, in denen das Kino gegen seinen neuen Konkurrenten, das Fernsehen, kämpfte und es dabei zu deutlichen Umsatzrückgängen kam, erhöhten sich ebenfalls die Remakeproduktionen. Ende der 70er, Anfang der 80er, als das Kino gegenüber der Videokassette zunehmend an Marktmacht verlor, kam es wiederum zu einer hohen Anzahl von Remakes. Und seit der Hollywoodkrise in den 90er Jahren ist wiederum ein extrem hohes Aufkommen von Remakes zu verzeichnen.

Die jetzige Krise unterscheidet sich jedoch von den anderen Krisen dadurch, dass sie nicht nur wirtschaftlich bedingt ist, sondern viel eher ein Hinweis auf eine Schaffenskrise darstellt. Darauf verweisen z.B. die beiden Regisseure Paul Schrader (2001 in einem Spiegel-Interview) und Larry Fessenden (2013 in einem Interview mit FILM und BUCH). Da die Anzahl von Remakes noch immer sehr hoch ist (parallel dazu steigt auch die Anzahl der Sequels/Prequels), ist daraus zu schließen, dass vor allem die Schaffenskrise noch immer nicht überwunden ist.

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The Ring (2002)
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Ring (1998)

Eine Besonderheit ist seit ca. 2001, dass Hollywood häufig japanische und koreanische Erfolgsfilme neuverfilmt (bis dahin konzentrierte sich das internationale Remake auf französische Kassenerfolge). „The Ring“ zählt bis heute zu den erfolgreichsten Remakes, die jemals produziert wurden. Kosten von 40 Millionen Dollar stehen einem Umsatz von fast 250 Millionen Dollar gegenüber. Kein Wunder also, dass dies eine Welle von weiteren J- und K-Horror-Remakes nach sich zog. Doch verhält es sich seit wenigen Jahren auch umgekehrt. Denn gelegentlich produzieren koreanische Filmstudios Remakes von Hollywoodfilmen.

Aber schon zu Beginn des Kinos, also am Ende des 19. Jahrhunderts, gab es Remakes. Zum einem lag dies daran, wie die Filmhistorikerin Jennifer Forrester bemerkt, dass sich das Filmmaterial schnell abnutze, sodass dieselben Filme neu produziert werden mussten. Zum anderen gab es zu Beginn des Filmbusiness‘ noch kein Copyright auf Filme, sodass Klauen, d.h. die Verfilmung desselben Stoffes durch eine andere Produktionsfirma, keine Straftat war. Dies änderte sich erst ab ca. 1910, als Filme nach und nach als geistiges Eigentum betrachtet wurden.

Im Vergleich zu der Produktion eines Filmes, der auf einem neuen Drehbuch basiert, sind die Kosten für ein Remake wesentlich geringer. Es müssen z.B. keine Adaptionsrechte mehr bezahlt werden. Auch hält sich das Risiko eines Misserfolgs in Grenzen, da Remakes auf den Bekanntheitsgrad des jeweiligen Originalfilms setzen. In mageren Zeiten oder eben in Zeiten von „Schreibblockaden“ und Risikominimierung eignet sich das Remake besonders gut, um kostengünstig Produkte herzustellen. Das Phänomen Remake wird daher weiterhin ein fester und vor allem immer wiederkehrender Bestandteil der Filmgeschichte sein.