K-Pop: RaNia – Von Skandal zu Normal

rania3
Szene aus dem Video „Dr. Feel Good“; Coypright: DR Music.

Die Girl Group RaNia wurde 2011 als ein koreanisch-US-amerikanisches Projekt gegründet. Die koreanische Produktionsfirma DR Music ging dabei eine Kooperation mit dem amerikanischen Produzenten und Komponisten Teddy Riley ein, der u. a. auch mit Michael Jackson zusammengearbeit hat. Die Gruppe sollte folglich sowohl auf dem koreanischen als auch auf dem US-amerikanischen Markt Fuß fassen. Letztendlich wurde aus dem US-Plan nichts, die Vermarktung von RaNia blieb auf Südkorea beschränkt.

rania1
Danceshot aus „Dr. Feel Good“. Copyright: DR Music.

Für Tedd Riley bedeutete dies, dass er aus dem Projekt wieder aussteigen wollte, vor allem auch deshalb, da der erwartete Erfolg nicht eintraf. Dieser Hintergrund erklärt, weswegen das erste Video der Gruppe sowohl in einer koreanischen als auch in einer englischen Version vorhanden ist. Der Titel des Songs lautete „Dr. Feel Good“ und löste in Südkorea einen Skandal aus. Das ungekürzte Video erhielt ein Aufführungsverbot und musste daher von DR Music um wenige Sekunden gekürzt werden, manche Szenen mussten mit neuen Kostümen nachgefilmt werden.

rania2
Danceshot aus „Dr. Feel Good“; Copyright: DR Music.

Der Grund: In dem Clip wird zweimal eine Totale der Leistengegend der Leadsängerin gezeigt. Das war Südkoreas Erziehungsministerium zu viel. Auch die Lack und Leder-Kostüme waren den Beamten ein wenig zu anrüchig, weswegen Manches neu gedreht werden musste. Von der Musik her erinnert „Dr. Feel Good“ irgendwie an den Stil  der Eurythmics. Das Alles wäre weniger interessant, wenn nicht die Gruppe RaNia durch dieses Konzept die Entwicklung des K-Pop drastisch verändert hätte. Man kann sagen, dass das Konzept, das DR Music vorlegte, zugleich der Startschuß für die nachfolgende Erotisierung koreanischer Girl Groups darstellte. Hielt sich davor alles in kitschig-bonbonfarbenen Grenzen, wurde ab da eine Art Sexualisierungs-Wettbewerb zwischen den einzelnen Produktionsfirmen losgetreten, jeder wollte das Konzept vorlegen, das in Sachen Erotik alle vorangegangenen Konzepte in den Schatten stellte.

Die Folge davon war, dass das koreanische Erziehungsministerium strengere Altersfreigaben für Videoclips erarbeitete, die zu einer Verunsicherung unter den Produzenten führte. Somit gab es auf einmal eine Phase, welche eine Quasi-Rückkehr zum althergebrachten K-Pop einläutete, die allerdings nur von kurzer Dauer war. Denn statt sich vor dem Ministerium zu ducken, begannen die Produzenten, die Strenge der neuen Regelungen auszutesten und nahmen dabei auch Altersfreigaben „ab 19“ (nur für Erwachsene) in Kauf.

rania8
RaNia beim Stöckeschwingen: Danceshot aus „Pop Pop Pop“; Copyright: DR Music.

Diese Entwicklung tat RaNia nicht gerade gut. Das Konzept war klar als Provokation ausgelegt, doch musste DR Music die Notbremse ziehen. Gleich das Nachfolgevideo „Pop Pop Pop“ beschränkte sich auf einzelne Danceshots, niemand räkelte sich mehr lüstern auf dem Boden. DR Music wollte daraufhin zu dem eigentlichen Erotikkonzept mit dem Song „Killer“ zurückkehren, doch da genau in dieser Planungsphase die strengeren Altersfreigaben eintraten, entschied man sich für ein eher normales, teils ironisches Konzept mit dem Titel „Style“, in dem sich die Gruppe lustig macht über typisch männliches Verhalten.

rania6
Szene aus „Style“; Copyright: DR Music.

Mit „Just Go“ beschränkte man sich wieder auf Danceshots, ebenso wie in „Push up“, das zugleich RaNia in die „Normalo“-Ecke verfrachtete. Es handelte sich dabei um einen banalen Sommersong, den die Sängerinnen in Bikinis in einem Schwimmbad zum Besten geben. Danach herrschte erst einmal für längere Zeit Funkpause.

rania4
Danceshot aus „Demonstrate“; Copyright: DR Music.

Erst in diesem Jahr kehrte die Gruppe mit dem Song „Demonstrate“ zurück. Drei der Sängerinnen schieden inzwischen aus, dafür kamen zwei neue Mitglieder hinzu. Das Konzept ist wiederum eine Aneinanderreihung verschiedener Danceshots, die genauso austauschbar sind wie der Song. Die Gruppe, die 2011 mit ihrem Debut Koreas Medien aufgewirbelt hat, ist nun einfacher Mainstream. Was jedoch bleibt, ist ein weiterhin existierender Einfluss von „Dr. Feel Good“ auf andere koreanische Musikvideos.

K-Pop 19 oder die Eindeutigkeiten nehmen zu

Das, was wir in einem unserer früheren K-Pop-Artikel prophezeit haben, wird in der Tat nach und nach umgesetzt. Die koreanische Musikindustrie ist weiterhin im internationalen Höhenflug und schaffte sogar mit Psys „Gentleman“ einen Eintrag ins Guinnes Buch der Rekorde, da das Video zu diesem Song innerhalb von 24 Stunden am häufigsten angeklickt wurde. Und somit sind wir schon bei unserem eigentlichen Thema. Denn Psys neuestes Video wurde in Korea stark kritisiert. Zum einen wegen angedeuteten Vandalismus, zum anderen da es angeblich zu direkte erotische Anspielungen beinhalte. Noch vor einem halben Jahr herrschte helle Aufregung innerhalb der K-Pop-Welt, da das koreanische Kulturministierum meinte, eine neue Altersregelung für Musikvideos einführen zu müssen. Die Folge davon, die Clips wurden brav, Groups, die normalerweise ein erotisches oder draufgängerisches Image vermittelten, passten sich auf einmal der Norm an.

Nun, da sich die Wogen geglättet haben und K-Pop weltweit noch mehr Aufmerksamkeit erhält, scheinen sich die Images der Groups wieder zu ändern. Am Ende unseres vorletzten Artikels behaupteten wir, dass K-Pop-Clips bald mehr auf Erotik setzen würden, um mit dieser Marketingstrategie noch mehr internationalen Erfolg erzielen zu können. Tatsächlich scheint sich dieses Konzept nun langsam einzuschleichen. Damit ist nicht Hyun-A mit „Icecream“ oder die Sistar-Split-Group Sistar 19 gemeint, deren Name das Konzept des Duos bereits vorwegnimmt. Sowohl Hyun-A als auch Sistar 19 sind von Anfang an als erotische Konzepte entwickelt worden. Es geht um neuere Videoclips, die verstärkt Erotik als Strategie benutzen, um damit Erfolg zu haben.

Gain Bloom
Gains „Bloom“ ist das erste koreanische Musikvideo, in dem ein Geschlechtsakt dargestellt wird.

Bereits Ende des vergangenen Jahres erregte die Sängerin Gain durch ihr Video „Bloom“ große Aufmerksamkeit. In dem Song geht es um sexuelle Befriedigung. Das Thema wurde nicht verspielt dargestellt –  wie sonst bei K-Pop-Clips üblich -, sondern geradezu direkt visuell umgesetzt. Die narrativen Elemente des Clips zeigen Gain bei der Selbstbefriedigung und beim Sex. Interessanterweise wurde das Video nicht verboten, wie man es aufgrund der strengeren Regelung vermutet hätte, sondern lediglich mit einer Altersbeschränkung belegt, sodass es nur noch für Zuschauer ab 19 angesehen werden darf.

KimSori Dual Life
„Dual Life“ von Kim So Ri galt zunächst als zu erotisch und sollte verboten werden.

Auch die Sängerin Kim Sori bekam mit ihrem durchaus interessanten Video „Dual Life“ Probleme. Der Text spielt auf die Diskrepanz zwischen Schein und Sein an, wobei die visuelle Umsetzung durch diverse Spiegelsymbole auch auf das Thema gespaltene Persönlichkeit eingeht. Den Beamten erschien das Video als zu erotisch, sodass es tatsächlich verboten werden sollte – bei Gain stand ein Verbot überhaupt nicht zur Debatte. Die Produzenten konnten aber dieselben Herren von der Harmlosigkeit des Videos überzeugen, sodass es nun ab 12 frei gegeben ist.  Man kommt nicht umhin, an unsere FSKler zu denken, deren Entscheidungsfreude gelegentlich auch nicht wirklich nachvollziehbar ist.

Rania Just Go
In „Just Go“ kehren Rania zu ihrem ursprünglichen Stil zurück.

Anfang 2013 kehrte die Gruppe Rania zu ihrem ursprünglichen Konzept zurück, das sie ja aufgrund der strengeren Altersbeschränkungen für kurze Zeit abgelegt hatte. In ihrem neuen Video „Just Go“ erscheinen die weiblichen Mitglieder wieder in teils durchsichtigen Kostümen und legen einmal mehr eine – für K-Pop-Verhältnisse – gewagte Choreographie hin. Diesmal hütete man sich allerdings vor einem drohenden Cut, indem man auf Nahaufnahmen bei den Dance-Shots (diese hatten bei ihrem Debut-Video „Dr. Feel Good für Wirbel gesorgt) verzichtete.

NineMuses Wild
Nine Muses‘ „Wild“ ist das erste Video der Gruppe, das nur für Erwachsene frei gegeben wurde.

Schließlich und endlich ist auch der Titel „Wild“ der Gruppe Nine Muses quasi zum Programm ihres neuesten Clips geworden. Zugleich greifen die neun ehemaligen Fotomodels in visueller Hinsicht auf ihr Debut „No Playboy“ zurück, auch wenn „Wild“ eindeutig freizügiger ist und daher erst ab 19 freigegeben wurde. Anscheinend versuchten die Produzenten das etwas fragwürdig geratene Video „Dolls“, das kurze Zeit vor „Wild“ erschien, schnell vergessen zu machen, da dies wirklich an einer schlechten Umsetzung gelitten hat.

Es zeigt sich jedenfalls, dass parallel zum zunehmenden internationalen Erfolg von K-Pop die Zweideutigkeiten zunehmend in Eindeutigkeiten übergehen. Wie immer darf man gespannt sein, wie die Entwicklung weitergeht.

K-Pop – Drei Monate nach Einführung des Zensurgesetzes

Wir erinnern uns: am 18. August 2012 trat in Südkorea ein Gesetz in Kraft, welches dem Ministerium für Gesundheit und Kultur erlaubt, Musikvideos zu zensieren. Diese Zensur betrifft auch Videoclips, welche auf Internetplattformen wie YouTube gestellt werden. Die Aufregung in der Musikbranche war dementsprechend groß. Drei Monate nach dem Inkrafttreten stellt sich die Frage: Kann man Auswirkungen auf die danach produzierten Musikvideos feststellen, welche auf dieses Gesetz zurück zu führen sind?

Die Antwort lautet: Ja. In der Tat scheinen sich die Bosse der Musikkonzerne sich diesem Gesetz angepasst zu haben. Andererseits kann man eine gewisse ästhetische Unsicherheit feststellen. Da nicht konkret formuliert wurde, was erlaubt ist und was nicht, gehen die Produzenten auf Nummer Sicher, indem sie Konzepte entwerfen, von denen sie glauben, dass sie nicht der Zensur unterliegen werden. Dies hat zur Folge, dass ganze Bandkonzepte umgeworfen und neu entwickelt werden. Andererseits scheint eine Zeit des Abwartens angebrochen zu sein. Das heißt, man fährt zweigleisig. Während die Videoclips, welche seit September veröffentlicht wurden, harmloser wirken als die vorangegangenen, bleiben die ursprünglichen Konzepte bei Lifeauftritten erhalten.

Die Boyband B.A.P. gibt sich auf einmal brav. Schuld daran das neue Zensurgesetz.

Als Indikatoren können die Boyband B.A.P. sowie die Girlbands Rania und Dalshabet herangezogen werden. B.A.P. wurde vor allem durch seine äußerst aggressiv in Szene gesetzten Choreographien bekannt. Das Video Stop it, welches im Herbst veröffentlicht wurde, zeigt eine ganz anders inszenierte Gruppe. Es dominieren helle, freundliche Farbtöne. Das Video erzählt eine harmlose Liebesgeschichte im Stil von Ghost. Die Dance-Shots symbolisieren keine Aggressivität mehr, sondern wirken eher wie ein nett gemachtes Image-Video. Kennt man die vorangegangenen Clips und das darin aufgebaute Bild einer „Eltern- und Pädagogen-Schreck-Band“, so wirkt die nun veröffentlichte Produktion beinahe lächerlich. Den Mitgliedern der Band, welchen der Stil des gegen das System agierenden Rebellen aufgesetzt wurde, kommen nun als brave Jungs daher, und zwar so brav, dass das Konzept auch für eine Waschmittelwerbung gelten könnte.

Das Konzept der Girlband Rania wurde ebenfalls umgewandelt: vom „Luder-Image“ hin zur emanzipierten Frau.

Das neue Konzept der Girlband Rania ist ähnlich zu bewerten. Die beiden vorangegangenen Videos, hier vor allem Dr. Feel Good, waren geprägt von einer deutlichen erotischen Sprache. Davon ist in dem neuen Videoclip Style, welches ebenfalls im Herbst veröffentlicht wurde, nichts mehr zu sehen. Das Video zeigt eine neu entworfene Band, welche nun über Emanzipation singt und nicht mehr darüber, wilden Sex zu haben. Interessant ist hierbei, dass es offensichtlich eine lange Diskussion darüber gab, wie der Clip gestaltet werden sollte. Geplant war eigentlich ein weiteres „Schmuddelvideo“ mit dem Titel Killer. Dieses Konzept wurde anscheinend aufgrund der Neuregelung verworfen.

Die Girlband Dalshabet schließlich hat das Problem, dass sie kein Konzept mehr zu haben scheint. Die Band erregte aufsehen durch ihre zunehmenden Gewaltdarstellungen in den Videoclips, hierbei vor allem Hit U, in welchem eine Frau kaltblütig ihren Freund und dessen Bekannten erschießt. Das neue Video Have and don’t have ist zu einem nichtssagendem Etwas geworden, welches sich an die zurzeit in Bedrängnis geratene Girlformation T-ara orientiert. Von der vorangegangenen Entwicklung ist nichts mehr übrig geblieben, was höchstwahrscheinlich mit der neuen Gesetzgebung zusammenhängt.

Die eindeutigen Verlierer der durch das Zensurgesetz entstandenen „Verunsicherungswelle“ ist die Girlband Dalshabet, die plötzlich ohne jegliches Konzept dasteht.

Betrachtet man weitere Videos, wie etwa von SPICA oder auch The Seeya, so kann man dort dieselben Veränderungen bzw. Konzepte erkennen. Es wird deutlich versucht, nicht über die Stränge zu schlagen. Das Gothic-Konzept von The Seeya geht dementsprechend nicht auf und wirkt nach dem Motto geschustert: ich will und kann nicht. Dieser Spruch lässt sich zurzeit auf die gesamte Unsicherheit in Sachen Videoclip-Produktion innerhalb der koreanischen Musikbranche übertragen.