Der rote Apfel – Psychothriller von Mi-Ae Seo

Lieber spät als nie, könnte man sagen. Mi-Ae Seos Roman „Der rote Apfel“ (Originaltitel lautet „The good Girl“) erschien in Südkorea bereits 2010. Zehn Jahre später kommt nun die deutsche Übersetzung – und man staune, nicht etwa aus dem Englischen, wie manche deutsche Verlage das gerne tun, sondern tatsächlich aus dem Koreanischen. Übersetzt wurde der Roman von Ki-Hyang Lee.

Die Autorin Mi-Ae Seo (geb. 1965) ist in Korea kein unbeschriebenes Blatt. Ihre Thriller landen stets auf den Bestsellerlisten. Genauso erfolgreich verfasst sie Drehbücher, wie z.B. zu der mehrfach ausgezeichneten Krimikomödie „Happy Killers“ (2010). Ihr erster in Deutschland veröffentlichter Roman handelt von der Kriminalpsychologin Sonkyong, die eines Tages einen sonderbaren Auftrag erhält. Der Serienkiller Lee Byong-Do, den die Todesstrafe erwartet, möchte ausgerechnet mit ihr über seine Straftaten reden. Die Polizei erhofft sich dadurch, weitere bisher ungeklärte Mordfälle lösen zu können.

Sonkyong, die Lee Byong-Do zuvor noch nie begegnet ist, willigt ein. Doch Lee Byong-Do verlangt von ihr, dass sie bei jedem Treffen einen großen Apfel mitbringen solle, sonst würde er nicht reden. Zugleich gerät Songkyongs Privatleben völlig durcheinander, da Hayong, die Tochter ihres Mannes, nach einem Brand zu ihnen zieht. Doch mit Hayong scheint etwas ganz und gar nicht zu stimmen.

Man kann den Roman mit zwei Wörtern sofort auf den Punkt bringen: extrem spannend. Mi-Ae Seo entwickelt in „Der rote Apfel“ eine solche Dichte, dass einem buchstäblich der Atem wegbleibt. Auch wenn der Verlauf der Handlung stellenweise vorhersehbar ist, so bleibt die Geschichte aufgrund der Figuren und ihres jeweiligen Verhaltens überaus aufreibend.

Gut, manchmal lässt sich Sonkyongs Verhalten nicht wirklich nachvollziehen. Als Kriminalpsychologin wirkt sie doch eher unerfahren und alles andere wie eine Expertin. Doch andererseits macht genau das die Spannung des Romans aus. Denn immer wieder ertappt man sich dabei, dass man über Sonkyong einfach nur den Kopf schüttelt. Sehr gut fädelt Mi-Ae Seo dabei das soziale Verhältnis zwischen Mann und Frau in den Roman ein, wobei sie hierbei auf ironische Weise veranschaulicht: trotz Emanzipation ist das Patriarchat keineswegs abgeschafft. Interessanterweise macht sich dies ausgerechnet im Privatleben Sonkyongs bemerkbar und nicht in ihrem Berufsleben, was zwischen den Zeilen durchaus satirische Züge aufweist.

Im Groben und Ganzen ist „Der rote Apfel“ ein echter Thriller-Genuss. Während koreanische Filme immer noch Hochsaison feiern, schaut es bei der Literatur leider mehr als nur mager aus. Eher tröpfchenweise werden koreanische Romane ins Deutsche übersetzt. Man kann nur hoffen, dass sich das bald ändern wird. Denn Mi-Ae Seos Roman zeigt, dass es hier noch viel zu entdecken gibt.

Mi-Ae Seo. Der rote Apfel. Heyne Verlag 2020, 12.99 Euro, 349 Seiten

Horror de Luxe: The Cell (2000)

Catherine Deane (Jennifer Lopez) in Carls Unterbewusstsein; „The Cell“ (2000); © New Line Cinema

Viele Kritiker trauten ihren Augen nicht, als „The Cell“ in die Kinos kam. Man hatte einen üblichen Thriller um einen Serienmörder erwartet. Doch niemand hatte damals mit Tarsem Singhs ästhetischen Albtraumbilderrausch gerechnet.

Die Polizei ist hinter dem Serienmörder Carl Starghner her, der Frauen entführt und sie in eine Zelle aus Glas steckt, in dem seine Opfer qualvoll ertrinken. Kürzlich hat der Täter erneut zugeschlagen. Doch dieses Mal verläuft alles anders: Carl wird geschnappt. Doch liegt dieser im Koma. Um dennoch sein letztes Opfer retten zu können, begibt sich die Psychologin Catherine Deane mithilfe einer neuartigen Maschine in seine Gedankenwelt …

Tarsem Singh, der sich seit „The Cell“ nur noch Tarsem nennt, zog bei seinem Debut alle Register. Der Film ist ein wahrer düster-ästhetischer Augenschmaus, der zugleich oder gerade deswegen überaus beklemmend wirkt. Tarsem lässt es nicht bei dem üblichen Fangspiel zwischen Mörder und Polizisten, sondern es geht ihm um die Frage, wie jemand zu solch einem grausamen Mörder wird. Als Catherine bemerkt, dass sie durch diese Erkenntnis das letzte Opfer finden kann, versucht sie, auf Carls Kindheitserinnerungen einzuwirken.

Carl Starghner bleibt dadurch nicht plakativ, sondern erhält wie alle anderen Figuren eine für dieses Genre überaus komplexe Tiefe. Für die Szenen, die im Unterbewusstsein Carls spielen, ließ sich Tarsem von verschiedenen Künstlern und Kunstwerken inspirieren. Aber auch das Spiel mit Filmzitaten bleibt nicht aus, hierbei vor allem auf den Mystery-Thriller „Paperhouse“ (1988) von Bernard Rose.

Dabei ist „The Cell“ keineswegs der erste Film, der sich mit dem Thema Bewusstseinverschmelzung beschäftigt. Bereits 1984 schuf Regisseur Joseph Ruben mit „Dreamscape“ einen Film, in dem es um ein ähnliches Projekt wie in „The Cell“ geht. Im Gegensatz zu Tarsems Werk, knüpft „Dreamscape“ jedoch eher an Action und dem einen oder anderen Gag an.

Carl (Vincent D’Onofrio) ist König in seinem albtraumhaften Reich; „The Cell“ (2000); © New Line Cinema

„The Cell“ ist ein Film, dem man sich nicht entziehen kann. Die Geschehnisse und die bis ins kleinste Detail ausgefeilte Ästhetik wirken wie ein Strudel, der einen nicht mehr loslässt. Auf diese Weise zählt „The Cell“ sicherlich zu den außergewöhnlichsten Psycho-Thrillern überhaupt.

The Cell. Regie: Tarsen Singh, Drehbuch: Mark Protosevich, Produktion: Julio Caro, Eric McLeod, Darsteller: Jennifer Lopez, Vince Vaughn, Vincent D’Onofrio, Jake Weber. USA 2000

 

Unter Verdacht – Ein außergewöhnlicher Noir-Thriller

unterverdachtDem Film „Unter Verdacht“ liegt der Kriminalfall des Frauenmörders Dr. Crippen zugrunde. Dieser brachte seine Ehefrau um und mauerte sie danach in seinem Haus ein. In dem Klassiker von Robert Siodmak wurde aus Dr. Crippen der sanftmütige und zurückhaltende Tabakwarenverkäufer Philip Marshall. Seine Frau ist eine wahre Xanthippe, die ihm das Leben zur Hölle macht. Als ihr gemeinsamer Sohn auszieht, bringt dies den Konflikt zum überlaufen. Er möchte, dass sie einer Scheidung einwilligt, was diese jedoch ablehnt. Da lernt Marshall die viel jüngere Mary Gray kennen (dargestellt von dem damaligen Pin up-Girl Ella Raines), die in dem Tabakladen eine Anstellung sucht. Sie freunden sich schnell an. Aus der Freundschaft wird eine Affäre. Als Marshalls Frau dies mitbekommt, droht sie ihm, die Affäre seinem Chef zu verraten, was ihm seinen Job kosten würde. Bevor sie ihre Aktion durchführen kann, bringt er sie um.

unterverdacht2Damit endet der Film keineswegs und es geht auch gar nicht darum, wer der Mörder ist. Siodmak kreiert die Spannung auf eine ganz andere Weise. Der Zuschauer hofft inständig, dass Marschall nicht als Mörder entlarvt wird. Von Anfang an wird die Figur als ein sehr höflicher und gutmütiger Mann charakterisiert. Seine Frau dagegen ist schlicht und ergreifend eine Hexe. Die Lage, in die sie Marshall durch ihre Streitlust und ihren Hass bringt, lässt ihm gar keine andere Wahl, als sie auf recht rabiate Art und Weise zum Schweigen zu bringen. Als nun Philip Marshall endlich seine Ruhe hat und nachdem er und seine Geliebte geheiratet haben, taucht ein Inspektor auf, der nicht ganz glauben möchte, dass Marshalls Frau die Treppe hinuntergestürzt ist. Und da ist natürlich auch Marshalls alkoholsüchtiger Nachbar, der versucht, ihn zu erpressen.

unterverdacht1All dies macht „Unter Verdacht“ zu einem extrem spannenden Psychothriller. Zugleich liefert Robert Siodmak ein äußerst sozialkritisches Bild einer modernen Gesellschaft. Die Moral verkommt zu einer reinen Oberflächlichkeit. Es geht um gescheiterte Existenzen und zerrüttete Familien. Sehr direkt geht der Film auf das Thema Gewalt in der Ehe ein, wenn er Marschalls Nachbarin, deren Mann Alkoholiker ist, mit blauen Flecken zeigt. Siodmak nimmt hierbei keineswegs eine feministische Sichtweise ein. Bei ihm sind sowohl Frauen als auch Männer Opfer. Die oben erwähnte Direktheit ließ den Film damals als moralisch bedenklich erscheinen, was dazu führte, dass er nur für Erwachsene freigegeben wurde.

Was den Film nicht weniger interessant macht, ist der Umstand, dass zwischen Philip Marshall und seiner Geliebten und späteren Frau ein recht großer Altersunterschied herrscht. Eine ziemlich außergewöhnliche Figurenkonstellation für die damalige Zeit. Die in „Unter Verdacht“ angesprochenen Themen lassen den Film überaus aktuell erscheinen. Aber das macht echte Klassiker aus: sie sind praktisch zeitlos.

Unter Verdacht (The Suspect), Regie: Robert Siodmak, Drehbuch: Bertram Milhauser, Arthur T. Horman,  Produktion: Islin Auster, Darsteller: Charles Laughton, Ella Raines, Dean Harms, Stanley Ridges, Rosalind Ivan. USA 1944, Laufzeit: 85 Min.

Trash der 60er (6): Der Satan mit den langen Wimpern

nightmareNeben den klassischen Gruselfilmen, in denen es um Geister, Hexen, Vampire und andere unheimliche Geschöpfe geht, produzierten die Hammer-Studios auch eine Reihe Psychothriller, welche an Hitchcocks Kassenschlager „Psycho“ anknüpfen sollten. Dadurch kam es zu Filmen wie „Ein Toter spielt Klavier“ (Scream of Fear) oder „Das Haus des Grauens“ (Paranoiac). Ein weiteres Beispiel dieser anderen Seite von Hammer ist „Der Satan mit den langen Wimpern“. Wie auch in den beiden anderen erwähnten Filmen, schrieb Hammers Drehbuchstar Jimmy Sangster das Script.

In gewisser Weise kann man behaupten, dass es sich bei „Scream of Fear“, „Paranoiac“ und „Nightmare“ um eine lose Trilogie handelt. Denn im Grunde genommen wird in allen drei Filmen dieselbe Geschichte erzählt, allerdings in unterschiedlichen Variationen.

„Der Satan mit den langen Wimpern“ erzählt die Geschichte der jungen Janet, die seit ihrer Kindheit unter Wahnvorstellungen und Angstträumen leidet. Ständig glaubt sie, von ihrer wahnsinnigen Mutter verfolgt zu werden. Janet wird daher aus der Schule entlassen, um sich in ihrem Familienwohnsitz zu erholen. Hier jedoch werden ihre Alpträume und Halluzinationen noch schlimmer. Oder sind es vielleicht gar keine Vorstellungen? Niemand schenkt Janets Angst, dass ihre Mutter aus der Irrenanstalt geflohen sein könnte, Glauben. Dadurch sinkt sie immer tiefer in den Wahnsinn.

Der Film verknüpft gekonnt Psychothriller mit den Aspekten des Haunted-House-Genres. Bereits die gewaltige Fassade von Janets Elternhaus weist daraufhin, dass es innen unübersichtlich ist und man sich in dem Gebäude durchaus verlaufen kann. Dieser Eindruck wird in der Innenausstattung fortgesetzt. Tiefe, undurchdringliche Schatten machen Janets  Zuhause zu einem unheimlichen und ungemütlichen Ort. Obwohl das Haus durch seine enorme Größe hervorsticht, kreieren die Schatten eine Art von Klaustrophobie, die Janets Ängste auf den Zuschauer überträgt.

Janet stößt in ihrem Heim keineswegs auf Geborgenheit. Vielmehr herrschen in den vier Wänden Gefühlskälte, die Erinnerungen an einen grausamen Mord und Scheinheiligkeit. Es kommt zu einem nicht enden wollenden Familienstreit. Dieser wird teilweise so heftig ausgetragen, dass einzelne Szenen auch heute noch recht drastisch wirken. Auch die Schockeffekte erzielen durchaus ihre Wirkung.

Jimmy Sangster und Regisseur Freddie Francis gelingt es, der Story völlig überraschende Wendungen zu geben. Auch wenn man bei Vorkenntnis der anderen beiden Filme weiß, auf was alles letzten Endes hinausläuft, führen Handlungsdichte und Spannungsmomente keineswegs zu Langeweile.

Hammer drehte seine Psychothriller konsequent in Schwarzweiß. Dies erweist sich sehr zum Vorteil der Optik. Die Schatten erscheinen wie mit einem dicken Pinsel aufgetragen. Angst und Wahnsinn bekommen durch das Spiel aus Licht und Schatten eine intensivere Note. Jimmy Sangster behauptete einmal, dass er viel lieber Thriller schreibe, als Drehbücher zu gewohnten Horrorfilmen. Seine Vorliebe stellte er in diesem Film gekonnt unter Beweis.

Der Satan mit den langen Wimpern (OT: Nightmare), Regie: Freddie Francis, Drehbuch u. Produktion: Jimmy Sangster, Darsteller: David Night, Moira Redmond, George A. Cooper. England 1964, 83 Min.

Buchen auf eigene Gefahr: Unheimliche Übernachtungsmöglichkeiten im Film

Geschichten über unheimliche Herbergen gibt es seit der Antike. So gesehen reihen sich Filme, deren „Hauptakteur“ ein zwielichtiges Hotel ist, in eine zweitausendjährige Erzähltradition ein. Das „Unheimliche“ an Hotels und Herbergen ergibt sich aus der Tatsache, dass man letztendlich nicht weiß, auf was für ein Abenteuer man sich bei einer Übernachtung einlässt. Schmutzige Zimmer sind keine Seltenheit, ein miserables Frühstück ebenso wenig. Ganz zu schweigen von einem unfreundlichen Personal. Es ist anzunehmen, dass sich manche Leute in der Antike über Missstände dieser Art ebenfalls aufregten.

In der Postmoderne ergibt sich jedoch ein ganz anderer Bezugspunkt. Es geht nicht mehr allein um den Unterschied zwischen Werbung und Tatsache bzw. zwischen Schein und Sein, sondern um die von Georg Simmel in seinem Essay über die Großstadt und das Geistesleben erwähnte Aversion, deren Ursprung in einer durch den Modernisierungsprozess initiierten Entfremdung liegt. Man begibt sich, überträgt man diesen Aspekt auf Hotels und Herbergen, in die Hände von Fremden. In modernen Gesellschaften muss, frei nach Anthony Giddens, das Vertrauen gegenüber Mitmenschen stets neu gebildet werden. Das heißt, Vertrauen in modernen Gesellschaften ist aufgrund von Individualisierungsprozessen und damit einhergehender Entfremdung kein Normalzustand. Vielmehr herrscht ein stets gegenwärtiges Misstrauen. Die Folge davon ist eine latente Angst vor dem Anderen.

Horror-Hotel-poster
Horror Hotel (auch bekannt unter dem Titel „The City of the Dead“; 1960)

Psycho_(1960)

Horrorfilme machen sich diese Angst zunutze, um daraus Geschichten zu entwickeln, in deren Zentrum der (unheimliche) Fremde steht. Es handelt sich dabei zum großen Teil um Psycho-Thriller oder auch um sog. Torture Porn Movies. Die Angst vor dem Fremden, verbunden mit dem Aspekt der unheimlichen Herberge führte im Laufe der Zeit zu einer Reihe von Filmen, die man – wenn man denn möchte – durchaus innerhalb eines Subgenres zusammenfassen könnte. Interessanterweise aber existiert dafür keines. Die Filme werden unter den Oberkategorien „Psycho“, „Haunted“ oder „Torture Porn“ eingeordnet.

Am bekanntesten unter diesen Produktionen ist sicherlich „Psycho“ von Alfred Hitchcock aus dem Jahr 1960. Der Film ist eine Adaption des gleichnamigen Romans von Robert Bloch (übrigens einem Schüler H. P. Lovecrafts). Erst vor kurzem entstand ein Film über die Entstehung von „Psycho“, der auf dem Sachbuch des Filmexperten Stephen Rebello basiert. Viel muss über „Psycho“ nicht gesagt werden, außer dass Hitchcock einer der ersten war, der mithilfe eines neuartigen Storytellings die Zuschauer in Panik versetzte. Die angebliche Hauptfigur stirbt nach dem ersten Drittel des Films.

Interessant ist dieser Aspekt, da Hitchcock diese Idee streng geheim hielt. Anscheinend aber war sie dann doch nicht so geheim. Denn im selben Jahr wies die englische Produktion „Horror Hotel“ dieselbe Strategie auf. In diesem Film, der auch unter dem Titel „City of the Dead“ bekannt ist, geht es um eine Studentin, die in einen kleinen Ort fährt, um dort über das Thema Hexenkult zu recherchieren. Genau diese angebliche Hauptfigur stirbt nach dem ersten Drittel des Films. Der restliche Film handelt davon, dass ihre Schwester versucht, herauszubekommen, was mit ihr geschehen ist. „Horror Hotel“ ist ein sehr spannender Thriller, der bis heute nichts von seinem Reiz verloren hat.

Eatenaliveposter1977 versuchte sich Regisseur Tobe Hooper, der vier Jahre zuvor mit „Texas Chainsaw Massacre“ Filmgeschichte geschrieben hatte, sich erneut an einem Schocker. Das Ergebnis war „Eaten Alive“, einer Horror-Groteske wie sie im Buche steht. Der Film war in Deutschland bis vor wenigen Jahren indiziert. Inzwischen wurde die Indizierung aufgehoben. Es geht darin um den Hotelbesitzer Judd, der zusammen mit seinem Lieblingskrokodil mitten im Sumpf lebt. Sicherlich kein guter Platz für ein Hotel. Doch eines nachts kommen plötzlich mehrere Gäste. Judd, der seine Kunden gerne an sein Krokodil verfüttert, hat plötzlich alle Hände voll zu tun. – Mit Sicherkeit reicht „Eaten Alive“ nicht an Hoopers Debut heran. Der Film ist unglaublich schräg, voller schwarzem Humor und ziemlich überdreht. Man weiß nicht genau, was Hooper eigentlich wollte, dennoch wurde sein Film zu einem Klassiker des Genres. Dies wahrscheinlich deshalb, da sich mehr und mehr Gerüchte über die angebliche drastisch visualiserte Brutalität bildeten. Der Film selbst ist alles andere als drastisch. Vielmehr gleitet „Eaten Alive“ ab ins Surreale und Verstörende. Steven Spielberg machte sich das Image, das Hooper inzwischen genoss, zunutze und engagierte ihn Anfang der 80er Jahre als Regisseur für „Poltergeist“. Böse Zungen behaupten jedoch, dass Hooper diesen Film gar nicht drehte, sondern Spielberg ständig das Sagen hatte. Die Machart des Films bestätigt dieses Gerücht.

In Südkorea nahm man sich des Themas Herberge bereits am Anfang der Korean Hallyu an. 1998 drehte Kim Jee-Woon den Thriller „The Quiet Family“, der eine Art Remake des französischen Klassikers „Die rote Herberge“ (1951) darstellt. 2001 schuf der japanische Regisseur Takeshi Miike ein weiteres Remake mit dem Titel „The Happyness of the Kamakuris“. In Kims Film geht es um die Großfamilie Kang, die auf die Idee kommt, eine Herberge in den Bergen zu errichten. Dummerweise aber liegt diese ziemlich weit ab von sämtlichen Wanderwegen, sodass sich nur wenige Wanderer hierher verirren. Und diejenigen, welche die Herberge besuchen, kommen ums Leben. Kim schuf mit dem Remake eine nette Thriller-Komödie, die gegen Ende hin leider ziemlich an Fahrt verliert, insgesamt aber mit einem überaus schwarzem Humor glänzt. Besetzt mit einem koreanischen Staraufgebot wurde der Film ein großer Erfolg, im Gegensatz zu Miikes Version, die sang- und klanglos unterging.

The_Quiet_Family_Poster
The Quiet Family (1998)
H6
H 6 – Diary of a Serial Killer (2006)

Die spanische Version eines Horror Hotels lieferte 2006 der Film „H 6“. Es geht darin um den Hotelbesitzer Anonio Frau, der nachts Prostituierte entführt, um sie in seinem Hotel zu foltern. Der Grund: er möchte die Menschheit von ihren Sünden befreien. Später brät er seiner Frau aus Stücken seiner Opfer erstklassige Steaks. Der Film basiert auf einen echten Fall, der sich Ende des 19. Jahrhunderts in den USA zugetragen hat. Regisseur Martin Garrido Baron verlegte die Geschichte ins Spanien der Gegenwart. Der Film entstand während der Hochzeit des modernen spanischen Horrorfilms, dessen „Ära“ Anfang 2000 begann. Auch wenn die skizzierte Handlung nach einem „Torture Porn“ aussieht, begeht Baron zum Glück nicht den Fehler, sich an den Merkmalen dieses (auch bei bekannten Horrorregisseuren) umstrittenen Subgenres zu orientieren. Baron zeigt nicht, er deutet an. Er macht aus dem Kriminalfall einen düsteren, sehr ästhetisch angehauchten Thriller. Manche Aufnahmen wirken wie Gemälde. Dies hat einen Grund, ist doch Martin Garrido Baron eigentlich Künstler und lieferte mit „H6“ sein Kino-Debut ab.

Ein Jahr später verschlug es – in filmischer Hinsicht – zwei amerikanische Studenten in die Slovakei, wo sie in einem vermeintlichen Hotel einen wahren Albtraum durchleben. Eli Roth, der zuvor mit „Cabin Fever“ eine hervorragende Satire auf die moderne Gesellschaft ablieferte, trug mit seinem umstrittenen „Hostel“ zum kommerziellen Erfolg des Torture Porn Subgenres bei. Roth teilte in einem Interview mit, dass er sich wundere, wer sich solch krankes Zeug überhaupt ansehe. Sein Film ist nicht ohne Ironie und satirischen Seitenhiebe. Dem slovakischen Tourismusministerium aber war die Produktion ein Dorn im Auge. Das Land befürchtete einen Rückgang bei den Touristenzahlen. Der Film, der von Quentin Tarantino mitproduziert wurde, zählt inzwischen zu den erfolgreichsten Horrorfilmen.

The_Innkeepers_Poster Hostel_poster2012 drehte Ti West den Film „The Innkeepers“. Es geht darin um das „Yankee Pedlar Inn“, das wenige Tage vor seiner Schließung steht. Die beiden Angestellten, die an den letzten beiden Tagen Dienst haben, möchten herausfinden, ob die Spukgerüchte, die sich um dieses Hotel ranken, den Tatsachen entsprechen. West machte aus der Handlung einen wunderbaren, altmodischen Geisterfilm, der leider in Deutschland falsch vermarktet wurde. Der deutsche Vertrieb wollte, dass der Film ein FSK 18 erhält, was viele Zuschauer mit falschen Erwartungen an diesen Film herangehen ließ. West schuf einen sehr witzigen und kurzweiligen Horrorfilm, dessen Ende echte Gänsehaut hervorruft. Das Hotel, so der Produzent Larry Fessenden gegenüber FILM und BUCH, gibt es übrigens wirklich. Während der Dreharbeiten wohnte die Crew gleichzeitig darin.

Die oben genannten Filme führen die speziellen Merkmale der alten Herbergsgeschichten fort. In jeder Version handelt es sich um ein Hotel oder eine Herberge, die ziemlich abseits liegt. Ihre Besitzer sind fast immer psychisch gestört. Wie bereits bemerkt, gibt es für diese Filme bisher kein Subgenre. Die einzige nützliche Bezeichnung wäre „Horror Hotels“.  Doch damit würde man sich nicht wirklich legitimieren können, rückt diese Bezeichnung die Filme doch zu sehr in die Nähe der Spukhausfilme. In diesem Sinne viel Spaß beim nächsten Urlaub.