Eine Frage der Optik oder Wer sieht eigentlich den Film?

Zugegeben, der Titel klingt ein wenig seltsam. Noch seltsamer erscheint vielleicht auch die zugrunde liegende Fragestellung, mit der wir uns beschäftigen wollen: Wer sieht eigentlich den Film?

Die Frage wird vielleicht klarer, wenn wir das Problem auf folgende Weise betrachten: Lesen wir einen Roman, so gibt es einen Erzähler, also den Autor. Uns ist daher bewusst, dass uns jemand diese Geschichte, die wir gerade lesen, erzählt. Es ist also die Sichtweise des Schriftstellers, mit der wir es zu tun haben und auf die wir uns einlassen. Die Sätze, die wir lesen, hat ein Autor aufgeschrieben.

Aber wie sieht es bei einem Film aus? Gut, auch bei einem Film wird eine Geschichte erzählt. Und es ist klar, dass wir es mit der Sichtweise eines Regisseurs zu tun haben. Doch erklärt das noch nicht alles. Denn die Antwort gibt uns keinen Hinweis darauf, wer für uns die Geschichte „sieht“.

Natürlich wird ein Film mithilfe einer Kamera aufgenommen und das, was wir im Kino sehen, ist das, was das Objetkiv eingefangen hat. Und dennoch stehen wir noch immer am selben Punkt wie zuvor. Denn auch das erklärt keineswegs unser eigentliches Problem.

Daher betrachten wir die Frage einmal ein wenig anders: Filmaufnahmen werden in zwei Kategorien aufgeteilt: Subjektive Kamera und objektive Kamera. Bei der subjektiven Kamera ist unsere Frage schnell geklärt: Wir sehen Ereignisse aus der Sicht einer Filmfigur. Und daher wissen wir nur das, was auch die Figur weiß. Wir sehen den Film sozusagen durch die Augen einer fiktiven Person.

Aber wie sieht es nun bei der objektiven Kamera aus? Durch welche „Augen“ sehen wir nun den Film? Eine objektive Kamera ist im literarischen Sinne zu vergleichen mit dem allwissenden Erzähler. Hinter diesem allwissenden Erzähler steht wiederum ein Autor und daher ist für uns in Sachen Literatur die Frage geklärt.

Nicht aber im Bereich des Films. Denn wer sieht für uns bei einem optischen allwissenden Erzähler den Film? Es geht hierbei nicht um den Kameramann. Es geht im narrativen Bereich darum, wer die einzelnen Ereignisse für uns wahrnimmt. Und darauf gibt es im Grunde genommen keine Antwort.

Tatsächlich denken Filmtheoretiker seit langer Zeit über diese Fragestellung nach und kommen dabei auf keinen grünen Zweig. Wir sehen Filme, wissen aber nichts über diesen geheimnisvollen optischen Erzähler oder besser „Seher“, durch dessen „Blick“ wir die Handlung eines Films verfolgen. Wir bewegen uns dabei geradezu in einem metaphysischen Bereich, da wir nichst über die Beschaffenheit des Erzählers oder „Sehers“ wissen.

Die Frage, wer einen Film für uns „sieht“, ist durchaus spannend und faszinierend. Doch leider ist dabei auch die Chance groß, dass wir darauf nie eine Antwort finden werden. Dennoch macht es immer mal wieder Spaß, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. :)

Nothing – Vincenzo Natalis Gedanken über das Nichts

Vincenzo Natali gehört zu denjenigen SF-Filmemachern, die es verstehen, hervorragende SF-Thriller zu drehen. Gleich mit seinem Debüt „Cube“ erntete er viel Lob und Begeisterung. Auch sein zweiter Film, „Cypher“, muss sich nicht verstecken, sondern ist ein erstklassiger SF-Film, der wie auch „Cube“ mit mehreren Preisen bedacht wurde.

Mit „Nothing“ legte Natali 2003 seine erste SF-Komödie vor. Während „Cube“ und „Cypher“ extrem düstere und verstörende Werke sind, so ist „Nothing“ ein sehr heller, gut gelaunter Film, der jedoch bei weitem nicht oberflächlich wirkt, sondern sich mit interessanten philosophischen Fragen über unser Dasein und die Welt überhaupt beschäftigt.

Es geht darin um Dave und Andrew, die seit ihrer Kindheit die besten Freunde sind und schon immer auf der Verliererseite gestanden haben. Zusammen wohnen sie in einem abbruchreifen Haus, das exakt zwischen zwei Autobahnbrücken steht. Eines Tages wird ihre Freundschaft auf eine harte Probe gestellt, als nämlich Dave zu seiner neuen Freundin ziehen möchte. Doch dann verliert Dave seinen Job und wird wegen Unterschlagung gesucht, während Andrew als Kinderschänder verleumdet wird. Zugleich teilt man ihnen mit, dass ihr Haus in wenigen Minuten abgerissen wird. Gerade in dem Augenblick, als die Situation droht, völlig aus den Fugen zu geraten, verschwindet auf einmal alles. Dave und Andrew befinden sich in einer endlosen Leere …

Dave und Andrew (David Hewlett u. Andrew Miller) befinden sich plötzlich im Nichs. „Nothing“ (2003); Copyright: Eurovideo

Die beiden Außenseiter Dave und Andrew (übrigens zugleich die Vornamen der beiden Hauptdarsteller) geraten von einer Sekunde auf die andere in eine tiefe existentielle Krise, aus der es so gut wie kein Entrinnen gibt. Doch dann, wie durch Zauberhand, ist alles verschwunden. Einfach alles. Um Dave und Andrew breitet sich eine endlose Leere aus. Wo befinden sie sich plötzlich? Im Himmel? In einer anderen Dimension? Der Film lässt diese Fragen offen, und genau das macht seinen Reiz aus. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, zu überlegen, was mit den beiden Freunden geschehen ist und was diese vollkommene Leere, das Nichts, darstellen soll.

Dave und Andrew entwickeln dabei einen wahren Entdeckergeist. Sie beginnen, das Nichts zu erkunden, und stellen fest, dass man u. a. darauf wie auf einem Trampolin springen kann. Natürlich bleibt die anfängliche Harmonie zwischen den beiden nicht lange bestehen. Nach einiger Zeit beginnen sie sich zu zanken, und dies dürfte der wohl skurrilste Streit sein, den man je gesehen hat. Der Film entwickelt sich dadurch weg von einer bizarren Komödie hin zu einer Satire auf den Menschen bzw. das menschliche Dasein. Dabei verhindert es Natali, in den Kitsch abzudriften, sondern bleibt stets angenehm ironisch und sehr witzig.

„Nothing“ wurde mehrfach nominiert und erhielt im Jahr 2005 u.a. den Preis als Bester Film. Vincenzo Natalis schräge SF-Komödie, die sich abseits jeglichen Mainstreams befindet, ist wirklich sehenswert und bleibt durch seinen netten philosophischen Beiklang noch lange im Gedächtnis.

Nothing, Regie: Vincenzo Natali, Drehbuch: The Drews, Produktion: Steven Hoban, Darsteller: David Hewlett, Andrew Miller, Marie-Josée Croze, Gordon Prinsent. Kanada 2003, 85 Min.