Die 27. Etage oder Wie Edward Dmytryk die Paranoia neu erfand

27etageMan könnte annehmen, dass sich mit dem Beginn der 60er Jahre die Paranoia der 50er Jahre in Luft aufgelöst hatte. Jedenfalls, was die Filminhalte anbelangt. Doch weit gefehlt. Denn Mitte der 60er Jahre zeigte Regisseur Edward Dmytryk, dass die Paranoia noch immer existierte – und zwar ausgeprägter als zuvor.

 

Paranoides im Kino

Die Paranoia-Filme der 50er Jahre waren bestimmt von einer heimlichen Invasion fremder politischer Mächte, allen voran natürlich der Sowjetunion, welche die USA unterwandern wollten. Paradebeispiel für jene Zeit war und ist „Invasion of the Bodysnatchers“ (1956) nach dem Roman von Jack Finney, in dem ein Psychiater bemerkt, wie sich um ihn herum die Gesellschaft verändert und er dadurch zum Gejagten wird.

Alfred Hitchcock machte Schluss mit diesen Wahnvorstellungen, indem er mit „Psycho“ neue Ängste heraufbeschwor: die Angst vor dem Fremden innerhalb der eigenen Gesellschaft – und zwar ohne äußere Einflüsse. Norman Bates ist der Psychopath par excellence, doch niemand sieht es ihm von außen an. Somit schlich sich die Angst vor den Mitmenschen, die in einer modernen Gesellschaft eigentlich fast alle Fremde sind, von der Realität in die Kinosäle. Vertrauen konnte man ab da im Grunde genommen niemanden mehr. Fünf Jahre nach „Psycho“ und fast zehn Jahre nach den „Körperfressern“ griff Edward Dmytryk diese neue Paranoia auf und schuf mit „Die 27. Etage“ ein Meisterstück des Mystery-Thrillers, dessen Einfluss bis heute nicht nachgelassen hat.

 

Die 27. Etage

Eines Abends fällt in einem Bürohaus plötzlich der Strom aus. Im selben Moment befindet sich der Angestellte David Stillwell im Treppenhaus, wo er versucht, ins Erdgeschoß zu gelangen. Er trifft auf Shela, die ihm merkwürdig bekannt vorkommt, die er aber zugleich nicht zu kennen scheint, und folgt ihr hinunter in das vierte Untergeschoß. Nur, wie sich später herausstellt, das Gebäude besitzt kein einziges Untergeschoss, sondern nur einen Heizungskeller. Doch damit hat es sich noch längst nicht. Stillwell sieht sich auf einmal einer unheimlichen Gefahr gegenüber, Fremde bedrohen ihn mit Pistolen, versuchen, ihn zu entführen oder ihn dazu zu bringen, mit bestimmten Menschen in Kontakt zu treten. Im Gegenzug dazu verschwinden Leute, die er kannte, als hätte sie der Erdboden verschluckt. Stillwell sucht letztendlich einen Privatdetektiv auf, der ihm dabei helfen soll, Licht ins Dunkel zu bringen …

„Mirage“, so der Originaltitel, ist Spannung pur. Ohne langes Vorspiel, beginnt der Film mitten in der Handlung. Und ohne Durchhänger fährt Dmytryk mit dem Spiel fort, lässt den Zuschauer bis zum Schluss im Unklaren, was eigentlich wirklich mit Stillwell passiert ist. Allein Sheila scheint eine Verbindung zu Stillwells Vergangenheit zu sein, an die er sich, wie er plötzlich merkt, überhaupt nicht mehr erinnern kann. Doch die Frau, die ihm einerseits bekannt, andererseits völlig fremd ist, scheint mit ihm ebenfalls ein zwielichtiges Spiel zu spielen.

 

Die neue Paranoia

So als wollte Dmytryk die paranoide Atmosphäre des Films nochmals unterstreichen, erlaubte er sich einen kongenialen Scherz, indem er Kevin McCarthy, der 1956 den Psychiater in „Invasion of the Bodysnatchers“ gespielt hatte, in „Die 27. Etage“ mitagieren lässt. Gregory Peck, der den völlig zurückgezogenen David Stillwell spielt, überzeugt in dem Film auf ganzer Linie. Seine Figur wird zum Symbol von Individuen in einer modernen Gesellschaft, die niemandem und nichts mehr vertrauen können. Nicht einmal mehr sich selbst. Auf diese Weise verbindet Dmytryk die Paranoia der 50er mir derjenigen der 60er und schafft dadurch eine neue Form der sozialen Angst, die bis heute das Mystery-Genre prägt.

Auf diese Weise funktioniert der Film heute genauso gut, wenn nicht sogar noch besser als damals. Mystery-Thriller wie „The Game“ schauen gegenüber der „27. Etage“ alt aus, erreichen nicht die Intensität und keineswegs die Eleganz, die jener Klassiker aufweist. Es handelt sich schlichtweg um ein Meisterwerk, in dem eine hervorragende, teils an Hitchcock erinnernde Optik dominiert, die Reales surreal erscheinen lässt und umgekehrt. Kurz: ein erstklassiger Thriller.

Die 27. Etage (Mirage). Regie: Edward Dmytryk, Drehbuch: Peter Stone, Darsteller: Gregory Peck, Diane Baker, Walter Matthau, Kevin McCarthy, George Kennedy. USA 1965, 108 Min.