Ich übersetz dich gleich nochmal! – oder Wieso immer nur Neuübersetzungen?

Die schrumpfenden Klassikerregale in den Buchläden zeigen seit knapp einem Jahr mal wieder wie „originell“ deutsche Verleger sind, wenn es darum geht, „neue“ Klassiker zu entdecken. Denn anstatt auf Entdeckungsreise zu gehen und den Lesern etwas Neues zu präsentieren, wird auf Altbewehrtes zurückgegriffen. Das heißt, altbewehrt und in neuer Verpackung.

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Robert Louis Stevenson

Den Anfang nahmen Neuübersetzungen der „Kameliendame“ und „Oblomow“. Es folgten Neuübersetzungen von Charles Dickens und Ende 2013 eine Neuübersetzung der „Schatzinsel“. Jedes der Bücher wird damit beworben, dass dies nun die bisher beste Übersetzung sei und dem Originaltext am gerechtesten würde. Schön und gut, doch wurde das von fast jeder bisherigen Neuübersetzung behauptet. Sind diese neuen Übersetzungen tatsächlich so großartig? Um dies zu überprüfen müsste man einen genauen Vergleich zwischen dem Originaltext und der Übersetzung durchführen. Aber wer macht das schon bzw. hat Zeit und Muse dazu? Es bleibt daher nichts anderes übrig, als die neue Übersetzung mit älteren Übersetzungen zu vergleichen. Aber da fehlt ebenfalls Zeit und Muse. Man müsste jeden Satz überprüfen. Natürlich macht dies niemand. Und wenn, dann nur stichprobenhaft.

Was nun Literaturkritiker dazu verleitet, die neuen Übersetzungen zu lobhudeln, liegt wohl zum einen daran, dass sich niemand als Originaltext-Nicht-Kenner outen möchte. Vorsichtshalber wird daher die neue Übersetzung über alle Maßen gelobt und behauptet, wie toll und großartig der Originaltext übertragen wurde. Die Frage, die dabei im Raum stehen bleibt, lautet natürlich, wieviele der Kritiker z.B. des Russischen mächtig sind, um diese Aussage machen zu können.

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Iwan Gontscharow

Vergleicht man nun (stichprobenhaft) die allertollste Neuübersetzung mit vorangegangenen Übersetzungen von z.B. der „Kameliendame“ oder „Oblomow“, so zeigt sich, dass es im Grunde genommen kaum Unterschiede gibt. Manche altmodischen Wörter wurden durch moderne ersetzt. Doch damit hat es sich schon. Die Neuübersetzung der „Kameliendame“ unterscheidet sich so gut wie gar nicht von früheren Übertragungen. Und aus welchem Grund man nun zum xten Mal Stevensons „Schatzinsel“ übersetzen muss, bleibt wohl ebenfalls ein Geheimnis.

Besser wäre es, wenn die Verleger auf die Idee kommen würden, von Stevenson, Gontscharow oder Dickens Texte übersetzen zu lassen, die es noch nicht bzw. nicht mehr in deutscher Sprache gibt. So ist z.B. das Reisetagebuch Gontscharows, in dem er seine Reise nach Japan schildert, längst nicht mehr auf Deutsch erhältlich. Von Stevenson gibt es noch mehr spannende Abenteuer- und Historienromane, die es entweder gar nicht oder nicht mehr auf Deutsch gibt. Und im Hinblick auf Dickens lässt sich sicherlich auch noch die ein oder andere Entdeckung machen.

Aber darauf muss man wahrscheinlich lange warten. Verleger wollen kein Risiko eingehen. Die Folge: statt Originalität wird das Ewigselbe präsentiert. Dadurch werden die „Klassiker“ auf ein paar wenige Romane reduziert und der Rest vergessen. Es bleibt also nichts anderes übrig, als auf die nächste „beste“ und „überragende“ Übersetzung eines bereits mehrmals übersetzten Romans zu warten.