FuBs Fundgrube: „Das Phantom des Alexander Wolf“ von Gaito Gasdanow

Gaito Gasdanow (1934)

Gut, den Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“ gibt es auch noch immer im Buchhandel, doch haben wir unsere Ausgabe auf einem Bücherflohmarkt entdeckt. Aus diesem Grund haben wir den Beitrag darüber in unsere „Fundgrube“ gestellt.

Um es gleich auf den Punkt zu bringen: was für ein toller Roman! Gaito Gasdanow erlebte leider seinen Erfolg nicht mehr. Fast völlig vergessen starb er 1971 in München (geboren wurde er 1903 in St. Petersburg). In Deutschland wurde Gasdanow erst 2012 durch die Übersetzung von Rosemarie Tietze bekannt – und das, obwohl er seine letzten Lebensjahre in München verbrachte.

Gaito Gasdanow könnte man irgendwo zwischen Leo Perutz und Robert Siodmak einordnen. Ja, der Vergleich verwirrt, immerhin war der eine Schriftsteller phantastischer Romane und Thriller, der andere Regisseur der bekanntesten Noir-Filme Hollywoods. Aber meiner Meinung nach trifft dieser Vergleich am ehesten zu. Denn „Das Phantom des Alexander Wolf“ ist sowohl geheimnisvoll und rätselhaft wie Perutz‘ einzigartige Romane und zugleich düster und kriminalistisch wie Robert Siodmaks Noir-Filme.

In dem 1947 erschienen Roman geht es um einen ehemaligen Weißgardisten, der in Russland während des Bürgerkriegs einen Reiter erschossen hat. Jahre nach seiner Flucht nach Paris gelangt in seine Hände der Erzählband eines gewissen Alexander Wolf, der in einer der Geschichten exakt das Erlebnis, das den Ich-Erzähler plagt, wiedergibt. Also begibt sich der Mann auf die Suche nach dem Autor und begegnet dabei der geheimnisvollen Jelena, die Alexander Wolf ebenfalls gekannt hat …

Cover der ersten deutschen Übersetzung im dtv-Verlag

„Das Phantom des Alexander Wolf“ ist ein überaus spannender und geheimnisvoller Roman, der, wie oben bereits erwähnt, wie ein Noir-Krimi gestaltet ist. Der namenlose Ich-Erzähler gerät durch sein Geheimnis, das schwer auf seinem Gewissen lastet, in ein noch rätselhafteres Beziehungsgeflecht, in dem es um Liebe und Hass und nicht weniger um die Frage geht, ob das Schicksal eines jeden Menschen vorherbestimmt oder alles bloß Zufall ist.

Auf seiner Suche nach dem mysteriösen Alexander Wolf begegnet der Ich-Erzähler Menschen, die alle etwas über diesen Mann wissen, doch niemand kann etwas Gutes über ihn erzählen. Auf diese Weise schleicht sich Alexander Wolf wie ein Phantom ist das Leben des ehemaligen Soldaten und lastet wie ein unheivoller Schatten auf allem, was der Ich-Erzähler unternimmt. Jelena kommt hierbei die Rolle der femme fatale zu, in dem sie mit ihrer Sinnlichkeit den Ich-Erzähler betört und ihn gleichzeitig in eine zunehmend unheilvolle Situation bringt.

„Das Phantom des Alexander Wolf“ habe ich an einem Tag durchgelesen. Gaito Gasdanow schreibt ungeheuer flüssig, sodass man regelrecht durch die Geschichte gleitet. Zugleich gelingt es ihm, die Spannung von Mal zu Mal zu erhöhen, sodass man nicht anders kann, als weiterzulesen, da man unbedingt wissen möchte, wie der Roman endet. Beim Lesen dachte ich ständig, wieso nie jemand diesen Roman verfilmt hat. Man müsste das Buch einfach in eine Filmrolle legen und fertig. Tatsächlich wurde der Roman in den 50er Jahren verfilmt, allerdings nicht fürs Kino, sondern fürs Fernsehen.

Beim Lesen musste ich ständig an die Filme Robert Siodmaks denken. Auf dieselbe Weise, wie Gasdanow seine geheimnisvolle Geschichte entfaltet, geht Siodmak in seinen Filmen vor. Ava Gardner hätte hervorragend in die Rolle der Jelena gepasst, Burt Lancaster in die Rolle des Weißgardisten.

Gaito Gasadnows süchtig machendes Können blieb leider zum großen Teil unbemerkt. Das lag daran, wie Rosemarie Tietze in ihrem Nachwort bemerkt, dass er seine Romane im französischen Exil nur auf Russisch schrieb und nicht z.B. auf Französisch oder Englisch, was dazu führte, dass seine Werke nie den Bekanntheistgrad erreichten, der ihnen eigentlich gebührt hätte. In Russland, seiner eigentlichen Heimat, wurden seine Romane erst Anfang der 1990er bekannt, in Deutschland, wie gesagt, erst 2012.

Gaito Gasdanow. Das Phantom des Alexander Wolf. DTV 2012, 191 Seiten

 

 

The 80s: Im Jahr des Drachen (1985)

Nachdem Regisseur Michael Cimono (1939 – 2016) mit dem Western „Heaven’s Gate“ (1980) einen der größten Flops der Filmgeschichte abgeliefert hatte, der dazu führte, dass die pleite gegangene United Artists an MGM verkauft wurde, hatte er Schwierigkeiten, Gelder für neue Projekte zu erhalten. Doch Mitte der 80er Jahre konnte er den bekannten Filmproduzenten Dino de Laurentis für seine neueste Arbeit gewinnen: „Das Jahr des Drachen“, ein Film, der damals umstritten war, heute aber zu den Klassikern nicht nur der 80er Jahre, sondern auch des Kriminalfilms zählt.

Es geht darin um den neuen Polizeichef Stanley White, der nach Chinatown versetzt wird, wo sich zwei Clans bis aufs Blut bekämpfen. White möchte dem ein Ende setzen und legt sich mit den Bossen der chinesischen Mafia an, allen voran mit dem jungen Gangster Joey Tai, der riesige Mengen Kokain nach New York schmuggeln möchte.

Damalige Kritiker unterstellten dem Film eine rassistische Darstellungsweise, was u.a. dazu führte, dass sinoamerikanische Vereinigungen gegen den Film protestierten. Die Verwaltung von Chinatown befürchtete zudem, dass aufgrund der negativen Darstellungsweise des New Yorker Stadtteils die Touristenzahlen drastisch zurückgehen würden.

Damals wie heute war bei solchen Themen mehr Hysterie als sonst etwas im Gange, denn die Frage lautet, wieso ein Film rassistisch sein soll, wenn er sich mit der in Chinatown ansässigen chinesischen Mafia beschäftigt. „Das Jahr des Drachen“ zeigt die Brutalität der Gangster und setzt diese der Brutalität Stanley Whites gegenüber, der als Einzelkämpfer für Recht und Ordnung sorgt. Von Rassismus keine Spur.

Als Großstadt-Thriller konzipiert, arbeitet er mit Elementen des Neo-Noir, die er mit den Merkmalen des modernen Gangsterfilms verbindet. Später sollte Ridley Scott eine ganz ähnliche Geschichte mit „Black Rain“ auf die Leinwand bringen. Cimono konzentriert sich in seinem Film auf die Charakterisierung der beiden Kontrahenten Joey Tai und Stanley White, wobei er beiden Figuren eine interessante Tiefe verleiht und ihnen gleichzeitig nichts schenkt.

Der Konflikt wird knallhart ausgetragen, die actionreiche Handlung nimmt dabei klare dramatische Züge an, die dem Film eine zusätzliche Wucht verleihen. Bei allem dominiert eine wunderbare Optik, die „Das Jahr des Drachen“ fast schon zu einem cineastischen Rausch werden lässt. Dies führt dazu, dass einem der Film gleich von Anfang an in seinen Bann schlägt.

Hinzu kommt natürlich die spannende Story, die ohne Kompromisse voranschreitet und in einem äußerst intensiven Höhepunkt kumuliert, der seinesgleichen sucht. 2015 erhielt der Regisseur beim Filmfestspiel von Locarno den Ehrenleopard für sein Lebenswerk.

Das Jahr des Drachen (Year of the Dragon). Regie: Michael Cimono, Drehbuch: Oliver Stone, Michael Cimono, Produktion: Dino de Laurentis, Darsteller: Mickey Rourke, John Lone, Ariane, Dennis Dun, Victor Wong. USA 1985, 134 Min.