Horror de Luxe: Enemy (2013)

Der Film „Enemy“ ist zwar eher eine Art Mystery-Thriller und weniger ein Horrorfilm, doch ist er in unserer Rubrik „Horror de Luxe“ trotzdem am besten aufgehoben. Allein schon aus dem Grund, da es sich um einen erstklassigen Film handelt.

Wo ist der Kammerjäger, wenn man ihn braucht?; Szene aus „Enemy“ (2013); © Entertainment One

Man stelle sich vor, es würde einen zweimal geben. Gut, das Doppelgängermotiv ist so alt wie die Phantastik selbst, doch in Denis Villeneuves Adaption des Romans „Der Doppelgänger“ von José Saramago nimmt dieses Motiv ziemlich bizarre Züge an. Jedenfalls handelt es sich um einen Film, den Filmkritiker aufgrund seiner Symbolik bis heute immer wieder analysieren.

Es geht um den Geschichtsdozenten Adam Bell, der sich in seinem Leben nur noch langweilt. Auch die Beziehung zu seiner Frau steckt in der Krise. Da leiht er sich einen Film aus, dessen Hauptdarsteller Anthony Claire ihm bis aufs Haar gleicht. Adam versucht, mit Anthony in Kontakt zu kommen. Der Beginn eines gefährlichen Spiels …

„Enemy“ ist ein großartiger Thriller mit leisen Tönen, der einem so richtig unter die Haut geht. Zudem ist die Schlussszene dermaßen der Hammer, dass es einen regelrecht vom Stuhl haut. Ich persönlich habe mich jedenfalls so erschrocken wie schon lange nicht mehr.

In der Machart orientiert sich Denis Villeneuve an den Thrillern der 70er Jahre, was „Enemy“ einen leicht schmuddeligen Look verleiht, der ja typisch für die Krimis und Thriller der 70er Jahre war. Villeneuve sagte zwar in einem Interview, dass er sich für „Enemy“ bei den Filmen Stanley Kubricks beeinflussen hat lassen, doch kann der Film auch nicht den Einfluss David Lynch‘ verbergen. Das Spiel zwischen Realität und surrealen Zwischentönen liegt genau auf dessen Linie.

Wirklich hervorragend ist auch die Arbeit von Jake Gyllenhaal, der hier Adam Bell und dessen Doppelgänger spielt. Seine beiden Darstellungsweisen sind so überzeugend, dass man tatsächlich zwei verschiedene Personen vor sich sieht. Auf der einen Seite der orientierungslose Dozent Adam Bell, auf der anderen Seite der aggressive Schauspieler Anthony Claire. Ein paar Jahre später sollte Kyle MacLachlan eine ähnlich gute Doppelgängerdarstellung in der Fortsetzung von „Twin Peaks“ abliefern.

„Enemy“ lief zwar nicht besonders erfolgreich in den Kinos, erhielt jedoch ausnahmslos gute Kritiken. Zusätzlich wurde der Film mit mehreren Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Toronto Film Critics Award als bester kanadischer Spielfilm. Kurz: sehr zu empfehlen.

Enemy. Regie: Denis Villeneuve, Drehbuch: Javier Gullon, Produktion: Niv Fichman, Darsteller: Jake Gillenhaal, Melanie Laurent, Sarah Gadon, Isabella Rossellini. Kanada 2013

Die Klunkerecke: The Wicker Man (1974)

Obwohl der Film damals die Zuschauer maßlos entsetzte, floppte „The Wicker Man“ an den Kinokassen. Bis heute gilt Robin Harrys‘ Werk als nicht nur bahnbrechend, sondern als einer der verstörendsten Horrorfilme überhaupt. Viele Regisseure inspiriert dieser Film bis heute, vor allem Eli Roth, der seine eigenen Produktionen im Stil von „The Wicker Man“ sieht.

Doch um was geht es überhaupt in diesem sonderbaren, überaus beklemmenden Film? „The Wicker Man“ handelt von einem verschwundenen Mädchen. Inspektor Neil Howie hat den Auftrag, zu ergründen, was mit dem Mädchen geschehen ist. Die Suche führt ihn letztendlich auf die Insel Summerisle, die von einem eigenartigen Kult beherrscht wird. Die Bewohner glauben nicht an Gott, sondern an diverse Naturgötter, die sie in verschiedenen Ritualen verehren. Doch da vergangenes Jahr die Ernte überaus schlecht ausfiel, sehen sich die Bewohner dazu gezwungen, dieses Mal ihren stärksten Zauber durchzuführen. Dieser gelingt jedoch nur durch ein Menschenopfer …

Die Grundidee des Films basiert auf Caesars „Gallischen Krieg“, in dem er an einer Stelle von einer riesigen, aus Weiden geflochtenen Figur berichtet, in die Menschen eingepfercht wurden, um sie daraufhin zu verbrennen. Ob dies tatsächlich stimmt oder es sich um eine Art von antiker Propaganda handelt, darüber sind sich Historiker bis heute uneins. Jedenfalls war damit die Idee zu „The Wicker Man“ geboren.

Eigentlich sollte der Film  auf den Roman „Ritual“ von David Pinner basieren. Doch Robin Harrys und Drehbuchautor Anthony Shaffer veränderten den Stoff so stark, dass von der ursprünglichen Geschichte kaum noch etwas übrig blieb. Nur der Grundkonflikt blieb gleich, indem ein religiöser Polizeibeamter auf eine Sekte trifft, die die Natur anbetet.

Der Star des Films: die unheimliche Wicker Man-Figur; „The Wicker Man“ (1974); Copyright: Studiocanal

Man merkt, dass speziell bei den Szenen, in denen es um die Diskussion zwischen Neil Howie (gespielt von Edward Woodward) und dem Sektenführer Lord Summerisle (gespielt von Christopher Lee) Jacques Tourneurs Klassiker „Night of the Demon“ (1956) Pate gestanden hat. Während es bei Tourneur um die Gegenüberstellung von rationalem Wissen und Aberglauben ging, so geht es in den entsprechenden Szenen bei Robin Harrys um die Frage, was nun eigentlich der wahre Glaube ist.

Auf diese Weise treffen in „The Wicker Man“ zwei Extreme aufeinander: der Polizeibeamte, der neben seinem Glauben keinen anderen Glauben gelten lassen möchte, und Lord Summerisle, der nicht weniger von seiner Naturreligion überzeugt ist. Dass es dadurch zu keiner Einigung kommen kann, sondern sich der Konflikt dadurch nur verschärft, liegt quasi auf der Hand.

Doch „The Wicker Man“ geht noch einen originellen Schritt weiter. Die Bewohner der Insel nutzen die moralischen und religiösen Einstellungen Howies aus, um mit ihm ein bösartiges Spiel zu treiben. Und genau hier kommen die beklemmenden und bedrohlichen Aspekte des Films ins Spiel, die „The Wicker Man“ bis heute so einzigartig machen.

Alternatives Kinoplakat von „The Wicker Man“

Hinzu kommt ein weiteres wichtiges Merkmal des Films: er ist nicht nur als Mystery-Thriller und Horrorfilm konzipiert worden, sondern ebenso als Musical. Besonders einprägend ist hierbei der „Wicker Man Song“. Die Musical-Sequenzen und die damit verbundene alternative Lebensführung legt nahe, dass hier die Hippie-Bewegung aufs Korn genommen werden sollte. In dieser Hinsicht war der Film seiner Zeit voraus, denn die satirische Sichtweise auf die Hippies nahm das Horrorgenre erst ab Anfang der 80er Jahre vor (wie z.B. in „Poltergeist“).

Wie gesagt, floppte „The Wicker Man“ und dies war natürlich schlecht für die Produktionsfirma, die kurz vor dem bankrott stand. Wahrscheinlich ging die Rechnung nicht auf, da der Film sich in keine vorgefertigte Schablone stecken lässt. Er hält sich nicht an Genrevorgaben, sondern rührt alles durcheinander. Was damals die Kinogänger abschreckte (die Zuschauer, die den Film sahen, erschreckte er), gilt heute als einer der wichtigsten Filme der britischen Filmgeschichte, da er in England genau den Schnitt zwischen den Filmen von Hammer und den postmodernen Horrorfilmen markiert und dadurch zugleich das postmoderne Kino im allgemeinen einläutet.

Aus heutiger Sicht könnte man „The Wicker Man“ in die Protestfilme der 70er Jahre einordnen, also vor allem Filme wie „Texas Chainsaw Massacre“ oder „Last House on the Left“, die die konservativen Moralvorstellungen hinterfragten. „The Wicker Man“ geht dabei noch einen Schritt weiter, indem er Menschen zeigt, die sich gegen die staatlichen Behörden wenden.

Doch ganz egal, wie man den Film sehen möchte und vor allem was man in dem Film sehen möchte, „The Wicker Man“ ist ein Film, der einen nicht mehr loslässt, über den man immer weiter nachdenken muss und der einen mit einem mulmigen Gefühl zurücklässt. Kurz: einzigartig.

The Wicker Man. Regie: Robin Hardy, Drehbuch: Anthony Shaffer, Produktion: Peter Snell, Darsteller: Edward Woodward, Christopher Lee, Ingrid Pitt, Britt Ekland. England 1974, 89 Min.