K-Pop 19 oder die Eindeutigkeiten nehmen zu

Das, was wir in einem unserer früheren K-Pop-Artikel prophezeit haben, wird in der Tat nach und nach umgesetzt. Die koreanische Musikindustrie ist weiterhin im internationalen Höhenflug und schaffte sogar mit Psys „Gentleman“ einen Eintrag ins Guinnes Buch der Rekorde, da das Video zu diesem Song innerhalb von 24 Stunden am häufigsten angeklickt wurde. Und somit sind wir schon bei unserem eigentlichen Thema. Denn Psys neuestes Video wurde in Korea stark kritisiert. Zum einen wegen angedeuteten Vandalismus, zum anderen da es angeblich zu direkte erotische Anspielungen beinhalte. Noch vor einem halben Jahr herrschte helle Aufregung innerhalb der K-Pop-Welt, da das koreanische Kulturministierum meinte, eine neue Altersregelung für Musikvideos einführen zu müssen. Die Folge davon, die Clips wurden brav, Groups, die normalerweise ein erotisches oder draufgängerisches Image vermittelten, passten sich auf einmal der Norm an.

Nun, da sich die Wogen geglättet haben und K-Pop weltweit noch mehr Aufmerksamkeit erhält, scheinen sich die Images der Groups wieder zu ändern. Am Ende unseres vorletzten Artikels behaupteten wir, dass K-Pop-Clips bald mehr auf Erotik setzen würden, um mit dieser Marketingstrategie noch mehr internationalen Erfolg erzielen zu können. Tatsächlich scheint sich dieses Konzept nun langsam einzuschleichen. Damit ist nicht Hyun-A mit „Icecream“ oder die Sistar-Split-Group Sistar 19 gemeint, deren Name das Konzept des Duos bereits vorwegnimmt. Sowohl Hyun-A als auch Sistar 19 sind von Anfang an als erotische Konzepte entwickelt worden. Es geht um neuere Videoclips, die verstärkt Erotik als Strategie benutzen, um damit Erfolg zu haben.

Gain Bloom
Gains „Bloom“ ist das erste koreanische Musikvideo, in dem ein Geschlechtsakt dargestellt wird.

Bereits Ende des vergangenen Jahres erregte die Sängerin Gain durch ihr Video „Bloom“ große Aufmerksamkeit. In dem Song geht es um sexuelle Befriedigung. Das Thema wurde nicht verspielt dargestellt –  wie sonst bei K-Pop-Clips üblich -, sondern geradezu direkt visuell umgesetzt. Die narrativen Elemente des Clips zeigen Gain bei der Selbstbefriedigung und beim Sex. Interessanterweise wurde das Video nicht verboten, wie man es aufgrund der strengeren Regelung vermutet hätte, sondern lediglich mit einer Altersbeschränkung belegt, sodass es nur noch für Zuschauer ab 19 angesehen werden darf.

KimSori Dual Life
„Dual Life“ von Kim So Ri galt zunächst als zu erotisch und sollte verboten werden.

Auch die Sängerin Kim Sori bekam mit ihrem durchaus interessanten Video „Dual Life“ Probleme. Der Text spielt auf die Diskrepanz zwischen Schein und Sein an, wobei die visuelle Umsetzung durch diverse Spiegelsymbole auch auf das Thema gespaltene Persönlichkeit eingeht. Den Beamten erschien das Video als zu erotisch, sodass es tatsächlich verboten werden sollte – bei Gain stand ein Verbot überhaupt nicht zur Debatte. Die Produzenten konnten aber dieselben Herren von der Harmlosigkeit des Videos überzeugen, sodass es nun ab 12 frei gegeben ist.  Man kommt nicht umhin, an unsere FSKler zu denken, deren Entscheidungsfreude gelegentlich auch nicht wirklich nachvollziehbar ist.

Rania Just Go
In „Just Go“ kehren Rania zu ihrem ursprünglichen Stil zurück.

Anfang 2013 kehrte die Gruppe Rania zu ihrem ursprünglichen Konzept zurück, das sie ja aufgrund der strengeren Altersbeschränkungen für kurze Zeit abgelegt hatte. In ihrem neuen Video „Just Go“ erscheinen die weiblichen Mitglieder wieder in teils durchsichtigen Kostümen und legen einmal mehr eine – für K-Pop-Verhältnisse – gewagte Choreographie hin. Diesmal hütete man sich allerdings vor einem drohenden Cut, indem man auf Nahaufnahmen bei den Dance-Shots (diese hatten bei ihrem Debut-Video „Dr. Feel Good für Wirbel gesorgt) verzichtete.

NineMuses Wild
Nine Muses‘ „Wild“ ist das erste Video der Gruppe, das nur für Erwachsene frei gegeben wurde.

Schließlich und endlich ist auch der Titel „Wild“ der Gruppe Nine Muses quasi zum Programm ihres neuesten Clips geworden. Zugleich greifen die neun ehemaligen Fotomodels in visueller Hinsicht auf ihr Debut „No Playboy“ zurück, auch wenn „Wild“ eindeutig freizügiger ist und daher erst ab 19 freigegeben wurde. Anscheinend versuchten die Produzenten das etwas fragwürdig geratene Video „Dolls“, das kurze Zeit vor „Wild“ erschien, schnell vergessen zu machen, da dies wirklich an einer schlechten Umsetzung gelitten hat.

Es zeigt sich jedenfalls, dass parallel zum zunehmenden internationalen Erfolg von K-Pop die Zweideutigkeiten zunehmend in Eindeutigkeiten übergehen. Wie immer darf man gespannt sein, wie die Entwicklung weitergeht.

Koreas Musikindustrie in Aufruhr – Neues Gesetz erlaubt Zensur von Musikvideos

Kpop ist in aller Munde. Dies nicht allein durch den globalen Hit „Gangnam Sytle“ des koreanischen Sängers Psy. Die internationale Erfolgswelle koreanischer Popmusik ist derzeit nicht zu bremsen. Doch genau in dem Moment, in welchem sich Kpop weltweiter Bekanntheit und Beliebtheit erfreuen darf, zieht das koreanische Ministerium für Gesundheit und Kultur (seiner Meinung nach) die moralische Notbremse.

Was ist passiert? Seit dem 18. August 2012 gilt ein neues Gesetz, welches der Musikindustrie verbietet, Musikvideos ungeprüft zu veröffentlichen. Das Gesetz galt schon seit längerer Zeit für das Fernsehen (dort übernahmen die Sender selbst die Zensur), doch nun soll dies auch Videos betreffen, welche von den Firmen selbst ins Netz gestellt werden. Das bedeutet, bevor das Musikvideo auf Youtube oder ähnlichen Plattformen erscheinen darf, muss es dem Ministerium zur Begutachtung vorgelegt werden. Wer sich nicht an diese Regelung hält, muss im schlimmsten Fall mit zwei Jahren Haft rechnen.

Natürlich bringt dies Künstler und Produzenten auf die Barrikaden. Denn das Gesetz lässt offen, was zensiert wird und gibt auch keine genaue Definition darüber, was eigentlich ein Musikvideo ist (es könnten darunter nicht nur industriell produzierte Videos fallen, sondern genauso Privatvideos, welche mit Musik unterlegt sind).  Das Ministerium nennt als Grund für die Maßnahme, eine zunehmende Gewaltdarstellung sowie eine deutlichere Sexualisierung der Sängerinnen. Daher sieht sich die Behörde in der Pflicht, Kinder und Jugendliche vor dieser extremer werdenden Form der Visualisierung zu schützen.

Die Videoclips der Boyband B.A.P. zeigen in ihrer Choreographie einen (eher symbolischen) Hang zur Gewalt.
Auch bei Videoclips diverser Girlbands kann eine zunehmende Darstellung von Gewalt und Erotik beobachtet werden.

Betrachtet man jedoch die ins Netz gestellten Musikvideos vor und nach dem 18. August, kann man kaum Veränderungen in den Videoclips feststellen. Im Gegenteil, der Trend geht vor allem weiter in Richtung Erotik. Ob das Ministerium sein Vorhaben wieder zurückgezogen hat oder ob die Musikfirmen aus Protest ihre Videos weiterhin ungeprüft ins Netz stellen, kann derzeit nicht beurteilt werden.

Dass Musikvideos in Südkorea zensiert werden, ist allerdings nichts Neues. Das Video „Dr. Feel Good“ der Girlband Rania musste um mehrere Sekunden gekürzt werden, da die choreographischen Anspielungen teilweise zu eindeutig sind. Zudem mussten Nahaufnahmen der Leistengegend der Leadsängerin entfernt werden.

Das Video „Dr. Feel Good“ der Girlband Rania musste aufgrund direkter sexueller Anspielungen gekürzt werden.

Bei dem Videoclip „Pray“ der Band Sunny Hill wurde härter durchgegeriffen. Das Musikvideo wurde aufgrund von moralischen Bedenken in Korea verboten. Der Clip zeigt Experimente an einem deformierten Menschen.  Obwohl das Make-up schlecht ist und die Experimente nur angedeutet sind, gab es hinsichtlich des Videos starke Proteste.

Das Problem liegt wahrscheinlich auch nicht darin, dass Musikvideos zensiert werden können, sondern eher darin, dass dies, da die neue Maßnahme auch Online-Videos berücksichtigt, der schleichende Anfang einer generellen Internetzensur sein könnte. Es bleibt abzuwarten, wie strikt das Ministerium durchgreifen wird. Vieles hängt auch von der ästhetischen Weiterentwicklung der koreanischen Musikvideos selbst ab.  Da diese nun verstärkt versuchen, auf den internationalen Markt zu drängen, wird vor allem der Trend zu mehr Erotik sicherlich beibehalten werden. Schließlich heißt es ja nicht umsonst: Sex sells.

Der Artikel enthält teilweise Informationen aus der Korea Times vom 8 August 2012: YouTube music video rating riles up artists