Gespenster der Technokratie oder Medien im J-Horror

technokratieVor kurzer Zeit wurde ein Buch veröffentlicht, das sich mit dem Thema Medien in japanischen Horrorfilmen beschäftigt. Das hat uns von FILM und BUCH natürlich neugierig gemacht, da einer unserer Schwerpunkte K- und J-Horror ist.

Autor ist Lars Robert Krautschick, der über dieses Thema seine Dissertation verfasste. Die Fragestellung ist durchaus interessant und wichtig, spielen doch in manchen J-Horrorfilmen Handys, Telefone, Fernseher und auch das Internet eine zentrale Rolle. „Ring“ (1998) machte hierbei den Anfang. Krautschick untersucht nun, auf welche Weise die jeweiligen Medien in den Filmen dargestellt werden. Hierzu nahm er sich drei Filme vor: „Ring“, „One missed Call“ (2003) und „Kairo“ (2001).

Seine Darstellung umfasst als jeweiligen „Vorspann“ einen Überblick über die historischen Entwicklungen der jeweiligen Medien (im Westen, nicht in Japan), bevor er sie in den oben genannten Filmen analysiert. Originell ist hierbei, dass er zusätzlich parapsychologische Fachliteratur hinzuzieht, in denen dieselben Medien (Telefon, Fernseher, Internet) auf ihre Heimsuchungsqualitäten untersucht werden.  In den Filmen sucht er nach Parallelen zu diesen Aspekten und findet diese auch, wie etwa im Weißen Rauschen, das in „Ring“ stets die Geisterfrau Sadako ankündigt.

So gesehen macht dies die Analyse durchaus spannend. Allerdings finden sich in Krautschicks Buch auch weniger gute Aspekte. An einer Stelle, in der er kurz auf die US-Remakes eingeht, lässt er sämtliche asiatische Horrorfilme unter der Bezeichnung J-Horror erscheinen –  also auch Horrorfilme aus Südkorea und Thailand. J-Horror ist jedoch kein Überbegriff für asiatische Horrorfilme, sondern bezieht sich eben nur auf den modernen japanischen Horrorfilm, der Ende der 90er Jahr entstand. Urbane Legenden an einer anderen Stelle als urbane Märchen zu bezeichnen, ist ebenfalls weniger gelungen. Bei dieser oralen Narrationsform handelt es sich um moderne Legenden, die vor allem an Unis, Schulen oder in Feriencamps weiter erzählt werden, keinesfalls um Märchen.

Obwohl das Buch ein interessantes Thema bearbeitet, fehlen an vielen Stellen soziokulturelle Hintergründe. Zum großen Teil bleibt offen, was genau diese Medien im sozialen und kulturellen Kontext (Japans) unheimlich macht. Der Bezug auf parapsychologische Artikel, so faszinierend dieser auch ist, ist hierbei zu wenig. Beim Thema Telefon macht sich Krautschick auf einer psychologischen Ebene darüber Gedanken, auf welche Weise dieses mit dem Thema Angst in Verbindung steht. Beim Handy wird dies schon eher vage und beim Internet ebenfalls. Auch fehlen Einblicke in die japanische Gesellschaft, die seine Ergebnisse untermauern könnten. Zwar gibt es hier und da kleinere Einschübe, doch sind diese recht oberflächlich. Hier hätte sich der Autor mehr Mühe machen müssen, da sein Buch nun einmal von japanischen Filmen handelt und man diese nur ganz verstehen kann, wenn man die jeweiligen soziokulturellen Hintergründe kennt.

Doch im Hinblick darauf, wie die jeweiligen Medien in J-Horrorfilmen zur Geltung kommen, wie sie filmisch dargestellt werden, um ihnen einen unheimlichen Touch zu verleihen, liefert das Buch durchaus interessante Informationen.

Lars Robert Krautschick: Gespenster der Technokratie. Medienreflexionen im Horrorfilm. Bertz + Fischer 2015, 314 Seiten, 25 Euro, ISBN: 978-3-86505-390-9.

 

 

 

 

30 Jahre „Mama, Papa, Zombie“ – Ein echtes Stück Mediengeschichte

zombiehingamglockenseilGut, eigentlich sind es 31 Jahre, die seit der Erstaustrahlung der Doku „Mama, Papa, Zombie“ vergangen sind. Die Sendung platzte mitten hinein in den Videoboom, der zu rückläufigen Einnahmen an den Kinokassen führte. Fasst man den Inhalt der Reportage zusammen, so könnte man sagen, dass es darin um die Verdammung von Horrorfilmen geht.

Wieso die Sendung eine Art „Kultstatus“ erreichte, hängt mit der teilweise unfreiwillig komischen Inszenierung zusammen. Um es vorweg zu nehmen, in der Sendung wird nicht nur dummes Geschwätz von sich gegeben. Ein paar Dinge sind auch heute noch aktuell und heute genauso in der Schwebe wie damals. So z.B. die Forderung eines Kunstprofessors, das Fach Film in den Schulunterricht aufzunehmen, damit Kinder den Umgang mit diesem Medium lernen. Eine solche Forderung gibt es seit den 60er Jahren (I. C. Jarvie verweist darauf in seinem Buch „Film und Gesellschaft“) und wurde bisher nur an wenigen Schulen umgesetzt.

Auch die Aussagen darüber, dass letztendlich die Eltern verantwortlich dafür sind, was ihre Kinder sehen dürfen, hat nichts von ihrer Aktualität verloren.

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Mit Szenen aus diesem Film begann die damalige Doku „Mama, Papa, Zombie“.

Dennoch ist da eben diese unfreiwillige Komik, die in der Sendung mitschwingt. Höhepunkt ist das Interview mit einem Pädagogikprofessor, der einen kurzen Vortrag über die angebliche Schädlichkeit von Horrorfilmen hält, wobei in Zwischenszenen ein Junge zu sehen ist, der vor einem TV-Gerät sitzt oder besser liegt, während aus den Lautsprechern die Geräuschkulissen von Karate- oder Zombiefilmen hallen. Nach dem jeweiligen Schnitt zurück zum Professor, blickt dieser mit bierernster Miene von links (Zuschauerseite) zurück in die Kamera, so als habe er gerade selbst den kurzen Ausschnitt mitangesehen, und führt seinen Vortrag weiter. Speziell dieses Interview erinnert stark an die Gags in „Monthy Pythons Flying Circus“, obwohl die ZDF-Reportage natürlich völlig ernst gemeint war.

Auch der Elternabend, der am Ende der Sendung das Finale bildet, hat sich in das mediale Gedächtnis eingeprägt. Vorgeschoben ist ein Unterricht in der vierten Klasse, in der die Klassenlehrerin den Kindern die Videokassettenhülle von „Ein Zombie hing am Glockenseil“ zeigt und sie fragt, wer von ihnen weiß, was Zombies sind, worauf ein paar der Kinder ihre Hände heben. Am Abend findet dann die Besprechung mit den Eltern statt, bei dem die Lehrerin den Film vorführt (übrigens ein grober Copyrightverstoß). Die Lehrerin erklärt daraufhin den Eltern latent zickig, dass fast die Hälfte der Kinder wüssten, was ein Zombie sei. Die Betonung aber liegt darauf, dass die Kinder eben nur wussten, was ein Zombie ist. Um das zu wissen, muss man keine Zombiefilme gesehen haben. Zudem ist ja der Begriff Zombie keine Erfindung des Horrorgenres, sondern Bestandteil der haitianischen Folklore.

„Mama, Papa, Zombie“ vollführte damals eine Art „Horror-Bashing“. Horrorfilme wurden einfach als abscheuliche Machwerke bezeichnet, ohne überhaupt einen Filmexperten zu Wort kommen zu lassen, der über das Genre referiert hätte. Dadurch wurde die Reportage zu einer sehr einseitigen Informationsvermittlung, die zum Inhalt hatte, dass Horrorfilme widerlich und pervers sind und deren Zuschauer psychisch krank.

Was die Sendung dabei indirekt vermittelte, war, dass die Horrorfilmgegner mit diesem Genre nichts anzufangen wissen und auch die Filminhalte nicht verstehen, sie also überhaupt nicht objektiv beurteilen können. Und noch etwas sei erwähnt: Die Sendung führte zu einer der wohl irrwitzigsten Debatten, die es jemals unter Juristen in Deutschland gegeben hatte: Sind Zombies Menschen oder nicht?

Die Videothek oder Was Sie schon immer über Videotheken wissen wollten

videothekEine Geschichte der Videothek war längst überfällig. So hat es sich der Medienwissenschaftler Tobias Haupts zur Aufgabe gemacht, dies in seinem Buch „Die Videothek“ nachzuholen. Speziell in einer Zeit, in welcher Online-Angebote den klassischen Videotheken das Leben schwer machen, kommt fast schon ein wenig Nostalgie auf, wenn man in dem Buch liest.

Geradezu akribisch ging Haupts auf Spurensuche, sichtete diverse Broschüren, Zeitschriften und Magazine und was ihm sonst noch in die Hände fiel, um die Geschichte einer besonderen Institution nachzeichnen zu können. Dabei lässt er so gut wie kein Thema aus und keine Frage offen. Angefangen von der angestachelten Goldgräberstimmung, die in der Videothek die Möglichkeit sah, auf bequeme und schnelle Art und Weise Geld verdienen zu können, bis hin zum langsamen Niedergang der Videothek geht der Rundumblick. Auch die „Vorläufer“ der Videothek wie etwas das Bahnhofskino oder das Autokino werden nicht außer Acht gelassen.

Unweigerlich verbunden mit der Geschichte der Videothek ist das politische und von Pädagogen initiierte Gerangel um die Indizierung von Filmen. Auch darauf geht Tobias Haupts in mehreren Kapiteln ein, wobei selbst der Klassiker aller Pädagogen-Warnungen „Mama, Papa, Zombie“ nicht fehlt. Haupts nimmt in dieser Debatte keine Stellung, sondern schildert objektiv, welche Hürden den Videothekaren zum Teil aufgestellt wurden, wenn es um Horror-, Action- und Pornofilme ging. Auch die irrwitzige Debatte über „Evil Dead“ wird hier (wenn auch nur am Rande) angeschnitten.

Nein, über dieses Buch kann man nicht meckern. Es macht Spaß, ist hoch informativ und nicht nur etwas für die Wissenschaft, sondern für jeden, der sich mit Mediengeschichte auseinandersetzt. Und wenn man das Buch beendet hat, möchte man nur eines: in die nächste Videothek gehen.

Tobias Haupts: Die Videothek. Zur Geschichte und medialen Praxis einer kulturellen Institution. Transcript Verlag 2014, 422 Seiten, 34,99€. ISBN: 978-3-8376-2628-5.