Maurice – Eine bisher unbekannte Erzählung von Mary Shelley

Im Frühling 1820 schrieb Mary Shelley die Erzählung „Maurice“ als Geburtstagsgeschenk für Laurette, der elfjährigen Tochter von Margeret Mason. Mrs. Mason war zusammen mit ihrem Liebhaber, dem Dichter und Privatgelehrten George William Tighe, nach Pisa gezogen, wo sie Mary und Percey Shelley begegneten und sich schnell anfreundeten.

„Maurice“ galt bis Ende der 1990er als verschollen. Doch 1997 entdeckten die Nachfahren Laurettes im Familienarchiv das rund 40 Seiten umfassende Manuskript, das ein Jahr später von der University of Chicago Press veröffentlicht wurde.

Der englische Titel lautet „Maurice or The Fisher’s Cot“ und handelt von einem Jungen, der wegen seines brutalen Vaters von Zuhause geflohen ist und schließlich bei einem alten Fischer ein neues Heim gefunden hat. Eines Tages aber stirbt der Fischer und der Junge namens Maurice darf nur noch eine Woche lang in der Hütte, die ihm alles bedeutet, leben. Eines Tages besucht ihn ein fremder Mann, der sein Schicksal auf sonderbare Weise verändern soll.

Die Erzählung „Maurice“, die nun zum ersten Mal auf Deutsch vorliegt (übersetzt von Alexander Pechmann), ist eine wunderschöne, sanfte Geschichte über Trennung und Verlust, aber auch darüber, die Hoffnung nie aufzugeben. Der Logbuch-Verlag hat die Geschichte zusammen mit Mary Shelleys Essay „Über Geister“ in seiner bekannten Pressendruck-Reihe veröffentlicht. Allerdings ist die Ausgabe auf wenige hundert Stück limitiert. Das kleine, feine Heft mit zwei Illustrationen von Erik Krick gibt es direkt beim Verlag: https://www.logbuchladen.de/#press

FILM und BUCH Sonderausgabe 2: Frankenstein

Die zweite Sonderausgabe von FILM und BUCH beschäftigt sich mit Mary Shelleys Frankenstein. Der bekannte Autor und Übersetzer Alexander Pechmann liefert in diesem Magazin jede Menge interessanter Informationen über die Entstehungsgeschichte des wohl bekanntesten Schauerromans der Literatur. Zudem enthält die Ausgabe eine Auswahl von Rezensionen aus dem Jahr 1818 – dem Erscheinungsjahr des Romans – sowie Mary Shelleys Eindrücke zur ersten Theateradaption Frankensteins. Wichtige biographische Daten zu Leben und Werk der Autorin sowie eine Liste zahlreicher Frankenstein-Verfilmungen runden die Sonderausgabe ab.

Das Magazin gibt es zum Gratis-Download hier: frankenstein

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The 80s: Gothic

gothicplakatDie Geschichte des Romans „Frankenstein“ ist verbunden mit Mary Shelleys Aufenthalt in der Villa Diodati am Genfer See. Dorthin reiste sie zusammen mit ihrem Mann Percy, um Lord Byron zu besuchen, der dort zusammen mit seinem Leibarzt John Polidori wohnte. Die Tage waren jedoch völlig verregnet, sodass sie die Villa kaum verlassen konnten. Die Abende verbrachten sie daher damit, sich gegenseitig deutsche Gespenstergeschichten vorzulesen.

Dieser Sommer des Jahres 1816 gilt als die Geburtsstunde der Horrorliteratur. Polidori dachte sich die Erzählung „Der Vampyr“ aus und schuf mit seiner Figur Lord Ruthvan zugleich den Prototypen des sinnlich-galanten Vampirs, wie er auch heute noch in Filmen und Romanen dargestellt wird. Byrons Vampirgeschichte blieb unvollendet. Mary Shelley dachte in eine ganz andere Richtung. Sie überlegte sich die Geschichte eines künstlich geschaffenen Menschen, dessen Leben so unglücklich verläuft, dass er auf schreckliche Rache sinnt.

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Percy Shelley (Julian Sands), Mary (Natasha Richardson) und Polidori (Timothy Spall) in der Villa Diodati; „Gothic“ (1986), Copyright MGM.

Der britische Regisseur Ken Russell, der bereits davor durch Filme wie „Der Höllentrip“ (1980) oder der Groteske „Lisztomania“ (1975) mit dem Horror- bzw. Phantastikgenre geliebäugelt hatte, verarbeitete eben jene Nacht, in der die Idee zu „Frankenstein“ geboren wurde, 1986 in einen Horrorfilm, der zwar an den Kinokassen floppte, doch später in seiner Zweitverwertung als Videofilm seinen verdienten Erfolg erlangte.

Erzählt wird darin genau die oben geschilderte Handlung. Allerdings würzt Russell diese mit seinem Sinn fürs Bizarre und Schräge. Denn in eben jener Nacht, in der sich die Bewohner der Villa unheimliche Geschichten vorlesen und danach das Spiel des Geschichtenerfindens beginnen, geschehen in und um das Haus herum unheimliche Dinge. Die Angstzustände von Percy, Mary, ihrer Halbschwester Claire und nicht zuletzt von Polidori nehmen immer extremere Formen an. So wird Claire in einer der bekanntesten Szenen des Films von einem Ritter mit Stahlphallus verfolgt. Als Percy in einer späteren Szene auf Claire trifft, lautet ihr berühmt gewordener Satz: „Ich sagte, sieh mir in die Augen“, worauf sie auf ihre Brüste deutet, auf denen zwei Augen Percy entgegen glotzen.

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Percy Shelley (Julian Sands) liest aus dem Gespensterbuch vor; „Gothic“ 1986, Copyright: MGM.

Die Frage, die sich dem Zuschauer dabei stellt, lautet, ob durch das Laudanum, das sich alle vor der Gespensterlektüre genehmigen, bei ihnen Wahnvorstellungen ausgelöst wurden oder ob sich eine tatsächliche unheimliche Macht in das Haus geschlichen hat. Wie dem auch sei, Russell gelingt eine wahre Achterbahnfahrt der Schauerromantik, in welcher der „Sturm und Drang“ nur so gelebt wird und in der immer wieder der ein oder andere Gag auftaucht. Die Schauspieler gehen voll und ganz in ihren Rollen auf und treiben dadurch den Film auf furiose Weise voran. Timothy Spall, der in der Regel nur in Nebenrollen zu sehen ist, glänzt hier in seiner besten Rolle. Auch diverse Zitate aus anderen Horrorfilmen finden sich darin, angefangen von den Poe-Verfilmungen der 60er Jahre bis hin zu Argentos „Suspiria“. Das Großartige des Films ist jedoch, dass es dem Regisseur gelingt, all diese grotesken und unheimlichen Albtraumsequenzen mit der tatsächlichen Historie schnörkellos zu verbinden.

Zwei Jahre nach „Gothic“ wandte sich Ken Russell erneut dem Horrorgenre zu. Dieses Mal mit dem Film „Der Biss der Schlangenfrau“ nach einem Roman von Bram Stoker, der zwar ebenfalls gute Kritiken erntete, aber wie bereits bei „Gothic“ erst als Videoversion auch beim Publikum Beachtung fand.