Main Street – Der berühmte Roman von Sinclair Lewis

„Main Street“, erschienen 1920, war nicht nur einer der erfolgreichsten Romane von Sinclair Lewis, sondern zugleich der Roman, für den er 1930 den Nobelpreis für Literatur erhielt. In „Main Street“ geht es um Gegensätze, die unweigerlich aufeinanderprallen, als die Weltverbesserin Carol Kennicott von New York in das Provinznest Gopher Prairie zieht.

Ursache ihres Umzugs ist ihre Heirat mit dem Arzt Will Kennicott, der in dem Ort wohnt und arbeitet. Carol, die Soziologie studiert und sich dabei mit dem gesellschaftlichen Wandel im ländlichen Raum beschäftigt hat, sieht nun ihre Chance gekommen, selbst eine Art soziologisches Experiment durchzuführen: nämlich einen Wertewandel bei den Bewohnern Gopher Prairies herbeizurufen. Allerdings hat sie dabei nicht mit der sozialen Realität gerechnet, denn die Landbewohner lassen sich nicht gerne verändern …

Mit „Main Street“ gelang Sinclair Lewis eine hervorragende Satire auf die US-amerikanische Gesellschaft. Während es Lewis in seinem späteren Roman „Babbit“ um die US-amerikanische Mittelschicht ging, so liegt in „Main Street“ der Fokus auf den sozialen Gegensatz zwischen Stadt und Land, wobei er hier nicht nur das Verhalten und die Sichtweisen der Landbevölkerung durch den Kakao zieht, sondern eigentlich die gesamte USA im Blickfeld hat.

Als kleine Hintergrundinformation sei erwähnt, dass in den 20er Jahren die Soziologie in den USA zunehmend an Popularität gewann. So ist es nicht verwunderlich, dass Carol ausgerechnet dieses Fach studiert. Zugleich gibt dies Sinclair Lewis die Möglichkeit, sich auch über die damaligen Sozialwissenschaftler und deren Theorien lustig zu machen, wobei seine ironische Betrachtungsweise nichts von ihrer Aktualität verloren hat, bestehen doch vor allem in der Soziologie immer wieder große Diskrepanzen zwischen Theorie und Realität.

Carol erweist sich jedoch nicht nur als idealistische Weltverbesserin, denn mit ihrem modernen Verhalten durchbricht sie die gesellschaftlichen Hierarchien, die (damals) auf dem Land noch immer galten: so freundet sie sich zum Beispiel mit den Dienstboten an, von denen einer Kommunist ist, was in dem kleinen, republikanisch geprägten Ort für mehr als nur Staunen sorgt. Auf diese Weise veranschaulicht Lewis sehr gewitzt, dass die freie und offene Gesellschaft, für die die USA als Idealbild stand und für manche noch immer steht, im Grunde genommen eigentlich gar nicht so frei und offen war bzw. ist.

„Main Street“ ist ein sehr witziger und flotter Roman, der unglaublich gut unterhält. Lewis beweist sich darin nicht nur als grandioser Satiriker, sondern zugleich als ein minutiöser Beobachter menschlichen Verhaltens, was den Roman überaus beeindruckend macht. „Main Street“ ist genauso aktuell wie damals, man möchte schon fast sagen aktueller. Denn, was Sinclair Lewis beschreibt, findet sich fast eins zu eins in der Trump-Ära wieder.

Sinclair Lewis. Main Street. Manesse Verlag 2018, 1002 Seiten, 28,00 Euro, ISBN: 978-3-7175-2384-0