Richard Stanley zum Dritten: Die Farbe aus dem All

Die bizarre Gefahr breitet sich aus; „Die Farbe aus dem All“ (2019); © Koch Film

Bereits mit seinem ersten Film „M.A.R.K. 13“ (Hardware) aus dem Jahr 1990 schuf Regisseur Richard Stanley einen Klassiker des SF-Kinos. Zwei Jahre danach folgte der Horrorfilm „Dust Devil“, der leider sofort auf Video veröffentlich wurde. Und danach … Nun danach folgten sage und schreibe 30 Jahre Funkstille. Zwar verfasste Stanley mehrere Drehbücher oder arbeitete daran mit, doch einen weiteren Spielfilm drehte er nicht.

Erst 2019 kehrte Richard Stanley mit der freien Lovecraft-Adaption „Die Farbe aus dem All“ auf die Leinwand zurück. Dass Stanley ein hervorragender Regisseur ist, zeigte er bereits in seinem Debüt. Und wenn man sich „Die Farbe aus dem All“ ansieht, dann bestätigt sich dies. Bei Stanleys dritten Spielfilm handelt es sich allerdings nicht um die erste Verfilmung des Stoffes. Diese Ehre kommt „Die, Monster, Die!“ aus dem Jahr 1965 zu. Überaus erwähnenswert ist auch die japanische Verfilmung „Uzumaki“ von Regisseur Higuchinski aus dem Jahr 2000.

Richard Stanley geht jedoch einen völlig anderen Weg als die früheren Produktionen. Er vermischt modernen Horror mit psychedelischem Bilderrausch, um sich auf diese Weise dem „unaussprechlichem Grauen“, wie Lovecraft dies gerne bezeichnete, anzunähern. Dabei bespickt er seinen Film, zu dem er auch das Drehbuch verfasste, mit jeder Menge gewitzter Anspielungen auf andere Lovecraft-Geschichten (schon allein das dreieckige Dachfenster ist genial) sowie auf Autoren, wie z.B. Algernon Blackwood, von denen Lovecraft begeistert war.

Die Handlung besteht darin, dass eines Tages ein Meteor in den Garten der Gardners (im Grunde genommen ein witziges Wortspiel) fällt, der die Landschaft, die Tiere und schließlich auch die Menschen verändert. Von dem Meteor geht immer wieder eine surreale Farbe aus, die alles auf psychedelische Weise zum Leuchten bringt.

„Die Farbe aus dem All“ besticht nicht nur durch die bizarren Farbeffekte, sondern zugleich durch eine wunderbare Optik. Stanley bezieht sich bei den Spezialeffekten auf die 80er Jahre, nicht ohne Grund, kam es in den 80ern doch zu einer Mehrzahl von Verfilmungen von Lovecraft-Geschichten, von denen „Reanimator“ (1984) zu den bekanntesten gehört. Stanley aber übertreibt es nicht mit den Splattereffekten, sondern hält sich hierbei eher zurück, um sich verstärkt auf die bedrohliche Atmosphäre zu beziehen. Und dabei kommt er Lovecrafts grundlegender Idee, ein unfassbares Grauen zu beschreiben, ziemlich nahe.

Weswegen Nicolas Cage die Hauptrolle erhielt, ist im Grunde nicht nachzuvollziehen. Denn ausgerechnet er passt gar nicht in den Film. Sein Spiel wirkt teilweise unbeholfen, seine Figur ist am wenigsten ausgeprägt. Ein anderer Darsteller wäre hierbei sicherlich besser gewesen.

Doch unabhängig davon ist „Die Farbe aus dem All“ ein gewitzter Horrorfilm, der sehr gut unterhält. Hoffentlich dauert es nicht wieder 30 Jahre, bis Richard Stanley einen neuen Film dreht.

Die Farbe aus dem All (OT: Color out of Space). Regie u. Drehbuch: Richard Stanley, Produktion: Elijah Wood, Darsteller: Nicolas Cage, Joely Richardson, Madeleine Arthur, Brendan Meyer. USA 2019

Der Regisseur Lovecrafts – Zum Tod von Stuart Gordon

Jeffrey Combs in seiner bekanntesten Rolle als Herbert West; „Re-Animator“ (1985); © Laser Paradise

Stuart Gordon wandte sich dem Theater zu, da er keinen Platz in den Filmkursen der Universität von Wisconsin erhielt. Bekannt wurde Gordon durch seine Organic Theater Company, die er 1969 zusammen mit seiner Frau gründete. Sowohl klassische als auch moderne Stücke gehörten und gehören zum Repertoire der Kompanie. 2011 erregte das Ensemble durch das „Re-Animator“-Musical Aufsehen, das mehrfach vor vollem Haus aufgeführt und mit dem Saturn Award ausgezeichnet wurde.

Zum Film gelangte Stuart Gordon 1985. Sein Freund Brian Yuzna engagierte ihn als Regisseur für den inzwischen zum Klassiker gewordenen „Re-Animator“. Die Machart der Lovecraft-Adaption sollte nicht nur wegweisend für das Horrorgenre sein, sondern auch den weiteren Stil von Gordon bestimmen: eine Mischung aus skurrilen Ideen, erstaunlichen Effekten und schwarzem Humor. Der grandiose Erfolg seines Debuts führte 1986 zu einer weiteren Adaption einer Lovecraft-Erzählung mit dem Titel „From Beyond“.

Doch auch Misserfolge änderten nichts an der Zusammenarbeit zwischen Stuart Gordon und Brian Yuzna. Im Gegenteil, denn nach dem Flop „Dolls“ (1987), in dem sechs Menschen während eines Gewittersturms in einem verlassenen Haus Schutz suchen, nicht ahnend, dass dort unheimliche Puppen ihr Unwesen treiben, drehten beide ihre einzige gemeinsame Großproduktion mit dem Titel „Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft“ (1989) und landeten mit der Walt Dinsey-Produktion einen Megaerfolg.

Dennoch hielt es weder Stuart Gordon noch Brian Yuzna in der Welt der großen Studios. Zwar produzierte Gordon noch das Sequel „Liebling, jetzt haben wir ein Riesenbaby“ (1992) und führte Regie bei dem SF-Film „Fortress“ (1992), doch wandte er sich danach wieder den Lovecraft-Themen zu.

1995 drehte er daher „Castle Freak“, nach der Kurzgeschichte „Der Außenseiter“ von Lovecraft. Erneut spielte Jeffrey Combs die Hauptrolle. Auch wenn der Film nur im Ansatz Lovecrafts Idee wiedergibt, so gehört der Film zu den besten Werken Stuart Gordons, vermischt er darin doch gekonnt klassischen Grusel mit modernem Horror, wobei natürlich die unvergessliche Ganzkörpermaske des Castle Freaks (gespielt von Jonathan Fuller) eindeutig hervorsticht.

Im Jahr 2001 verfilmte Stuart Gordon Lovecrafts Roman „Schatten über Innsmouth“ unter dem Titel „Dagon“. Zwar vermengt Gordon den Roman mit den typischen Merkmalen des Teeny-Horrors, dennoch ist der Film eine Art Verneigung vor dem Meister der amerikanischen Horrorliteratur, indem sich Gordon stärker auf Lovecrafts Gesamtwertk bezieht als in seinen früheren Filmen

Stuart Gordon (1947 – 2020) wird für immer als der Regisseur in Erinnerung bleiben, der die Ideen H. P. Lovecrafts am eindrucksvollsten auf die Leinwand brachte. Nicht nur das, denn sein Stil prägt bis heute viele Regisseure.

Uzumaki oder Lovecraft auf Japanisch

uzumakiNormalerweise wandeln langhaarige Geisterfrauen durch Japans Horrorfilme. Parallel dazu aber gibt es noch ein zweites Subgenre, das man vielleicht als eine Art Experimentalkino bezeichnen könnte. Unter anderem gehört dazu „Uzumaki“, ein Film, der einerseits auf einem Manga basiert, andererseits aber auch auf Lovecrafts „Die Farbe aus dem All“.

Der Film erzählt von der lieblichen Kleinstadt Kurouzu, in der auf einmal seltsame Dinge geschehen. Am Himmel bilden sich seltsame Spiralen, die sich auf das Gemüt der Menschen niederschlagen. Denn auf einmal werden alle spiralensüchtig. Dies geht soweit, dass manche einen außergewöhnlichen Spiralentod sterben. Ein Reporter und eine Schülerin versuchen, das Rätsel dieser Veränderungen zu lösen.

Regisseur Higuchinsky gelingt es, mit viel Ironie und schrägem Humor eine originelle Geschichte zu erzählen, die sozusagen eine japanische Version von Lovecrafts Werk darstellt. Der Wahnsinn schleicht sich unerwartet in den Alltag der Menschen der kleinen Stadt Kurouzu, die vielleicht als japanisches Arkham gelten kann. Die stete Zunahme der außergewöhnlichen Ereignisse wird mit einem Hang zu Überraschungen umgesetzt, wobei das Symbol der Spirale immer mehr ins Zentrum des Geschehens rückt. Beinahe in jeder Szene bzw. sogar Einstellung ist eine Spirale versteckt, so dass der Film für den Zuschauer gleichzeitig zu einem Bilderrätsel wird. Schon fast hypnotisch werden die einzelnen Figuren durch die Spiralen beeinflusst. Bis zum Schluss lässt die Handlung es offen, was die Ursachen für diese Veränderungen sind, wodurch die Spannung und das Rätseln bis zur letzten Sequenz aufrechterhalten wird.

Higuchinskys Film ist sicherlich einer der originellsten Adaptionen einer Geschichte von Lovecraft. Die Übertragung des kosmischen Grauens ins „Japanische“ gelingt ihm ohne Probleme. Dabei kommt er sogar dem Unerklärlichen und Unnennbarem in Lovecrafts Gesamtwerk näher als so manche Hollywood-Verfilmung. Ein schöner, witziger und überraschender Film, den man nicht nur als Lovecraft-Fan genießen kann.

Uzumaki, Regie: Higuchinsky, Drehbuch: Kengo Kaji, Produktion: Sumiji Miyake, Darsteller: Eriko Hatsune, Fhi Fan, Hinako Saeki. Japan 2000, 94 Min.

Die 90er: Castle Freak (1995)

castlefreakExperten bezeichnen die Geschichte „Der Außenseiter“ als eine der atmosphärisch intensivsten Kurzgeschichten Lovecrafts. Darin geht es um einen wandelnden Leichnam, der aus seiner Gruft schreitet und mitten hinein in einen Ball der „High Society“ platzt. Falls der ein oder andere Leser diese Geschichte nicht kennt, so kann er sich auf jeden Fall die Konsequenzen davon denken. Das Besondere an Lovecrafts Geschichte ist, dass er sie aus der Perspektive des Leichnams schildert.

1995 nahm sich die Horrorfilmindustrie dieses Stoffes an und produzierte einen Film, der vom Fangoria Magazin mit der „Goldenen Kettensäge“  in der Kategorie Beste Direct-to-Video-Production ausgezeichnet wurde. Mit Lovecrafts Geschichte hat dieser Streifen nicht viel zu tun. Dennoch ist Regisseur Stuart Gordon mit „Castle Freak“ ein recht guter Horrorfilm gelungen.

John Reilly fährt zusammen mit seiner Frau Susan und seiner Tochter Rebecca nach Italien, um dort eine Erbschaft anzutreten. Es handelt sich dabei um ein altes Schloss. Doch kaum ist die Familie dort eingezogen, als Rebecca die Anwesenheit von etwas Unheimlichen spürt. Niemand glaubt ihr. Als jedoch Leute spurlos verschwinden, nimmt sich John Reilly dem Geheimnis um das Schloss an. Ein Fehler. Denn der heimliche Bewohner des Gemäuers ist aus auf Rache.

Drehbuchautor Dennis Paoli und Regisseur Stuart Gordon verwandeln Lovecrafts Kurzgeschichte in eine Art Hommage an Autoren wie Wilkie Collins oder Sheridan Le Fanu. Diese Meister des klassischen Schauerromans bestückten ihre Geschichten stets mit alten Landhäusern oder Schlössern, seltsamen Ereignissen, unheimlichen Morden und rätselhaften Familiengeheimnissen. Und genau das bekommt der Zuschauer in „Castle Freak“ geboten. Eigentlich weit davon entfernt, ein Splatterfilm zu sein (auch wenn es zwei, drei Szenen gibt, die doch ziemlich hart sind), gehört dieser Film viel eher in das Geisterhausgenre, wo mit recht einfachen Mitteln eine düstere, unheimliche Atmosphäre geschaffen wird. Erscheint es zunächst, als würde ein Geist in dem Schloss sein Unwesen treiben, so wird schon recht bald klar, dass wir es hier mit einer überaus tragischen Gestalt zu tun haben, in deren gutmütigen Herzen sich zunehmend Hass und Rachegefühle gesammelt haben. Den Machern gelingt es durch die Anlehnung an die Aspekte der Schauerromantik einen in sich schlüssigen Film zu kreieren, bei dem die Handlungsweisen und Veränderungen der Protagonisten durchaus nachvollziehbar sind. Dies trifft ebenfalls auf den Castle Freak zu, dessen Taten im Grunde genommen als schreckliches Resultat seines tragischen Schicksals erscheinen.

Mit „Castle Freak“ ist Stuart Gordon nach seinem Erfolg „Re-Animator“ ein sehr interessanter Horrorfilm gelungen, der gekonnt die klassischen Motive des Horrorgenres aufgreift und konsequent umsetzt. Aus Lovecrafts Erzählung ist übrigens nur eine Szene übernommen worden. In dieser nähert sich der Castle Freak einem Spiegel und erschrickt schließlich vor seinem eigenen Anblick.

Castle Freak, Regie: Stuart Gordon, Drehbuch: Dennis Paoli, Produktion: Maurizio Maggi, Darsteller: Jeffrey Combs, Barbara Crampton, Jonathan Fuller, Jessica Dollarhide. USA 1995, 90 Min.

The Maze – Ein vergessenes Meisterwerk

themaze2Wer den Namen William Cameron Menzies nicht kennt, kennt auf jeden Fall einen seiner Filme. Mit dem Klassiker „Invaders from Mars“ (1953) schuf er einen der ästhetisch ausgereiftesten SF-Filme der 50er Jahre. Menzies verstand es wie kaum einer vor ihm, Trash mit surrealer Kunst zu verbinden. Mario Bava und später Dario Argento ließen sich von Menzies‘ Filmkunst inspirieren und entwickelten diese im Bereich des Horrorfilms weiter.

Auf das Konto Menzies‘ geht auch der Klassiker „Things to Come“ (1935), der die technischen Innovationen unserer Gegenwart vorwegnahm und zudem als Prototyp des Zombie-Apokalypse-Szenarios gelten kann.

Im selben Jahr wie „Invaders from Mars“ drehte Menzies den Horrorfilm „The Maze“. Im Gegensatz zur erstgenannten Produktion, geriet „The Maze“ in Vergessenheit. Nachvollziehen kann man dies nicht, bietet dieser Film doch eine geradezu vollendete Visualisierung des Unheimlichen.

Der Film handelt von Kitty, die kurz vor ihrer Hochzeit mit Sir Gerald MacTeam steht. Während eines gemeinsamen Urlaubs erhält MacTeam einen Brief, in dem ihm mitgeteilt wird, dass er sofort nach Craven Castle kommen soll, da ein naher Verwandter gestorben sei. Als Kitty auch nach über sechs Wochen nichts mehr von ihrem Verlobten hört, beschließt sie, trotz der Bedenken ihrer Tante, Craven Castle aufzusuchen, um ihren Verlobten zur Rede zu stellen. Ihr Aufenthalt in dem alten Schloss wird zu einem Albtraum.

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Kitty betritt den sonderbaren Irrgarten.

„The Maze“ wird gerne als ein Film bezeichnet, der von den Ideen Lovecrafts inspiriert ist. In der Tat finden sich darin die wesentlichen Aspekte einer Lovecraft-Story: ein altes Buch, ein fürchterliches Familiengeheimnis und mysteriöse Deformationen. Obwohl es sich um einen Horrorfilm handelt, wurde dieser vor allem für ein weibliches Publikum produziert. Die männlichen Figuren treten gegenüber Kitty und ihrer Tante Edith in den Hintergrund. Zudem ist es eine Frau (Tante Edith), welche in kurzen Zwischen-Shots die unheimliche Geschichte erzählt.

Menzies, der auch die Kulissen mitgestaltete, setzte voll und ganz auf eine surreale, teils märchenhafte Atmosphäre, die durchaus an Cocteaus „Die Schöne und Das Biest“ erinnert. Das einsam gelegene Schloss fällt durch seine übergroßen Stufen auf, was zu äußerst bizarren Bewegungen beim Treppensteigen führt. Nachts werden sämtliche Türen verschlossen. Und nachts ertönen plötzlich unheimliche, schlurfende Geräusche durch das Gemäuer. Einer der bemerkenswertesten Szenen zeigt Kitty, die auf das Licht starrt, das durch den unteren Türschlitz fällt, während sich die Geräusche nähern. Schließlich kriecht vor der Tür ein sonderbarer Schatten vorbei. Als die Geräusche außerhalb des Schlosses erklingen, schaut Kitty aus dem Fenster hinunter auf den Irrgarten, der sich neben dem Schloss befindet. Ein einsames Licht wandert dort durch die Gänge.

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Was Kitty aus einem der Fenster sieht.

Diese Äthetik des Unheimlichen ist kaum noch zu überbieten. Menzies sorgfältige, geradezu elegante Kameraführung sorgt dabei für das sprichwörtliche I-Tüpfelchen. Das Finale des Films, in dem sich das Grauen offenbart, besteht aus einer Kakophonie unheimlicher, märchenhafter und tragischer Elemente, die vielleicht aus heutiger Sicht etwas enttäuscht, doch zugleich den Lovecraft-Aspekt von „The Maze“ unterstreicht.

Gedreht wurde der Film damals übrigens in 3D, wodurch die Produktionsfirmen versuchten, die Zuschauer von ihren TV-Geräten wieder zurück in die Kinos zu locken. Also eine ganz ähnliche Situation wie heute. „The Maze“ stellte Menzies‘ letzte Kinoarbeit dar. Danach drehte er nur mehr fürs Fernsehen. „The Maze“ kann als der krönende Abschluss seiner Kinoära bezeichnet werden.