Die ewige Nachtfahrt – Eine Rezension

ewige nachtfahrtDavid Lynch gilt als einer der interessantesten und innovativsten Regisseure unserer Zeit. Seine verstörenden Inszenierungen und seine Vorliebe dafür, den Alltag ins Surreale übergleiten zu lassen, zeichnen fast alle seine Werke aus. Bei ihm ist Film noch immer Kunst, auch wenn das übrige Hollywood mit Kunst nicht mehr viel zu tun hat. Schon sein erster Film „Eraserhead“ ist quasi Programm für viele seiner späteren Filme.

Ein Werk, in dem sich Lynchs Hang zum Surrealen erneut verdichtet, ist „Lost Highway“ aus dem Jahr 1997. Hauke Haselhorst hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Narration des Films mithilfe semiotischer Methoden zu analysieren. Als Grundlage dient ihm dabei Joseph Campbells Abhandlung über den Monomythos, der im Laufe des 20. Jahrhunderts das Drehbuchschreiben Hollywoods stark beeinflusst hat. Campbell geht es darum, zu zeigen, dass sämtliche Mythen der Welt dieselbe Grundstruktur aufweisen: Angefangen vom Aufbruch des durch einen Boten animierten Helden, zum Überschreiten der Schwelle, wodurch der Held in eine andere Welt gerät, bis hin zur erfolgreichen Rückkehr des Helden. Diese grundlegende Narration ist verbunden mit zentralen Figuren (sog. Archetypen), die, nach Campbell, ebenfalls in sämtlichen Legenden, Mythen usw. vorkommen und sich ebenfalls in zahlreichen Hollywoodfilmen wiederfinden. Christopher Vogler hat in seinem erfolgreichen Buch „Die Odyssee des Drehbuchschreibers“ diese Beziehungen zwischen Campbells Theorie und dem Aufbau eines Drehbuchs aufgegriffen und ausgearbeitet.

Der Autor Haselhorst nimmt Campbells und Voglers Annahmen als Grundlage für seine Analyse, indem er untersucht, ob sich „Lost Highway“ in diese „Schablone“ einordnen lässt oder ob Lynchs Film sich völlig anders verhält. Dabei geht der Autor sehr genau vor, untersucht die komplette Narration und deren Figuren auf Hinweise nach Grundstrukturen und Archetypen. Die Analyse ist durchaus interessant zu lesen, da sie einen recht genauen Einblick in die „Textstruktur“ eines Films liefert. Trotz seines akribischen Vorgehens, stellt Haselhorst seltsamerweise keine Verbindung zwischen dem „Mystery-Man“ und dessen Vorbild in Herk Harveys „Carnival of Souls“ her. Insgesamt aber ist „Die ewige Nachtfahrt“ ein gut zu lesendes Buch, das nicht nur für Filmanalytiker, sondern auch David Lynch-Fans von Interesse sein dürfte.

Hauke Haselhorst: Die ewige Nachtfahrt. Mythologische Archetypen und ihre Repräsentationen im Film „Lost Highway“ von David Lynch. Transcript Verlag 2013, 348 Seiten, 36,80€, ISBN: 978-3-8376-2079-5.