Die Nebelkrähe – Auf Spurensuche im London der 20er Jahre

Nach seinem erfolgreichen Debut „Sieben Lichter“, in dem es um einen recht sonderbaren Kriminalfall auf hoher See geht, erscheint mit „Die Nebelkrähe“ nun der zweite Roman von Alexander Pechmann.

Es geht um den jungen Kriegsveteranen und Mathematikstudenten Peter Vane, der von einer sonderbaren Stimme heimgesucht wird, die ihm immer wieder den Namen Liliy zuflüstert. Seit dem spurlosen Verschwinden seines Kameraden Finley, lässt Vane eine Sache nicht mehr los: Wer ist das junge Mädchen auf dem Foto, das ihm Finley geschenkt hat? Vane, der nicht an das Übernatürliche glaubt, begibt sich auf der Suche nach Antworten in sonderbare spirtitistische Kreise …

Wer bereits „Sieben Lichter“ verschlungen hat, der wird bei „Die Nebelkrähe“ noch mehr begeistert sein. Dies liegt nicht nur an dem wunderbaren Schreibstil, sondern auch an der Geschichte selbst, die mysteriös, spannend und zugleich mit einem herrlichen Witz garniert ist. Sofort zieht einem die Geschichte um Peter Vane in den Bann. Unvermittelt gerät er an Personen, die alle irgendetwas mit Oscar Wilde zu tun haben. Doch sind es Betrüger? Halten Vane alle zum Narren? Oder ist alles echt, was er erlebt?

Der Roman lässt den Leser miträtseln, was den Unterhaltungswert von „Die Nebelkrähe“ noch zusätzlich steigert. Hinzu kommt, dass es alle Personen, die in dem Roman auftreten, tatsächlich gelebt haben. Angefangen von Dorothy Wilde bis hin zu einer Opium süchtigen Prinzessin – und nicht zu vergessen den außergewöhnlichen Papagei. All das macht den neuen Roman von Alexander Pechmann zu einem echten Lesevergnügen. Kurz: Eine gelungene Mischung aus Mystery, Krimi und historischem Roman.

Alexander Pechmann: Die Nebelkrähe. Steidl Verlag 2019, 173 Seiten, 18,00 Euro

 

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The happy Prince – Oscar Wildes letzte Jahre

In einem seiner Briefe schrieb Oscar Wilde, dass man in dieser Welt nicht umhin könne, eine Maske zu tragen. Jeder in der Gesellschaft verstelle sich, niemand zeige sein wahres Ich. Dies trifft auch auf Wilde selbst zu (der sich von diesem Verhalten nicht ausschloss), was zu der bis heute gültigen Frage geführt hat, was für ein Mensch Oscar Wilde nun eigentlich wirklich war.

Der Schauspieler Rupert Everett versucht dieser Frage in seinem Regiedebut „The happy Prince“ auf  den Grund zu gehen. Der Film, zu dem Everett auch das Drehbuch verfasste und selbst die Hauptrolle übernahm, beschäftigt sich mit den letzten Jahren Oscar Wildes, nachdem er aus dem Zuchthaus, in das er wegen seiner Homosexualität für zwei Jahre gesperrt worden war, wieder frei kam.

Wilde floh aus England, um nie wieder dorthin zurückzukehren. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er in Frankreich und Italien, bevor er in einem Hotelzimmer in Paris starb. Bis heute ist unklar, ob Syphilis oder eine Hirnhautentzündung die Ursache für seinen Tod waren, und so lässt auch der Film diese Frage offen bzw. spricht beide Möglichkeiten an.

Alternatives Plakat zu „The happy Prince“

Rupert Everetts Verdienst ist es, sich recht genau an Wildes Leben zu halten. Doch wer einen Film wie „Oscar Wilde“ (1997) von Brian Gilbert ewartet, in dem Stephen Fry die Rolle des Dichters und Jude Law die seines Liebhabers Bosie einnahm, wird sich sicherlich wundern. Denn Everett entzaubert quasi das schöngeistige Bild, das viele von Oscar Wilde haben. Er blickt, um den Anfang des Textes wieder aufzugreifen, hinter die Maske des berühmten Schrifstellers – oder besser, er versucht dies.

Herauskommt ein durchaus düsteres und nicht weniger tragisches Drama um den körperlichen und geistigen Verfall eines Genies. Die beiden Jahre im Zuchthaus haben Wilde psychisch wie physisch zerstört. Wilde selbst hat nicht mehr die Kraft, etwas zu schreiben, er ist mittellos und auf die monatlichen Zahlungen seiner Frau angewiesen, die zusammen mit den beiden Kindern in Heidelberg wohnt. Allerdings sind diese Zahlungen mit einer Bedingung verbunden: Wilde darf sich auf keinen Fall mehr mit Bosie treffen, den alle für Wildes Gefängnisaufenthalt verantwortlich machen. Wilde selbst aber kommt von seinem einstigen Liebhaber trotz allem nicht los und bereist zusammen mit ihm Italien. Die Konsequenz: Wildes Frau schickt ihm kein Geld mehr.

Rupert Everetts Film ist erschütternd und packend zugleich. Ein durchdringendes Drama, dem man sich nicht entziehen kann, auch wenn es, wie bereits erwähnt, das Idol demontiert. Dies ist keineswegs als Kritikpunkt zu bewerten, im Gegenteil, es ist Everett hoch anzurechnen, dass er als einer der ersten versucht, sich Wildes wahrem Charakter und seinem tragischen Schicksal zu nähern – bei Brian Gilberts Version erschien doch alles eher harmlos. „The happy Prince“ wird daher sicherlich nicht jedem gefallen. In der Tat lässt einen der Film zwiespältig zurück. Aber genau das soll ja gutes Kino machen: zum Nachdenken und Diskutieren anregen. Rupert Everett ist beides geglückt.

The happy Prince. Regie u. Drehbuch: Rupert Everett, Produktion: Jörg Schulze, Darsteller: Rupert Everett, Colin Firth, Emily Watson, Colin Morgan, Tom Wilkonson. England/Italien/Deutschland 2018, 106 Min.

Martin Eden – Jack Londons autobiographischer Roman

Cover der deutschen Neuübersetzung bei dtv

Von einem der auszog, das Schreiben zu lernen. Jack London machte dies später in seinem Roman „König Alkohol“ (1913) zum Thema, auch wenn es, wie der Titel schon sagt, mehr um seine Alkoholsucht ging. Der 1909 erschienene „Martin Eden“ dagegen konzentriert sich voll und ganz darauf, mit welchen Schwierigkeiten einer zu kämpfen hat, der seinen Traum, Schriftsteller zu werden, verwirklichen möchte.

Seiner eigenen Aussage zufolge, hegte London bereits als Kind den Wunsch, freier Autor zu werden. Nach einem recht abenteuerlichen Leben wurde er dies dann auch, ja wurde er sogar zu einem der meist gelesenen Autoren der USA. In dem Roman übernimmt diese Rolle sein Alter Ego Martin Eden, ein Seemann, der während seines Landgangs in San Francisco den Studenten Arthur vor einer Bande Raufbolde rettet. Als Dank nimmt dieser Martin mit nachhause, wo Martin Arthurs Schwester Ruth begegnet, in die er sich Hals über Kopf verliebt.

Jack London (1903)

Angestachelt durch ihre Liebe zur Literatur, beginnt Martin Eden, selbst zu lesen und hegt bereits nach kurzer Zeit die Idee, selbst zu schreiben. Dafür opfert er nicht nur seine Zeit, sondern auch sein ganzes Geld. In völliger Armut kämpft er darum, Texte zu verfassen und diese verschiedenen Magazinen anzubieten. Mit für ihn katastrophalen Folgen. Denn immer wieder muss er zum Pfandleiher, um zu Geld zu kommen. Nicht nur das, denn hat er es endlich geschafft, einen Text bei einem Magazin unterzubringen, so wartet er vergeblich auf das Honorar.

Doch ist „Martin Eden“ noch viel mehr als eine Aufarbeitung seines eigenen Lebens. Denn Jack London lässt kein gutes Haar an der sogenannten Bildungselite. Im Gegenteil, er entlarvt Professoren und Literaturkritiker als Nichtwisser und Angeber, er macht sich lustig über die „feine“ Gesellschaft, die sich nur in Oberflächlichkeiten ergeht und er zieht den gesamten Literaturbetrieb gehörig durch den Kakao.

Cover der Erstauflage von 1909

Obwohl der Roman nun schon gute 110 Jahre auf dem Buckel hat, so hat sich seitdem so gut wie nichts geändert. Seine Kritik an der Gesellschaft im allgemeinen und dem Verlagswesen im speziellen trifft heute noch genauso zu. Und genau diese Kritik, gepaart mit vielen satirischen Seitenhieben, sind eindeutig die Stärken des Buches. Hier geht Jack London wirklich auf und liefert einen interessanten, witzigen und nicht weniger packenden Bericht ab.

Auch wenn sich der Roman anfangs ein wenig zieht, so wird die Geschichte um Martin Eden, der seinem Weg trotz aller Mahnungen und Kritik treu bleibt von Seite zu Seite besser, lebendiger und rasanter. Kurz: sehr zu empfehlen.

Jack London: Martin Eden. DTV 2018, 526 Seiten, 12,90 Euro

 

Unsterbliche Liebe: Henry Rider Haggard und Lilly Archer – Eine besondere Beziehung

Henry Rider Haggard

Für Henry Rider Haggard (1856 – 1925) sollte sie immer die Frau sein. Gemeint ist Lilly Archer (geb. Jackson, 1854 – 1909), in die sich der bekannte englische Schriftsteller von phantastischen Abenteuer- und sog. Lost World-Romanen auf einem Ball unsterblich verliebt hatte. In seinen 44 Romanen machte er sie unsterblich.

Lilly Archer war zwei Jahre älter als Haggard. Die Begegnung mit ihr war für Haggard, so schrieb er es in einem seiner Briefe, wie ein plötzlicher Lichtstrahl. Doch sollte aus Haggards Wunsch, sie zu heiraten, nichts werden. Überhaupt kam keine richtige Beziehung zustande, obwohl sie zum Freundeskreis von Haggards Familie gehörte und sogar mit seiner späteren richtigen Frau Mariana Louisa Margitson engen Kontakt pflegte. Gleich den ersten Liebesbrief, den Haggard Lilly schrieb, beantwortete sie mit einem klaren Nein. Ihr Brief war jedoch keineswegs als eindeutige Abfuhr zu verstehen. Denn anscheinend empfand sie auch etwas für Haggard, doch – aus bis heute ungeklärten Gründen – konnte oder durfte sie ihm nicht näher kommen. War dies bereits ein erster Dämpfer, so kam es bei ihm beinahe zu einem seelischen Zusammenbruch, als er erfuhr, dass Lilly den Makler Francis Archer geheiratet hat.

Lilly Archer

Die Ehe sollte jedoch alles andere als glücklich verlaufen. Denn Francis Maklerfirma ging bankrott. Er floh nach Südafrika und ließ Lilly und ihre beiden Kinder mittellos zurück. Haggard, der inzwischen mit „König Salomons Schatzkammer“ (1885) einen der damals größten Bucherfolge hingelegt hatte, nahm sich ihr und ihrer Kinder an. Er mietete für sie ein Haus und sorgte sich darum, dass ihre Kinder weiterhin die Schule besuchen konnten.

Doch nachdem Lilly einen Brief ihres Mannes erhalten hatte, dass sie zu ihm nach Afrika kommen solle, folgte sie dieser Bitte. Francis jedoch war schwer an Syphillis erkrankt. Nach seinem Tod kehrte Lilly nach England zurück – ebenfalls an dieser damals verbreiteten Infektionskrankheit leidend. Haggard  kümmerte sich erneut um sie. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1909.

Für Henry Rider Haggard war Lilly Archer die schönste Frau, der er jemals begegnet war. In seinen Romanen, in denen es nicht selten darum geht, dass ein Abenteurer (nicht selten Allan Quatermain) Gerüchten über eine weiße Göttin in den entferntesten Winkelns Afrikas nachspürt, sollte es stets Lilly sein, der diese Rolle insgeheim zukam. Darauf verwies in den 1950er Jahren seine Tochter Lilias, die selbst Autorin war und Haggards Biographie verfasste.

Als Höhepunkt seines Schaffens gilt dabei sein Meisterwerk „She“ (1886), das zu den besten Romanen der Weltliteratur zählt und bis heute eines der meist verkauften Bücher überhaupt ist. Über Ayesha, eine wunderschöne, unsterbliche Frau, die sehnsüchtig auf die Wiedergeburt ihres Geliebten wartet, verfasste Haggard vier Romane, wobei „Ayesha – The Return of She“ (1905) in Tibet spielt. Mit „She and Allan“ (1921) schuf Haggard eines der ersten Crossover der Kulturgeschichte, indem in diesem Roman She und Allan Quatermain, über den Haggard ebenfalls mehrere Romane verfasste, aufeinander treffen.

Cover von „Sie und Allan“ der Haggard-Reihe im Heyne-Verlag (1985)

Ayesha bzw. She ist die Person gewordene Sinnlichkeit. Tatsächlich haut einem diese Figur regelrecht um, egal, wie oft man die entsprechenden Romane bereits gelesen hat. Der Psychoanalytiker C. G. Jung war von dieser Figur so fasziniert, dass er über sie eine Abhandlung schrieb.

„She“ wurde zweimal verfilmt. 1935 unter der Regie von Irving Pitchel mit Helen Gahagan als She. Merian C. Cooper, der mit „King Kong“ (1933) einen Welterfolg landete, hatte auch diesen Film produziert, damit jedoch einen Flop gelandet. 1964 verkörperte Bondgirl Ursula Andress She in der gleichnamigen Produktion der Hammer-Studios.

Viele damalige Zeitgenossen hielten übrigens Lilly Archer für ziemlich dumm. Dem aber widersprach Haggard vehement in einem seiner Briefe an seine Schwester. Darin beschrieb er Lilly fast genauso wie die weiblichen Figuren in seinen Romanen. Die Beziehung zwischen beiden war durchaus tragisch, doch nicht weniger romantisch, auf jeden Fall aber einzigartig. Bis heute gibt diese Beziehung und die unbeschreibliche Wirkung Lillys auf Haggard Rätsel auf. Sicher ist nur eines: Lilly Archer ist als She in die Weltliteratur eingegangen.

Die himmlische Tafel – Donald Ray Pollocks USA-Satire

Die himmlische Tafel von Donald Ray Pollock erhielt 2017 den Deutschen Krimi Preis. Etwas, das durchaus stutzig macht, ist doch Pollocks Roman eigentlich kein Krimi, sondern viel eher eine bitterböse Abrechnung auf den aktuellen Zustand der USA.

Zwar verlegt Pollock die Handlung ins Jahr 1917, doch sein Spott richtet sich eindeutig auf die Trump-Ära. Es geht um die drei Brüder Cane, Chimney und Cob, die sich auf eine Irrfahrt durch die USA begeben, nachdem ihr streng religiöser Vater gestorben ist. Das einzige Buch, das sie kennen, ist der Schundroman „Bloody Bill Buckett“ über einen kriminellen Revolverhelden, den sich die drei als Vorbild nehmen. Und so reiten sie schießend und raubend durch die USA, um sich ihren Traum zu verwirklichen: ein angenehmes Leben in Kanada zu führen …

Während sich die erste Hälfte des Romans doch eher zieht, ist die zweite Hälfte dafür umso witziger und spannender. Zwar bleibt auch hier die Frage bestehen, aus welchem Grund der Roman in Deutschland als Krimi bewertet wurde, doch tut das eigentlich nichts weiter zur Sache. Pollock konzentriert sich in Die himmlische Tafel nicht allein auf die Jewett-Brüder, auf die hinterhältige Kopfgeldjäger und andere Leute, die sich die Belohnung erhoffen, Jagd machen. Er liefert vielmehr ein Allgemeinbild der USA ab, ein satirisches Bild, in dem er keinen einzigen seiner Protagonisten gut wegkommen lässt.

Für Pollock besteht die USA in der Hauptsache aus degenerierten Vollidioten, die nur dem Geld hinterherlaufen, keine Bildung haben und sich im wahrsten Sinne des Wortes im Dreck suhlen. Wie gesagt, verlegt er seine Geschichte in das Jahr 1917, kurz nachdem die USA in den Ersten Weltkrieg eingetreten ist, doch hält er damit der Gegenwart einen Spiegel vor.

Denn ausgerechnet die Jewett-Bande möchte sich bessern und ein normales Leben führen, während um sie herum die Gesellschaft moralisch auseinanderbricht. Sie reiten durch einen gesellschaftlichen Scherbenhaufen, in dem jeder nur noch an sich selbst denkt. Pollock beschreibt, was passiert, wenn in einer Gesellschaft vollkommener Idiotismus herrscht. Und im Grunde genommen scheinen wir ja wirklich im Zeitalter des Idiotismus zu leben. Pollock hat mit Die himmlische Tafel dieser traurigen Tatsache ein Denkmal errichtet. Kein Krimi, aber ein überaus lesenswerter Roman.

Öl! – Upton Sinclairs Abrechnung mit dem Kapitalismus

Cover der Neuübersetzung

Oil! lautet der bekannteste und erfolgreichste Roman von Upton Sinclair aus dem Jahr 1927. Der Roman entwickelte sich schnell zum Skandal, da Sinclair darin u. a. über Sex vor der Ehe schrieb, was in den damaligen Medien als geradezu unerhört galt. Der Roman wurde zensiert, Sinclair jedoch verkaufte die Originalfassung selbst auf den Straßen Bostons. Als kleiner Gag hatte er sich ein großes, aus Pappe gefertigtes Feigenblatt umgehängt, um sich lustig über die Moralapostel zu machen.

Diese als Fig Leaf Edition bekannte Ausgabe wurde in Deutschland unter dem Titel Petrolium veröffentlicht. Der Malik Verlag hatte sich einen Spaß erlaubt und ein Lesezeichen eingebunden, das mit einem Feigenblatt versehen war. So konnten die Leser, so lautete die damalige scherzhafte Werbung, die moralisch bedenklichen Stellen mit eben diesem Feigenblatt abdecken.

Cover der Erstausgabe von 1927

Durch diesen Skandal geriet das eigentliche Thema des Romans beinahe aus dem Blickfeld. Öl!, so der Titel der deutschen Neuübersetzung, ist Upton Sinclairs Abrechnung mit dem kapitalistischen System und orientiert sich an tatsächlichen Begebenheiten. Es geht um den Ölbaron James Arnold Ross, der in dem Roman hauptsächlich nur Dad genannt wird, und seinen Sohn James Arnold Ross Jr., von allen Bunny genannt. Dad hat sich vom Maultiertreiber über einen Kramladenbesitzer bis zu einem reichen Besitzer diverser Ölquellen hochgearbeitet und hofft, dass Bunny das Unternehmen weiterführen wird.

Bunny jedoch hat anderes im Sinn. Von Anfang an bemerkt er die soziale Ungerechtigkeit, die von den Ölbossen aufrechterhalten wird, um an billige Arbeitskräfte zu gelangen. Durch die (schwierige) Freundschaft mit Paul Watkins, der in einer bitterarmen Farmerfamilie aufgewachsen ist und nun als Freidenker durch die Lande zieht und sich dabei mehr und mehr zum Kommunismus hingezogen fühlt, beschäftigt sich auch Bunny mit den sozialistischen Theorien und setzt alles daran, um die Bedingungen, unter denen die Arbeiter auf den Ölfeldern arbeiten müssen, zu verbessern.

Upton Sinclair beim Verkauf der „Fig Leaf Edition“ in Boston

Den Konflikt, der dadurch zwischen Dad und Bunny entsteht, nutzt Sinclair, um eine vehemente Kritik am kapitalistischen System der USA einzuflechten. Dabei geht er teils satirisch, teils anklagend vor, schreibt aber vor allem einen der wohl packendsten Romane, die jemals verfasst wurden.

Zwar lässt sich Upton Sinclair anfangs Zeit, um seine beiden Hauptfiguren vorzustellen, doch danach reißt einen der Roman regelrecht mit. Bunny ist hin und her gerissen zwischen seinen Pflichten gegenüber seinem Vater und seinem Drang, die Welt zu verbessern. In der High Society stoßen seine sozialen Verbesserungsvorschläge nur auf Hohn und Spott. Dennoch setzt er seinen Weg fort, gründet eine linke Studentenzeischrift und hilft bei der Organisation der ersten Gewerkschaften mit.

Die Ölmagnaten jedoch wollen diese Entwicklung mit allen Mitteln unterdrücken und senden brutale Schlägertrupps zu den Versammlungen. Parallel dazu schildert der Roman die Entwicklung von Paul Watkins zum Gewerkschaftsführer. Im Ersten Weltkrieg kommt er bis nach Sibirien, wo er mitansehen muss, auf welche grausame Weise die gesellschaftliche Entwicklung in Russland vorangeht, währenddessen US-Konzerne den blutigen Konflikt am Laufen halten wollen, um durch den Verkauf von Waffen weiter Geld scheffeln zu können.

Die mehr als 700 Seiten liest man praktisch in einem Zug durch, so sehr lässt einen die Handlung nicht mehr los. Im Gegensatz zu seinem darauffolgenden Roman Boston, der doch gewisse Längen aufweist, ist Öl! ein durch und durch spannendes Buch, das heute eigentlich zur Pflichtlektüre werden müsste, wenn man die derzeitgen Entwicklungen betrachtet. Denn das, was Upton Sinclair 1927 über die zerstörerische Kraft des Kapitalismus schrieb, hat im Trump-Zeitalter bzw. im Zeitalter des Populismus nichts von seiner Aktualität verloren.

2007 wurde der Roman übrigens unter dem Titel There will be Blood verfilmt, auch wenn es sich um eine sehr lose Adaption handelt.

Begegnung in Samara – John O’Haras Abrechnung mit Amerika

John O’Haras erster Roman teilte die literarische Welt der USA in genau zwei Lager. Die einen fanden Begegnung in Samara aufgrund der recht freizügigen Darstellung von Sex sowie der rohen Sprache als geradezu verwerflich. Der andere Teil verglich den Roman mit den Werken Balzacs.

1934 erschienen, erregte der Roman großes Aufsehen und erlebte innerhalb kurzer Zeit drei Auflagen. Die Veröffentlichung erfolgte geradezu in Rekordzeit. Im Januar 1934 hatte O’Hara seinen ersten Roman fertiggestellt, im April wurde er vom Verlag Harcourt Brace angenommen und bereits im August desselben Jahres veröffentlicht.

Begegnung in Samara ist innerhalb eines engen Rahmens ein Roman über das Scheitern einer Ehe. Doch eigentlich ist es ein Roman über die USA, eine bitterböse Satire über die Mittelschicht, die sich in ihren Partys gefällt und jeden sofort ausschließt, der anders ist oder sich gegen das System stellt.

So ergeht es Julian English, der bei einer Party dem Schwätzer und Wichtigtuer Harry Reilly einen Drink ins Gesicht schüttet. Doch Reilly ist Mitglied und Vorstand in so ziemlich jedem Club der Kleinstadt Gibbsville. Und so braucht es nicht lange, bis Julian und seine Frau Caroline die Konsequenzen dieses Zwischenfalls zu spüren bekommen …

John O’Hara (1905 – 1970)

Obwohl John O’Hara noch mehrere Romane schreiben sollte (BUtterfield 8 wurde später mit Elizabeth Taylor verfilmt), so gilt sein Debut zugleich als sein bestes Werk. Es ist eine gnadenlose Abrechnung mit seinen Mitmenschen, die er als kleinbürgerliche Opportunisten entlarvt, die sich nichts trauen und noch dazu ungebildet sind, selbst dann, wenn sie einen Uniabschluss haben.

Der Roman wirkt beinahe so, als habe sich O’Hara all seinen Frust und seinen Ärger, den er über die Jahre angestaut hat, darin freien Lauf gelassen. Das zeigt allein schon die mit diversen Schimpfwörtern bespickte Sprache. So ist für O’Hara ein Arschloch nun mal ein Arschloch – und insgeheim pflichtet der Leser ihm bei. Durch diesen Stil besitzt der Roman durchaus auch autobiographische Züge. Denn ein Jahr vor erscheinen seines Debuts, scheiterte auch die Ehe mit seiner ersten Frau. Schuld daran war sein zunehmender Alkoholkonsum.

Und darum geht es ebenfalls in Begegnung in Samara. Julian English hat sich nicht mehr selbst unter Kontrolle, was seinen Hang zum Alkohol betrifft. Er entwickelt dadurch einen regelrechten Hang zur Selbstzerstörung, was sich natürlich wiederum negativ auf seine Ehe auswirkt. O’Hara schrieb sozusagen aus eigener Erfahrung.

Bis heute hat John O’Haras Erstling nichts von seiner Kraft und seiner Direktheit verloren. All seine Kritik und sein Spott haben heute nicht weniger ihre Berechtigung. Nicht nur bezogen auf die USA. Ein Roman, den man wirklich gelesen haben sollte.