Zeit der Unschuld – Edith Whartons berühmtester Roman

Edith Wharton (1862 – 1937) bezeichnete „Zeit der Unschuld“ als einen historischen Roman. 1920 erschienen, spielt die Handlung in den 1870er Jahren. Es geht um den Anwalt Newland Archer, der kurz vor seiner Heirat mit May Welland steht. Doch da kommt Ellen Olenska, die sich von ihrem polnischen Ehemann getrennt hat, aus Europa zurück nach New York.

Newland kennt Ellen noch aus seiner Kindheit. Die Gräfin, wie sie immer wieder genannt wird, ist nicht nur schön, sondern setzt sich über die engmaschigen Konventionen der High Society hinweg, was zwar nicht für einen Skandal, dennoch für allerhand Gerede führt. Doch gerade deswegen beginnt Newland, sich in sie zu verlieben, da er selbst diese strenge Förmlichkeit seiner Mitmenschen nicht mehr erträgt.

Edith Wharton ist bekannt für ihre detaillierten Gesellschaftsromane. Und sie wusste, worüber sie schreibt, ist sie doch selbst ein Mitglied dieser High Society gewesen, die sie sich in ihren Büchern auf ironische Weise vorknöpft. Ähnlich wie in einem Roman von Henry James, so prallen in „Zeit der Unschuld“ zwei verschiedene Welten aufeinander: die US-amerikanische und die europäische. Man könnte fast meinen, dass sich Edith Wharton von James‘ Roman „Die Europäer“ hat inspirieren lassen, was keineswegs verwunderlich wäre, da beide miteinander befreundet waren.

Edith Wharton (1862 – 1937)

Was bei James jedoch fast schon eine Gesellschaftskomödie ist, ist bei Edith Wharton ein zwar witziger und satirischer Blick auf ihre eigene Gesellschaftsschicht, zugleich aber ein wunderschöner, melancholischer Liebesroman. Das Besondere an „Zeit der Unschuld“ besteht darin, dass Edith Wharton die heimliche Liebe zwischen Newland und Ellen stets in nur wenigen Sätzen skizziert, diese jedoch so punktgenau formuliert sind, dass sich daraus eben diese einzigartige, traurig-schöne Atmosphäre ergibt, welche die Handlung bestimmt.

Die Beziehung zwischen den beiden ist durch Gesten und kurze Gespräche bestimmt, die jedoch stets so intensiv sind, dass daraus eine dichte Sinnlichkeit entsteht, die sich aber für beide in Verzweiflung transformiert, da es keine Möglichkeit gibt, sich körperlich näher zu kommen, ohne dadurch ganze Familien in einen Skandal zu verwickeln.

Newlands Frau May ist dabei nicht weniger leidtragend. Edith Wharton hat in dieser Hinsicht eine wirklich genauso überraschende wie tragische Pointe geschaffen. „Zeit der Unschuld“ ist ein Roman, der einen wirklich bewegt. Und wenn man ihn beendet hat, dann möchte man sofort wieder damit anfangen.

Edith Wharton. Zeit der Unschuld. Penguin Verlag 2018, 392 Seiten.

Manhatten Transfer – Der Roman einer Großstadt

Cover der Erstausgabe von 1925

Mit „Manhattan Transfer“ veröffentlichte John Dos Passos (1896 – 1970) den ersten Großstadtroman der Literaturgeschichte. Bis heute ist sein Einfluss auf die Literatur und auch den Film ungebrochen. Und der Begriff Film ist für Dos Passos‘ Meisterwerk ein zentraler Aspekt.

Der Schriftsteller und Drehbuchautor Clemens Meyer erwähnt in seinem Nachwort zur Neuübersetzung des Romans, dass es im Grunde genommen nie einen Übergang von der Moderne in die Postmoderne gegeben habe. Denn „Manhatten Transfer“ ist sowohl modern als auch postmodern. Der Roman ist ein wahrer Rausch, der den Leser mitten hinein in das Getümmel und die Einzelschicksale New Yorks katapultiert und nicht mehr loslässt, bis der Roman bzw. das von Dos Passos‘ geschilderte New York einen wieder ausspuckt.

Um diese Hektik und die unterschiedlichen Facetten New Yorks vor und nach dem Ersten Weltkrieg zu schildern, verwendete John Dos Passos einen Stil, den er selbst als camera eye bezeichnete. Das heißt, er versuchte sich New York nicht auf rein literarischem Wege zu nähern, sondern setzte Film in Sprache um. Dadurch ergeben sich in einer Szene nicht nur die Dialoge oder Handlungen der Hauptfiguren, sondern zugleich ein Nebeneinander verschiedener kurzer Begebenheiten, Gerüche, Szenen und Beobachtungen, die diesen Roman zu einem wilden, stakkatoartigen Leserausch machen.

Cover der Neuübersetzung

Es ist kaum zu glauben, dass „Manhattan Transfer“ 1925 erschienen ist. Und hier passt Clemens Meyers Erwähnung des fehlenden Übergangs zur Postmoderne. Der Roman nimmt quasi die Werke der Beat Generation vorweg. Man glaubt, in „Manhattan Transfer“ Jack Kerouac genauso zu finden wie William S. Borroughs (z.B. die Szene mit der Schreibmaschine).

Und was ist mit der Handlung? Die grundlegende Handlung ist das Leben in New York. Und innerhalb dieser Masse verfolgt Dos Passos die Schicksale mehrerer Figuren, wie etwa Jimmy Herf, der keinen Erfolg als Reporter hat, Gus McNiel, der durch einen Unfall zu Geld kommt und später Arbeiterstreiks anführt, der Anwalt George Baldwin, dessen Karriere mit Gus McNiels Unfall beginnt, oder Ellen Thatcher, die nie die Hauptrolle beim Theater erhält, dennoch von allen geliebt wird, was dazu führt, dass sie mit allen Figuren irgendwie in Berührung kommt.

Doch die eigentliche Hauptfigur bleibt New York. Mit einer ungeheuren Wortgewalt, die fast mit dem Genie Thomas Wolfes zu vergleichen ist, beschreibt er Lichter, Farben, Gerüche, Geräusche – ja, einfach alles, sodass man nach wenigen Seiten bereits glaubt, sich selbst in dieser Stadt zu befinden.

„Manhattan Transfer“ ist ein großartiger Roman, durch den man regelrecht rast, sodass es scheint, als habe einem selbst die Hektik der Großstadt gepackt. Auf alle Fälle einer der besten Romane, die ich bisher gelesen habe.