Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Lady Snowblood’

Meiko Kaji als Sasori; „Scorpion“ (1972); Copyright: Rapid Eye Movies

Die Protestbewegungen der 1970er Jahre machten auch nicht vor Japan halt. Ähnlich wie in den USA und Europa gründeten sich in dem Inselstaat Studentenbewegungen, die gegen Vietnam, gegen die Regierung und gegen sexuelle Ungleichheit demonstrierten. Besonders der letzt genannte Punkt führte Anfang der 70er Jahre zur sog. „Lib-Bewegung“, einer Gruppe von Frauen, die für Gleichberechtigung kämpften. Zwar gab es seit 1947 ein Gesetz, das die Gleichstellung zwischen Mann und Frau regelte, doch in der Realität sah dies nun einmal anders aus. Frauen erhielten schlecht bezahlte Jobs, wurden aus nichtigen Gründen entlassen und mussten sich dem in Japan herrschenden Patriarchat unterordnen. Die sozialen Bewegungen aus den westlichen Ländern lieferten sozusagen die Initialzündung, um auf diese Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen.

Meiko Kaji als Lady Snowblood; „Lady Snowblood“ (1973); Copyright: Rapid Eye Movies

In den USA waren es vor allem Horrorfilme, welche die Gesellschaftskritik aufnahmen und auf überzogene Weise wiedergaben. In Japan nahm das Trash-Genre die Kritik der Protestbewegungen auf. Das Ergebnis ist etwas anders als in den westlichen Ländern und doch wieder ähnlich. Man stelle sich eine Frau als Hauptfigur eines japanischen Filmes zu Beginn der 70er Jahre vor. Thomas Venker schreibt in seinem Booklet zu „Lady Snowblood“, dass diese Idee genauso viel Aufsehen erregte wie 1969 Romeros „Night of the Living Dead“, in dem ein schwarzer Schauspieler die Hauptrolle übernahm. Es galt bis dahin als ein Ding der Unmöglichkeit und wurde schlicht und ergreifend als Provokation betrachtet.

Kinoplakat zu „Sasori – Prisoner 701“ aus dem Jahr 1972

Damit war „Sasori – Der Skorpion“ geboren. Sasori bedeutet in der Tat Skorpion. Der Name passt, denn die Frau, um die es geht und die in Gefängniszelle 701 auf Rache sinnt, ist alles andere als eine feine Dame. Sie wurde von ihrem Freund, einem Drogenfahnder, hintergangen und ins Gefängnis geworfen, in den, wie es heißt, „härtesten Knast Japans“. Dort muss sie die schlimmsten Demütigungen über sich ergehen lassen, bis sie endlich die Möglichkeit zur Rache bekommt. Regisseur Shun’ya Ito griff in seinem Debüt somit die Kritik der Protestbewegungen auf. In „Sasori“ rächt sich eine Frau an der Männerwelt. Das Patriarchat wird in Frage gestellt und ordentlich durchgeschüttelt, bis auch der letzte Peiniger seine Strafe erhalten hat. Als schwarz gekleidete Siegerin schreitet Sasori (mit „bürgerlichem Namen“ Nami Mitsushima) von dannen, aber nicht ohne vor dem Fade Out einen ironischen Blick zurück in die Kamera bzw. auf den Zuschauer zu werfen.

Szene aus „Scorpion – Prisoner 701“; Copyright: Rapid Eye Movies

Gerne wird „Sasori“ schlicht zu den „Frauengefängnisfilmen“ gezählt. Doch wird diese Kategorisierung diesem Film nicht gerecht. In der Regel sind die sog. „Knastjulenfilme“ eher den reinen Erotikfilmen zuzurechnen. Auch die Machart dieser Filme ist im Vergleich zu „Sasori“ einfach und teils amateurhaft. „Sasori“ hingegen weist einen sehr hohen Kunstgehalt auf. Teilweise dem Expressionismus verschrieben, reicht die Produktion ins Surreale und überschreitet damit die Grenzen zwischen Thriller und Horror. Lässt man sich auf diesen Film ein, so wird man von einem vortrefflichen Spiel origineller Kameraperspektiven überrascht. Die Farbgebung erinnert teilweise an die Filme Mario Bavas. Die für die Rückblenden arrangierten Kulissen funktionieren wie auf einer Theaterbühne. Natürlich steht die Gewalt im Vordergrund und wird teils bis an die Grenze des Erträglichen gesteigert. Das muss sein, da nur so die pervertierten Gefängniswerter charakterisiert werden können und somit die Männlichkeit und damit das Patriarchat in Frage gestellt wird. Genau hier kommen die Aspekte der Frauenbewegung zum Tragen. Es ist also eine Mischung aus Kunst oder auch Arthouse und Exploitation, was sich hier dem Zuschauer bietet. Klaumeister Quentin Tarantino bediente sich bei diesem Film unerbittlich für „Kill Bill“. Man muss ihm allerdings zugute halten, dass er auf die Originalfilme hinwies.

Sasori (Meiko Kaji) sinnt auf Rache; „Scorpion – Prisoner 701“; Copyright: Rapid Eye Movies

Die japanische Enka-Sängerin Meiko Kaji passte mit ihrem melancholischen Gesichtsausdruck und ihren stechenden Augen hervorragend in die Rolle. Sie zählt zu den bekanntesten Exploitation-Darstellerinnen der 70er Jahre. Ihre filmische Karriere begann mit den „Stray Cat Rock“-Filmen, in denen es um verfeindete Mädchenbanden geht. Als Meiko Kaji angeboten wurde, in den damals aufkommenden Pink-Movies, japanischen Softpornos, mitzuspielen, lehnte sie ab. Trash-Fans sind ihr für diese Entscheidung wahrscheinlich ewig dankbar. Denn kurz darauf wurde sie von Ito für die Rolle der Sasori gecastet. 1973 spielte sie Lady Snowblood in dem gleichnamigen Film, in dem es ebenfalls um eine Frau geht, die rächend durch die Lande zieht, allerdings hundert Jahre vor Sasori. Auch dieser Film steht im Zeichen der Frauenbewegungen der 70er Jahre. Ende der 70er Jahre kehrte Meiko Kaji dem Trash-Genre und damit der Filmindustrie den Rücken. Ihre Fernsehauftritte sind sehr rar. Gelegentlich erscheint sie in japanischen TV-Serien. Diese Woche feierte sie ihren 70. Geburtstag.

Bei dem Beitrag handelt es sich um eine gekürzte Version des Artikels „Sasori – Zwischen Kunst und Provokation“, erschienen 2012 im e-Magazin FILM und BUCH.

Advertisements

Read Full Post »

In keinem anderen Genre sind Frauen von so zentraler Bedeutung wie im Trash. Oder anders ausgedrückt: Trash ohne Frauen funktioniert einfach nicht. Von Gender-Kritikern immer wieder gerne als sexistisch verurteilt, ist die Darstellung der Frau in diesen Filmen alles andere als das. Natürlich spielt Erotik eine wesentliche Rolle. Doch bereits der französische Filmessayist André Bazin meinte, dass Film und Erotik zusammengehören, und damit meinte er nicht allein das Trash-Genre.

So ist es kein Wunder, dass im Laufe der Geschichte des Trash manche Schauspielerinnen zu wahren Ikonen empor gehoben wurden. Ob Barbara Steele, Daliah Lavi oder Maria Rohm, sie alle werden bis heute von Fans des Genres geliebt und verehrt.

99womenDie ehemalige Burgschauspielerin Maria Rohm debutierte in dem Krimi „Blonde Fracht für Sansibar“ (1965). Bekannter dürfte sie Trash-Fans aber durch ihre Auftritte in den Fu Man Chu-Filmen sein. Mit dem Trash-Spezialisten Harry Allan Towers verheiratet, erhielt sie immer wieder kleinere Rollen in seinen Filmen, so u. a. auch in der Agatha Christie-Verfilmung „Ein Unbekannter rechnet ab“ (1974), in dem sie neben Stars wie Gert Fröbe, Oliver Reed und Elke Sommer zu sehen ist. Auch Jess Franco engagierte sie für ein paar seiner Filme, wie etwa „Der Hexentöter von Blackmoor“ (mit Christopher Lee in einer seiner „härtesten Rollen“; 1969) oder dem Skandalfilm „99 Women“ (1968), einem sog. „Knastjulenfilm“, der damals nur in geschnittener Fassung gezeigt werden durfte. Stets sinnlich und irgendwie geheimnisvoll, spezialisierte sie sich auf zwielichtige Rollen, also alles andere als eine typische Scream-Queen.

shirleyeatonShirley Eaton, mit der Maria Rohm in „Die sieben Männer der Sumuru“ (1969) zu sehen war, wurde durch ihre Rolle der vergoldeten Jill Masterton in dem James Bond-Film „Goldfinger“ (1964) weltberühmt. Doch war dies dann auch schon ihr einziger Auftritt im Mainstream-Kino. Neben Komödien wie „Endstation Harem“ (1954) oder der „Ist ja irre“-Serie, spielte sie später vor allem in klassischen Trash-Streifen mit. Wie Maria Rohm, tauchte sie ebenfalls in den Fu Man Chu-Filmen auf. Interessanterweise spielte sie in der Agatha Christie-Adaption „Das Geheimnis im blauen Schloss“ (1965) mit, die sich wie auch „Ein Unbekannter rechnet ab“ auf den Roman „Zehn kleine Negerlein“ bezieht und von Maria Rohms Ehemann Harry Allan Towers ebenfalls produziert wurde. Besonders erwähnt werden muss ihre Rolle als Sumuru in „Sumuru – Tocher des Satans“ (1967), in dem sie eine Art weiblichen Fu Man Chu spielt, gerne die Peitsche schwingt und als einziges Mal in schwarzen Haaren zu sehen ist. Aber auch „Unter Wasser rund um die Welt“ (1966), in dem sie die verführerische Meeresforscherin Magaret Hanfort spielt, ist immer wieder sehenswert.

daliahlaviDaliah Lavi ist Trash-Fans hauptsächlich durch den Film „Der Dämon und die Jungfrau“ (1963) bekannt. Regie führte Mario Bava. Ihre Rolle als Frau, die ihre SM-Leidenschaft mit dem geheimnisvollen Curt („Mylord, Curt ist wieder da!“) teilt (gespielt von Christopher Lee), gehört mit Sicherheit zu den sinnlichsten Figuren, die jemals auf der Leinwand zu sehen waren. Auch heute hat der Film nichts von seiner düsteren Erotik eingebüßt. Davor spielte sie in Harald Reinls „Im Stahlnetz des Dr. Mabuse“ (1961) mit. Komödienfans dürfte ihr Auftritt in „Tolldreiste Kerle in rasselnden Raketen“ (1966) erfreuen. Während sie ihre Filmkarriere an den Nagel hängte, ist sie bis heute als Sängerin tätig.

meikokajiAuch Japan hat eine Trash-Queen. Es handelt sich um die Schauspielerin und Sängerin Meiko Kaji. Bekannt wurde sie durch diverse Schmuddelfilme aus den 70er Jahren. Doch ihren Kultstatus erreichte sie allein durch ihre Rolle der sich rächenden Sasori. Die „Sasori“-Reihe, die Anfang der 70er Jahre produziert wurde, wird fälschlicherweise immer in das Genre Frauenknastfilm eingeteilt. Tatsächlich handelt es sich um eine Manga-Adaption. Auch die Umsetzung sprengt bei weitem den Rahmen des üblichen Knastjulen-Geschmuddel. „Sasori“ ist eine Mischung aus Action, Horror und Erotikfilm, mit einem starken Hang zum Surrealen. Bis heute gibt Meiko den Titelsong der Serie zum besten. Eine weitere Rolle, die ihr quasi auf den Leib geschrieben war, bezog sich auf die der Lady Snowblood, die sich quasi als feudale Version von Sasori durch die japanische Meiji-Ära (1868-1912) kämpft und parallel zur Sasori-Reihe produziert wurde. Heute tritt sie nur noch gelegentlich in TV-Serien auf.

barbarasteeleBarbara Steele ist eine wahre Königin des Trash. Sie selbst möchte nie als Trash-Star bezeichnet werden. Dennoch lieben sie ihre Fans gerade wegen ihrer düsteren und unheimlichen Rollen, die sie in den 60er Jahren inne hatte. Hier besonders zu erwähnen ist ihre Darstellung der sinnlich-bösartigen Vampirgräfin in Mario Bavas „Die Stunde, wenn Dracula kommt“ (1960). Die Szene, in der sie vom Henker eine mit Dornen versehene Maske auf das Gesicht geschlagen bekommt, schmerzt Zuschauer bis heute. Neben Vincent Price spielte sie 1961 in der Edgar Allan Poe-Verfilmung „Die Grube und das Pendel“ mit. Ihre Rolle der sonderbaren Margaret Hitchcock in dem italienischen Horrorklassiker „The Ghost“ (1963) darf ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Der Film ist in deutschen Landen längst vergessen. Zu Unrecht, denn die freie Emile Zola-Adaption ist unglaublich spannend und in einer hervorragenden Optik in Szene gesetzt. Wie auch Meiko Kaji, so tritt Barbara Steele heute ab und zu in TV-Filmen und Serien auf.

 

Read Full Post »