Peer Review: Etwas zum kaputt lachen? – Ein kurzer Nachtritt zu „Falsch Informiert“

Unser Artikel über falsche Angaben in wissenschaftlichen Artikeln (Falsch informiert) verlangt nach einem Nachtrag oder besser Nachtritt: Die Beispiele, die wir nannten, sind bei weitem nicht alle, in denen sich fehlerhafte Angaben finden oder in denen Behauptungen aufgestellt werden, die völlig in der Luft hängen und damit alles mögliche liefern, außer plausiblen Erklärungen.

Wir haben schon in früheren Artikeln erwähnt, dass es wichtig ist, auf dieses Verhalten hinzuweisen, gibt es doch sehr viele Kultur- und Medienwissenschaftler, die der Meinung sind, das Wissen für sich gepachtet zu haben. Gerne möchte ich hierbei nochmals auf einen Kölner Medienwissenschaftler hinweisen, der in einem Gespräch meinte, man dürfe bei Filmanalysen keine Interviews mit Regisseuren führen, da diese nur Schwachsinn erzählen würden. Eine solche Aussage schießt über den Begriff Überheblichkeit und Arroganz weit hinaus, beinhaltet diese Aussage doch, dass unser Kölner Medienwissenschaftler mehr über einen Film weiß, als der Regisseur, der den Film gedreht, vielleicht sogar mit produziert hat. In Wirkichkeit also müsste man eben den oben genannten Mann bezichtigen, nichts als Schwachsinn von sich zu geben.

Und nun zum eigentlichen Thema, das sich als Folge der beschriebenen Tatsachen ergibt. Die meisten wissenschaftlichen Artikel erscheinen in diversen Fachmagazinen, die per Peer Review-Verfahren die Artikel auswählen. Peer Review bedeutet, dass eine Gruppe Professoren bestimmte Artikel zugeschickt bekommt, die sie dann zur Sau machen oder durchwinken dürfen. Dies wird deswegen gemacht, um die Seriösität und Wissenschaftlichkeit der jeweiligen Magazine aufrechtzuerhalten.

Doch gibt es hierbei ein (bekanntes) Problem: Peer Review dient zugleich als Machtinstrument. Denn die jeweiligen Professoren haben es in der Hand, welche Artikel veröffentlicht werden können. Dies impliziert, dass Artikel ihrer eigenen Mitarbeiter durchgewunken werden, während andere Artikel (die z.B. eine andere Sichtweise einnehmen, als die der Professoren) abgelehnt werden. Dadurch wird Wissenschaft manipuliert und gesteuert.

Hinzu kommt aber ein weiterer Punkt, der sich aus unserem Artikel „Falsch informiert“ ergibt: Denn, wie sich gezeigt hat, werden auch Artikel mit völlig falschen oder haltlosen Inhalten durchgewunken. Hier macht sich einmal mehr das berühmtberüchtigte Netzwerk bemerkbar, das nach dem Motto eine Hand wäscht die andere verläuft. Besonders in Zeiten, in denen sich die jeweiligen wissenschaftlichen Netzwerke immer stärker gegen Außenstehendes verschließen, ist eine solche Kritik notwendig und wichtig.

Das bedeutet nicht, dass nur Schwachsinn produziert wird. Nein, es gibt auch überraschend gute und informationsreiche Abhandlungen. Doch sind diese in der Minderheit. So befindet sich z.B. in dem Fachbuch „American Horror Film – The Genre at the Turn of the Centrury“ von 13 Artikeln gerade mal ein einziger, der richtige Informationen liefert und Zusammenhänge richtig darstellt. Der Rest ist entweder das, was man als belangloses Geschwafel bezeichnen kann, oder beinhaltet Fehler.

Peer Review ist also kein ideales Instrument, um die Spreu vom Weizen zu trennen, sondern eine Form von Willkür und Vetternwirtschaft.

 

Wieviel Gore ist denn da drin? – Über eine Untersuchung, die keine brauchbaren Ergebnisse liefert

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Das Buch erschien 2010 und wurde 2013 neu aufgelegt. Darin befindet sich auch die Untersuchung von Davis/Natale.

Vor wenigen Jahren veröffentlichten die beiden Kulturwissenschaftler Blair Davis und Kial Natale eine Untersuchung über den Gore-Gehalt von Horrorfilmen, die zwischen den Jahren 1997 und 2007 erschienen sind. Für jedes Jahr suchten sie zehn Filme aus und überprüften, wieviel Sekunden/Minuten an Gore-Szenen im jeweiligen Film vorkommen. Das Ziel ihrer Untersuchung war es oder besser sollte es sein, einen Überblick darüber zu erhalten, ob sich der Gore-Gehalt von Horrorfilmen über die Jahre hinweg verringert oder vergrößert hat.

Sie kamen zu dem Ergebnis, dass im Jahr 2003 der Gore-Gehalt von Horrorfilmen am höchsten war (alle rezipierten Filme kamen insgesamt auf ca. 400 Sekunden). Danach ging der Gehalt wieder zurück. Und was sagt uns das? Im Grunde genommen überhaupt nichts. Denn Davis und Natale können mit ihrer Untersuchung nicht wirklich etwas über den Gore-Gehalt von Horrorfilmen innerhalb des angegebenen Zeitraums aussagen.

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Die Auswahl der Filme erfolgte rein subjektiv. Der wichtige Film „Event Horizon“ wurde z.B. nicht ausgewählt.

Sie wählten die Filme rein subjektiv aus, sodass – wie sie selbst in ihrer Untersuchung zugeben -, es schwer fiel, für manche Jahre zehn Filme zusammenzubekommen. Zweitens wählten sie nur Filme aus, die im Kino liefen. Drittens berücksichtigten sie überhaupt nicht Filme, die direkt für den Video- bzw. DVD-Markt produziert wurden, also sog. Direct to Video-Productions.

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Direct to Video-Productions wurden nicht in die Untersuchung aufgenommen, was die Ergebnisse zusätzlich verfälschen.

Das Problem an Horrorfilmen, die für die Leinwand produziert wurden, ist, dass sie eigentlich nicht als Horrorfilme vermarktet werden, obwohl sie natürlich dem Genre nach Horrorfilme sind. Dies hat den Grund, um auch Leute ins Kino zu locken, die Horror gegenüber abgeneigt sind. Die Produktionsfirma vermarktet folglich den Film eher als eine Art Event. Eine solche Marketingstrategie ist seit Ende der 90er Jahre festzustellen. Bestimmte Horrorfilme wurden nun einmal für ein breiteres Publikum konzipiert und genau auf diese Filme gehen die beiden Forscher ein, obwohl sie behaupten, dadurch ein Gesamtbild der Entwicklung innerhalb des Genres zeichnen zu können.

Dass beide Autoren die Direct to Video-Productions, in denen normalerweise mehr Gore-Szenen enthalten sind, da sie für ein spezielles Publikum produziert wurden, nicht berücksichtigten, ist ein großer Fehler und verzerrt nicht nur die gewonnenen Erkenntnisse, sondern macht diese völlig unbrauchbar. Auch die Beschränkung der Auswahl auf zehn Filme pro Jahr ist fragwürdig, da selbst dadurch kein Gesamtbild entworfen werden kann. Davis und Natale gingen nie wieder daran, um die Untersuchung erneut durchzuführen. Was bleibt sind Schaubilder und Tabellen, die niemandem etwas nützen.

Graue Literatur oder Einmal Abgrenzung bitte

Graue Literatur„Graue Literatur“. In Akademikerkreisen scheint dies schon so etwas wie ein Schimpfwort zu sein. Wer „graue Literatur“ verfasst, gehört nicht zum Kreis der Auserwählten, wird spöttisch belächelt und nicht ernst genommen. Da stellt sich natürlich die Frage, ob eben jene, die mit diesem Begriff eine gewisse Grenzlinie zu ihrem angeblichen Können ziehen, so etwas wie „bunte Literatur“ kreieren.

Nein, dieses Mal sind es nicht die nur die Medienwissenschaftler, auf denen wir mit Vorliebe herumhacken. Dieses Mal gehören auch Geistes- und Sozialwissenschaften dazu. Alle drei „Wissenschaften“ haben es im Grunde genommen schwer. Das, was sie erforschen, untersucht eigentlich fast jeder. Also musste als erstes ein möglichst unnötig kompliziertes Fachjargon her, um sich von der Masse der Laien abzugrenzen (bereits der amerikanische Soziologe Herbert Blumer verwies in den 50er Jahren auf dieses Problem). Dies geht soweit, dass ein Sozialwissenschaftler (dessen Namen wir aus Rücksichtnahme nicht nennen wollen) statt „zeitlich begrenzt“ stets „temporär determiniert“ schrieb.

Doch dabei blieb man nicht stehen. Spätestens seit unsere „Experten“ gemerkt haben, dass es viele Personen gibt, die sich in ihrer Freizeit mit denselben Themen beschäftigen und sogar darüber Fachartikel schreiben, musste eine weitere Abgrenzung her. Diese wurde in dem Begriff „Graue Literatur“ gefunden. Damit sind Artikel und Essays gemeint, die nicht in einem der akademischen Fachmagzine erscheinen, sondern auf Internetseiten oder in populärwissenschaftlichen Magazinen. Damit einher geht die Annahme, dass Texte, die nicht in einem Fachmagazin erscheinen, auch kein ernst zunehmendes Fachwissen beinhalten können bzw. voller Fehler stecken.

Leider haben sich da unsere „Experten“ ziemlich in den Finger geschnitten. Die sogenannte „Graue Literatur“ beinhaltet zum großen Teil sorgfältig recherchierte Texte mit Quellenangaben. Die Inhalte unterscheiden sich nicht von akademischer Fachliteratur, mit der Ausnahme, dass die von Hobbywissenschaftlern geschriebenen Artikel einen besseren Schreibstil vorweisen und auch bestens zu unterhalten wissen. Fachwissen muss nicht trocken sein. Es kann durchaus spannend dokumentiert werden.

Eigentlich ist es geradezu armselig, dass manche Geistes- und Sozialwissenschaftler diese Abgrenzung vollziehen. Sie wollen kein anderes Wissen gelten lassen als ihr eigenes, laufen also ein Expertenleben lang mit den sprichwörtlichen Scheuklappen herum. Eine ernste Berücksichtigung der „Grauen Literatur“ würde viel zur Bereicherung dieser Wissenschaften beitragen. Mit Sicherheit findet sich sowieso unter den „Experten“ jemand, der heimlich von diesen Texten abschreibt, um es als seinen eigenen „Mist“ zu verkaufen. Das ist nichts Neues und wird es immer geben. Wichtig wäre es aber, die durch nichts legitimierte Abgrenzung abzuschaffen und vom Wissen der Hobbywissenschaftler zu profitieren. Und zwar in dem Sinne, dass diese Artikel und Essays ernst genommen werden und mit in die Diskussion einfließen. Leider aber ist das oben erwähnte Scheuklappendenken in diesen Bereichen zu sehr verbreitet, als dass es zu einem solchen Wandel kommen könnte. Nennen wir es daher einfach ein utopisches Wunschdenken.

Kultur, Wissen, Narration – Eine Rezension

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Die Erzählforschung bzw. Narratologie ist eine transdisziplinäre Forschungsrichtung, die sich mit der Untersuchung von Erzählungen jeglicher Art beschäftigt. Sie ist daher notwendig für die Film- und Medienanalyse, aber auch die Sozialwissenschaften betrachten die Narratologie als wichtig, besonders wenn es um die Auswertung von Texten geht.

In diesem Sinne macht es die Erzählforschung den übrigen Kulturwissenschaften vor, deren Vertreter sich nur ungern mit Soziologen und anderen „Nicht-Kulturwissenschaftlern“ einlassen (siehe z.B. unseren Artikel über das Problem der Filmanalyse in Deutschland). Besonders im Zeitalter des Internets kommt der Narratologie eine wesentliche Bedeutung zu. Durch diverse soziale Netzwerke wandern „Ich-Erzählungen“, in denen die jeweiligen User etwas über sich preisgeben (gewollt oder ungewollt). Aber was wird überhaupt erzählt? Und wie wird erzählt? Aufgrund ihres interdisziplinären Ausrichtung ist es der Erzählforschung möglich, hier Licht ins Dunkel zu bringen. Durch ihre Verbindung mit der Psychologie oder – wie bereits erwähnt – der Soziologie, ist es durch bestimmte Methoden möglich, das Verhalten von Akteuren in einem virtuellen Raum zu erforschen.

Alexandra Strohmaier hat es sich in ihrem Buch „Kultur – Wissen – Narration“ zur Aufgabe gemacht, eine Art Rundumblick über das Gebiet der Narratologie zu wagen. Herausgekommen ist dabei ein Sammelband, der anhand zahlreicher Artikel veranschaulicht, auf welchem methodischen Stand sich die Erzählforschung befindet und mit welchen anderen Disziplinen interessante und durchaus bereichernde Informationen gewonnen werden können. So sind hier nicht allein Literaturwissenschaft und Medienwissenschaft vertreten. Der Blick reicht viel weiter, bis hin zu Kombinationen zwischen Narratologie und Physik. In diesem Sinne liefert der Band in der Tat originelle Perspektiven, die dazu anregen,  sich mit bestimmten Themen weiter zu beschäftigen. Doch gerade bei einer solch interessanten Vielfalt, hätte es eines Vorworts oder einer Einleitung bedurft, die nochmals einen Blick auf den derzeitigen Stand der Erzählforschung wirft. Leider bleibt Alexandra Strohmaier diesen schuldig. Das überaus kurze Vorwort stellt lediglich die verschiedenen Artikel vor. Trotzdem liefert „Kultur – Wissen – Narration“ einen hoch interessanten, vielfältigen und lehrreichen Einblick in eine faszinierende und überaus notwendige Disziplin.

Alexandra Strohmaier (Hg). Kultur – Wissen – Narration. Perspektiven transdisziplinärer Erzählforschung für die Kulturwissenschaften. Transcript Verlag 2013, 538 Seiten, ISBN: 978-3-8376-1650-7, 39,80€

Soziologische oder kulturwissenschaftliche Filmanalyse – eine Frage der Ehre?

Die Film- und Medienanalyse in Deutschland hat eindeutig ein Problem. Sie teilt sich auf in eine sozialwissenschaftliche und eine geistes- bzw. kulturwissenschaftliche Disziplin. Während in Frankreich und den agelsächsischen Ländern diese Kluft so gut wie nicht existiert, scheinen die Experten in Deutschland der Meinung zu sein, dass es eine solche Kluft unbedingt geben muss. So genau weiß eigentlich niemand, aus welchem Grund es diese Aufteilung gibt (nicht einmal die Betroffenen selbt). Sicher ist nur, dass beide Lager zum großen Teil miteinander verfeindet sind.

Soziologie und Kulturwissenschaft stehen sich feindlich gegenüber.

Anscheinend gleicht es in Deutschland eine Frage der Ehre, ob man soziologische oder kulturwissenschaftliche Filmanalyse betreibt. Hierbei begehen besonders die Vertreter der Kulturwissenschaft den Fehler, dass sie Kultur abgrenzen von allem, was irgendwie nach Sozialwissenschaft riecht. Eine solche Perspektive ist lächerlich. Denn anscheinend haben jene Vertreter nicht verstanden, was Kultur eigentlich ist, und noch weniger kapiert, dass Kultur ohne menschliches Handeln überhaupt nicht existieren würde. Die Frage ist daher, ob eine kulturwissenschaftliche Analyse, welche die sozialwissenschaftlichen Aspekte verneint, überhaupt zu brauchbaren Erkenntnissen kommen kann. Die Antwort dürfte ein klipp und klares Nein sein.

Dieses Problem haben wir uns keineswegs aus den Fingern gesaugt. Durch Mail-Wechsel mit verschiedenen Professoren wurde uns zum Teil direkt mitgeteilt, dass er oder sie Kulturwissenschaftler/in ist und von den sozialwissenschaftlichen Aspekten nichts wissen würde. Man könnte auch sagen: ehrliche Antworten.

So lange es aber diesen Konflikt zwischen beiden Disziplinen gibt, darf man nicht darauf hoffen, Forschungsergebnisse zu erhalten, welche die internationale Filmwissenschaft bereichern könnten. Da hilft weder Arroganz noch Wut auf den Anderen. Das Einzige, das helfen würde, wäre ein Blick über den Tellerrand.