Peer Review: Etwas zum kaputt lachen? – Ein kurzer Nachtritt zu „Falsch Informiert“

Unser Artikel über falsche Angaben in wissenschaftlichen Artikeln (Falsch informiert) verlangt nach einem Nachtrag oder besser Nachtritt: Die Beispiele, die wir nannten, sind bei weitem nicht alle, in denen sich fehlerhafte Angaben finden oder in denen Behauptungen aufgestellt werden, die völlig in der Luft hängen und damit alles mögliche liefern, außer plausiblen Erklärungen.

Wir haben schon in früheren Artikeln erwähnt, dass es wichtig ist, auf dieses Verhalten hinzuweisen, gibt es doch sehr viele Kultur- und Medienwissenschaftler, die der Meinung sind, das Wissen für sich gepachtet zu haben. Gerne möchte ich hierbei nochmals auf einen Kölner Medienwissenschaftler hinweisen, der in einem Gespräch meinte, man dürfe bei Filmanalysen keine Interviews mit Regisseuren führen, da diese nur Schwachsinn erzählen würden. Eine solche Aussage schießt über den Begriff Überheblichkeit und Arroganz weit hinaus, beinhaltet diese Aussage doch, dass unser Kölner Medienwissenschaftler mehr über einen Film weiß, als der Regisseur, der den Film gedreht, vielleicht sogar mit produziert hat. In Wirkichkeit also müsste man eben den oben genannten Mann bezichtigen, nichts als Schwachsinn von sich zu geben.

Und nun zum eigentlichen Thema, das sich als Folge der beschriebenen Tatsachen ergibt. Die meisten wissenschaftlichen Artikel erscheinen in diversen Fachmagazinen, die per Peer Review-Verfahren die Artikel auswählen. Peer Review bedeutet, dass eine Gruppe Professoren bestimmte Artikel zugeschickt bekommt, die sie dann zur Sau machen oder durchwinken dürfen. Dies wird deswegen gemacht, um die Seriösität und Wissenschaftlichkeit der jeweiligen Magazine aufrechtzuerhalten.

Doch gibt es hierbei ein (bekanntes) Problem: Peer Review dient zugleich als Machtinstrument. Denn die jeweiligen Professoren haben es in der Hand, welche Artikel veröffentlicht werden können. Dies impliziert, dass Artikel ihrer eigenen Mitarbeiter durchgewunken werden, während andere Artikel (die z.B. eine andere Sichtweise einnehmen, als die der Professoren) abgelehnt werden. Dadurch wird Wissenschaft manipuliert und gesteuert.

Hinzu kommt aber ein weiterer Punkt, der sich aus unserem Artikel „Falsch informiert“ ergibt: Denn, wie sich gezeigt hat, werden auch Artikel mit völlig falschen oder haltlosen Inhalten durchgewunken. Hier macht sich einmal mehr das berühmtberüchtigte Netzwerk bemerkbar, das nach dem Motto eine Hand wäscht die andere verläuft. Besonders in Zeiten, in denen sich die jeweiligen wissenschaftlichen Netzwerke immer stärker gegen Außenstehendes verschließen, ist eine solche Kritik notwendig und wichtig.

Das bedeutet nicht, dass nur Schwachsinn produziert wird. Nein, es gibt auch überraschend gute und informationsreiche Abhandlungen. Doch sind diese in der Minderheit. So befindet sich z.B. in dem Fachbuch „American Horror Film – The Genre at the Turn of the Centrury“ von 13 Artikeln gerade mal ein einziger, der richtige Informationen liefert und Zusammenhänge richtig darstellt. Der Rest ist entweder das, was man als belangloses Geschwafel bezeichnen kann, oder beinhaltet Fehler.

Peer Review ist also kein ideales Instrument, um die Spreu vom Weizen zu trennen, sondern eine Form von Willkür und Vetternwirtschaft.

 

Graue Literatur oder Einmal Abgrenzung bitte

Graue Literatur„Graue Literatur“. In Akademikerkreisen scheint dies schon so etwas wie ein Schimpfwort zu sein. Wer „graue Literatur“ verfasst, gehört nicht zum Kreis der Auserwählten, wird spöttisch belächelt und nicht ernst genommen. Da stellt sich natürlich die Frage, ob eben jene, die mit diesem Begriff eine gewisse Grenzlinie zu ihrem angeblichen Können ziehen, so etwas wie „bunte Literatur“ kreieren.

Nein, dieses Mal sind es nicht die nur die Medienwissenschaftler, auf denen wir mit Vorliebe herumhacken. Dieses Mal gehören auch Geistes- und Sozialwissenschaften dazu. Alle drei „Wissenschaften“ haben es im Grunde genommen schwer. Das, was sie erforschen, untersucht eigentlich fast jeder. Also musste als erstes ein möglichst unnötig kompliziertes Fachjargon her, um sich von der Masse der Laien abzugrenzen (bereits der amerikanische Soziologe Herbert Blumer verwies in den 50er Jahren auf dieses Problem). Dies geht soweit, dass ein Sozialwissenschaftler (dessen Namen wir aus Rücksichtnahme nicht nennen wollen) statt „zeitlich begrenzt“ stets „temporär determiniert“ schrieb.

Doch dabei blieb man nicht stehen. Spätestens seit unsere „Experten“ gemerkt haben, dass es viele Personen gibt, die sich in ihrer Freizeit mit denselben Themen beschäftigen und sogar darüber Fachartikel schreiben, musste eine weitere Abgrenzung her. Diese wurde in dem Begriff „Graue Literatur“ gefunden. Damit sind Artikel und Essays gemeint, die nicht in einem der akademischen Fachmagzine erscheinen, sondern auf Internetseiten oder in populärwissenschaftlichen Magazinen. Damit einher geht die Annahme, dass Texte, die nicht in einem Fachmagazin erscheinen, auch kein ernst zunehmendes Fachwissen beinhalten können bzw. voller Fehler stecken.

Leider haben sich da unsere „Experten“ ziemlich in den Finger geschnitten. Die sogenannte „Graue Literatur“ beinhaltet zum großen Teil sorgfältig recherchierte Texte mit Quellenangaben. Die Inhalte unterscheiden sich nicht von akademischer Fachliteratur, mit der Ausnahme, dass die von Hobbywissenschaftlern geschriebenen Artikel einen besseren Schreibstil vorweisen und auch bestens zu unterhalten wissen. Fachwissen muss nicht trocken sein. Es kann durchaus spannend dokumentiert werden.

Eigentlich ist es geradezu armselig, dass manche Geistes- und Sozialwissenschaftler diese Abgrenzung vollziehen. Sie wollen kein anderes Wissen gelten lassen als ihr eigenes, laufen also ein Expertenleben lang mit den sprichwörtlichen Scheuklappen herum. Eine ernste Berücksichtigung der „Grauen Literatur“ würde viel zur Bereicherung dieser Wissenschaften beitragen. Mit Sicherheit findet sich sowieso unter den „Experten“ jemand, der heimlich von diesen Texten abschreibt, um es als seinen eigenen „Mist“ zu verkaufen. Das ist nichts Neues und wird es immer geben. Wichtig wäre es aber, die durch nichts legitimierte Abgrenzung abzuschaffen und vom Wissen der Hobbywissenschaftler zu profitieren. Und zwar in dem Sinne, dass diese Artikel und Essays ernst genommen werden und mit in die Diskussion einfließen. Leider aber ist das oben erwähnte Scheuklappendenken in diesen Bereichen zu sehr verbreitet, als dass es zu einem solchen Wandel kommen könnte. Nennen wir es daher einfach ein utopisches Wunschdenken.

Karl + Rosa: Eine Weltpremiere im Theater Bonn – Eine Theaterkritik von Richard Albrecht

Erinnerungen
Der marxistisch orientierte Marburger Hochschullehrer Wolfgang Abendroth wies seine Studenten jahrzehntelang auf einen besonderen Widerspruch im Zusammenhang mit der deutschen Novemberrevolution hin: einerseits erklärte sich das damalige Zentralorgan der damaligen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, der mehrmals täglich erscheinende „Vorwärts“, im politischen Teil vorn für die Ablösung des Acient Régime auch in Deutschland. Andererseits fanden sich bei den Kleinanzeigen hinten Reklame für die Freikorps als jene konterrevolutionären Kräfte, die die Revolution nicht nur wie die Pest haßten. Sondern strategisch gewaltsam gegen sie arbeiteten.

Eine weitere Facette dieses nicht nur den „Vorwärts“, sondern die politische Führung der bald Mehrheitssozialdemokratie genannten kennzeichnenden geschichtlichen Widerspruch hat Wolf Abenderoth nach seiner Entpflichtung 1979 als historisch aufklärender zorniger Alter so benannt (1):

„Am 13. Januar 1919 hat – nie darf es vergessen werden – Artur Zickler im „Vorwärts“, damals der wichtigsten Tageszeitung jener Mehrheitssozialdemokraten, die sich ihrer während des Krieges mit Hilfe der kaiserlichen Regierung und ihrer Behörden bemächtigt hatten, geschrieben: „Vielhundert Tote in einer Reih – Proletarier! Karl, Rosa, Radek und Kumpanei – es ist keiner dabei, es ist keiner dabei! Proletarier!“ Die Freikorps, von einem „Rat der Volksbeauftragten“ und ihrem militärischen Verantwortlichen Gustav Noske herbeigerufen, um die Berliner Arbeiter „zur Ordnung“ zu bringen, haben diesen Wink in der Weise verstanden, wie es zu erwarten war. Am 15. Januar 1919 wurden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ermordet.“ (2)

November 1918
Es mag sein, daß Alfred Döblin (1887-1957) als Autor der ´klassischen Moderne´ in Deutschland noch immer und trotz Rainer Werner Faßbenders Biberkopf-Serie schon wieder unterschätzt wird. Döblins 1939 begonnene und 1950 beendete Romantrilogie jedenfalls ist bis heute alles andere als breit rezipiert, mehr noch: weder in den schulischen Textkanon des Literaturunterrichts eingegangen noch von jenen Professionellen gelesen, bei denen es am ehesten erwartbar wäre: umso wichtiger, daß mit der vierbändigen Dünndruckausgabe der Romantrilogie im Deutschen Taschenbuchverlag (dtv) eine gediegen edierte und kommentierte Textausgabe von November 1918. Eine deutsche Revolution. Erzählwerk in drei Teilen vorhanden ist (3). Dabei wirkt der hier besonders interessierende letzte Teil der 1950 abgeschlossenen Monumentaltrilogie im Vergleich mit dem ersten, noch im antifaschistischen deutsch(sprachig)em Exil (4) entstandenen Text so entpolitisiert wie jenseitsorientiert: stand zunächst die erkenntnisleitende Frage nach den gesellschaftlich-geschichtlichen Ursachen faschistischer Machtmachtübergabe, Machtübernahme und Machtausübung seit 1933 (5) im Mittelpunkt, so kommt knapp ein Dutzend Jahre später die Niederlage der deutschen Arbeiterbewegung 1918/19 als rational unerklärliches und mythisch verklärtes Phänomen in der personalen Sphäre daher.

AlfredDöblinCover
dtv-Titelblatt
(Archiv des Autors)

Dieser, der sowohl politikhistorisch als auch literarästhetisch schwächlichste Teil von November 1918 wurde als Geschichte zwischen Himmel und Hölle nach dem Roman von ALFRED DÖBLIN für die Bühne bearbeitet von ALICE BUDDENBERG und NINA STEINHILDER in den Kammerspielern des Theaters der Bundestadt Bonn am 2. Oktober 2013 welturaufgeführt.

Eindrückliches
Erfreuliches auf den ersten Blick. Die Kammerspiele als Teil des Stadttheaters Bonn, im Zentrum Bad Godesbergs gelegen, fußläufig zur U-Bahn. Das Gebäude trotz seiner äußerlichen Hülle herinnen ansprechend freundlich, hell angestrichen, großzügig begehbar.

Schauspiel Bonn (Kammerspiele Bad Godesberg)
http://www.viennaticketoffice.com/karl-und-rosa-tickets-195974-es.html

Das Sekundärpersonal des Theaters an Kasse, Garderobe und Theke freundlich gegenüber dem Premierenpublikum, das ausnahmslos pünktlich erscheint und neugierig wirkt. Die etwa 460 Plätze ausverkauft und außer wenigen Einzelplätzen vollbesetzt. Das Gesamtprogrammheft zur neuen Spielzeit 1913/14 rechtzeitig verschickt, formal optisch ansprechend gestaltet wie inhaltlich informativ und anregend; auch die Pressekarte wurde rechtzeitig verschickt und kam einen Tag vor der Veranstaltung selbst an.
Es war als sollte das Bundesstadttheater nun neu aufschwingen. Faktische Hauptstadt des neuen ganzdeutschen Staatsgebildes war Bonn nur bis Herbst 1998. Dr. Manfred Beilharz, 1992/97 Intendant am Schauspiel Bonn und nach Selbstdarstellung ein Schüler Brechts, verließ Bonn rechtzeitig. Ihm folgte als neuer (und zugleich erster General-) Intendant des Theaters Bonn im Herbst 1997 jemand, der Theater als „Abendunterhaltung“ (Bertolt Brecht) verkaufen konnte: Klaus Weise. Seit August 2013 amtiert Dr. Bernhard Helmich als neuer Generalintendant des Bonner Theaters.Ticket

Und doch irritierte mich als ich, zeitig zur Weltpremiere am 2. Oktober 2013 angereist, ins  erste Programmheft der neuen Spielzeit sah, so manches, das mich an zwei Grundeinsichten erinnerte: daß erstens nicht alles, was glänzt, goldig sein muß. Und daß zweitens gut gemeint das Gegenteil von gut sein kann. Auf den ersten Blick referiert die neue Bonner Dramaturgin in ihrer fünfseitigen Einführung die Formalstruktur von Döblins Romantrilogie richtig. Und verweist auf Schwächen speziell des dritten, „800 Seiten starken letzten Bandes von Döblin Werk, der noch einmal in die Zeit um 1918/19 zurückkehrt, als für einen Augenblick sovieles möglich schien“ als „Grundlage des theatralen Epos, das Hausregisseurin Alice Buddeberg mit ihrem achtköpfigen Bonner Spielensemble entwickelt hat.“ (6)

KarlundRosaCover
Theater Bonn, Spielzeit 13/14. Schauspiel. Programmheft Nr. 1:
Karl+Rosa (Broschüre, 40 p. [und] 12 Szenenphotos).

Was dann zur „Geschichte über das Sterben“ erklärt wird und zur „eigentlichen Schlacht“, die „im Innern des Menschen tobt“, ist gewiß kein „Holzweg der Holzwege“ (Joseph Dietzgen). Aber doch Ausdruck von als Stärke ausgegebener Schwäche von Karl und Rosa als theatrales Inszenierungsprojekt.

Sieht man von Rosas ergreifenden Büffelhaut-Text aus der Breslauer Haft Ende 1917 ab, entsprechen weitere Programmhefttexte und -zitationen der ideologischen Sicht der neuen Bonner Dramaturgin: anstatt bekannte Existentialisten wie Albert Camus oder Walter Benjamins Angelus Novus oder mehr oder weniger bedeutsame Wochenblattintellektuelle wie Rüdiger Safranski oder Walter Jens auf entsprechender Abstraktionshöhe zu bemühen – wäre es besser gewesen, die Mühen Ebenen abzuschreiten, genauer: sowohl eine der wenigen bedeutsamen Rezensionen der Romantrilogie (7) als auch eine neuere Studie (8) zu ihr produktiv zu nutzen.

So gesehen, wurde für dieses Programmheft nicht schlampig – sondern gar nicht recherchiert.

Weltpremiere
Unmittelbar während des höflichen Klatschens wurden auf dem Weg zur U-Bahn Stichworte ins noch analoge Diktiergerät gesprochen. Einige folgen, stichwortig notiert: 125´ teils verkopfertes Sprechtheater; wenig gelunge Slaps, mehr aufgesetzter Klamauk. – Die Rosarolla einzig alleinbesetzt. Rosa als zerrissene Person vorn, Karl als Schreihals blaß hinten. Triadisches Handlungsfeld verklammert durch persönlichkeitsgestörte Rosa. – Rosas Breslauer Haftpsychose manisch-depressiv verfestigt, schizoide Schübe. Doppelte Thematisierung Tod vor Augen und Vergeblichkeit linkspolitischen Kampfs. – Bloße Oberfläche Rosa-Karl-Konflikt. Machtmensch Lenin als hinterbühniger Politdaimon. Rosa als kritische Theoretikerin völlig unbegriffen. – Schluß mit Alles-nur-Theater-Spiel abspannendem Mikro-Teufel: peinlicher Premierengag.

Plakat
Werbepostkarte des Stadttheaters Bonn (Archiv des Autors

Von allen Einzelheiten abgezogen lassen sich drei Kernkritikpunkte zu Dramaturgie und Inszenierung kurzfassen:
-Was ich von dieser Weltpremiere als gut zweistündige Aufführung ohne Pause sah kam als sprechtheatrige Zumutung daher. Und war geeignet, eine allgemeine Errungenschaft jedes Theaters, den „Genuß, Menschen handelnd zu sehen“, (9) zu hintertreiben.
-Noch ärger als schon in der Romanvorlage wurde enthistorisiert. Daß ein unterbelichteter Karl Liebknecht und eine nachhaltig persönlichkeitsgestörte Rosa Luxemburg sich im Januar 1919 in Berlin in wechselnden illegalen Quartieren versteckt hielten blieb ebenso draußen vor wie die Bedrohung durch die konterrevolutionär-gewaltsame Soldateska der Noskegarde.
-Als stärkste Verkehrung empfand ich die Verhöhnung Rosa Luxemburgs als Theoretikerin. In dieser Dimension wirkte das Bühnenstück in seiner offenen Verachtung der Marxistin und ihrer theoretischen Leistungen, etwa der in der Breslauer Haft 1916 erarbeiteten Junius-Broschüre zur Deutung der imperialistischen Ursachen des Ersten Weltkriegs, (10) theoriefeindlich und antiaufklärerisch in seiner Mißachtung jedes aufklärerischen Impetus: „Wer verändern will, muß Bescheid um das Verändernde wissen. Der Nutzwert […] besteht eben darin, das Eingreifen in die gesellschaftliche Wirklichkeit zu erleichtern.“ (11) Die daraus folgende Plakatierung der Vergeblichkeit allen theoriegeleiteten praktischen Veränderungshandelns ist offen reaktionär und political theatre at its worst.

Ausblick
Wie an der Bonner Weltpremiere vom 2. Oktober 2013 verdeutlicht – neue Besen müssen nicht immer gut kehren. Sondern hinterlassen nicht selten zunächst Kehricht. So gesehen, kann´s für die neue Hausregisseurin am Theater Bonn nach ihrem Karl+Rosa-Projekt nur besser werden bei den im Programmheft angekündigten beiden Inszenierungen von Shakespeares Königsdramen und ihrer geplanten Dramatisierung von Heinrich Bölls bedeutendem Zeitroman Ansichten eines Clowns. (12)

Anhang
„KARL UND ROSA EINE GESCHICHTE ZWISCHEN HIMMEL UND HÖLLE
Uraufführung nach dem Roman von Alfred Döblin
Für die Bühne bearbeitet von Alice Buddeberg und Nina Steinhilber

Werbebild

Deutschland im Herbst 1918: Es ist das Ende des ersten Weltkriegs, das Land befindet sich im Umbruch. Während viele Tausende auf einem Trümmerfeld nach Orientierung suchen und nach einem Weg zurück ins Leben, kämpft im Breslauer Gefängnis eine Frau gegen die Einsamkeit der Haft und die erzwungene Tatenlosigkeit: Rosa Luxemburg, Ikone der deutschen Arbeiterbewegung, fiebert sich ihren toten Geliebten Hannes herbei. Mit ihm stürzt sie sich in imaginäre Gespräche von politischer Klarsicht und poetischer Raserei, lässt ihn Besitz ergreifen von ihren Träumen und Gedanken. Hannes wird zum geisterhaften Begleiter auf ihrer Reise in den Tod.

Doch zunächst überschlagen sich die Ereignisse: Gerade aus der Haft zurückgekehrt, ruft der linksrevolutionäre Sozialdemokrat Karl Liebknecht am 9. November in Berlin die freie sozialistische Republik aus. Kurz darauf lässt auch Rosa Luxemburg das Gefängnis hinter sich. Die Zeichen der Zeit stehen auf Sturm. ≫Karl und Rosa, zwei Schmetterlinge, flattern an≪ – bereit, die gemeinsam initiierte Revolution des Proletariats zum Erfolg zu führen.

Der jüdische Arzt und Schriftsteller, Sozialist und spätere Katholik Alfred Döblin hat den Protagonisten der Revolution, die keine werden durften, ein Denkmal gesetzt – und eine Sprache gefunden, die die Tragik der Ereignisse um KARL UND ROSA mit einem ironischen Blick auf die politischen Wirren der Zeit verbindet. Nach über 60 Jahren kommt der letzte Band seines großen Erzählwerks November 1918 erstmals auf die Bühne. KARL UND ROSA ist intimes Kammerspiel, große Tragödie und surreales Feuerwerk, ein reicher Stoff für dieneue Bonner Hausregisseurin Alice Buddeberg, die seit ihrem Regiestudium in Hamburg regelmäßig am Schauspielhaus Hamburg und am Schauspiel Frankfurt inszeniert und für ihre prägnanten, poetischenKlassikerinszenierungen 2011 mit dem ≫Kurt-Hübner-Preis≪ ausgezeichnet wurde. Ausgehend von Döblins Roman erzählt sie die Geschichte Rosa Luxemburgs als Geschichte einer schmerzhaften Emanzipation, voller Widerspruche und Wechselwirkungen zwischen politischer und privater Identität, revolutionärer Idee und Sehnsucht nach persönlichem Glück – als Geschichte zwischen Himmel und Hölle. Wo das Paradies für den Menschen verloren ist, bleibt der wütende Traum von einer besseren Welt.

Besetzung
Regie: Alice Buddeberg
Bühne: Cora Saller
Kostüme: Martina Küster
Musik: Stefan Paul Goetsch
Dramaturgie: Nina Steinhilber
Sophie Basse Rosa Luxemburg
Alois Reinhardt Hannes / Satan
Julia Keiling Tanja / Hilde
Sören Wunderlich Friedrich Becker u.a.
Glenn Goltz Karl Liebknecht / Der Direktor
Johanna Falckner Sonja Liebknecht / Lucie
Benjamin Berger Heinz Riedel / Jäger Runge
Daniel Breitfelder Johannes Maus / Erwin“

Richard Albrecht ist Sozialwissenschaftler (Diplom 1971, Promotion 1976, Habilitation 1988) und lebt seit seiner Beurlaubung als Privatdozent (1989) als unabhängiger Wissenschaftsjournalist, Editor und Autor in Bad Münstereifel. 1991 Veröffentlichung des Forschungsansatzes THE UTOPIAN PARADIGM. 1994/97 Redaktionsleier der Carl-Zuckmayer-Blätter und Herausgeber Theater- und Kulturwissenschaftliche Studien. 2002/07 Herausgeber des Netzmagazins rechtskultur.de. 2011 erschien als bisher letzte Buchveröffentlichung HELDENTOD. Kurze Texte aus Langen Jahren. Bio-Bibliographie http://wissenschaftsakademie.net

1 Richard Albrecht, ´… denkt immer an den ´mittleren Funktionär´: Wolfgang Abendroth (2. Mai 1906 bis 15. September 1985); in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 40 (2004) 4: 465-487, hier Anhang: 483-487; das Abendrothporträt steht (ohne den hier zitierten Anhang) kostenfrei im Netz http://www.grin.com/de/e-book/109653/denkt-immer-an-den-mittlerenfunktionaer-wolfgang-abendroth-2
2 Richard Albrecht, Die Ermordung Rosa Luxemburgs und die Mörderkarriere eines Konterrevolutionärs http://www.trend.infopartisan.net/trd1111/t551111.html
3 Das dreiteilige „Erzählwerk“ besteht aus Bürger und Soldaten 1918 (I: 1939), den beiden Teilen Verratenes Volk und Heimkehr der Fronttruppen (II/1 und II/2: 1949) und Karl und Rosa (III: 1950).
4 Richard Albrecht, Exil-Forschung. Studien zur deutschsprachigen Emigration nach 1933. Frankfurt/Main: Lang 1988, 376 p.
5 Richard Albrecht, Machtübergabe, Machtübernahme und Machausübung im Spiegel des ersten antifaschistischen Exilromans 1933; in: Michigan Germanic Studies, 11 (1985) 1: 16-33.
6 Dieser theatralen Binnensicht des Karl+Rosa-Projekts entspricht die Darstellung der acht Schauspieler/innen und ihrer sechzehn Rollen mit dem Vorrang der Darsteller/innen und nicht ihrer Rollen (im Anhang dokumentiert). Das kann auch als Verkehrung gewertet werden.
7 Hans Mayer, Eine deutsche Revolution. Also keine; in: Der Spiegel, 33/1978; 14.81978: 124-128; kostenlose Netzversion http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40607341.html
8 Ulrich Kittstein, Zwischen Revolution, Gewalt und göttlicher Gnade. Alfred Döblins Romantrilogie November 1918 (1939-50); in: ders.; Regine Zeller (Hg.), „Friede, Freiheit, Brot!“ Romane zur deutschen Novemberrevolution. Amsterdam; New York: Rodopi, 2009: 308-324.
9 Bertolt Brecht, Über die Popularität des Kriminalromans [1938]; in: ders., werkausgabe edition suhrkamp, Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1967, Band 19: 450-457, hier 453.
10 Richard Albrecht, Karl Liebknecht und Genossen. Die „Ausrottung der Armenier“ während des Ersten Weltkrieges und die deutsche politische Linke: in: Internationale Wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 41 (2005) 3, 310-328, hier 320-322.
11 Siegfried Kracauer, Das Ornament der Masse [1927]; zitiert nach ders., Essays. Nachwort Karsten Witte. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1977: 77.
12 Richard Albrecht, Heinrich Bölls Erzählung Keine Träne um Schmeck und ihr soziologisches Umfeld; in: soziologie heute, 5 (2012) 23: 32-34.

Wider die Langeweile oder Wieso darf Fachliteratur nicht unterhaltsam sein?

Fachliteratur. Viele Leute, die diesen Begriff hören, denken an trockene Texte, die kein Mensch versteht – vielleicht auch gar nicht verstehen will, da der Text den Leser eher dazu bringt, einzuschlafen. Vor allem Artikel und Bücher aus den Bereichen der Geistes- und Sozialwissenschaften neigen dazu, tatsächlich trocken und langatmig zu sein. In diesen Fächern scheint es eine ungeschriebene Regel zu sein, dass nur trockene, völlig humorlose Texte wissenschaftliche Erkenntnisse vermitteln können. Wehe es kommt jemand auf die Idee, ironisch zu werden oder den ein oder anderen Gag einzufügen. Dieser Autor wird verachtet und nicht ernst genommen. Wahrscheinlich werden seine Theorien dennoch von dem ein oder anderen Kollegen stillschweigend geklaut und als eigene Gedankenkonstruktion „verkauft“, doch dann natürlich wieder in jenem erschreckend trockenen, völlig uninteressanten Stil.

Die Situation lässt sich gut auf den Leser von Fachtexten übertragen.

Die Menge an Texten, die in den oben genannten Bereichen produziert wird, ist enorm, und nur die wenigsten werden überhaupt wahrgenommen. Es ist tragisch, dass es gerade langweilige Texte sind, welche rezipiert und zitiert werden. Die gelungenen Texte dagegen, also die Artikel und Bücher, die mit einem gewissen Schwung wissenschaftliche Probleme bearbeiten, werden stillschweigend unter den Teppich gekehrt. Aber wieso ist das so? Aus welchem Grund muss wissenschaftliche Fachliteratur langweilig und humorlos sein? Paul Feyerabend stellte einmal die Frage, ob eine wissenschaftliche Theorie sich verändern würde, wenn man sie mit Gitarrengeklimper untermalte. Seine ironische Bemerkung lässt sich genauso gut auf die Frage übertragen, ob wissenschaftliche Fachtexte anders wären, wenn sie unterhalten würden.

Wenn jemand der Meinung ist, dass Fachliteratur Erkenntnisse vermitteln, aber nicht unterhalten soll, so liegt er sicherlich falsch. Gerade Fachliteratur sollte zusätzlich den Leser unterhalten. Viele, ja sehr viele Texte, die im geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereich veröffentlicht werden, sind vollkommen überflüssig. Sie liefern keine neuen Erkenntnisse, sondern fassen Bisheriges zusammen, nur um am Ende  – als einer Art Pointe – ein oder zwei Sätze eigener Gedanken hinzuzufügen. Dies ist so, da Originalität in den Geistes- und Sozialwissenschaften nicht gefragt ist. Da dies so ist, so sollte die Ansammlung an unorigineller Fachliteratur doch bitte mindestens unterhaltsam sein, damit man sich nachher nicht zu sehr darüber ärgert, einen weiteren dieser Texte gelesen zu haben. Der Inhalt wissenschaftlicher Texte ändert sich nicht dadurch, da jemand diesen mit einem gewissen Witz bearbeitet. Im Gegenteil, die Leser werden dadurch noch mehr angeregt, über das Geschriebene nachzudenken. Wieso also keine Texte verfassen, die in einem netten Plauderton Annahmen, Theorien und historische Fakten abarbeiten? Die Theorien, Annahmen und Fakten ändern sich dadurch nicht, sie werden nur lesbarer gemacht. Sie kommen den Lesern und den Studenten, die sich damit herumquälen müssen, entgegen. Fachliteraur könnte also durchaus unterhaltsam sein. Es ist jedoch zu befürchten, dass es lange dauern wird, bis es soweit ist.

 

Welches Genre darfs denn sein?

Genres. Dieser Begriff scheint nichts Diffuses an sich zu haben. Immherin dient er dazu, Kategorien zu bilden. Die Literatur kennt Genres schon seit langem. In die Filmwissenschaft rückte der Begriff und die damit einhergehende Theorie zu Beginn der 1970er Jahre. Dies in einer Zeit, in welcher die französischen Postmodernisten alles hochleben ließen, was sich als Auteur in den Kinos präsentierte und alles verteufelte, was reines Genrekino war. All dies, ohne dafür eine Begründung zu finden. Aber das brauchte es auch nicht. Die Hauptsache war, dass man etwas hatte, um sich darüber aufzuregen.

Welcher Film gehört zu welchem Genre? Die Antwort ist schwierig.

Wie dem auch sei, der Begriff Genre diente im Grunde genommen dazu, bestimmte Merkmale von Filmen herauszuarbeiten. Das wiederum diente dazu, ein Kategoriensystem zu entwerfen, in welchem Filme mit gleichen oder ähnlichen Merkmalen unter jeweils denselben Gliederungspunkt gestellt wurden. Und dies diente sowohl den Produzenten als auch den Zuschauern zur Orientierung. Dreht man z.B. einen Western, so kann man anhand vorangegangener Western die Kosten besser kalkulieren. Man weiß, welche Kulissen, welche Kostüme usw. notwendig sind. Man weiß auch, welche Aspekte eine Handlung beinhalten muss, um die Story interessant zu machen. Das Risiko läßt sich dabei weniger kalkulieren. Es gab immer wieder Filme, auf welche die Produzenten ihre Hoffnungen setzten und die dennoch floppten („Münchausen“, „Die Piratenbraut“ usw.). Auch läßt sich mithilfe der Genreeinteilung das Marketing gezielter umsetzen, in dem man dieses auf ein bestimmtes Publikum gezielt ausrichtet.

Wobei wir beim Zuschauer wären. Dieser orientiert sich ebenfalls anhand der vorgegebenen Kategorien und hat es somit leichter, gemäß seines Geschmacks eine Auswahl zu treffen, sei es im Kino oder in der Videothek.

 

So einfach ist das. Oder besser gesagt, wäre es. Denn die Frage ist, ob es ein konkretes Genre überhaupt gibt. Sind Genres wirklich getrennt von einander? Die Antwort lautet nein. Von Anfang an gibt es Genreüberschneidungen. Es gibt also nicht den reinen Musicalfilm. Dieser ist zugleich Liebesfilm oder auch Drama. Ein Thriller beinhaltet stets Elemente des Krimis und des Horrorfilms. Umgekehrt beinhaltet auch ein Horrorfilm stets Elemente des Thrillers und des Krimis, gelegentlich auch des Liebesfilms und des Dramas. So ist z.B. „Die Weisheit der Krokodile“ eine Überschneidung aus Liebesfilm, Drama, Krimi, Horror und Thriller. Man könnte auch die seit den 90er Jahren existierende Kategorie Mystery ebenfalls hinzunehmen. „West Side Story“  wiederum ist eine Mischung aus Musical, Drama und Liebesfilm. „Gladiator“ eine Mischung aus Historienfilm, Action, Abenteuer, Drama.

„Die Weisheit der Krokodile“: eine Mischung aus unteschiedlichen Genres.

 

 

Auch dieser Film kann keinem exakten Genre zugeordnet werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wobei wir bei einem weiteren Problem wären. Genres kommen und gehen. Natürlich gibt es die Grundkategorien wie Drama, Liebesfilm, Western usw. Doch kommen gelegentlich neue hinzu, wie eben das bereits genannte Mystery-Genre. Zugleich unterteilen sich Genres immer mehr in Subgenres, was sich vor allem im Horror- und Fantasygenre bemerkbar macht. Dort sind es im Grunde genommen Modeerscheinungen oder Trends, welche durch einen neu erfundenen Genrebegriff legitimiert werden – wie etwa Dark Fantasy, Fantasy Romance usw. Ein erfolgreicher Roman oder Film gibt ein Thema vor, welches dann Nachfolgeprodukte übernehmen. Die Verlage oder Produktionsgesellschaften fertigen schnell einen neuen Genrebegriff, der den Nachfolgern als Marke dient. D.h. nichts anderes als, dass in der Werbung dann ungefähr steht: „Ein Roman im Stil von…“ oder „Ein Film im Stil von…“.

All das macht eine genaue Genreeinteilung schwierig. Da diese durch Marketingstrategien nach Belieben verändert wird, stellt sich auch die Frage, inwieweit man überhaupt noch von einem echten Genre sprechen kann. Dies wiederum stellt die Diskussion über Genres in Frage, da eine Defintion, welche die oben genannten Aspekte mit einschließt, fehlt.