M – Eine Stadt sucht einen Mörder (2018)

Auch im deutschsprachigen Raum versucht man sich an Remakes. Jedenfalls dann, wenn den Autoren und Regisseuren nichts Eigenes einfällt. So auch der österreichische Regisseur und Drehbuchautor David Schalko, der mit seiner Serie „Braunschlag“ Kultstatus erreichte, jetzt aber den Fehler beging, sich den Klassiker der Klassiker, nämlich Fritz Langs „M“, vorzunehmen.

Schalko machte daraus keinen Spielfilm, sondern eine sechsteilige Miniserie. Diese ist genau das Gegenteil von Langs Überfilm, nämlich einfach nicht spannend. Schalko beweist zwar, dass er es in Sachen Optik drauf hat und in dieser Hinsicht wirklich großartige Bilder komponieren kann, die sich gelegentlich, wie um Lang zu huldigen, am Expressionismus orientieren, aber das reicht bei weitem nicht aus, um daraus einen dichten Kriminalfilm zu drehen.

Vielleicht hat Schalko dies selbst bemerkt, denn schon bald setzt er den Fokus nicht mehr auf den Fall an sich, sondern auf jede Menge satirischer Seitenhiebe. Genau hier befindet sich der Regisseur und Autor dann auch voll und ganz in seinem Element, und wahrscheinlich wäre es besser gewesen, er hätte überhaupt eine Satire auf den derzeitigen Zustand unserer Gesellschaft gedreht. In „Braunschlag“ gelang ihm dies auf herrlich politisch unkorrekte Weise, in „M“ macht er sich vor allem lustig über die derzeitige österreichische Innenpolitik. Schön und gut, aber wie gesagt, reicht dies nicht für einen Krimi und schon gar nicht für das Remake eines Klassikers.

Auf diese Weise plätschert die Serie dann auch nur so vor sich hin, Schalko versucht gleich am Anfang ein bisschen auf „Es“ zu machen, was aber, trotz schöner Kamerafahrt, eher armselig wirkt. Nein, mit dieser Serie hat David Schalko nicht ins Schwarze getroffen. Er ist zwar ein erstklassiger Satiriker, aber hat sichtbare Probleme damit, einen erstklassigen Thriller zu kreieren. Dies macht sich dann besonders im Finale bemerkbar. Schalko war sicherlich bewusst, dass er Peter Lorres bisher unerreichtes Spiel nicht kopieren kann, also versucht er es auch gar nicht, sondern präsentiert stattdessen eine Mischung aus eher unaufgeregter Verbrecherjagd und Ehedrama. Dies führt dazu, dass ausgerechnet die letzte Episode zur langweiligsten der ganzen Serie wird. Schade, denn mit dieser Wucht von großartigen Bildkompositionen hätte Schalko einen wirklich großartigen Film drehen können.

M – Eine Stadt sucht einen Mörder. Regie u. Produktion: David Schalko, Drehbuch: David Schalko, Evi Romen, Darsteller: Sarah Viktoria Frick, Christian Dolezal, Gerhard Liebmann, Lars Eidinger, Moritz Bleibtreu, Dominik Maringer, Udo Kier, Bela B. Felsenheimer. Österreich 2018.

 

 

 

FuBs Double Feature (1970 – 1980): Shaft (1971) und Der weisse Hai (1975)

Die 70er Jahre veränderten das Kino vollständig. Der Hauptgrund lag vor allem darin, da die USA sich nicht weiter als Übernation präsentieren konnte. Besonders der Krieg in Vietnam führte zu einem Verlust des nationalen wie internationalen Ansehens, der zusätzlich von diversen sozialen Bewegungen forciert wurde. Die Hippie-Bewegung war noch voll im Gange, hinzu kamen Frauenbewegungen und Schwarzenbewegungen, die gegen Diskriminierung und Rassismus auf die Straße gingen. Der Begriff „Black Power“ wurde zum Programm. In dieser Zeit übernahmen die Regisseure die Kritik der Protestwelle und kreierten Filme, die diese Bewegungen unterstützten – allen voran Horrorfilme wie „Last House on the Left“ (1972) oder „Texas Chainsaw Massacre“ (1973) und später die Filme David Cronenbergs, die jeweils althergebrachte Moral- und Wertvorstellungen hinterfragten.

Die Filme wurden rauher und brutaler, in Sachen Sex legten sie die Andeutungen der vorangegangenen Jahrzehnte ab und wurden direkter. Die Schmuddelfilmära war dadurch geboren. Parallel dazu entstand das Blacksploitationgenre, das die Black Power-Bewegung unterstützte. Mitte der 70er Jahre wurde der Begriff „Blockbuster“ geprägt, als Spielbergs „Der weisse Hai“ sämtliche Rekorde brach. George Lucas (wie Spielberg von der aus Frankreich in die USA übergeschwappten Nouvelle Vague beeinflusst) mischte mit „Krieg der Sterne“ (1978) die Geschichte des Films erneut auf. Und schließlich präsentierte „Alien“ (1979) den Kinozuschauern zum ersten Mal eine Frau als Heldin in einem Männergenre.

Der europäische Film gab sich dank der gelockerten Zensurbestimmungen experimentierfreudiger und gewagter. In dieser Zeit entstanden eine Reihe der bekanntesten Trash- und Horrorfilme, wie etwa der Kultklassiker „Suspiria“ (1978) von Dario Argento. In Deutschland setzten u. a. Rainer Werner Fassbinder und Volker Schlöndorf das Konzept des Neuen Deutschen Films konsequent um. Der Leichtigkeit und Verspieltheit der Karl May- und Edgar Wallace-Filme der 60er Jahre folgten dadurch die sog. Autorenfilme, in deren Fokus soziale und politische Probleme standen.

1971 sorgte ein schwarzer Privatdetektiv für klingelnde Kinokassen. Shaft zählt zu den ersten Blacksploitationfilmen und dies, obwohl in der Romanvorlage von Ernest Tidyman die Figur als ein Weißer beschrieben wird. Die Veränderung der Figur war den sozialen Bewegungen zuzuschreiben und sollte eine der besten Entscheidungen von MGM werden, brachte der Film doch das Zehnfache der Produktionskosten ein.

Das Besondere an „Shaft“ ist u. a., dass man versuchte, den sog. „Black Power-Slang“ in die Dialoge mit einfließen zu lassen, was den Film noch lebendiger und realer erscheinen ließ und was es davor noch nicht gegeben hatte. Der Film handelt davon, dass Shaft die entführte Tochter eines Gangsterbosses finden soll. Dabei gerät er jedoch mehr und mehr in den Konflikt zwischen rivalisierenden Banden.

„Shaft“ ist ein Film, der einen von der ersten Sekunde an packt und einen regelrecht in die Handlung hineinzieht. Dies hängt sicherlich auch mit der berühmten Anfangssequenz zusammen, in der Richard Roundtree als John Shaft durch die Straßen New Yorks schlendert, während Isaac Hayes‘ „Shaft-Theme“ erklingt, für das Hayes dann auch den Oscar erhielt.

Der Film ist voller Action und cooler Sprüche und wirkt wie eine Art Noir-Film im postmodernen Gewand. Der riesige Erfolg führte zu zwei Sequels, die jedoch nicht mehr diesen gekonnten Stil des Originals beinhalten. Auch das Remake aus dem Jahr 2000 wurde zu einem kommerziellen Erfolg, auch wenn Manches dann doch zu sehr gestellt wirkte. Seit 2015 gibt es das Gerücht, dass ein neuer Shaft-Film geplant sei. Man darf also gespannt sein.

1975 schuf Steven Spielberg mit Der weisse Hai den ersten Blockbuster der Filmgeschichte. Die abenteuerliche Jagd nach dem Hai gleicht einem Duell, einer Art „High Noon“ auf dem Meer, wobei ein Acht-Meter-Hai einem wasserscheuen Polizisten gegenübersteht bzw. gegenüberschwimmt. Der Hai lässt sich nicht so leicht zur Strecke bringen. Und da die Gefahr besteht, dass er jederzeit erneut ahnungslose Badegäste verspeist, wird Jagd auf ihn gemacht.

Die Geschichte ist nicht nur eine Adaption des gleichnamigen Romans von Peter Benchley, sondern basiert auf einer wahren Begebenheit aus dem Jahre 1916, als bei New Jersey ein Hai mehrere Menschen attackierte. 2006 wurde der Bericht über jene Geschehnisse von Jack Sholder unter dem Titel „12 Days of Terror“ verfilmt. Steven Spielberg macht sich in seinem Horrorstreifen die Angst des Menschen vor den ungeahnten Tiefen des Ozeans zunutze, in denen noch unbekannte, gefährliche und vor allem enorm große Wesen hausen. Taucht eine dieser Bestien an die Oberfläche, dann ist erst einmal Schluss mit lustig.

In „Der Weiße Hai“ erscheinen der Spannungsaufbau der einzelnen Szenen sowie die Optik des Films wie aus dem Lehrbuch, eine Spezialität Spielbergs. die er auch auf alle seine späteren Filme anwenden sollte. Und dies, obwohl er beim Dreh von „Der weisse Hai“ mit erheblichen technischen Problemen zu kämpfen hatte.

Zum einen war das Haimodell, das von den Mitarbeiterin Bruce genannt wurde, zu schwer und ging einfach unter, zum anderen versagte mehrmals die Mechanik des Hais. Schließlich und endlich gelang es dann doch, das Modell für die relevanten Szenen zu verwenden. Somit entstand letztendlich einer der bekanntesten Tierhorrorfilme. Die beiden Sequels aus den Jahren 1978 und 1983 erreichten weder die Qualität noch die Spannung des Originals, auch wenn in „Der weiße Hai 3“ das Ungetüm in 3-D auf die Zuschauer losgelassen wurde. Seinen Erfolg sollte Steven Spielberg 1982 mit „E.T.“ nochmals toppen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Klunkerecke: The Bat – Die Fledermaus (1959)

„When it flies, someone dies!“, lautete es in dem Kinotrailer zu dem ‚Horror-Krimi‘ „The Bat“, der in Deutschland unter dem Titel „Das Biest“ vertrieben wurde. Der Film gehört sicherlich zu den weniger gelungenen Streifen mit Vincent Price, ist aber dennoch sehr unterhaltsam.

Es geht darin um eine Krimiautorin, die ein abgelegenes Haus gemietet hat, um dort in Ruhe an ihrem neuen Roman schreiben zu können. Allerdings geht das Gerücht um, dass genau in dieser Gegend das sogenannte Biest sein Unwesen treibt, das Frauen überfällt und ihnen mit seiner Krallenhand den Garaus macht. Als bekannt wird, dass in dem Haus ein betrügerischer Banker einen Haufen Geld versteckt hat, taucht plötzlich das Biest innerhalb der vier Wände auf und sorgt für Unruhe.

Das Biest geht um; „The Bat“ (1959); Copyright: Sunfilm

„The Bat“ besitzt viel Schwung, witzige Dialoge („das war bestimmt die Katze, der das Gebiss herausgefallen ist“) und einen netten Geisterhausflair, der durch grelle Blitze und lauten Donner sowie wehende Vorhänge noch unterstrichen wird. Natürlich gibt es auch etliche Logikfehler, die jedoch nicht so sehr ins Gewicht fallen, machen diese doch überhaupt einen Film dieser Art aus. So schneidet das Biest z. B. die Telefonleitung durch, in einer der folgenden Szenen wird jedoch schon wieder munter mit der Polizei telefoniert.

Vince Price in „The Bat“ (1959); Copyright: Sunfilm

Der Film wurde nach einem Theaterstück gedreht und kursiert um die klassische Frage, ob der Butler als Täter in Frage kommt. Natürlich werden alle Figuren zwielichtig dargestellt, so dass im Grunde genommen jeder als Täter in Frage kommen kann. Sogar Sympathieträger Vincent Price, der einmal mehr in seiner wunderbar schlaksigen Gentlemanart für beste Unterhaltung sorgt.

Die Figur „The Bat“ bzw. „Das Biest“ schrieb in gewisser Weise auch Filmgeschichte. Denn Wes Craven orientierte sich an dem Aussehen dieses Wesens, als er die Idee zu Freddy Krüger konzipierte. Beiden gemeinsam ist der Klingenhandschuh sowie der prägnante Hut. Zugleich ähnelt „The Bat“ ein wenig Francis Ford Coppolas Erstling „Dementia 13“, in dem ebenfalls ein unheimlicher Schlitzer in einem alten Herrenhaus sein Unwesen treibt. Wer daher Spaß hat an alten Gruselfilmen, dem wird „The Bat“ sicherlich gefallen.

The Bat – Die Fledermaus (OT: The Bat), Regie: Crane Wilbur, Drehbuch: Avery Hopwood, Mary Roberts Rinehart, Produktion: C. J. Tevlin, Darsteller: Vincent Price, Agnes Moorhead, Gavin Gordon, John Sutton, John Bryant. USA 1959, 80 Min.

Schritte in der Nacht – Einer der ersten True Crime-Filme

schritteindernacht1948 kam ein Film in die Kinos, der als Prototyp für spätere True Crime-Serien gelten kann. „Schritte in der Nacht“ basiert auf einem wahren Kriminalfall und wurde an den tatsächlichen Tatorten gedreht. Es geht um das Hollywood Police Department, das den Mord an einem Polizisten aufklären muss. Der Fall jedoch entpuppt sich als äußerst kompliziert. Stets ist der Täter der Polizei einen Schritt voraus. Erst als es zu einer plötzlichen Reihe von Ladendiebstählen kommt, scheinen die Kriminalbeamten eine erste Spur zu haben.

Äußerst ungewöhnlich für die damalige Zeit ist, dass „Schritte in der Nacht“ in Form einer Reportage gedreht wurde. Aus diesem Grund gibt es unter den Polizisten auch nicht den Helden, der die Sache schließlich aufklärt. Was zählt, ist Teamwork. Und so folgt die Kamera den einzelnen Mitarbeitern bei ihrer Arbeit. Ziemlich genau zeigt der Film das Vorgehen der Fahnder und gibt detaillierte Einblicke in die Laborarbeit. Dem gegenüber steht der Täter Roy als gesellschaftlicher Außenseiter. Zum einen versucht er, nach dem Mord an dem Polizisten, seine Spur zu verwischen, zum anderen aber drängt es ihn immer erneut dazu, weitere Straftaten zu begehen. Daraus entwickelt sich eine Art Katz und Maus-Spiel, bei dem interessanterweise nur Roy als Identifikationsfigur zur Verfügung steht. Während die Mitarbeiter des Departments ausschließlich durch ihre Arbeit definiert werden, verleiht der Film dem Antagonisten eine genauere Charakterisierung. Man bekommt Einblicke in seiner Persönlichkeit und sein Privatleben, in dem vor allem sein Hund eine zentrale Rolle spielt.

Bei den Filmfestspielen in Locarno wurde „Schritte in der Nacht“ damals als bester Polizeifilm ausgezeichnet. Auch jetzt noch hat der Film nichts von seiner Faszination und Spannung verloren. Sensationell ist die Verfolgung Roys durch die Kanalisation von Los Angeles. Hier bekommt der Film einen geradezu paranoiden Beigeschmack. Bis heute gibt es eine Debatte, ob Alfred L. Werker oder Anthony Mann Regie führten. Nach Thomas Willmann, scheint viel dafür zu sprechen, dass Werker beinahe den gesamten Film von Anthony Mann hatte drehen lassen. Als Indiz dafür gilt die Machart des Films, die nicht ganz den Arbeiten Werkers entspricht. Auch weisen damalige Hintergrundberichte darauf hin, dass Anthony Mann als eigentlicher Regisseur bezeichnet werden muss. Doch unabhängig von dieser Diskussion, ist und bleibt „Schritte in der Nacht“ eine hervorragende Mischung aus Thriller und Kriminalfilm.

Schritte in der Nacht (OT: He walked by Night), Regie: Alfred L. Werker, Anthony Mann, Drehbuch: Crane Wilbur, John G. Higgins, Produktion: Bryan Foy, Robert T. Kane, Darsteller: Richard Basehart, Scott Brady, Whit Bissel, Jim Cardwell, Felice Ingersol. USA 1948, 76 Min.

Ten little Indians oder Agatha Christie mal drei

tenlittleindiansAgatha Christies Roman „Zehn kleine Negerlein“ (1939) zählt zu ihren erfolgreichsten Romanen und wurde mehrfach verfilmt. Während die erste Adaption aus dem Jahr 1945, die unter dem Titel „And then were None“ in die Kinos kam, stark auf Atmosphäre setzt, versucht sich die Version aus dem Jahr 1965 mehr in Sachen Action. Die dritte Adaption aus dem Jahr 1974 ist ein Remake des Films von 1965.

Während der Roman auf einer Insel vor England spielt (der Handlungsort wurde von der ersten Adaption übernommen), spielt „Ten little Indians“ auf einem einsam gelegenen Schloss in den Alpen. Die Version aus dem Jahr 1974 verlegt den Ort in ein mitten in der iranischen Wüste gelegenes Luxushotel. Handelt es sich bei den ersten beiden Adaptionen um Schwarzweißfilme, so ist „And then were None“ aus den 70ern die erste Farbversion der Geschichte.

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Die geladenen Gäste in „Das letzte Wochenende“ (1945)

Die Grundhandlung ist in allen drei Filmen dieselbe: Zehn Gäste werden eingeladen, das Wochenende an einem abgelegenen Ort zu verbringen. Niemand kennt den Gastgeber, der sich U. N. Owen nennt. Nach einem köstlichen Dinner erklingt auf einmal eine Stimme, die alle zehn Gäste bezichtigt, jeweils ein Menschenleben auf dem Gewissen zu haben. Als kurz darauf einer der Gäste stirbt und alle Verbindungen zur Außenwelt gekappt sind, spitzt sich die Situation von Minute zu Minute zu.

Agatha Christies Roman ist ein echter Pageturner und man könnte ohne weiteres behaupten, dass sie mit ihrer Idee die Grundstruktur des Slasher vorweggenommen hat. René Clair, der Regie bei der ersten Adaption führte, hält sich sehr genau an den Roman. Sein Film wurde später beim Filmfest von Locarno als bester Film ausgezeichnet. Mit Witz und einer zugleich beklämmenden Atmosphäre weiß Clair, den Zuschauer bestens zu unterhalten.

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Die geladenen Gäste in „Das Geheimnis im blauen Schloss“ (1965)

Wie oben bereits erwähnt, setzte „Ten little Indians“ mehr auf Action. Regie führte George Pollock, der bereits die bekannten Miss Marple-Filme in Szene gesetzt hatte. Das Drehbuch stammte von Peter Welbeck, ein Pseudonym des Regisseurs und Produzenten Harry Alan Towers, der vor allem im Trash- und Thrillergenre beheimatet war. Neben den Fu Man Chu-Filmen, war er auch für mehrere der Edgar Wallace-Filme verantwortlich. In Deutschland lief der Film unter dem Titel „Das Geheimnis im blauen Schloss“ in den Kinos und reihte sich dadurch nahtlos in die Titel seiner sonstigen Filme ein. Mario Adorf spielt darin den zwielichtigen Diener Joseph Grohmann. Ebenfalls mit von der Partie sind Bond-Girl und Trash-Ikone Shirley Eaton sowie Daliah Lavi, die u. a. in dem Mario Bava-Film „Der Dämon und die Jungfrau“ mitgewirkt hat. Der Film ist überaus rasant inszeniert und hält sich in gewisser Weise an die Regel Roger Cormans, dass in jeder Szene etwas passieren muss. Hinzu kommen die genial-schrillen Schreie Dalia Lavis, die auch heute noch Glas zerspringen lassen.

tenlittleindians6Harry Alan Towers fiel anscheinend nichts mehr ein, als er auf die Idee kam, seinen Erfolg aus dem Jahr 1965 im Jahr 1974 einfach nochmals zu verfilmen. Dabei gab er sich nicht einmal die Mühe, Dialoge neu zu schreiben, sondern übernahm das vorherige Drehbuch in großen Teilen. Das einzige, was sich änderte, war das Set und die Stars. Michel Piccoli, Gerd Fröbe, Oliver Reed und Elke Sommer sind mit von der Partie sowie Towers‘ Frau Maria Rohm, die immer wieder in den von ihm produzierten Filmen mitspielte –  hier ist sie als Hotelangestellte Elsa Martino zu sehen. War „Das Geheimnis im blauen Schloss“ noch kurzweilige Unterhaltung, so wirkt „Ein Unbekannter rechnet ab“ (so der deutsche Titel) eher lustlos und aufgesetzt. Schuld daran war wohl Regisseur Peter Collinson, der sich mit allen und jedem stritt und eine ziemliche Zicke gewesen sein muss. Gut an dem Film sind lediglich die Schauspieler, die versuchen zu retten, was zu retten ist. Ansonsten aber zählt der Film eher zur Kategorie der überflüssigen Produktionen.

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Die geladenen Gäste in „Ein Unbekannter rechnet ab“ (1974)

Neben diesen drei Kinofilmen gab es immer wieder TV-Filme, die sich auf den Roman von Agatha Christie beziehen. Die Queen of Crime hatte übrigens Probleme in den USA wegen des Titels „Ten little Indians“ und wegen des Namens der Insel, der Nigger Island lautet. Mit dem Buchtitel befürchtete man, die indianische Bevölkerung zu beleidigen und Nigger Island wurde als zu rassistisch eingestuft. Daher wählte man für die US-Ausgabe den Titel „And then were None“. In der deutschen Übersetzung gibt es ebenfalls eine Anmerkung zum Namen der Insel, indem beteuert wird, dass hinter dem Namen keine rassistischen Absichten liegen. Übrigens: Wer den Roman noch nicht kennt, sollte ihn unbedingt einmal lesen.

 

 

Robert Siodmak – Meister von Licht und Schatten

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Robert Siodmak

Salopp formuliert könnte man sagen, dass der Hauptbestandteil des Film Noir coole Typen und heiße Frauen sind. Doch bezieht man sich dabei mehr auf den historischen Ursprung des Stils, der sich in den Kriminalheftchen der 30er und 40er Jahre findet. Film Noir ist bei weitem mehr. Er ist zum einen eine Hinwendung zur wahren Filmkunst, zum anderen eine Art Spiegelung der jeweiligen Gesellschaft. Im Zentrum stehen vom Schicksal geplagte Figuren, die vergeblich versuchen, den Weg in ein normales Leben zu führen.

Ein weiteres Merkmal, das sich auf die Machart dieser Filme bezieht, ist, dass vornehmlich in Schwarzweiß gedreht wurde. Heute ist dies kein Muss mehr, auch wenn die „Sin City“-Filme teilweise dieses Element als zentralen Aspekt zelebrieren. Auch stammen Filme, die dem Film Noir zugerechnet werden, nicht mehr allein aus den USA. So ist zum Beispiel der koreanische Thriller „Happy End“ (1999) ein vortreffliches Beispiel für das koreanische Äquivalent.

Der erste Film, der dem Film Noir zugesprochen wird, ist der Krimi „Die Spur des Falken“ (1941) von John Hutson. Als einer der wichtigsten Regisseure des Film Noir zählt Robert Siodmak (1900-1973). Der deutsche Regisseure wurde mit seiner UFA-Produktion „Menschen am Sonntag“ (1930) berühmt, einem Film, der hauptsächlich mit Laiendarstellern gedreht wurde. Kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten floh Siodmak zunächst nach Frankreich. Ende der 30er Jahre kam er in die USA, wo er in Hollywood relativ schnell Anschluss fand. Seine erste Dreharbeit war der Universal-Film „Draculas Sohn“ (1943).

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Die Wendeltreppe

Bereits zwei Jahre später sollte er einen ersten Klassiker schaffen. Mit „Die Wendeltreppe“ (1945) kreierte er eine dichte Mischung aus Suspense, vermischt mit Ansätzen des Horrorfilms, dessen Stil in den 70er und 80er Jahren u. a. von Dario Argento übernommen wurde. Die berühmte Szene in „Die Wendeltreppe“, in welcher die gehörlose Helen einen weißen Zaun panisch entlang läuft, da sie sich verfolgt fühlt, findet sich beinahe eins zu eins in Argentos „Tenebre“ (1982) wieder. „Die Wendeltreppe“ handelt von der jungen Frau Helen, die in einem abgelegenen Haus als Dienstmädchen arbeitet. In der unmittelbaren Umgebung geht ein Serienmörder um, dessen Opfer behinderte Frauen sind.

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Rächer der Unterwelt

Interessanterweise betrachtete Siodmak seine Filme selbst nicht als Kunst, sondern eher als bloße Arbeit, um damit sein Geld zu verdienen. Das änderte sich auch nicht durch seinen zweiten Beitrag zum Film Noir mit dem Titel „The Killers“ (Rächer der Unterwelt; 1946). Darin geht es um die rätselhafte Ermodung eines Tankwarts in einer Kleinstadt. Der Mann war unter der Bevölkerung als der Schwede bekannt. Ein Versicherungsagent versucht das Geheimnis des Mordes zu lösen und deckt dabei die tragische Geschichte des ehemaligen Preisboxers auf. Der Film basiert auf einer Geschichte Ernest Hemingways. Siodmak verbindet in dem Film eine fast vollkommene, düstere Poesie mit drastischer Realität. Die Anfangssequenz, in der zwei Auftragskiller in ein Café kommen und den Besitzer bedrohen, ist unglaublich spannend und nervenzerrend in Szene gesetzt. „The Killers“ wurde ein enormer Erfolg. Robert Siodmak  ebnete damit seine weitere Karriere. Aber auch die beiden damals unbekannten Hauptdarsteller Burt Lancaster und Ava Gardner wurden durch den Film über Nacht zu Stars.

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Der schwarze Spiegel

Noch im selben Jahr brachte Siodmak mit „The dark Mirror“ einen weiteren Kassenschlager in die Kinos. In diesem Film geht es um den Mord an einem Arzt. Verdächtigt wird eine junge Frau, die jedoch ein perfektes Alibi vorweisen kann, das auch bei mehreren Verhören nicht zusammenbricht. Inspector Stevenson ist dennoch überzeugt von ihrer Schuld und lässt daher einen Psychologen den Fall übernehmen. Scott Elliot soll herausfinden, ob Terry schizophren ist. Elliot kommt bei seiner Untersuchung auf ein ganz anderes Ergebnis … – Auch dieser Film ist unglaublich dicht und spannend umgesetzt. Von Anfang an spielt Siodmak mit den Erwartungen der Zuschauer, lässt sie miträtseln und quasi an der Auflösung des Falles direkt teilhaben. „The dark Mirror“ war nominiert für einen Oscar in der Kategorie Bestes Originaldrehbuch.

pyramidedessonnengottesNach seinen letzten beiden Film Noir-Streifen „Schrei der Großstadt“ (Cry of the City; 1948) und „Strafsache Thelma Jordon“ („The File on Thelma Jordon“; 1950), drehte Siodmak den Abenteuerfilm „Der rote Korsar“ (1952), bevor er zurück nach Europa kehrte. Irgendwie verließ ihn hier seine Muse. Seine Filme wirken weniger gekonnt als seine Arbeiten, die er für Hollywood gedreht hatte. Als künstlerischer Tiefpunkt gilt die Karl May-Verfilmung „Die Pyramide des Sonnengottes“ (1965), die, was vor allem die Montage betrifft, überaus schlecht gemacht ist. Selbst die Schauspieler wirken lustlos und scheinen bei den Aufnahmen mit ihren Gedanken ganz woanders gewesen zu sein. Siodmaks letzte Filmproduktion war der Zweiteiler „Kampf um Rom“ (1968).

Über Robert Siodmak, der sich selbst weniger als Künstler, sondern eher als Arbeiter verstand, geht die Meinung von Filmhistorikern und Kritikern weit auseinander. Während die einen ihn als unvergleichlichen Filmemacher feiern, ist er für andere lediglich ein Auftragsregisseur gewesen. Aber egal, in welche Kategorie man ihn einfügt, sicher ist, dass er Klassiker des Kinos geschaffen hat.