Pierre Boulles „Die Brücke am Kwai“ – Ein Abenteuer- oder ein Kriegsroman?

Erste deutsche Ausgabe im Rowohlt Verlag aus dem Jahr 1956

Der französische Schriftsteller Pierre Boulle (1912 – 1994) ist auch den Leuten bekannt, die noch nie eines seiner Bücher gelesen haben. Denn sein Roman „Planet der Affen“ (1963) wird immer wieder gerne für die Leinwand adaptiert. Sein erster großer Roman aber war „Die Brücke am Kwai“ (1952), den 1957 David Lean verfilmte.

In dem Roman geht es um eine Einheit britischer Soldaten, die von den Japanern gefangen wurden und nun in den thailändischen Dschungel gebracht werden, um dort eine Brücke über den Fluss Kwai zu bauen, die Thailand mit Burma verbinden soll. Angeführt werden die britischen Soldaten von Oberst Nicholson, einem Mann, der voll und ganz auf die englischen Tugenden setzt. Auf diese Weise bringt er den japanischen Oberst Saito, einem jähzornigen Alkoholiker, mehr und mehr in Rage. Doch mit der Zeit macht Nicholson sich das Bauvorhaben der Japaner zu seinem eigenen, persönlichen Projekt. Was er nicht weiß, ist, dass britische Agenten, die zuvor in Indien stationiert waren, die Brücke sprengen sollen …

„Die Brücke am Kwai“ ist ein durch und durch spannender Roman. Boulle erlebte die japanische Kriegsgefangenschaft ab 1942 am eigenen Leib, konnte aber 1944 fliehen. Anfang der 50er Jahre schließlich begann er, diese Erfahrungen in Form eines Romans umzusetzen, wobei er sich im Hinblick auf den Bau der Brücke auf eine reale Begebenheit bezog.

Und dennoch, obwohl Boulle diese schlimme Zeit selbst erfahren hat, bleibt sein Roman überraschend oberflächlich. Hätte ich über Pierre Boulles Biografie vorab nichts gewusst, so hätte ich nicht vermutet, dass der Autor das Leben in einem solchen Gefangenenlager selbst durchgemacht hat. Alles wirkt doch recht skizziert. Bis auf Oberst Nicholson und seinen Gegenspieler Saito wirken die übrigen Figuren relativ grob gezeichnet. So auch die drei Agenten Joyce, Shears und Warden, obwohl Boulle zu allen dreien – vor allem zu Joyce – eine Hintergrundgeschichte liefert.

Während des Lesens habe ich mich ständig gefragt, über was Boulle eigentlich schreibt. Ich meine damit nicht die Handlung, sondern das zugrunde liegende Thema. Dabei kam mir der Roman in dieser Hinsicht überraschend leer vor. Wie bereits bemerkt, wirkt alles doch recht oberflächlich und diese Oberflächlichkeit setzte sich auch im Thema fort, da – meiner Meinung nach – der Roman kein wirkliches Thema liefert. Es geht weder um den Alltag in einem japanischen Gefangenenlager, da der Roman in dieser Hinsicht kaum historische bzw. (aus Boulles Sicht) autobiographische Informationen liefert, und es geht nicht um den soziokulturellen Gegensatz zwischen Japanern und Briten, da dieser ebenfalls nur knapp skizziert wird.

Erste englische Ausgabe aus dem Jahr 1954

Dies hat mich dann doch gewundert, da ich mir in dieser Hinsicht etwas ganz anderes vorgestellt habe. Längere Zeit davor habe ich Laurens van der Posts Roman „Das Schwert und die Puppe“ gelesen, in dem van der Post ebenfalls seine Erlebnisse in einem japanischen Gefangenenlager verarbeitet hat. Van der Post verlieh seinem Roman durch die Figur Jacques Celliers einen fast mystischen Touch (in der Verfilmung grandios dargestellt von David Bowie).

Doch Pierre Boulles „Die Brücke am Kwai“ wirkt gegenüber van der Posts Roman eher wie ein typischer Abenteuerroman aus der damaligen Zeit, mit den typischen (aus heutiger Sicht rassistischen) Bemerkungen. Obwohl mir der Roman wirklich gut gefallen hat, wurde ich letztendlich nicht wirklich schlau daraus. Denn im Gegensatz dazu besitzt sein Roman „Planet der Affen“ eine ungeheure Tiefe und steckt so voller verschiedener (philosophischer, soziologischer, politischer usw.) Themen, dass man sich immer wieder gerne damit beschäftigt.