The Tunnel oder Korea kann auch schlechte Filme produzieren

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Kinoposter zu „Tunnel“.

Für „The Tunnel“ oder auch bekannt als „Tunnel 3D“ wurde ordentlich die Werbetrommel gerührt. Aber mal wieder zeigt sich, dass – ähnlich wie in „Sector 7“ – man es mit einem absoluten Rohrkrepierer zu tun hat.

Südkoreas Filmproduzenten schaffen es nicht, 3D mit einer spannenden Story zu verbinden. Das zeigte sich bereits in dem oben genannten Horrorfilm „Sector 7“. „Tunnel“ spielt in einem alten Kohlebergwerk, das nach einem Unfall still gelegt wurde. Nun soll aus dem Areal eine luxuriöse Freizeitanlage gemacht werden. Ein Stollen des Bergwerks dient bereits als Disco. Eine Gruppe Freunde ist ebenfalls zu Einweihungsparty eingeladen. Ein verwirrter Mann, der auf der Party auftaucht, behauptet, ein Fluch würde auf dem Bergwerk liegen und alle würden sterben…

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Wer leuchtet, der findet. Aber leider keine spannende Handlung.

Bis dahin klingt ja die Story noch ganz gut. Doch dann konzentriert sich der Film auf die kleine Freundesgruppe, die dem Mann mitten im Wald nochmals begegnet und, als dieser eine von ihnen umbringen will, ihn kurzerhand erschlagen. Die Leiche verstecken sie in einem Stollen. Und dann verlaufen sich alle beim Rückweg. Tja und dann taucht natürlich ein obligatorisches Geistermädchen auf, das von einer der Frauen besitz ergreift.

Nun, der Film beginnt viel versprechend. Man ist der Meinung, ein koreanisches Remake des 80er Jahre Slashers „My Bloody Valentine“ vor sich zu haben. Doch leider nutzt Regisseur Park Gyu-Taek diese Chance nicht, um einen erstklassigen Teeny-Slasher zu kreieren. Die strikte Handlung wird immer wirrer und holpriger. Die Effekte sind unglaublich langweilig. Nein, „The Tunnel“ macht leider überhaupt keinen Spaß. Hier wurde eindeutig eine Chance vertan. Man könnte es auch als das missglückte Debut eines angehenden Regisseurs betrachten.

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Da kann man schon ins Grübeln kommen bei solch einem miserablen Film.

Mit unterhaltsamem Horrorkino hat das nichts mehr zu tun. Der Film beginnt einem ab spätetestens einem Viertel der Länge zu nerven und zu langweilen. Da helfen auch nichts die eingestreuten „My Bloody Valentine“-Zitate. Im Gegenteil, diese Zitate scheinen zu zeigen: seht mal, was wir hätten eigentlich machen können, aber nicht gemacht haben. Von uns erhält „Tunnel 3D“ eine glatte sechs.

 

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FILM und BUCH 6 – Zum kostenlosen Download

FILM und BUCH 6 ist endlich erschienen. Auch dieses Mal haben wir viele interessante und spannende Beiträge für euch. Wir konnten mit dem bekannten deutschen Regisseur Sebastian Niemann (Das Jesus Video, 7 Days to live, Mord ist mein Geschäft, Liebling) ein Interview über seine Arbeit und den deutschen Film führen. Auch war es uns möglich, den beiden preisgekrönten Hörspielproduzenten Stephan Bosenius und Marc Gruppe (Gruselkabinett) von Titania Medien ein paar Fragen zu stellen.

Zusätzlich gibt es noch Artikel über den Kultregisseur Tod Browning (Dracula, Freaks, London after Midnight), über die skurrilen Hintergründe, die dazu geführt haben, dass die Burg Frankenstein in Zusammenhang mit dem Roman Frankenstein gebracht wurden, über Carlo von Mierendorffs Essay „Hätte ich das Kino!“ und über koreanische Schulhorrorfilme.

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Den kostenlosen Download gibt es hier: Film und Buch 6

Inhalt

Jahrmarkt der Grausamkeiten – Regisseur Tod Browning (Sabine Schwientek)

„Für mich muss ein Film als Ganzes funktionieren“ – Ein Interview mit Regisseur Sebastian Niemann

Entstehung eines Mythos (Jörg Heléne)

Atmosphärische Hörspiele – Ein Interview mit Stephan Bosenius und Marc Gruppe

Carlos Kino (Richard Albrecht)

„Ich würde für dich sterben!“ – Memento Mori und der koreanische Schulhorrorfilm (Max Pechmann)

Killer Toon – Die Wende im koreanischen Horrorfilm?

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„Killer Toon“ – Kinoplakat

Seit fast drei Jahren herrscht in den südkoreanischen Horrorfilmproduktionsstätten so etwas wie Lustlosigkeit und Einfallslosigkeit. Filme wie „White“ (2011), „Cat“ (2011) oder der groß angekündigte „Sector 7“ gehören eigentlich in die Kategorie Filme, die keiner braucht. Schlecht gemacht, motivationslos gefilmt und konfuse Storys, die sich ein oder mehrere Drehbuchautoren verzweifelt aus der Nase gezogen haben. Ein kleiner Lichtblick war 2011 zumindest „Ghastly“, der es jedoch aus unerfindlichen Gründen nicht bis nach Deutschland geschafft hat. Überhaupt sucht man zurzeit deutsche Veröffentlichungen aktueller koreanischer Horrorfilme beinahe vergeblich. Anders sieht es bei koreanischen Thrillern aus, die durch ihre hervorragende Machart glänzen.

Anfang 2013 wurde erneut ein Horrorfilm groß angekündigt. Die koreanische Werbetrommel wurde kräftig gerührt, um auf einen Film mit dem Titel „Web Toon“ aufmerksam zu machen. Kurzfristig wurde der Film jedoch in „Killer Toon“ umbenannt. Da die ästhetische Talfahrt des koreanischen Horrorfilms nicht zu übersehen ist, erfolgte unsere Sichtung daher mit äußerst gemischten Gefühlen. Doch dieses Mal waren wir umso mehr erstaunt, einen qualitativ erstklassigen Film zu sehen, der zusätzlich eine in sich geschlossene, intelligent konstruierte Handlung aufweist.

„Killer Toon“ – alternatives Kinoplakat

Die Geschichte ist schnell erzählt: Eine sonderbare Mordserie sucht Seoul heim. Die Morde gleichen den blutrünstigen Zeichnungen eines Internet-Comics (Web Toon), die von der Künstlerin Kang Ji-Yoon geschaffen wurden. Der Polizist Lee Ki-Cheol sucht nach einer Verbindung zwischen der Frau und den Opfern und kommt dabei einem unheimlichen Geheimnis auf die Spur.

„Killer Toon“ ist in Form eines Episodenfilms erzählt, dessen einzelne Geschichten jedoch eng miteinander in Verbindung stehen. Aus den einzelnen Bausteinen ergibt sich letzten Endes eine komplette, in sich geschlossene und durchaus interessante Story, in der beinahe jegliche Logikfehler ausgemerzt wurden. Man hat sich redlich Mühe gegeben, um dem Publikum nichts Halbgegorenes aufzutischen. Durch die einzelnen Comiczeichnungen, die wie eine Rahmengeschichte sämtliche Episoden zusammenhalten, erinnert „Killer Toon“ ganz entfernt an den Film „Creepshow“. Zum Glück aber kopierte Regisseur Kim Yong-Gyun nicht den Klassiker aus den 80er Jahren, sondern liefert eine düstere, teils ironische Gruselgeschichte ab, die mit den Aspekten urbaner Legenden hantiert.

Zusammen mit dem Horrorthriller „Doctor“, der die diesjährige koreanische Horrorsaison eröffnete, haben wir dieses Jahr bereits einen zweiten hervorragend gemachten Horrorfilm. Man stellt sich die Frage, aus welchem Grund in den letzten paar Jahren hauptsächlich Mist produziert wurde. Koreas Horrorfilmer können es noch immer. Es bleibt jedoch abzuwarten, wie sich die Filme im kommenden Jahr entwickeln werden. „Killer Toon“ zählte dieses Jahr zu den erfolgreichsten koreanischen Filmen. Im Sommer erreichte er Platz 2, gleich hinter „World War Z“. Vielleicht spornt dies ja Koreas Filmemacher dazu an, weiter an der Qualität ihrer Storys zu arbeiten.

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Durch die Verbindung von Comickunst und Horrorästhetik ist „Killer Toon“ ein Lichtblick in der derztigen koreanischen Horrorfilmflaute.

Koreanische Filme 2013 – Neue Horrorfilme und Thriller: Teil 1

Das koreanische Filmjahr 2013 begann mit Filmen wie „The Berlin File“ und „The Tower“ (bereits Ende 2012 veröffentlicht) sehr vielversprechend. Beide Produktionen zeigen Koreas Filmindustrie in Topform. Demgegenüber zeigte sich das Experiment der ersten koreanischen-amerikanischen Co-Produktion „Running Man“ (eine Art Actionkomödie) als einfallsloser Streifen, der anfangs zwar nett anzusehen ist, ab der Hälfte jedoch vollkommen uninteressant wird (Rezensionen zu den drei Filmen befinden sich ebenfalls auf unserem Blog). Es bleibt zu hoffen, dass weitere Co-Produktionen dieser Art ausbleiben. Aber es steht zu befürchten, dass Hollywood weiter versuchen wird, mit der Dampfhammermethode auf den koreanischen Filmmarkt zu drängen.

Die übrigen Thriller und Horrorfilme, die im ersten Halbjahr 2013 in die koreanischen Kinos kamen, erfüllen zum großen Teil die Erwartungen an eine Filmindustrie, die sich innerhalb eines Jahrzehnts zum ernstzunehmenden Konkurrenten Hollywoods hochgearbeitet hat.

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New World. Ein erstklassiger Gangsterfilm.

Der Gangsterfilm „New World“ ist ein hochgradiger Thriller um eine Undercover-Aktion innerhalb einer organisierten Verbrecherorganisation namens Goldmoon. Bei einem ungeklärten Autounfall kommt der Chef der Organisation ums Leben. Den Kampf um die Nachfolge möchte der Polizist Jo-Sung nutzen, um Goldmoon unter polizeiliche Gewalt zu bringen. Daraus entwickelt sich eine Mischung aus Krimi, Drama und Thriller. Erstklassig besetzt, entwickelt der Film eine dichte, gewalttätige Atmosphäre, ohne dabei in eine sonst übliche Blutorgie auszuarten. Vielmehr erinnert „New World“ an die französischen Thriller der 70er Jahre, in denen Lino Ventura öfters die Hauptrolle spielte.

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Montage. Ein spannender Thriller.

Der Thriller „Montage“ erzählt die Geschichte einer Kindesentführung. 15 Jahre nach einem bis heute ungelösten Entführungsfall, kommt es zu einer erneuten Entführung eines kleinen Mädchens, das dem Muster des früheren Falls haargenau gleicht. Die Polizei versucht, den Fall zu klären, hört aber nicht auf die Befürchtung der Mutter, deren entführtes Kind damals tot aufgefunden wurde. Während die Polizei im Dunkeln tappt, macht sich die Frau daran, auf eigene Faust den Täter zu finden. – „Montage“ ist ein recht gut inszenierter Thriller, der mit geschickten Wendungen den Zuschauer bei Laune hält. Die Pointe ist einerseits krass, andererseits auch etwas kitschig. Insgesamt aber entstand ein unterhaltsamer, spannender Thriller.

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Doctor. Ein ironischer Thriller, der sich lustig macht über den derzeitigen Schönheits-OP-Wahn in Südkorea.

„Doctor“ eröffnete im Gewissen Sinne die diesjährige koreanische Horrorsaison, die traditioneller Weise im Sommer beginnt. Es handelt sich dabei um einer sehr gute Mischung aus Satire, Horror und Thriller, welche die koreanische Schönheits-OP-Sucht köstlich durch den Kakao zieht. Es geht um einen Schönheitschirurgen, der herausfindet, dass ihn seine um Jahre jüngere Frau mit einem anderen Mann betrügt. Die Folge davon: der Arzt nimmt Rache. Und zwar nicht nur an seiner Frau. „Doctor“ weist eine sehr gute Optik auf, liefert teils herrlichen schwarzen Humor und besticht insgesamt mit einer köstlichen Ironie.

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A Puppet. Einer der schlechtesten koreanischen Filme seit langer Zeit.

„A Puppet“ dürfte dagegen der Reinfall des Jahres sein. Seit langem haben wir nicht mehr eine solch schlecht inszenierte Produktion gesehen. Der Horrorfilm handelt von einem Hypnosearzt, der die Verlobte seines besten Freundes behandelt. Diese glaubt sich stets von einer unheimlichen Frau verfolgt. In Wahrheit leidet sie unter einer gespaltenen Persönlichkeit. Im Laufe der Behandlung verliebt sich der Arzt in seine Patientin und macht sie sich mithilfe der Hypnose willig. – Dieser Film ist nur eines: absolut dämlich. Die Schauspieler sind fürchterlich schlecht, die Inszenierung nicht besser und noch dazu hilflos, so als habe sich Regisseur Kwon Yeong-Rak bereits bei seinem Debut überfordert gefühlt. Zwischendrin wechselt er das Genre und versucht sich im Erotikthrill, aber auch hier zeigt er seine nicht vorhandene Begabung. „A Puppet“ ist einer der schlechtesten koreanischen Filme überhaupt. Aus welchem Grund auch immer schaffte er es dennoch auf Platz 3 der koreanischen Kinocharts.

Damit endet auch schon unsere erste kurze Übersicht über das erste Halbjahr 2013. Die zweite wird Ende 2013 folgen. Besonders gespannt sind wir auf den Horrorfilm „Killer Toon“. Auch ein neuer Seuchenthriller steht an. Es bleibt also spannend.

Hanyo – Das koreanische Meisterwerk

Es ist kaum zu glauben, doch erst kurz nach der Jahrtausendwende wurden westliche Filmkritiker und Regisseure auf einen Film aufmerksam, der 1960 in Südkorea produziert wurde. Gemeint ist Hanyo (Das Hausmädchen) des Regisseurs Kim Ki-Young. Inzwischen wird Hanyo als der beste koreanische Film aller Zeiten bewertet. In Deutschland wartet man dennoch (oder eigentlich wie in den meisten Fällen) vergeblich auf eine DVD-Veröffentlichung.

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Hanyo (1960) gilt als der beste koreanische Film aller Zeiten.

Hanyo erzählt die Geschichte eines Musiklehreres, der Arbeiterinnen einer Stofffirma Gesangsunterricht erteilt. Seine hochschwangere Frau, die mit Näharbeiten etwas Geld hinzuverdient, erleidet plötzlich einen Zusammenbruch. Daher beschließen beide, eine Haushaltshilfe anzustellen. Diese entpuppt sich jedoch als eine femme fatale, die den Musiklehrer in ihren Bann zieht. Daraus resultiert ein Konflikt, der von Kim Ki-Young mit äußerster Radikalität in Szene gesetzt wird. Das Hausmädchen erwartet ebenfalls ein Kind. Doch die Ehefrau des Lehrers zwingt sie zur Abtreibung. Daraufhin rächt sich das Hausmädchen an der Familie.

Woman of Fire (1972). Kim Ki-Youngs erstes Remake seines Klassikers „Hanyo“.

Hanyo ist eine Mischung aus Horrorfilm und Psychothriller. Das Gewitter als dramaturgische Untermalung fehlt hier ebensowenig wie expressionistische Bildkompositionen. Das Hauptaugenmerk aber liegt ganz klar auf Schauspielerin Lee Eun-Shim, welche das Hausmädchen verkörpert. Ihrem Aussehen nach käme sie beinahe als koreanische Barbara Steele durch. Ihre unheimliche wie sinnliche Ausstrahlung beherrscht die Atmosphäre des Films. Diese wird durch die Kulissen des Films noch verstärkt. Obwohl der Musiklehrer zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Kindern ein zweistöckiges Haus bewohnt, wirken die Räume unglaublich eng. Die dadurch provozierte Klaustrophobie lässt die Bedrohung, die von dem Hausmädchen ausgeht, überproportional erscheinen. Für die Familie gibt es in dieser Enge kein Entkommen. Der Lehrer, seine Frau und seine beiden Kinder sind in ihrem eigenen Heim wie in einem Gefängnis gefangen. Regisseur Kim Ki-Young nutzt diese Atmosphäre bis ins letzte Detail aus. Klassische Krimielemente mischen sich dabei mit Erotikthrill und Gruseleffekten. All dies ist mit einem unglaublich hohen Tempo erzählt. Der Film lässt den Zuschauer nicht zu Atem kommen. Man sitzt da wie gebannt und ist bei jeder neuen unerwarteten Wende wahrscheinlich genauso sckockiert wie die Zuschauer von damals.

„Hanyo“ als Remake aus dem Jahr 2010.

Kim Ki-Young war geradezu fokusiert auf das Thema sexuelle Obsession. So ist es nicht verwunderlich, dass er selbst zwei Remakes seines eigenen Klassikers anfertigte. Woman of Fire und Woman of Fire `82 erzählen dieselbe Geschichte, nur mit dem Unterschied, dass sich die Handlung auf einer Hünerfarm abspielt. Alle drei Filme zusammen werden innerhalb von Kims Oeuvre als die Hanyo-Trilogie bezeichnet.

2010 drehte Im Song-Soo ein weiteres Remake zu Hanyo. Dieses ist zwar auch künstlerisch hochwertig in Szene gesetzt, reicht jedoch nicht an das Original heran. Regisseur Im nutzt die Geschichte, um dadurch seiner Kritik am Kapitalismus Raum zu geben, welche er später in Taste of Money fortsetzte. Es fehlt die klaustrophobische Dichte, stattdessen spielt Im mit dunklen Farben, die bis hinein ins tiefe Schwarz reichen. Ähnlich wie das Original ist auch dieser Film eine Mischung aus Psychothriller und klassischem Schauerfilm, der den Konflikt bis ins Surreale hinein treibt.

Während man in Frankreich, den USA und England Kim Ki-Youngs Hanyo in regelmäßigen Publikationen huldigt, herrscht in Deutschland gnadenlose Funkstille. Dies liegt zum großen Teil darin, da sich deutsche Filmexperten kaum oder gar nicht mit koreanischen Filmen auseinandersetzen. Es ist an der Zeit, dass dieses Meisterwerk auch hierzulande seine Zuschauer findet.

Das koreanische Filmjahr 2012 – Ein kurzer Überblick über die Thriller- und Horrorreleases

Zunächst einmal die Frage: war 2012 für Südkorea ein gutes Filmjahr? Die Antwort besteht aus einem ganz klaren Ja. 2012 zeigte die südkoreanische Filmindustrie einmal mehr, auf welche Weise man Hollywood in die Ecke drängen kann. Thriller im Stile des Cinema du Look fuhren hochgradige Erfolge ein. Interessante Geschichten verbanden sich mit hervorragender Optik – die Regisseure lernten aus ihren früheren Fehlern und schufen Filme wie aus dem Lehrbuch.

A Company Man

Einer der erfolgreichsten Produktionen war The Company Man, ein Film über einen Mann, der vorgibt, ein einfacher Angestellter in einer Stahlfabrik zu sein. In der Tat jedoch dient dieses Unternehmen nur als Tarnung für eine Firma ganz anderer Art: bei den vermeindlichen Angestellten handelt es sich um Auftragskiller. Als Hyeong-do einen Auftrag nicht ausführt, wird er zum Gejagten. In diesem Film zeigt Regisseur Im Sang-Yoon vor allem eines: durchgestylte Action in der Fünf-Sterne-Kategorie. Mit Sicherheit muss man nicht lange auf das US-Remake warten.

The Taste of Money

Nicht weniger stylisch ist das düstere Thriller-Drama Taste of Money. Einmal mehr erzählt Regisseur Im Sang-Soo eine makabre Familiengeschichte über eine dekadente Großfamilie. Sie ist die reichste Familie Koreas, doch ein amerikanischer Vertreter kommt hinter das Geheimnis, welches die Familie belastet und droht, mit seinen Erkenntnissen an die Öffentlichkeit zu gehen. Unfreiwillig wird einer der Bodyguards in die Sache mit hineingezogen.  – Wie auch in seinem Film Das Hausmädchen setzte Im Sang-Soo auf düstere, bis ins tiefe Schwarz reichende Farben und gibt sich einer Art postmodernen Variante der Schauerromantik hin.

Helpless

Genauso dem Cinema du Look verschrieben ist der Thriller Helpless des Regisseurs Byun Young-Ju. Byun erzählt darin die Geschichte des Tierarztes Jang Mun-Ho, dessen Frau kurz vor der Hochzeit spurlos verschwindet. Auf der Suche nach ihr kommt er hinter das Geheimnis seiner Fast-Ehefrau. Man kann sich denken, dass die Erkenntnisse nicht gerade zu Gunsten der Frau sprechen.  – Der Film erinnert stark an die französischen Thriller der 70er Jahre (sogar den Blick auf den obligatorischen Kreisverkehr hat Byun nicht vergessen), eine Art Das Geheimnis der falschen Braut auf koreanisch. Wunderbar in Szene gesetzt.

Deranged

Deranged gehörte zu den Blockbustern des Jahres 2012. Regisseur ist Park Jung-Woo, der hiermit gleichzeitig sein Debut abliefert. Es handelt sich hierbei um einen Seuchenthriller, in dem der Biochemiker Jae-Hyuk versucht, das Rätsel von parasitären Würmern zu lösen, welche immer mehr Einwohner Seouls befallen. – Der Film ist gut in Szene gesetzt, zugleich aber unglaublich naiv, was ihn jedoch auch wieder sympathisch macht. Park verzichtet auf Kitsch, der bei koreanischen Katastrophenfilmen sonst immer den Ton angibt, sondern konzentriert sich auf das Vorantreiben der Handlung. Ergebnis: ein spannender, wenn auch ein in seiner Dramatik einfacher Film.

Pietà

Den international angesehendsten Film lieferte einmal mehr Koreas Provokateur Kim Ki-Duk mit seinem Werk Pietà ab. In diesem extrem düsteren Thriller geht es um den Geldeintreiber Kand-Do, der vor allem unter einem leidet: seiner Einsamkeit. Eines Tages taucht plötzlich eine ältere Frau auf, die behauptet, seine Mutter zu sein. Was daraus folgt ist ein ästhetisches Drama, vor dem sich sicherlich Ingmar Bergman tief verneigt hätte. Zurecht wurde der Film mehrfach ausgezeichnet. Zugleich zeigt Kim Ki-Duk, dass man kein großartiges Budget braucht, um erstklassige Filme zu drehen.

Horro Stories

Waren die Thriller im Jahr 2012 gut bis sehr gut inszeniert, so machte  sich im Horrorgenre, welches seit 2011 einen ordentlichen Dämpfer erhielt, erneut ein qualitativer Rückgang bemerkbar. Über Don’t Click wurde bereits in einem früheren Artikel gesprochen. Nach diesem Machwerk erschienen zwei weitere Horrorfilme, welche jedoch genauso wenig Originalität aufwiesen. Es handelt sich um Horror Stories und um Two Moons. Beide Filme überzeugen in keiner Weise. Horror Stories ist, wie der Titel bereits sagt, ein Episodenfilm, der jedoch genauso einfallslos wie langweilig ist. Two Moons, ein Film über eine Frau und zwei Männer, die plötzlich in einem einsam gelegenen Haus mitten im Wald wieder zu sich kommen und von unheimlichen Zwischenfällen geplagt werden, ist völlig uninspiriert in Szene gesetzt. Es scheint so, als wollten die Produzenten den Horror-Fans halbherzig ihre drei versprochenen Filmchen abliefern. An Filmkunst reicht dieses Vorgehen nicht mehr heran. Wir befürchten, dass sich dies 2013 nicht ändern wird. Sollten wir uns irren, würden wir uns über unseren Irrtum freuen.

Two Moons

Emile Zola Horrorstar

 

Mit seinem 1867 erschienenen Roman Thérèse Raquin verfasste Emile Zola nicht nur ein packendes Erotikdrama, sondern begründete damit zugleich den Naturalismus. Hundert Jahre später diente sein Romandebut als Vorlage für den italienischen Horrorfilm The Ghost und 2009 ließ sich der bekannte koreanische Regisseur Park Chan-Wook von Zolas Roman für seinen Vampir-Thriller Thirst inspirieren.

Zolas Debut als Fortsetzungsroman

Thérèse Raquin in eine Horrorstory umzuwandeln liegt im Grunde genommen auf der Hand. Zola selbst verwendet in seinem Roman Aspekte der Schauerliteratur, um damit die Schuld und das schlechte Gewissen seiner beiden Prota-Antagonisten zu veranschaulichen. Thérèse Raquin und ihr Liebhaber Laurant geraten nach dem Mord an Thérèses Ehemann Camille in eine immer größer werdende Psychose. Sie leiden unter Halluzinationen, in denen sie den getöteten Camille zu sehen glauben, der bei jedem Erscheinen stets mehr der Verwesung anheim fällt (dieser Aspekt findet sich übrigens auch in John Landis‘ American Werewolf wieder, in welchem Davids verstorbener Freund Jack regelmäßig auftaucht, wobei er bei jedem seiner Auftritte etwas mehr der Fäulnis unterliegt).

1963 drehte Riccardo Freda (u. a. bekannt durch seine Maciste-Filme) mit The Ghost eine freie Adaption dieses Stoffes. Die Handlung spielt im 19. Jahrhundert. Die Hauptfiguren bestehen aus Margaret Hichcock (gespielt von Barbara Steele), ihrem Mann Dr. John Hichcock und ihrem Liebhaber Dr. Charles Livingstone. Die Handlung, auch wenn Emile Zola als Ideengeber nicht erwähnt wird, orientiert sich an Thérèse Raquin. Margaret geht eine Beziehung mit dem Freund ihres Mannes ein. Beide beschließen, ihren Mann umzubringen. Nach dieser Tat werden beide von unheimlichen Visionen heimgesucht, in denen der Ermordete sein Unwesen treibt. The Ghost, leider fast völlig vergessen, besticht dabei durch eine hervorragende Kameraarbeit und kreiert von Anfang an eine knisternde Dichte, welche sich ebenso in Zolas Roman wiederfindet.

Riccardo Fredas freie Adaption. Zola wird dabei jedoch nicht genannt.

2009 folgte die koreanische Adaption. Park Chan-Wook, der mit seinem Film Oldboy, weltberühmt geworden ist, orientiert sich sehr genau an Zolas Vorlage. Die Rahmenhandlung, in welcher der Priester Sang-Hyeon durch einen medizinischen Versuch zum Vampir wird, erscheint dabei überflüssig. Parks Film hätte auch ohne diffuse Erklärung funktioniert. Doch unabhängig davon ist hier, ähnlich wie mit The Ghost, ein Meisterstück gelungen. Die Haupthandlung spielt wie in Zolas Debut in einem Nähgeschäft. Dort langweilt sich Tae-Joo zu Tode. Ihr stets kränkelnder Mann geht ihr auf die Nerven. Als Sang-Hyeon in ihr Leben tritt, geht sie sogleich eine Affäre mit ihm ein. Der Beschluss, ihren Mann Kang-Woo zu töten, ist schnell gefasst. Die darauf folgenden Visionen, welche wie in Zolas Roman die Schuldgefühle symbolisieren sollen, ähneln denjenigen in Thérèse Raquin. Emile Zolas „Thriller“, der auf einem wahren Kriminalfall beruht, galt seinerzeit als Skandal. Einen solchen wollte auch Regisseur Park provozieren, in dem er neben den freizügigen, bis ins Skurrile reichenden Sexszenen zum ersten Mal im koreanischen Kino einen völlig nackten Mann präsentiert. Auch wenn dessen Gemächt nicht einmal eine Sekunde lang zu sehen ist, so erregte diese Szene vor allem beim (nicht nur weiblichen) Publikum Aufsehen.

Park übernimmt viele Aspekte von Zola

Es zeigt sich dabei, dass man großartige Literatur durchaus in großartige Horrorästhetik transformieren kann, ohne dass der eigentliche Inhalt verloren geht. Oder anders ausgedrückt, hätte Emile Zola ein anderes Genre gewählt, wäre er wahrscheinlich ein großartiger Horrorautor geworden.