Zwischen märchenhaft und kitschig: „Der Wald der verlorenen Schatten“ von Danbi Eo

Danbi Eo ist in Südkorea eine Art Tausendsassa: sie ist als Schauspielerin tätig, schreibt Drehbücher und Theaterstücke, zeichnet Web-Toons und hat 2018 auch noch ihren ersten Roman veröffentlicht. Nun ist ihr Roman „Der Wald der verlorenen Schatten“ (Originaltitel heißt übersetzt „Mondfinsternis“) auch ins Deutsche übertragen worden. So richtig gefallen will einem die Geschichte allerdings nicht.

Das Hauptproblem an Danbi Eos Romandebut ist, dass die Hauptfigur Heoju beinahe den gesamten Roman über unsympathisch wirkt. Zwar kommt Heoju dann doch zur Einsicht, dass ihr Verhalten falsch ist, doch ist da der Roman so gut wie zu ende. Ein zweites Problem ist, dass man sich stellenweise durch die Geschichte quälen muss. Das liegt an der eintönigen Erzählweise der Autorin. Auf diese Art wirken auch Stellen, die spannend sein sollen, eher ermüdend. Das ist eindeutig schade, denn aus dem Einfallsreichtum hätte die Autorin durchaus mehr herausholen können.

So beginnt der Roman recht vielversprechend: Heoju hat ihren Job als Busticketverkäuferin verloren und soeben ein Vorstellungsgespräch vermasselt. Hinzu kommt, dass ihr Freund mit ihr Schluss gemacht hat und sie die Miete nicht mehr zahlen kann. Da erhält sie die SMS eines Dorfvorstehers, der ihr darin mitteilt, dass ihre Großmutter gestorben sei und sie rasch nach Dogi kommen soll, um an der Beerdigung teilzunehmen.

Kaum ist sie dort, erfährt sie sonderbare Geschichten über den Wald, der sich um Dogi herum erstreckt: früher seien dort Menschen spurlos verschwunden. Durch Zufall gerät Heoju selbst in den Wald, woraufhin ihr Schatten verschwindet. Heoju hat nur wenige Tage Zeit, ihren Schatten wiederzufinden, sonst muss sie für immer im Wald leben. Ihr zur Seite steht dabei Muyeong, einer der Waldbewohner.

Die Grundidee ist durchaus nett, auch einzelne Ideen sind recht schön (witzig sind die sich ständig streitenden Geisterflammen), dennoch kommt beim Lesen aus den oben genannten Gründen keine Hochstimmung auf. Bildlich gesprochen, wirkt der Roman wie ein schöner, bunter Luftballon, aus dem die Luft entweicht. Man kann sich nur wiederholen: Danbi Eo hat ihre eigenen Ideen leider nicht genutzt, um damit eine packende oder bewegende Geschichte zu schreiben. Statt bewegend wird es gegen Ende eher kitschig.

Was an dem Buch allerdings wirklich ärgert, hat nichts mit dem Roman an sich zu tun, sondern mit dem schlampigen Lektorat. Fehler über Fehler häufen sich in dem Text (besonders das erste Viertel ist davon betroffen), sodass man zu dem Schluss kommen muss, dass vor dem Druck das Manuskript nicht nochmals durchgegangen wurde. Ein voller Kontrast zum schönen Layout.

Danbi Eo. Der Wald der verlorenen Schatten. Golkonda Verlag 2020, 247 Seiten, 18 Euro

Der gute Sohn – Der neue Thriller von Jeong Yu-Jeong

Die südkoreanische Autorin Jeong Yu-Jeong ist in ihrer Heimat eine der erfolgreichsten Thrillerautorinnen. Nach „Sieben Jahre Nacht“ ist nun ein zweiter Roman von ihr auf Deutsch erschienen.

„Der gute Sohn“ handelt von dem 25-jährigen Yu-Jin, der kurz davor steht, an einer renommierten Universität Jura zu studieren. Doch eines Morgens wacht er Blut überströmt auf. Was ist passiert? Als er den blutigen Spuren in dem Luxusappartment nachgeht, findet er in der Diele die Leiche seiner Mutter …

Aus dieser Ausgangssituation webt Jeong Yu-Jeong einen extrem dichten und überaus spannenden Thriller, in dem Yu-Jin versucht, zu ergründen, was in dem Zeitraum geschehen ist, an den er sich absolut nicht erinnern kann. Doch nachdem der erste Schock überwunden ist, kommen immer mehr Details ans Licht. Nicht nur, was die vergangenen Stunden betrifft, sondern auch im Hinblick auf die Beziehung zwischen Yu-Jin und seiner Mutter.

Inspiriert wurde die Autorin dabei durch einen wahren Fall, der sich in Südkorea zugetragen hat und damals für viel Rätselraten gesorgt hat, sodass selbst die Psychologen nicht weiter wussten. „Der gute Sohn“ stellt dieses Rätselraten in den Mittelpunkt der Handlung. Aus der Sicht Yu-Jins geschrieben, gelingt es der Autorin dann auch überzeugend, die Vergangenheit Stück für Stück aufzudecken. Daraus ergibt sich ein minutiös durchdachter psychologischer Thriller, der einem vor Spannung nicht zur Ruhe kommen lässt.

Man könnte Jeong Yu-Jeong als die Patricia Highsmith Südkoreas bezeichnen. Jeongs Thriller sind genauso gut konzipiert, die Figuren wirken überaus lebendig und zwielichtig und hinzu kommt ein Faible fürs Makabre. Besonders bei Jeong Yu-Jeong schimmert zwischen den Zeilen ein schwarzer Humor durch, der einen immer wieder zum Schmunzeln bringt.

Es ist wirklich schade, dass nur wenige koreanische Autorinnen und Autoren ihren Weg bis in den deutschsprachigen Raum finden. Jeong Yu-Jeongs Thriller jedenfalls kombiniert Anspruch mit Spannung und macht dabei Lust, mehr von der Autorin zu lesen. Kurz: Sehr zu empfehlen.

Jeong Yu-Jeong. Der gute Sohn. Unionsverlag 2019, 317 Seiten, 19,00 Euro