The Wailing – Neuer Horror aus Südkorea

Bereits 2015 versuchte sich Südkoreas Filmindustrie in Sachen Exorzismus. Das Ergebnis waren damals zwei Filme, die unterschiedlich nicht hätten sein können. Mit „The Chosen – Forbidden Cave“ legte man einen spannenden und durchaus originellen Horrorstreifen vor, der einen Hauch von Hammers Klassiker „Das schwarze Reptil“ beinhaltete, während man mit „The Priest“ einen unfreiwillig komischen „Exorzist“-Abklatsch hervorbrachte, der zwar erfolgreich gewesen war, aber zurecht schnell wieder in der Versenkung verschwand.

Nun, zwei Jahre später, hat man anscheinend von diesem Thema immer noch nicht genug. Denn erneut versuchte man, das Thema Exorzismus filmisch umzusetzen. Regie und Drehbuch stammten von Thriller-Experten Na Hong-Jin, der bereits mit seinem überaus düsteren Thriller „The Chaser“ (2008) für Aufsehen gesorgt hatte. Und nun also „The Wailing“, im Original „Gokseong“, der Name des Ortes, in dem die Geschichte spielt.

Es geht um sonderbare Zwischenfälle, die sich in Gokseong ereignen. Harmlose Menschen werden von einer Sekunde auf die andere verrückt und bringen ihre Familien um, eine sonderbare Krankheit, die mit einem schmerzenden Hautausschlag einhergeht, sucht den Ort heim. Immer mehr Einheimische verdächtigen einen Japaner, der als Einsiedler in dem Wald lebt, der Gokseong umgibt. Die Polizei steht vor einem Rätsel. Als schließlich auch die Tochter eines der Polizisten von der Krankheit befallen wird, beschließt dessen Frau, einen Schamanen hinzuzuziehen.

Beinahe drei Jahre soll Na Hong-Jin am Drehbuch geschrieben haben. Finanziell unterstützt wurde er von 20th Century Fox, eine neue Strategie der Hollywoodstudios, die seit den 90er Jahren vergeblich versuchen, in Südkorea Fuß zu fassen. Und wie verhält es sich mit dem Film? Zum Glück ließ das Studio dem Regisseur freie Hand. Denn „The Wailing“ stellt K-Horror auf eine neue Stufe.

Originalkinoplakat zu „Gokseong“ (The Wailing)

In dem Film verbindet Na traditionelle westliche mit den traditionellen Glaubensvorstellungen Südkoreas. Kommt es in Friedkins „Exorzist“ (1973) zu einer originellen Gegenüberstellung zwischen Glauben und Wissenschaft, so stellt Na zwei verschiedene Glaubensrichtungen gegenüber, die jeweils auf ihre Weise versuchen, dem Bösen, das sich in Gokseong eingenistet hat, Herr zu werden.

Na gibt sich dabei nicht mit Oberflächlichkeiten ab, sondern geht bei den jeweiligen Riten bis ins Detail. Man merkt dem Film tatsächlich an, dass Na jahrelang an dem Drehbuch geschrieben hat. Eingefangen wird das Ganze mit den wundervollen Bildern Hong Kyung-Pos, der dem Film eine wunderbare, düstere Ästhetik verleiht, die man vor allem im koreanischen Horrorfilm der letzten Zeit eher vermisst hat.

Auf diese Weise schildert Na die Geschichte einer Gruppe einfacher Polizisten, die mit den Geschehnissen in ihrem Ort völlig überfordert sind. Vor allem Darsteller Kwak Do-Won spielt die Rolle des Polizisten Jeong Jong-Gu vollkommen überzeugend. Hin- und hergerissen zwischen seiner Stellung als Ordnungshüter und seiner Rolle als Familienvater, weiß Jeong letztendlich nicht, wie er den Fall lösen soll. Und als schließlich die Verzweiflung obsiegt, ist ihm jedes Mittel recht.

Irgendwie wird man bei der Sichtung von „The Wailing“ den Verdacht nicht los, als habe sich Na Hong-Jin von den Filmen Larry Fessendens inspirieren lassen. Dies zeigt sich vor allem in den einzigartigen Landschaftsaufnahmen, mit denen Na seinen Film würzt – ganz ähnlich wie z.B. in „Wendigo“ des New Yorker-Indieregisseurs. Für Nas Film erweist sich dies als eine ungeheure Bereicherung, schaffen diese Bilder doch einen einzigartigen Kontrast zum unheimlichen Geschehen.

Auch wenn „The Wailing“ in einer seiner Hauptszenen droht, in den Trash umzukippen, so ist der Film als Ganzes nicht nur ein optisch hervorragend gemachtes Filmerlebnis, sondern liefert zugleich eine sehr spannende und beklemmende Handlung, der man die zweieinhalb Stunden Spieldauer keineswegs anmerkt. Die Preise, mit denen der Film bisher regelrecht überhäuft wurde, hat er mehr als nur verdient. Kurz: Sehr zu empfehlen.

The Wailing – Die Besessenen (OT: Gokseong). Regie u. Drehbuch: Na Hong-Jin, Produktion: Lim Min-Sub, Darsteller: Kwak Do-Won, Hwang Jun-Min, Chun Woo-Hee, Jun Kunimura, Kim Hwan-Hee. Südkorea 2017, 156 Min.

„Ich würde für dich sterben!“ oder Wieso koreanische Schülerinnen Angst vor Geistern haben

Park Jae-Jin als die Schülerin Hyo-Shin in „Memento Mori“ (1999); © e-m-s

„Ich würde für dich sterben!“ Dieser Ausbruch von Leidenschaft findet im Finale eines der bekanntesten koreanischen Horrorfilme statt. Titel: Memento Mori. Produktionsjahr 1999. Der Film erregte dazumal großes Aufsehen. Nicht nur national, sondern auch international wurde er mit diversen Nominierungen beehrt. Hinzu kam ein weiterer Aspekt, der Memento Mori zu einem außergewöhnlichen Werk werden ließ. Wie kein anderer Film zuvor sprachen die beiden Regisseure Kim Tae-Yong und Min Kyu-Dong das Thema Homosexualität an. Dies anscheinend auf eine so direkte Weise, dass die koreanische Zensurbehörde die Produktionsfirma dazu aufforderte, ganze zwanzig Minuten herauszuschneiden. Was soll’s, dachten sich die beiden und kamen der Aufforderung nach. Fünf Jahre später wurden diese Szenen dem fertigen Film wieder hinzugefügt. Aber dabei blieb es nicht. Denn der Director’s Cut, der zum fünfjährigen Jubiläum (leider nur in Korea) erschien, besitzt eine Länge von sage und schreibe drei Stunden.

Doch um was geht es überhaupt in Memento Mori und in welchem Zusammenhang steht dieser Film eigentlich?

Kinoplakat von „Memento Mori“

Memento Mori erzählt die tragische Liebesbeziehung zwischen den beiden Schülerinnen Hyo-Shin und Min-Ah. Während sowohl Lehrer als auch Schüler Min-Ah aufgrund ihrer Leistungen als Schnellläuferin gleichermaßen respektieren, wird Hyo-Shin zur Außenseiterin abgestempelt. Grund ist, dass ihre lesbischen Neigungen offensichtlich sind. Zugleich benimmt sie sich seltsam und besitzt eine düstere Aura. Die heimliche Beziehung zwischen ihr und Min-Ah halten beide in einem gemeinsamen Tagebuch fest. Doch Min-Ah beginnt plötzlich, sich von ihrer Freundin zu distanzieren. Erst zu spät merkt sie, welche leidenschaftlichen Gefühle Hyo-Shin für sie empfindet. Hyo-Shin hält den Schmerz der Trennung nicht aus und bringt sich um. Von da an geschehen unheimliche Dinge in der Schule, auf der zudem ein Fluch lasten soll. Denn bereits zuvor starben dort sechs Mädchen auf seltsame Weise.

Min-Ah (Gong Hyo-Jin) und Hyo-Shin (Park Jae-Jin) verstecken sich; „Memento Mori“ (1999); © e-m-s

Wer der Inhaltsangabe folgt und sich fragt, ob Memento Mori nicht eher ein Drama als ein Horrorfilm ist, steht nicht alleine da. Denn Kim Tae-Yong und Min Kyu-Dong hatten während der Schreibphase ein Drama im Sinn, in dem die unheimlichen Momente eine sehr geringe Rolle spielen sollten. Doch ihr eigentlicher Plan ging nicht auf. Nachdem die Produzenten das Skript gelesen hatten, lautete es: mehr Horror, weniger Drama, sonst könnt ihr die Tür von außen zumachen. Also schrieben beide das Drehbuch um und wurstelten in das Liebesdrama eine Gruselgeschichte ein. Übrigens stellte dies die erste Regiearbeit der beiden dar. Die Produzenten waren allerdings noch immer nicht ganz zufrieden. Der Titel musste leicht geändert werden. Doch dieser war schnell gefunden: Yeogo Geodam 2: Memento Mori. Wahrscheinlich wird sich der ein oder andere Leser jetzt fragen: Teil 2? Hab ich gerade etwas verpasst? Die Antwort darauf setzt Memento Mori in einen größeren Zusammenhang, bei dem auch ein winziger historischer Einblick in die Filmindustrie Südkoreas nicht fehlen darf.

„Shiri“ (1999) ist der erste koreanische Blockbuster

Fasst man die Geschichte des koreanischen Films in einem kurzen Satz zusammen, so lautet dieser: vorher keine Zuschauer, nachher volle Kinosäle. In der Tat wurden vor Mitte der 90er Jahre koreanische Filme in koreanischen Kinos nur gezeigt, da die Kinobesitzer gesetzlich dazu verpflichtet wurden. Das Problem war, dass die gesamte Filmbranche in staatlicher Hand lag und dementsprechend nur das in den Kinos lief, was vielleicht gerade einmal ein, zwei verstaubte Beamte hinter dem Ofen hervorlockte. Das heißt nicht, dass diese Filme handwerklich schlecht waren. Das heißt aber, dass sie im Vergleich zum bunten und glitzernden Hollywoodkino eindeutig den Kürzeren zogen. Den Filmen vor den 90ern merkt man eindeutig an, dass nicht sonderlich viel Geld für die Ausstattung vorhanden gewesen ist.

Dies änderte sich schlagartig Mitte der 90er Jahre. Die Verstaatlichung der Filmindustrie wurde aufgehoben. Von nun an standen sich vier Produktionsfirmen gegenüber: Cinema Service, CJ Entertainment, Showbox und Lotte Cinema. Diese pumpten riesige Mengen Gelder in ihre Produktionen. Das Ergebnis: gleich die erste Großproduktion, der Thriller Shiri, erzielte an den koreanischen Kinokassen einen weit höheren Umsatz als Titanic, der zur selben Zeit lief. Fasst man diese Veränderung in einen noch größeren Zusammenhang, so findet man diesen in der in den 90er Jahren aufgekommenen Krise in Hollywood, welche den Filmindustrien auch in anderen Ländern Auftrieb verlieh.

In Südkorea ist Hollywood aufgrund der hervorragenden koreanischen Eigenproduktionen inzwischen so sehr in Bedrängnis gekommen, dass z.B. Filmgrößen wie Steven Spielberg versuchen, Gemeinschaftsproduktionen anzuzetteln, da die eigenen Produkte nicht mehr genug einbringen. Und zum Schluss noch ein weiterer Ausholer: der große Erfolg der modernen japanischen Horrorfilme, welche traditionellen Geisterglauben mit dem modernen Großstadtleben verbinden und Mitte/Ende der 90er Jahre ins Leben gerufen wurden, führte dazu, dass sich die Industrien in Südkorea ebenfalls dem Horrorgenre zuwandten, das bis dahin eher geschmäht worden war. Die erste Produktion trug den Titel Yeogo Geodam – Whispering Corridors (1998). In diesem Film tauchten nicht gerade Geister auf. Vielmehr kann dieser Streifen als Psychothriller bezeichnet werden, dessen Schauplatz eine Schule ist, in der die Schülerinnen von den Lehrern auf jede Art und Weise schikaniert werden. Dabei kommt es zu mehreren unheimlichen Morden.

Die Schülerinnen werden von ihrem Lehrer schikaniert; „Whispering Corridors“ (1998); © Cinema Service

Der Film wurde ein voller Erfolg. Mit seiner Darstellung der Misshandlungen von Schülern durch Lehrer übte er scharfe Kritik am südkoreanischen Schulsystem. Die Diskussion über dieses System hält bis heute an. Während man seit der PISA-Studie ehrfürchtig von Deutschland aus nach Südkorea und Japan blickt, denkt man dort darüber nach, wie man den teils unmenschlichen Leistungsdruck nach und nach lockern kann. Eine Folge dieses Drucks ist eine hohe Selbstmordrate unter Schülern. Diese Selbstmorde wiederum sind Auslöser für so genannte urbane Legenden, welche dem tragischen Schicksal einer Schülerin oder eines Schülers eine düster-romantische Note verleiht.

Man kann sagen, fast jede Schule hat ihre eigenen Geistergeschichten, in denen es um unglücklich verliebte Jugendliche geht oder auch um bizarre Flüche. Nicht selten vernimmt man die Geschichte, dass der Geist eines Mädchens durch das Klassenzimmerfenster blickt, während ihr Lieblingslehrer gerade Unterricht hält. Stirbt jemand in der Schule, so wird sogleich spekuliert, ob der Geist einer Schülerin die unglückliche Person heimgesucht hat. Diese Legenden oder Spukgeschichten griff Whispering Corridors auf. Der eigentliche Titel Yeogo Geodam bedeutet übrigens Geistergeschichten aus der Schule. Der Titel macht noch einmal deutlich, dass sich der Film (und auch die nachfolgenden Filme) auf eben diese Legenden und Gerüchte beziehen, welche sich bei den Schülerinnen und Schülern großer Beliebtheit erfreuen.

„Whishing Stairs“ (2003)

Memento Mori setzte diese Form des Horrorfilms fort. Doch nun waren es nicht mehr die bösen Lehrer, sondern die Schülerinnen untereinander, die sich schikanierten, um dadurch den Druck abzubauen, der aufgrund des Schulsystems auf ihnen lastet. Geschickt webt der Film die Spuklegenden gleich am Anfang in die Erzählung ein, um kurz darauf mit der unglücklichen Beziehung zwischen Hyo-Shin und Min-Ah fortzufahren, welche letztendlich in tatsächlichen Spukphänomenen mündet. Äußerst komplex verbinden Kim und Min die eigentliche Handlung mit Rückblenden, sodass man nach dem ersten Anschauen zunächst einmal unter einer gewissen Ratlosigkeit leidet.

Erst nach mehrmaligem Ansehen ist es möglich, die unterschiedlichen Erzählebenen voneinander zu trennen und damit die ganze Story aufzulösen. Die Komplexität verbindet sich mit einer ungeheuren Ästhetik, welche den Film radikal aus der Yeogo Geodam-Reihe hervorhebt. Ebenso ist die Tragik der Handlung in keiner der anderen vier Filme derart ausgeprägt wie hier. Hyo-Shins verzweifelter Ausruf „Ich würde für dich sterben!“ löst auch nach mehrmaligem Ansehen eine regelrechte Gänsehaut aus.

„Voice“ (2005)

Diese Intensität ist vor allem den beiden hervorragenden Hauptdarstellerinnen zu verdanken, hierbei allen voran Park Yae-Jin, welche für ihre Rolle der sinnlich-düsteren Hyo-Shin gleich bei zwei Filmfestivals als beste Newcomerin ausgezeichnet wurde. Ihre darauf folgende Karriere ist nicht weniger erfolgreich, beschränkt sich allerdings in der Hauptsache auf Rollen in den so genannten Dramas, den berühmtberüchtigten koreanischen Fernsehserien. Wie bei allen Yeogo Geodam-Filmen wurden die Darstellerinnen aus speziellen Castings ausgewählt, an denen tausende von Bewerberinnen, in der Regel unerfahrene Schauspielerinnen oder junge Frauen, die von einer Filmkarriere träumen, teilnahmen. Dieses Vorgehen sowie die Strategie, unbekannte Regisseure die Arbeit machen zu lassen, dient allein dazu, die Produktionskosten so gering wie möglich zu halten.

„A Blood Pledge“ (2009)

Vier Jahre nach Memento Mori ging der dritte Teil der Schulhorrorreihe an den Start. Mit Yeogo Geodam 3 – Wishing Stairs machte man zwar erneut Kasse, doch ließ die Qualität zu Wünschen übrig. Regisseurin Yoon Jae-Yeon fiel nichts anderes ein, als aus der Handlung einer Mädchenschule, hinter der sich eine geheimnisvolle Wunschtreppe befindet, einen miserablen Argento-Abklatsch zu liefern. Die Qualität steigerte sich zum Glück wieder bei den Teilen vier und fünf. Yeogo Geodam 4 – Voice aus dem Jahr 2005 bringt wiederum das Thema Homosexualität ins Spiel, wenn auch nicht so sinnlich-tragisch wie in Memento Mori. Hier geht es um den Tod einer Schülerin, die besonders gut singen konnte. Ihre Freundin findet heraus, dass sie eine Beziehung zu ihrer Musiklehrerin hatte.

„Ghost“ (2004)

Es geht um Eifersüchteleien und die Aufklärung eines weiteren Todesfalles. Alles in allem ein recht gut in Szene gesetzter Film, der jedoch aufgrund seiner Längen etwas Durchhaltevermögen abverlangt. Mit Yeogo Geodam 5 – A Blood Pledge von 2009 erreichte die Reihe ihr vorläufiges Ende. Das Schulgebäude erinnert stark an dasjenige aus Memento Mori, allerdings befindet sich jetzt darin eine streng katholische Einrichtung. Vier Mädchen beschließen einen Selbstmordpakt. Nur eines der Mädchen setzt das Vorhaben auch tatsächlich um. Kurz darauf werden die anderen drei Schülerinnen von ihrem Geist ermordet. Der fünfte Teil ist eindeutig der blutigste von allen. Zugleich ist er auch der schnellste und kurzweiligste. Trotz der Konzentration auf Blut und Action ist A Blood Pledge hervorragend gefilmt, zitiert gelegentlich Memento Mori und weist auch wie dieser ein Durcheinander aus eigentlicher Handlung und Rückblenden auf. Es kommt einem fast so vor, als wollte man mit einem gehörigen Paukenschlag die Reihe zu einem Ende führen. Da die Besucherzahlen gegenüber Voice aber fast um das Doppelte gestiegen waren, dürften die Produzenten gerade am Überlegen sein, ob man nicht doch noch ein kleines Filmchen hinzufügen könnte.

Parallel zur Yeogo Geodam-Reihe entstanden und entstehen weitere Schulhorrorfilme, die allerdings nicht die Eigentümlichkeiten dieser Serie aufweisen. Es handelt sich dabei um so unterschiedliche Filme wie Ghost, der mit einem freudianischen Konzept aufwartet, oder um Slasher-Movies wie Death Bell, die sich ansatzweise an den Produktionen von Eli Roth orientieren. Die Herstellung dieser Filme zeigt, wie stark das Thema Schule auf negative Weise in das Bewusstsein der koreanischen Gesellschaft eingewebt ist. Die Angst vor den Geistern, die in den Schulgebäuden lauern, entpuppt sich aus dieser Perspektive als eine Angst vor der Schule selbst.

The Uninvited (2003)

Der gewöhnliche Alltag mit all seinen Problemen, verbunden mit Horroraspekten. Der Trend, der sich heutzutage in einer Art eigenem Subgenre abzeichnet, ist keinesfalls eine neue Idee, sondern reicht zurück bis zu Herk Harveys Klassiker „Tanz der toten Seelen“ aus dem Jahr 1962. Davon beeinflusst war sicherlich auch die koreanische Regisseurin Lee Soo-Youn, als sie 2003 ihren Film „The Uninvited“ drehte.

„The Uninvited“ (eigentlich „Ein Tisch mit vier Gästen“) ist kein Remake des gleichnamigen Horror-Klassikers aus den 40er Jahren, sondern erzählt die Geschichte des Innenarchitekten Jeong, der bei einem Unfall nur knapp dem Tod entkommt. Von da an wird er von sonderbaren und unheimlichen Visionen geplagt, die sich verstärken, als er die mysteriöse Yeon kennenlernt …

Yeon verzweifelt an sich selbst und ihren unheimlichen Fährigkeiten; „The Uninvited“ (2003); Copyright: e-m-s

Der Film, zugleich ein Beitrag des koreanischen Autorenfilms, besticht durch eine Mischung aus Psychogramm, Thriller und Horrorfilm. Sehr gekonnt vermischt die Regisseurin Lee Soo-Youn alle drei Genres miteinander, sodass dadurch ein recht beklemmendes Mystery-Drama entsteht. Lee Soo-Youns Film ist, wie so viele koreanische Horrorfilme, äußerst düster, nicht weniger geheimnisvoll und deckt die Schattenseiten des modernen Großstadtlebens auf.

Fotomodel und mehrfach ausgezeichnete Schauspielerin Jun Ji-Hyun spielt Yeon, eine Art weibliche Verkörperung des Todes, als eine depressive und psychisch labile Frau, die zusätzlich unter ihrer Einsamkeit leidet. Nicht nur ihr Mann macht sie kaputt, sondern ebenso ihre soziale Umwelt, mit der sie im Grunde genommen nichts zu tun haben möchte. Sie wird von ihren Mitmenschen gemieden, da ihre Art nicht der Norm entspricht. Unfreiwillig konfrontiert Yeon den Innenarchitekten Jeong sowie andere Personen mit verdrängter und längst vergessen geglaubter Schuld, durch die in der Vergangenheit jemand zu Tode gekommen ist. Eine Fähigkeit, an der sie selbst verzweifelt.

„The Uninvited“ ist anspruchsvolles koreanisches Horrorkino, verpackt in eine überaus düstere und kalte Atmosphäre. Lee Soo-Youn kreiert in ihrem Film eine Ästhetik des Grauens in dunklen, hoffnungslos erscheinenden Bildern, die den Menschen in einer extrem negativen Weise darstellen. Es ist ein sehr kunstvoller Film, der zwar aufgrund seiner Zelebrierung der Trostlosigkeit ein gewisses Durchhaltevermögen abverlangt, aber aufgrund seiner Dramaturgie und seiner tollen Schauspieler überaus sehenswert ist.

The Uninvited, Regie u. Drehbuch: Lee Soo-Youn, Produktion: Lee Kang-Bok, Darsteller: Park Shin-Yang, Jun Ji-Hyun, Südkorea 2003, 121 Min.

 

Train to Busan – In Südkorea sind die Zombies los

traintobusanNachdem es in den vergangenen Jahren schien, als würde sich K-Horror langsam aber sicher von den Bühnen dieser Welt verabschieden (die meisten Filme, die produziert wurden, waren einfach nur schlecht), sorgt nun die Produktionsfirma Next World Entertainment für einen wahren Paukenschlag. Die Firma hat sich bereits 2013 einen Namen durch den Verleih des Indie-Films „Hide and Seek“ gemacht, einem hervorragend inszenierten Psycho-Thriller. Nun sprang NWE auf die Zombiewelle auf und liefert mit „Train to Busan“ einen ultimativen Horror-Actioner.

Gut, die Handlung ist alles andere als originell, doch liefert dafür eine Straight Story, die sich gegen Ende auch nicht in unzählige Ungereimtheiten verheddert, so wie man dies von den letzten paar Horrorfilmen aus Korea inzwischen gewohnt war. Nein, die Story ist konzipiert, um Action und Spezialeffekte so gut wie möglich in Szene zu setzen. Und das gelingt „Train to Busan“ durchaus. Es geht um nichts anders, als dass mal wieder ein Virus ausgebrochen ist, der Menschen in Sekundenschnelle in rasende Zombies verwandelt. Auf der Zugfahrt von Seoul nach Busan versuchen sich die Passagiere, gegen das unendlich erscheinende Heer aus Zombies zu wehren.

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Jin-Hee (Ahn So-Hee) auf der Flucht vor den Zombies. „Train to Busan“, Copyright: Next World Entertainment.

Mit der Wahl der Schauspieler konnte man nichts falsch machen. Hauptdarsteller Gong Yoo, der durch die Drama-Serie „Coffee Prince“ bekannt wurde, ist seit dem Agententhriller „The Suspect“ auch im Action-Genre beheimatet. Hier spielt er den Angestellten Seok-Woo, der seine Exfrau in Busan besuchen möchte. Seine Tochte ist ebenfalls mit auf der Reise, auch wenn die Beziehung zwischen beiden nicht gerade die beste ist. Doch der Kampf gegen die Zombies wirkt sozusagen als Familientherapie. So ganz ohne Kitsch kommt „Train to Busan“ deswegen dann doch nicht weg, allerdings stört dieser weniger, da Regisseur Yeong Sang-Ho lieber aufs Gaspedal drückt.

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Seok-Woo (Gong Yoo) bereitet sich auf das nächste Schlamassel vor. „Train to Busan“, Copyright: Next World Entertainment.

Die vielen Actionszenen zeigen, dass sich Yeong stark an dem Blockbuster „Worldwar Z“ orientiert. Eigentlich findet man in dem Film so ziemlich alles, was seit „28 Days later“ an rasenden Zombies über die Leinwand gelaufen ist. Dennoch macht der Film Spaß und ist überaus spannend inszeniert. Yeong kann es dabei nicht lassen, hin und wieder koreanische Horror und Thriller-Klassiker zu zitieren, wie etwa den Film „Oldboy“, wenn Sang-Hwa (gespielt von Gangstermime Ma Dong-Seok) im Wagon auf die Zombies losgeht.

„Train to Busan“ zählt bereits jetzt zu den erfolgreichsten koreanischen Filmen und schaffte es auch in die US-amerikanischen Kinos. Zwar läuft der Film in Deutschland auf dem Fantasy Filmfest, doch ob er danach seinen Weg in die regulären Kinosäle finden wird, bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall hat mit „Train to Busan“ das koreanische Kino nach „Snowpiercer“ erneut ein Zeichen gesetzt und damit gezeigt, dass es sich vor Hollywood nicht verstecken muss.

 

 

Urbane Legenden in Realität und Film

urban legend„Candyman“ (1992) zählt zu den ersten Filmen, in denen der Begriff urbane Legende auftaucht. Interessanterweise wird hier gezielt auf den wissenschaftlichen Aspekt wert gelegt, indem zwei Volkskundlerinnen versuchen, den realen Ursprüngen der Legende um Candyman auf die Spur zu kommen. Die Bezeichnung selbst wurde titelgebend in dem Slasher-Film „Urban Legend“ (1998), der als „Düstere Legenden“ in den deutschen Kinos lief und inhaltlich auf alle bekannten urbanen Legenden anspielte.

Urbane Legenden sind keine Erfindung des Horrorgenres. Der amerikanische Volkskundler Jan Harold Brunvand veröffentlichte 1983 seinen Klassiker „The vanishing Hitchhiker“, in dem er ein paar der Legenden zum besten gibt, sich aber vor allem auf die soziokulturellen Hintergründe konzentriert. Er gilt übrigens auch als erster Wissenschaftler, der den Begriff „urbane Legende“ in Umlauf gebracht hat.

brunvandVor Brunvands Studie galt die Theorie, dass Legenden ein Markenzeichen vormoderner Gesellschaften seien. Eines der Hauptmerkmale ist, dass Legenden mündlich überliefert werden. Diese Form der mündlichen Überlieferung, so hieß es, existiert in modernen bzw. postmodernen Gesellschaften nicht, in denen Geschichten jeglicher Art schriftlich festgehalten werden. Auch zeigten die bis dahin durchgeführten Untersuchungen von Legenden, dass deren Ursprung nicht in der Moderne oder Postmoderne liegen.

Brunvand zeigte durch seine Forschung aber, dass die bisherigen Theorien völlig falsch lagen. Legenden sind kein alleiniger Bestandteil vormoderner Gesellschaften, sondern existieren auch in den heutigen Industriegesellschaften. Wie „klassische“ Legenden, so gilt auch bei den urbanen Legenden, dass sie ausschließlich  mündlich weitergegeben werden. Dabei fand Brunvand heraus, dass sogenannte Knotenpunkte der Überlieferung Schulen, Unis und Ferienlager sind.

In seinem Buch erwähnt der Volkskundler mehrere bekannte urbane Legenden, von denen aber vor allem drei das Horrorkino beeinfusst haben. Es handelt sich dabei um die Legende des verschwundenen Anhalters, die Legende vom Babysitter und die Legende vom Alligator, das durch das Klo in die Kanalisation gelangte.

hitcherVon jeder dieser Legenden gibt es unterschiedliche Versionen, die sich von Region zu Region unterscheiden. So gibt es Anhalter-Geschichten, in denen ein junger Mann oder eine junge Frau (in der Regel noch Student bzw. Studentin) nachts auf einer einsamen Landstraße einen Anhalter in das Auto einsteigen lässt, um ihn in den nächsten Ort mitzunehmen. Bei der Ankunft ist der fremde Mann entweder spurlos verschwunden oder er entpuppt sich als ein wahnsinniger Mörder, der mithilfe eines Eisenhakens dem Fahrer/der Fahrerin die Kehle aufschlitzt.

Auch von den Babysitter-Geschichten gibt es verschiedene Versionen. Die bekannteste ist die, dass das Telefon klingelt, die Studentin, die auf die Kinder aufpasst, abhebt und eine Stimme am anderen Ende der Leitung sagt, sie solle nach dem Baby schauen. Als sie das Kinderzimmer betritt, erwartet sie dort ein schreckliches Blutbad.

Die Alligator-Geschichten sind dagegen weitestgehend identisch. Es geht stets darum, dass ein Junge ein kleines Alligatorbaby geschenkt bekommen hat und dieses eines Tages das Klo runterspült. In der Kanalisation wächst es zu einem riesigen Raubtier heran, dem gelegentlich Kanalarbeiter zum Opfer fallen.

alligatorWie obern erwähnt, beeinflussten diese drei Legenden das Horrorkino und führten dort zu Klassikern des Genres. Zum einen ist hierbei John Carpenters „Halloween“ (1978) zu nennen, dessen Handlung auf der Babysitter-Legende basiert. Wie auch in der oben skizzierten Legendenversion hat es Laurie letztendlich mit einem Serienmörder zu tun, der sie und ihre Freunde bedroht.

Beinahe eins zu eins setzte der Tierhorrorstreifen „Alligator“ (1980) die Legende um den Alligator im Abwassersystem um. Im Prolog des Films wird sogar die Szene dargestellt, in der ein Junge ein Alligatorbaby ins Klo wirft und die Spülung drückt.

Die Legende von dem Anhalter findet sich in dem Horrorthriller „Hitcher, der Highwaykiller“ (1986) wieder, wobei hier die Story natürlich weiter ausgeschmückt wird. Dennoch bleibt die Grundstruktur der urbanen Legende erhalten.

Dass urbane Legenden Ideengeber für Horrorfilme darstellen, beschränkt sich allerdings nicht auf Hollywood. Sowohl in Japan als auch in Korea dienen urbane Legenden als Grundlage für so manchen Gruselstreifen.

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Carved – The Slit mouthed Woman (2007)

In Japan wird das Thema urbane Legende in dem Klassiker „Ringu“ (1998) zumindest angeschnitten, als die Reporterin Asakawa ein paar Schülerinnen über die Gerüchte befragt, die von ominösen Anrufen einer unbekannten Frau handeln. Eine tatsächliche urbane Legende fand ihren Weg durch den Film „The Slit-mouthed Woman“ (2007) in die Kinos. Die urbane Legende existiert ebenfalls in unterschiedlichen Versionen. In einer davon geht es um eine Frau, deren eifersüchtiger Mann ihr mit einer Schere den Mund aufgeschnitten hat. Seitdem wandert sie mit einem Mundschutz durch die Straßen Tokios und bringt demjenigen den Tod, der ihr begegnet. Der Film setzt die Legende ziemlich genau um. Auch der Knotenpunkt Schule spielt hier eine zentrale Rolle.

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Voice (2005)

In Südkorea werden urbane Legenden ebenfalls hauptsächlich an Schulen erzählt. So ist es kein Wunder, dass Schulhorrorfilme dort äußerst beliebt sind. Angefangen von „Whispering Corridors“ (1998) über „Memento Mori“ (1999) bis hin zu „Voice“ (2005) und „A Blood Pledge“ (2009) verarbeiten diese Filme nicht nur die Kritik am koreanischen Schulsystem, sondern gehen gezielt auf die Gerüchte und Legenden ein, die von einem Schüler zum nächsten weitergegeben werden. In der Regel handelt es sich dabei um Spukgeschichten, in denen verstorbene Schülerinnen (sie begingen meistens Selbstmord) sich an ihren Peinigern rächen wollen. Im Untertitel wird noch deutlicher, dass sich die jeweiligen Filme auf urbane Legenden beziehen. Übersetzt heißt dieser „Geistergeschichten aus der Mädchenschule“.

Ähnlich wie die beiden Doktorandinnen in „Candyman“, so machte sich auch Jan Harold Brunvand auf, um nach den realen Ursprüngen dieser urbanen Legenden zu suchen. Er fand dabei heraus, dass die Alligatorgeschichte einen historisch belegbaren Hintergrund hat. Tatsächlich soll ein solcher Fall in den 60er Jahren in New York geschehen sein. Da Legenden in der Regel auf reale Ereignisse beruhen, so ist anzunehmen, dass auch die Anhalter- und Babysitter-Geschichten auf irgendeine Art und Weise einmal geschehen sind. Durch das mündliche Weitererzählen verändern sie aber ihre Struktur, manchmal wird etwas hinzuerfunden oder weggelassen oder es kommt zu unterschiedlichen Arten von Zwischenfällen. Sicher ist, dass diese Legenden das Horrorgenre ungemein bereichern. Und da urbane Legenden hauptsächlich von jungen Leuten erzählt werden, ist es kein Wunder, dass vor allem Slasher-Movies darauf eingehen.

 

Mourning Grave – Neuer Schoolhorror aus Korea

Mourning Grave Plakat
Mourning Grave (2014). Kinoplakat.

Eigentlich dachte man, die Schoolhorrorfilme aus Südkorea wären längst in Vergessenheit geraten. Die Überraschung war daher groß, als Anfang Juli der Film „Mourning Grave“ in die koreanischen Kinos kam. Die internationale Erstvorführung gab es bereits bei den Filmfestspielen in Cannes. Erzählt wird darin die Geschichte des Schülers In-Su, der die Fähigkeit, Geister zu sehen, besitzt. Diese Fähigkeit liegt quasi in der Familie, denn auch sein Onkel kann mit Geistern kommunizieren. Um diesem Fluch zu entkommen, zieht In-Su von Seoul zu seinem Onkel aufs Land. Doch bereits bei seiner Ankunft in dem kleinen Ort geschehen seltsame Dinge. Auf der neuen Schule, die er besucht, setzt zudem eine berüchtigte Schlägergruppe diverse Mitschüler unter Druck. Nach und nach werden die Mitglieder dieser Clique brutal ermordet…

Die Mischung aus Mystery und Horror scheint dieses Jahr Programm zu sein. Bereits die Low Budget-Produktion „A Touch of Unseen“, welche die Horrorsaison 2014 in Südkorea eröffnete, war ein Mix aus beiden Genres. „Mourning Grave“ setzte diese Linie fort. Um es kurz zu machen: Der Film gefällt. Die Handlung geht zügig voran. Die Farbgebung orientiert sich interessanterweise wie auch schon „A Touch of Unseen“ an den skandinavischen Thrillern. Ein kühles Weißblau schimmert überall hindurch und verschafft dem Film dadurch eine tolle Atmosphäre aus Melancholie und Verlorensein.

mourning grave
Eine Szene aus „Mourning Grave“.

Schön gelingt es Regisseur Oh In-Cheon seinen Film immer wieder durch einzelne Gags aufzulockern. Auch die Deathscenes sind bespickt mit einem Hauch schwarzen Humors. Allerdings besitzt „Mourning Grave“ gegen Ende hin einen Durchhänger, der die Handlung leicht in den Kitsch überführt. Die Schlusssequenz aber macht dies wieder durch ihren ironischen Gruselfaktor wett.

Wie auch alle anderen Schoolhorrorfilme, so handelt es sich auch hier um einen Film, der vor allem für ein weibliches Publikum gedreht wurde. Dies ergibt sich nicht nur aus der Handlung, sondern nichtzuletzt aus der genauen Übersetzung des Titels. Dieser lautet nämlich „Sonyeogeodam“, was soviel wie „Geistermädchengeschichte“ bedeutet. Man ist leicht dazu geneigt, zu behaupten, dies sei ein Teil der „Yeogeodam“-Reihe, deren letzter Teil „A Blood Pledge“ 2005 in die Kinos gekommen war. Doch ganz in diese Reihe lässt sich der Film nicht einordnen. Dafür ist er zu eigenwillig umgesetzt. Insgesamt aber ist „Mourning Grave“ solider Schoolhorror, der durchaus seine gruseligen Momente besitzt. Ob der Film seinen Weg nach Deutschland finden wird, muss sich erst noch zeigen. Da die letzten beiden „Yeogodam“-Filme ebenfalls keinen deutschen Verleih gefunde haben, stehen die Chancen eher schlecht.

A Touch of Unseen – Koreas Horrorfilm-Saison beginnt „Low“

Nachdem im vergangenen Jahr Südkoreas Filmindustrie K-Horror mit ein paar bemerkenswerten Filmen reanimierte („Killer Toon“ und der schwarzhumorige Thriller „Doctor“ gehören zu den besten Filmen, die das Genre bisher hervorgebracht hat), waren wir natürlich gespannt, wie es dieses Jahr damit weitgehen würde. Anfang Mai war es dann endlich soweit. Auf dem Jeonju International Film Festival hatte „A Touch of Unseen“ seine Weltpremiere.

A Touch of Unseen
A Touch of Unseen (Gwi-Jeob, 2014). Offizielles Kinoplakat.

Der Originaltitel lautet „Gwi-Jeob“, was in etwa „Von einem Geist besessen“ bedeutet. Regie führte Lee Hyeon-Cheol, der mit dieser Produktion sein Debut feiert. Erzählt wird die Geschichte zweier Schwestern, die von einem Geist heimgesucht werden. Die Heimsuchung erfolgt jedoch auf eine sehr heimtückische Weise. Denn der Geist vergewaltigt die Frauen, während sie schlafen. Um allem noch einen Hauch von Suspense zu verleihen, würzt Lee seinen Erstling mit einem Stalker, welcher die jüngere Schwester verfolgt.

touch of unseen Szenenfoto
A Touch of Unseen (Szenenfoto)

Für Lees Debut stand nicht viel Geld zur Verfügung. Um genau zu sein, das Budget war so niedrig, dass nicht einmal Geld für genügend Scheinwerferlicht vorhanden war. Die Wohnungen der beiden Schwestern gleichen sich so sehr, dass man geneigt ist, zu vermuten, die Szenen seien in ein und derselben Wohnung gedreht worden. Doch Lee macht aus der Not eine Tugend. Das geringe Budget, das unweigerlich mit einer geringen Ausstattung verbunden ist, benutzt der junge Regisseur, um sozialkritische Statements einzuweben. Die Wände der Wohnungen sind kahl und vermitteln dadurch eine deprimierende Leere. Die kleinen Esstische wirken wenig einladend. Lee skizziert damit eine soziale Kälte, die sich bis hinein in die Privatleben der Individuen erstreckt. Auch die überlange Liebesszene zwischen der jüngeren Schwester und ihres damaligen Freundes und jetzigen Stalkers wirkt alles andere als erotisch. Vielmehr zeigt sich auch hier eine soziale Kälte, eine vollkommene Lieblosigkeit. Die Protagonisten wirken völlig verloren. Eine auf diese Weise kreierte Sozialkritik hat es im bisherigen modernen koreanischen Kino noch nicht gegeben. Es scheint fast so, als habe sich Lee Hyeon-Cheol an den düsteren skandinavischen Thrillern orientiert.

Stellenweise erscheint die Optik des Films ein wenig unbeholfen. In manchen Szenen klammert sich Lee an die Kameraarbeit des Thrillers „Hide and Seek“, der vergangenes Jahr für eine sensationelle Überraschung sorgte. Gleichzeitig schimmert die Atmosphäre der Horrorfilme der 70er Jahre durch, in denen es nicht selten um Besessenheit ging. Dies spiegelt sich auch in der Filmmusik wider. Es ist kaum zu glauben, doch „A  Touch of Unseen“ dürfte der erste koreanische Horrorfilm sein, in dem psychedelische Musik verwendet wurde. Der Soundtrack ist überaus interessant und versetzt den Zuschauer beinahe in Trance.

touch of unseen Szenenfoto 2
A Touch of Unseen (Szenenfoto)

Die Frage, die man sich nun stellen kann, lautet, aus welchem Grund man eine Low Budget-Produktion für die „Saison-Eröffung“ ins Rennen schickte. Der Grund dürfte folgender sein: vergangenes Jahr waren es vor allem Low Budget-Produktionen, die für viel Diskussionen sorgten und überraschende Erfolge einfuhren. Neben „Hide and Seek“ war „The Terror Live“ ein grandioser Wurf eines Regieneulings. Wahrscheinlich wollte man auf diesen Erfolgen aufbauen. Doch kann man jetzt schon sagen, dass „A Touch of Unseen“ ein solcher Erfolg nicht vergönnt sein wird. Dafür geschieht zu wenig, dafür ist der Film zu ruhig und dafür ist Lees Arbeit zum Großteil zu TV-lastig.

Dennoch ist dieser Film sehenswert und wird einen gewissen, wenn auch kleinen, Erfolg für sich verbuchen können.

Lost Footage oder Nicht alles ist billig

Als Lost Footage werden Filme bezeichnet, die vorgeben, Aufnahmen von Personen zu sein, die während ihrer Dreharbeiten spurlos verschwunden oder auf sonderbare Art ums Leben gekommen sind. Viele Zuschauer meinten, dass „Blair Witch Project“ in dieser Hinsicht das Rad neu erfunden hätte. Dem ist nicht so. Bereits Ende der 70er Jahre verwendete Ruggero Deodato diese Stilelemente für seinen Kannibalenfilm „Cannibal Holocaust“. Zudem existierten bereits früher Filme, deren Dramaturgie sich an der Art und Weise von Reportagen orientierte. Als Beispiel sei hier George R. Romeros Klassiker „Night of the Living Dead“ genannt.

Blair_Witch_Project„Blair Witch Project“ befreite allerdings die Handlung von allen mithilfe eines Drehbuchs skizzierten dramaturgischen Elementen und ließ nur noch mehr Improvisation zu. Gleichzeitig kam dem Film die Digitalisierung beim Filmdreh zugute. Digitalkameras führen zu einer deutlichen Senkung der Produktionskosten, da man kein physisches Filmmaterial mehr benötigt und verpatzte Szenen daher keine enormen Zusatzkosten verursachen. Zuschauer reagieren auf improvisierte Szenen, in denen unbekannte Schauspieler agieren, anders als bei einem Spielfilm. Die Rezipienten stellen sich unweigerlich die Frage: Ist das echt? Wichtig hierbei ist natürlich ein passendes Marketing. Ein Film, der sich als Reportage bzw. als Lost Footage verkaufen möchte, muss so tun, als wäre er Teil unserer Realität. Bei „Blair Witch“ geschah dies bekanntermaßen durch Gerüchte, die gezielt in Foren verbreitet und auf einer extra gestalteten Homepage gesammelt wurden. Somit war das Marketing auf einen einfachen psychologischen Reiz ausgelegt: auf die Anstachelung der Neugierde. – Verbunden natürlich mit der gezielten Aufrechterhaltung von Ungewissheit, was die Echtheit des eigentlichen Filmmaterials beinhaltet.

Der Erfolg des Films führte innerhalb kürzester Zeit zu einer Unzahl an weiteren Filmen dieser Art. Dabei erweist sich das Subgenre Lost Footage zwar Genre übergreifend, doch beziehen sich die meisten Produktionen auf das Horrorgenre. Dies hat wiederum Kostengründe. Denn nichts ist so günstig wie einen Horrorfilm zu drehen. Auch die großen Studios versuchten, auf den Zug aufzuspringen und brachten mit Special Effects überfrachtete Produktionen auf den Markt.

Das Konzept, unbekannte Schauspieler für einen quasi-dokumentarischen Film zu verwenden, ist nichts Neues. Man könnte sogar soweit gehen, Lost Footage als eine Art Reanimierung des italienischen Neorealismus zu bezeichnen. Auch damals wurde gezielt mit Laiendarstellern gearbeitet. Das Ziel des Films war es, die Realität so exakt wie möglich wiederzugeben. Manche der damaligen Regisseure vergaßen dabei, eine Geschichte zu erzählen. Der Filmkritiker André Bazin erwähnte z.B. einen Regisseur, dessen größter Wunsch es war, einen Film über einen Menschen zu drehen, der nichts erlebt. In dieser Hinsicht kommen die Lost Footage-Filme dem Konzept des Neorealismus ziemlich nahe. Sie versuchen, ein genaues Abbild der Realität zu schaffen, und einen Großteil des Films geschieht absolut nichts. Auch wenn dies ironisch klingt, so trifft dies dennoch auf die meisten Lost Footage-Filme zu.

Die Vielzahl der Filme, die innerhalb dieses Subgenres produziert werden, bedeutete jedoch auch eine Große Differenz in der Qualität der Produktionen. Billig muss nicht bedeuten, dass ein Film schlecht ist. Aber es heißt auch, dass nicht jeder, der weiß, wie man eine digitale Handkamera bedient, ein guter Regisseur ist. Im folgenden sollen ein paar bekannte und weniger bekannte Lost Footage-Filme als Beispiele aufgeführt werden:

The_St._Francisville_Experiment

St. Francis Experiment (2000) des Regisseurs Fred Nicolaou ist ein Film, in dem so gut wie nichts passiert. Eine Gruppe Wissenschaftler möchte eine Nacht in einem Geisterhaus verbringen, um Beweise für die angeblichen Spukphänomene zu sammeln. Der Film besteht in der Hauptsache aus albernem Herumrennen und langweiligen Dialogen. Der Film führte dazu, dass Nicolaou wieder zu dem zurückkehrte, was er wirklich kann: der Tätigkeit als Filmeditor.

Paranormal_Activity

Paranormal Activity (2007) stammte aus der Feder des Regisseurs Oren Pali. Mit zwei völlig unbekannten Schauspielern drehte er eine Geschichte über Spukphänomene in einem Haus. Das von den Phänomenen geplagte Ehepaar möchte die Ereignisse dokumentieren. In dem sehr erfolgreichen Film passiert nicht sonderlich viel. Dennoch sorgte er beim Publikum für reichlich Gänsehaut. Der Film ist durchaus interessant und er zeigt vor allem, dass keine gigantischen Budgets notwendig sind, um die Leute ins Kino zu locken.

Rec

Die spanische Produktion Rec aus demselben Jahr steht dem Film Oren Palis in nichts nach. Regisseur Paco Plaza gelingt es, mit einer Mischung aus postmodernen und Urängsten den Zuschauern Furcht einzujagen. Die Angst vor der Dunkelheit mischt sich mit der Aversion vor dem Fremden, auch wenn dieser der eigene Nachbar ist. Die Geschichte zweier TV-Reporter, die bei einem Feuerwehreinsatz in einem Haus eingeschlossen werden, über das auf einmal Quarantäne verhängt wird, dürfte zum Besten zählen, was der moderne spanische Horrorfilm bisher auf die Beine gestellt hat. Produziert hat diesen Film (wie soll es anders sein) Julio Fernandez, der mit Filmax die größte spanische Produktionsfirma innehat und eine Art Quasimonopol betreibt. Leider ging die mit Brian Yuzna ins Leben gerufene Produktionsfirma Fantastic Factory bereits nach einer Handvoll Filme baden. Dennoch ist und bleibt Spanien die größte europäische Produktionsstätte für Horrorfilme.

Cloverfield

Mit Cloverfield (2008) nahm sich das Big Budget-Kino dem Lost Footage-Thema an. Die Geschichte über ein riesiges Monster, das New York heimsucht, ist durchaus unterhaltsam und ein Großteil der Effekte sehr gelungen. Die Story jedoch oder besser das Handeln der Figuren ist sicherlich unlogisch. So stellt sich die Frage, wieso einer der Protagonisten auch in höchster Gefahr einfach die Kamera laufen lässt. Bespickt ist der Film mit einer herben Kritik an der US-Regierung und Anspielungen auf die japanischen Monsterfilme. Die Optik aber ist dann doch zu sehr auf das Effekt-Kino konzipiert, sodass die Mokumentary zum großen Teil nicht funktioniert. Eine objektive Kamera hätte es auch getan.

TrollHunter

Troll Hunter (2010), eine norwegische Produktion, spielt mit dem Gedanken, dass in den Wäldern Norwegens tatsächlich Trolle hausen. Eine Gruppe junger Leute machen Jagd auf diese Fabelwesen, was heißt, sie versuchen Filmaufnahmen von ihnen zu machen. – Mit seiner Länge von weit über 90 Minuten ist der Film eindeutig zu lang, was dazu führt, dass die Handlung gedehnt und im wahrsten Sinne des Wortes langatmig wird. Die Effekte und die Geräusche sind trotzdem hervorragend inszeniert. Auch der ein oder andere Gag ist gut plaziert. Insgesamt aber hätten 70 Minuten dem Film besser getan.

Auch Südkorea versuchte sich in dem Lost Footage-Subgenre. Eine der ersten Produktionen stammte aus dem Jahr 2010 und trug den Titel Haunted House Project. Leider ist der Film alles andere als originell. Er ist sogar beinahe so schlecht wie das oben erwähnte „St. Francis Experiment“. Es war ein Versuch, der dann im Jahr 2013 eine überaus geniale Umsetzung erfuhr.

Unheimliche Geräusche

Gemeint ist der TV-Film  Guashin sori zatgi (auf Deutsch in etwa „Auf der Suche nach unheimlichen Geräuschen“). Diese 50 minütige Produktion beginnt völlig harmlos, um sich dann mehr und mehr in einen wahren Albtraum hineinzusteigern. Die Schlussszene ist an Unheimlichem kaum zu überbieten. Es geht um ein Fernsehteam, das in einem alten Bauernhaus Aufnahmen von Spukgeräuschen machen soll. Das Team verbringt eine Nacht darin und nimmt tatsächlich sonderbare Geräusche auf. Es ist schade, dass dieser Film wahrscheinlich nie in Deutschland erscheinen wird. Hier waren wirkliche Könner am Werk.

cult

Auch Japan produzierte Lost Footage-Filme. Neben dem international bekannten Noroi , der zwar durchaus witzig ist, jedoch als gefakte Dokumentation überhaupt nicht funktioniert, war es 2013 der Film Cult, der die Gemüter – diesmal auf sehr negative Weise – berührte. Es geht um eine Gruppe sogenannter Idols, die als TV-Event bei einem Exorzismus dabei sein sollen. Dummerweise fährt der Dämon in eine der drei jungen Frauen. Der Film präsentiert J-Horror auf dem bisherigen Tiefststand. Nicht nur die Dramaturgie ist schlecht. Die Optik, die Effekte, einfach alles vermitteln den Eindruck, ein Amateur habe diesen Film in seinem Hobbykeller gedreht. Doch weit gefehlt. Hinter diesem Machwerk steht niemand anderer als Koji Shiraishi, der 2007 mit „Carved“ einen hervorragenden Film abgeliefert hatte. Was den guten Mann dazu bewegt hat, einen dermaßen schlechten Film zu drehen, sei einmal dahingestellt. Sicher ist nur, dass „Cult“ ziemlich viele Zuschauer verärgert hat.

The Borderlands

The Borderlands (2013) schließlich erregte bei Filmkritikern großes Aufsehen. Das Fangoria Magazin hält Elliot Goldners Debüt sogar für einen der besten Lost Footage-Filme der letzten Jahre. Die englische Produktion handelt von einer Kirche, in der sonderbare Dinge vor sich gehen. Ein vom Vatikan gesandtes Team soll den Fall untersuchen. Den Enthusiasmus können wir nicht nachvollziehen. Der Film ist zwar gut gemacht, doch ist er alles andere als originell. Möchte man die Handlung literarisch verorten, so vollzieht Goldner eine Mischung aus M. R. James und H. P. Lovecraft. Zudem hätte der Film besser ohne subjektive Kameras funktioniert.

Man sieht, dass sich innerhalb des Subgenres Lost Footage Filme unterschiedlichster Qualität versammeln. Dabei zeigt sich auch, dass nicht alles, was billig ist, billig ist. Ob dies nun das Budget oder im übertragenen Sinne die Handlung betrifft. Schon allein aufgrund des Vorteils einer geringen Finanzierung wird sich dieses Subgenre auch für zukünftige Regisseure als Sprungbrett für eine spätere Karriere erweisen. Junge Filmemacher haben dadurch die Möglichkeit, auf diese kostengünstige Weise ihr Können zeigen. Und wenn ein Film dann auch gut wird, haben auch die Zuschauer etwas davon.