3 Jahre FILM und BUCH

 

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Das eMagazin FILM und BUCH gibt es nun schon seit drei Jahren. Insgesamt sind bisher neun Magazine erschienen. Das zehnte ist in Arbeit und wird ca. Mitte Mai veröffentlicht. Auch in dieser Hinsicht ein Jubiläum. Hinzu kommen viele Essays und Rezensionen, die auf unserem Blog erscheinen.

Eigentlich war das Blog zunächst als bloße Ergänzung für das Magazin gedacht, sozusagen als Heimstatt. Doch mit der Zeit verselbständigte sich beides. Unabhängig vom eMagazin veröffentlichen wir auf dem Blog alles Mögliche, das mit den Themen Film und Buch zu tun hat. Dazu gehören auch Artikel über Videoclips, wobei wir uns hier ganz auf K-Pop beschränken. Aber auch Kritiken oder Rezensionen zu Fachtexten, die sich mit Filmen beschäftigen, lassen wir nicht aus. Ohne allzu weitschweifig zu werden, ist es erstaunlich, dass ausgerechnet in wissenschaftlicher Fachliteratur immer wieder falsche Darstellungen über Filme zu finden sind. Erstaunlich auch, dass manche Kultur- und Sozialwissenschaftler gerne von „grauer Literatur“ sprechen, um sich von den Analysen und Darstellungen in Populärmagazinen abzugrenzen.

Aber zurück zu FILM und BUCH. Was uns sehr freut, ist die kontinuierliche Zunahme an Lesern. Das motiviert uns ungemein, mit Magazin und Blog weiterzumachen. Am meisten werden unsere Rezensionen und Überblicke über neue koreanische Filme gelesen. Das Besondere bei uns ist, dass wir diese Filme sichten, bevor sie in Deutschland erscheinen. Das Material erhalten wir aus Südkorea. Trotz beginnender Krise bei den großen koreanischen Filmstudios, besitzt der koreanische Film an sich noch immer hohes Potential, um gegen Hollywood konkurrieren zu können. Durch die Zunahme an Indie-Produktionen bleibt die weitere Entwicklung im koreanischen Kino interessant und spannend.

Wenn wir auf unsere eMagazine blicken, so hat sich herausgestellt, dass Ausgabe 7 bisher am meisten heruntergeladen wurde, gefolgt von Ausgabe 9. Das Schlußlicht bildet Ausgabe 4. Das Layout hat sich immer wieder verändert. Da wir im Hinblick auf die neunte Ausgabe überaus positive Rückmeldungen erhalten haben, werden wir dieses Layout beibehalten bzw. darauf aufbauen.

Zum Schluss möchten wir uns natürlich auch bei all den Lesern bedanken, die immer wieder bei uns vorbeischauen. Vielen Dank für euer Interesse! Wir hoffen, euch weiterhin vielseitige Essays und Rezensionen liefern zu können.

Eure FILM und BUCH-Redaktion

 

Red Velvet – K-Pop kann auch künstlerisch sein

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Red Velvet „Happiness“. Kaldeidoskopartige Spiegelungen sind nur ein Aspekt der Ideenvielfalt des Videoclips.

Es begann überaus bunt. Gemeint ist das Debut-Video der koreanischen Girl Group Red Velvet. Man glaubte schon fast, dass die Zeit der Bonbonfarben innerhalb von K-Pop vorbei sei. Da kam mit dem Song „Happiness“ ein extremer Farbenrausch daher, der den Zuschauer zum Staunen brachte. Verbunden mit einer sehr guten Kameraführung, welche auf originelle Weise die vier Mitglieder der Gruppe vorstellt, ergab sich ein Video, das fast schon einzigartig ist in der derzeitigen K-Pop-Phase, die vor allem mit eher reduzierten, fast schon düsteren Farben und einem hohen Erotikgrad gekennzeichnet ist.

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Die 80er Jahre lassen grüßen: Fotomontage im Bildhinter- und vordergrund.

SM Entertainment, eine der drei größten Produktionsfirmen in Südkorea, suchte anscheinend nach Alternativen. Heraus kam ein Girl Group-Konzept, das einerseits verspielt und kitschig, andererseits erwachsen und ernst ist. In der Tat kreierte man hier eine Art Paradoxon. Das Ergebnis war ein faszinierender Clip, der beeinflusst ist von den Videoeffekten der 80er Jahre. Eine kunterbunte Mischung aus witzigen Dancehots, Fotomontagen und kaleidoskopartigen Spiegelungen. Bei der ersten Sichtung wird einem fast schwindelig. Beim zweiten Betrachten erkennt man die Details.

Man war gespannt, ob und wie das Konzept von Red Velvet weiterentwickelt wird. Mit „Be Natural“ kam nun die zweite Single und das zweite Video an den Start. Die Verblüffung war groß. Das Farbkonzept des ersten Clips wurde ad acta gelegt. Nun herrschen kühle, dunkle Farben. Die Gruppenmitglieder erscheinen in schwarzen Damenanzügen. Gegen Ende des Clips erscheinen sie – ihrem Namen entsprechend – in roten Kostümen. Obwohl man sich hinsichtlich der Farbgebung den übrigen K-Pop-Clips annäherte, wollte man das Konzept nicht wirklich angleichen.

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Red Velvet „Be Natural“ mit reduzierten, kühlen Farben und einer ungewöhnlich tiefen Raumoptik.

Das Besondere an dem neuen Clip sind daher die Kamerafahrten. Die Danceshots präsentieren sich ohne Schnitt. Lediglich angenehm altmodische Überblendungen führen in die nächste Kulisse. Die Kamera kreist dabei um die Sängerinnen herum, verändert dabei immer wieder ihre Höhe und die Distanz zu den Gruppenmitgliedern. Der Hintergrund besteht aus einem extrem weiten Raum, der für K-Pop-Clips ungewöhnlich ist. Die Mitglieder wirken beinahe verloren.

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Abschließender Danceshot von „Be Natural“. Die Raumtiefe setzt sich auch hier fort.

Regisseur Si versuchte, die kühlen Jazzklänge, welche den Song „Be Natural“ – der fast schon an Jamie Cullum erinnert –  prägen, visuell umzusetzen. Dies gelingt ihm auf hervorragende Weise. Die visuelle Ästhetik, mit der Si arbeitet, ist grandios. Das Konzept von Red Velvet ist derzeit einzigartig in der K-Pop-Landschaft. Man setzt auf eine Mischung aus Mainstream und Indie und einen hohen Grad an Videokunst. Es bleibt zu hoffen, dass die Kreativität, mit der das Konzept ausgestattet ist, erhalten bleibt.

Korean Lovestory – Die Videoclips des Rappers San E

Koreanische Rapmusik ist, was Anspruch und Ästhetik anbelangt, in den obersten Rängen zu finden. Sie stellt eine besondere Form des Geschichtenerzählens dar, in der sich Herzschmerz, Sozialkritik, Ironie und Selbstironie zu einem besonderen Ganzen vermengen. Innerhalb dieser Konstellation ragt zurzeit vor allem der Musiker San E heraus, der seine Songs sowohl selbst komponiert als auch die Texte dazu schreibt.

Bereits vor seiner Karriere im Musikgeschäft machte er auf diversen Wettbewerben auf sich aufmerksam, was ihm schließlich einen Vertrag bei JYP, einer der drei einflussreichsten koreanischen Musikkonzerne, einbrachte. Mitte 2013 wechselte er zu Brand New Music, einer Tochterfirma der LEON-Gesellschaft. Erst hier schien sich seine Kreativität frei zu entfalten. Seine selbstironischen Texte aus der JYP-Zeit wandelten sich in interessante, leicht melancholische Liebesgeschichten, die ganz ohne Kitsch auskommen.

Der Erfolg seiner Songs ist sicherlich auch viel den dazu gehörenden Videoclips zu verdanken. Die Videos aus der JYP-Zeit sind recht einfach und strikt. Ab 2013, also nach seinem Wechsel zu Brand New Music, werden die Clips komplex. Sie besitzen mehrere Erzählebenen, weisen einen vorbildlichen Spannungsbogen auf und ziehen dadurch den Zuschauer in ihren Bann.

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Szene aus dem Clip „Where did you sleep last Night“.

In dem Clip „Where did you sleep last Night?“ geht es um einen Mann, der versucht, aus seiner Freundin herauszubekommen, wo sie die vergangene Nacht zugebracht hat. Diese Befragung verläuft im Clip auf drei Ebenen. Zum einen ist es San E selbst, der in Form einer Fantasiefigur eine Frau in seiner Wohnung ausfragt, während er ihre Antworten auf eine Schreibmaschine tippt. In der zweiten Ebene untersucht ein Kommissar San Es Wohnung, um Hinweise darüber aufzuspüren, was in der vergangenen Nacht geschehen ist. Dabei kommt es zu einem Verhör von San Es Freundin in der Polizeistation. Schließlich, auf der dritten Ebene, erscheint eine Gruppe Gangster in San Es Wohnung, welche die Befragung auf ihre Weise weiterführen. Die Befragung der Freundin findet dementsprechend in einer leeren Lagerhalle statt. Alle drei Erzählebenen zeigen die unterschiedlichen Vorstellungen, die der Erzähler von seiner Freundin hat. Zum einen ist da seine Erinnerung an sie, welche sie als liebevoll charaktersieren. In der zweiten Ebene wird sie zur Verbrecherin und in der dritten zum Luder. Alle drei vermengen sich, um zum Schluss zu zeigen, dass gar nichts geschehen ist.

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Das Split-Screen-Verfahren in „Midsummernight Sweetness“ zeigt zwei parallel zueinander verlaufende Lebensweisen.

„A Midsummernight Sweetness“ arbeitet wie auch „Where did you sleep last Night“ und „Brake up Dinner“ mit Split Screen-Verfahren. Dies scheint schon fast ein Markenzeichen der Videos von San E zu sein. In dem erst genannten Clip wird eine sehr zarte Liebesgeschichte erzählt, in der es um einen Mann geht, der eine Frau bei einem Vorstellungesgespräch kennenlernt und sich später mit ihr trifft. Die Geschichte ist einfach, aber visuell aufgrund der Anwendung des Verfahrens komplex umgesetzt. Das Leben zweier Menschen wird praktisch parallel zueinender erzählt. Die Parallelität löst sich auf, um zum Schluss erneut diese Form anzunehmen. Das Ende bleibt dadurch offen. Der Clip weist zugleich auf den Alltag von jungen Uni-Abgängern hin, der zwischen „Zuviel Arbeit“ und der Schwierigkeit, Arbeit zu finden, pendelt. Man könnte in dem Clip fast schon einen Hang zum Neorealismus sehen.

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Split-Screen als „Markenzeichen“ der Clips von San E.

In dem Clip zu „Brake up Dinner“ wird eine Geschichte a la „Ghost“ erzählt. Ein Mann möchte sich mit seiner Freundin zum Dinner verabreden. Doch auf dem Weg dorthin verunglückt der Mann tödlich. Das Dinner findet dennoch statt. Man muss sich den Clip mehrmals ansehen, um hinter die unterschiedlichen Erzählebenen zu kommen. Zum einen ist da die „Geistergeschichte“. Zum anderen das tatsächlich stattfindende Abendessen. Spätestens beim zweiten Mal wird klar, dass die Frau sich mit einem ganz anderen Mann trifft. Dies wird gegen Ende des Videos offensichtlich, doch bereits während des Clips angedeutet, da die Ärmel des Mannes, die links in den Bildrand hineinragen, nicht zu San Es Kleidung gehören. Diese Szenen sind sehr kurz und gleichen fast nur Andeutungen. In Sachen Optik ist dies sicherlich das bisher beste Video des Rappers.

Es muss also nicht immer gleich kitschig sein, wenn es um Liebesgeschichten geht. San Es Erzählweise und die Narrationen der Clips weisen hierbei eine sehr hohe Kunstfertigkeit auf.

 

Song for You – Eine TV-Show mischt Korea auf

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Die Sendung „Song for You“ sorgt bei Zuschauern und Kritikern für gemischte Gefühle.

Song-Contests gibt es zurzeit wie Sand am Meer. Auch in Südkorea konkurrieren die TV-Sender mit diversen Casting-Shows, denen jedoch langsam aber sicher die Puste ausgeht. Ging man anfangs durchaus engagiert und motiviert an das Konzept heran, so macht sich nun eine breite Lustlosigkeit bemerkbar. Genau in diese Phase der Konzepthinterfragung strahlte der koreanische Sender SBS eine dreiteilige Sendung aus, in der es um ein Casting etwas anderer Art geht. Es handelt sich um eine Mischung aus typisch koreanischer TV-Unterhaltungssendung, Casting-Show und Reportage. Das Konzept: innerhalb von 100 Tagen soll ein Chor zusammengestellt werden, der in Polen an dem diesjährigen internationalen Chorfestival teilnehmen soll.

Das Besondere daran ist, dass hier keine Durchschnittskandidaten ausgewählt werden. Der Sender engagierte zwei der bekanntesten koreanischen Sänger, die an der Sung-Ji Highschool das Casting durchführen und aus den begabtesten Schülern einen Chor zusammenstellen sollen. Die Sängerin Ohm Jong-Hoa und der Sänger Im Seung-Chol haben es jedoch keineswegs mit einer normalen Schule und normalen Schülern zu tun. Die Sung-Ji Highschool ist eine der berüchtigsten Schulen in ganz Südkorea. Bei den Schülern handelt es sich um schwerst erziehbare Kinder, die zum großen Teil bereits kriminell geworden sind. Die Sung-Ji Highschool ist ihre letzte Chance, um doch irgendwie zu einem Schulabschluss zu kommen.

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Sängerin Ohm Jong-Hoa schockiert über das Verhalten der Schüler.

Dementsprechend schwer haben es die beiden Mentoren, den Schülern Disziplin beizubringen, sind diese es doch gewohnt, in die Schule zu kommen, wann sie Lust haben. Im Gegensatz zu Ohm Jong-Hoa hat es allerdings Im Seung-Chol etwas leichter. Er selbst war früher ein Problemkind und landete mehrmals im Gefängnis. Er weiß, wie man mit diesen Kindern umgehen muss, um sie zu motivieren und ihnen zu zeigen, dass es sich lohnt, sich Mühe zu geben. Seine Kollegin ist in dieser Hinsicht regelrecht überfordert.

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Die Schüler bei einer der Chorproben.

Die Mischung aus Unterhaltung und Reportage hat es in sich. Sie ist gewöhnungsbedürftig und eckt gezielt an. Kein Wunder also, dass die Kritik gegenüber SBS laut wurde. Dem Sender wird vorgeworfen, den Schulalltag an der Sung-Ji Highschool zu beschönigen. Halbkriminelle werden als „eigentlich ganz nette Typen“ charakterisiert. Kurz: die Sendung wurde für teilweise unmoralisch empfunden. Aber genau das ist es, was der Sender wollte. Keine Show, die nach dem typischen Schema F abläuft, sondern ein Konzept, das die Zuschauer zum Nachdenken bringt. Dabei kritisiert die Show indirekt das Schulsystem und die Art, wie mit Problemkindern umgegangen wird. Es zeigt die Hilflosigkeit der Lehrer und Pädagogen. Und es zeigt, dass man mit einem gezielten Engangement auch „solche“ Kinder dazu animieren kann, ihre eigenen Fähigkeiten zu entdecken, etwas, was die Schule nicht verfolgt.

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Ein erfolgreich absolvierter TV-Auftritt des Chors. Nächste Station internationales Chorfestival in Polen.

Man kann „Song for You“ natürlich vorwerfen, dass hier rein plakativ vorgegangen wird. Denn die Sendung selbst hinterfragt nicht, wodurch die Kinder zu „Problemfällen“ geworden sind. Sie verweist nicht bzw. kaum auf soziale Hintergründe. Sie stellt einfach dar, ohne aber zu verurteilen. So z.B. einen Schüler, der aus seiner ursprünglichen Schule geworfen wurde, da er einen Mitschüler krankenhausreif geschlagen hat. Schüler, die rauchen und sich betrinken, die das Geld ihrer Eltern gestohlen haben. Aber auch Schüler, die an anderen Schulen ständig gemoppt wurden oder die ihre Freundin oder Freund verloren haben, da diese/dieser Selbstmord begangen hat. Die Sendung stilisiert die Protagonisten zu tragischen Figuren. Das ist es, was den Kritikern aufstößt. Doch die Schicksale sind, rein objektiv betrachtet, tragisch. Sie verweisen auf problematische soziale Umfelder und verfehlte Sozialisationen. Sie zeigen Kinder, die schon jetzt als ausgetsossen gelten und es sehr schwer haben werden, zurück in die Gesellschaft zu finden. Es sind sog. Verlierertypen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden. Auf solche Weise charakterisierte Protagonisten werden normalerweise nur in Problemsendungen oder Polizeireports gezeigt. Dass man sie in einer Unterhaltungssendung präsentiert, ist für viele Zuschauer und Kritiker fast schon ein Skandal.

All das macht „Song for You“ zu einem der interessantesten und spannendsten TV-Projekte innerhalb der derzeitgen koreanischen TV-Landschaft. Es ist gut, dass es unter den Fernsehleuten noch Produzenten gibt, die aufrütteln wollen. Ob der Chor in Polen Erfolg haben wird, wird sich bald zeigen. Doch egal ob Erfolg oder Misserfolg, eines ist auf alle Fälle gewiss: „Song for You“ hat schon jetzt Fernsehgeschichte geschrieben.

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Sänger Um Seung-Chol zusammen mit seinem Chor. (Copyright: SBS)

Nachtrag: Inzwischen ist die Sensation komplett. Der Chor kam beim internationalen Chorfestival auf den zweiten Platz.

„Ghastly“ – Ein Skandalfilm?

Der koreanische Horrorfilm hat 2011 etwas nachgelassen. Der mit Spannung erwartete „Sector 7“ enttäuschte ebenso wie „Cat“ oder „White“. Einziger Lichtblick stellte „Ghastly“ dar, ein Geisterhausfilm des neuen Regisseurs Yung Yoon-Ho. Der Film ist eine Mischung aus konventionellem Spukhausfilm, einem Hauch von Slasher und Familiendrama. Erzählt wird die Geschichte eine Ehepaars, das in ein Haus zieht, in dem vor kurzem ein sonderbarer Mord stattgefunden hat. Gemeinsam mit dem Ehepaar zieht auch die jüngere Schwester von Sunny, der Frau, ein. In dem Haus selbst wohnt noch der kleine Sohn des Mordopfers, den Sunny adoptiert, was bei ihrer Schwester zu Eifersucht führt, da sie nun an die zweite Stelle rückt. Kaum haben sie sich einigermaßen eingelebt, als es zu den ersten unheimlichen Zwischenfällen und schließlich auch den ersten Morden kommt.

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Noch scheint in der Familie alles in Ordnung zu sein

Der Film sticht durch seine starke Atmosphäre und seine stilvolle Kamera hervor. Zugleich stellt er das moderne Korea anhand einer Patchworkfamilie dar. Es ist keine Vorbildsfamilie, sondern eine mit emotionalen Konflikten beladene. So hegt Sunnys Mann erotische Gefühle gegenüber ihrer Schwester, wobei er zugleich seine Frau vernachlässigt. Ihre Schwester hält ihren Schwager führ ein Ekelpaket. Hinzu kommt der fremde Junge, der durch sein Verhalten für zusätzliche Konflikte sorgt. Sunny, die sich sehnlichst ein Kind wünscht, lässt ihm jede Tat durchgehen.

Speziell die Beziehung zwischen Sunny und dem Jungen Bin sorgt für zwei interessante Szenen, von denen die eine merkwürdigerweise kaum Bedenken hervorgerufen hat. Szene 1 ist relativ harmlos. In ihrer Symbolik zeigt diese an, dass Bin von Sunny die Brust bekommen möchte (Bins Blick auf ihre Brüste; Annäherung an Sunnys Busen; Sunnys mütterliches Verhalten). Die Sequenz besitz eine etwas verstörende Eigenschaft, da Yung diese Szene beinahe sinnlich inszeniert hat. Doch scheint es so, als habe Yung sich hierbei mit seinen Provokationsmechanismen zurückgehalten, denn andere Szenen vollenden ihre anfänglichen Andeutungen, auch wenn diese eher auf einer symbolischen Ebene verlaufen.  Ich glaube nicht, dass er seitens der Produzenten ausgebremst wurde, die Mise en Scène auf provokante Weise zu vollenden, denn dagegen spricht die zweite hervorstechende Sequenz. Szene 2 ist eindeutig als Skandalszene inszeniert.

Bin blickt während des Dialogs ständig auf Sunnys Busen.
Regisseur Yung verleiht dieser Szene eine sinnliche Atmosphäre.

Sunny auf ihrem Bett, ihr Gesicht (in einer Totalen) deutet eine sexuelle Erregung an. Als Sunny zu sich kommt, erschrickt sie vor ihren eigenen Gefühlsregungen. Sie bemerkt, dass sich etwas unter der Decke befindet und schlägt diese zurück. Die Kamera zeigt ihre gespreizten Beine und Bin, der sie (andeutungsweise) oral befriedigt hat. Verbunden ist diese Szene mit sehr viel Blut, dem hierbei nicht weniger eine sexuelle Komponente zukommt (hinzuzufügen ist, dass es sich hierbei um eine Traumsequenz handelt, was dem Ganzen seine Skandalträchtigkeit nehmen soll). – Wie gesagt, hat sich über diese Szene anscheinend keiner Gedanken gemacht (vielleicht, da es sich nun einmal um eine Traumsquenz handelt), jedenfalls habe ich bisher keine Erwähnung dahingehend gefunden. Eine Diskussion innerhalb eines soziokulturellen Kontextes wäre sie auf alle Fälle wert, führt Yung doch hier den in den 60er Jahren als skandalös empfundenen Kuss zwischen dem Jungen Miles und dem Kindermädchen Miss Giddens in „Schloss des Schreckens“ auf eine weit extremere Ebene.

Bin zwischen Sunnys Beinen. Yung kratzt hierbei absichtlich an einem Tabu.

Dass Yung einen kleinen Sakandalfilm inszenieren wollte, zeigt sich auch an einer anderen Szene, in welcher Bin einen Jungen aus seiner Schulklasse kaltblütig ermordet. „Ghastly“ zweigt hier von den typischen Frauengeistern ab, die bisher in so vielen koreanischen und japanischen Horrorfilmen zu sehen gewesen sind. Er versucht dezentes Grauen mit Schockmomenten zu verbinden, was ihm durchaus auch gelingt. Durch seine angedeutete Gewagtheit dürfte er vielleicht den ein oder anderen koreanischen Horrorregisseur inspiriert haben. Man darf daher mit Interesse auf die diesjährigen Horrorfilme aus Korea warten, welche spätestens im Sommer erscheinen werden.

Die Screenshots stammen von der koreanischen DVD.  Die Helligkeit wurde mit gimp erhöht.

Erstausgabe von Film und Buch: FILM und BUCH 1

Film und Buch 1/2012

Film und Buch 1/2012 gibt es hier zum kostenlosen Download: Film und Buch 1-2012

Inhalt:

Die unheimliche Gesellschaft. Zur Charakteristik des modernen koreanischen Horrorfilms

Die schwebende Filmkamera

Unser bester Freund. Charles Dickens zum 200sten

Sasori. Zwischen Kunst und Provokation

Der Zug kommt. Welche Rolle spielen Züge in Musikvideos?