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Posts Tagged ‘Klassiker’

Robert Siodmaks „Die Wendeltreppe“ ist nicht nur einer der bekanntesten Klassiker des Film Noir, sondern zugleich Ursprung des späteren Giallo der 60er und 70er Jahre, sodass manche Filmhistoriker Siodmaks Meisterwerk gerne auch als „Ur-Giallo“ bezeichnen.

Der Film basiert auf dem Bestseller „Some must watch“ der Schriftstellerin Ethel Lina White (1876 – 1944), deren Romane vor allem im englischsprachigen Raum großen Anklang fanden, in Deutschland jedoch nur wenig publiziert wurden. Siodmaks Adaption handelt von der stummen Helen, die als Hausmädchen in einem abgelegenen Haus tätig ist, wo sie sich vor allem um die bettlegrige Mrs. Warren kümmert. Ebenfalls in dem Haus wohnen die beiden Söhne von Mrs Warren, Albert und Steven, sowie Alberts Sekretärin Blanche.

Eines Tages geschieht in einem Hotel ein grausamer Mord an einer behinderten Frau. Der Mörder kann nicht gefasst werden, doch scheint alles darauf hinzudeuten, dass er Helen bis zu dem Haus der Warrens gefolgt ist. Tatsächlich geschehen dort plötzlich seltsame Dinge, bis es schließlich zu einem weiteren Mord kommt …

Die teils extreme Optik diente als Vorbild für die späteren Giallo-Filme; „Die Wendeltreppe“ (1946); Copyright: Anchor Bay

Ein Mörder, der es auf entstellte und behinderte Frauen abgesehen hat, schon allein das war für die damalige Zeit harter Tobak. Doch ging Meisterregisseur Robert Siodmak noch einen Schritt weiter. Denn um das Extreme der Handlung nochmals zu unterstreichen, setzte er in seinem Film verstörende Nahaufnahmen ein und verwendete stellenweise eine Optik, die zu fast surrealen, traumartigen Bildern führen. Die Optik wirkte für die damalige Zeit geradezu radikal. Auch heute hat sie rein gar nichts von ihrer unglaublichen Wucht verloren.

So zeigt Siodmak extreme Nahaufnahmen vom Auge des psychopathischen Mörders, während dieser sein Opfer beobachtet. Gleich am Anfang, als die oben erwähnte Frau ermordet wird, sieht man deren in die Höhe gestreckten Hände, wie diese sich auf fast schon unnatürliche Weise verkrampfen. In einer weiteren Szene ist es ein schwarz gekleideter Mann, der Helen auf sonderbare Weise folgt, als diese im beginnenden Unwetter über den Hof zum Eingang des Hauses rennt. Dieser Hang zum Surrealen beeinflusste 20 Jahre später die italienischen Horror- und Giallo-Regisseure, allen voran Mario Bava und Dario Argento.

Licht und Schatten: Film Noir in Reinform; „Die Wendeltreppe“ (1946); Copyright: Anchor Bay

Tatsächlich übernahmen beide viele Aspekte von „Die Wendeltreppe“ in ihre eigenen Filme. So unter anderem auch das Markenzeichen des Giallo: den schwarzen Handschuh. Dario Argento zitierte in „Tenebre“ (1982) die berühmte Szene aus „Die Wendeltreppe“, in der Helen einen Zaun entlanggeht, während der Gewittersturm losbricht. Um sich Mut zu machen, verursacht Helen mit einem Stock, den sie gegen den Zaun schlägt, selbst Geräusche. Argento verändert diese Szene in „Tenebre“ insoweit, indem er hinter dem Zaun einen aggressiven Hund hochspringen lässt, der plötzlich auf die junge Frau Jagd macht.

Um die Handlung noch zu verdichten, lässt Robert Siodmak seinen Film in einer einzigen Gewitternacht spielen. Auf diese Weise drängen sich die Zwischenfälle, ohne dass der Zuschauer die Möglichkeit bekommt, zwischendurch zur Ruhe zu kommen. Die Spannung wird durch den Umstand zusätzlich angestachelt, da man unweigerlich beginnt, mitzurätseln, wer denn nun der Mörder ist. All dies macht „Die Wendeltreppe“ auch heute noch zu einem extrem packenden und fasziniernden Filmerlebnis.

Die Wendeltreppe (OT: The Spiral Staircase). Regie: Robert Siodmak, Drehbuch: Mel Dinelli, Produktion: Dore Schary, Darsteller: Dorothy McGuire, George Brent, Ethel Barrymore, Kent Smith, Gordon Oliver, Rhonda Flemin. USA 1946, 99 Min.

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Das Jubiläumsjahr (5 Jahre FILM und BUCH) geht langsam aber sicher zu ende. Aber keine Angst, der 550. Beitrag ist auch nicht mehr fern. Es gibt also schon bald wieder etwas zu feiern 🙂 .  Auf jeden Fall haben wir uns Gedanken darüber gemacht, was uns in diesem Jahr am besten an Büchern, Filmen und K-Pop/J-Pop-Videoclips gefallen hat.

Cover des Albums „Yellow“; © Epic Records

In der Kategorie Videoclips fiel uns die Entscheidung mehr als nur leicht. Zwar gibt es die Band schon seit 11 Jahren, doch haben wir sie erst in diesem Jahr entdeckt: Scandal, eine japanische Girl-Indie-Rock-Band, die ihre Songs stets selbst schreiben und sich irgendwo zwischen Alternative Rock, Punk-Rock und Pop-Rock befinden. Sehr poetisch-melancholische Texte verbinden sich dabei mit eingehenden Melodien, die genauso hart wie weich sein können. Ein neues Album ist für das kommende Jahr geplant und in Sachen Videoclips darf man gespannt sein, wie sich die Visualisierung der Band in dieser Hinsicht weiter entwickeln wird, hat doch der Clip „Koisuru Universe“ (Universe of Love) aufgrund seiner sinnlichen Symbolik für viel Diskussionsstoff gesorgt. Interessanterweise orientiert sich die Band bei ihren aktuellen Auftritten nicht daran, sondern gibt sich dem Schlabberlook hin.

In der Kategorie Film haben uns eine neue Produktion und ein Klassiker am besten gefallen. Wonder Woman hat gezeigt, dass Hollywood auch anders kann. Für uns war es die Überraschung des Jahres, einen witzigen, actionreichen und zugleich durchaus tiefgründigen Superheldenfilm zu sehen, also etwas, an das man schon gar nicht mehr glauben wollte. Aber Regisseurin Patty Jenkins hat dies möglich gemacht und ging dafür sogar in die Filmgeschichte ein.

Bei den Klassikern fiel uns die Entscheidung ebenfalls recht leicht. The Ghost and Mrs Muir ist eine wundervolle, zeitlose Mischung aus Tragikomödie, Fantasy und Romance, die mit schlagfertigen Dialogen, einer unglaublich guten Optik und einer tollen Story daher kommt und dabei ganz ohne Kitsch auskommt. In Deutschland ist der Film leider noch immer unbekannt, während er in den USA zu den Klassikern Hollywoods zählt und vom American Film Institute auf Platz 10 der besten Fantasyfilme gewählt wurde.

Auch in der Kategorie Buch wählten wir zwei Romane aus. Beides Klassiker. Zum einen Schau heimwärts, Engel von Thomas Wolfe (1900 – 1938), der darin über die Geschichte seiner Familie schreibt und dies in einem solchen Sprachrausch, einem solchen Witz und einer solchen Tragik, das einen der Roman schlicht und ergreifend packt und mitreißt. Die knapp 800 Seiten liest man in einem Rutsch durch. Leider verstarb Wolfe bereits im Alter von nur 38 Jahren, sodass er lediglich zwei Romane veröffentlichen konnte. „Zeit und Fluss“ ist mit ca. 1200 Seiten noch umfangreicher und setzte die Geschichte um Eugene Gant fort. Diesen Roman werden wir uns im kommenden Jahr vornehmen.

Der zweite Roman, der uns regelrecht hinweggefegt hat, ist Zeiten des Aufruhrs von Richard Yates (1926 – 1996) aus dem Jahr 1961. Der Roman eines Ehepaars in den 1950er Jahren, das in einem Vorort lebt, ist einerseits eine grandiose Satire, andererseits aber auch ein packendes Drama, in dem die Verzweiflung der Figuren regelrecht zum Greifen ist. Besonders der Schluss nimmt einen dermaßen mit, dass man nachher fix und fertig ist. Sollte wirklich jeder mal gelesen haben. Richard Yates sagte selbst, dass er seinen besten Roman gleich am Anfang seiner Laufbahn als Schriftsteller geschrieben habe. Und tatsächlich sollte er nie wieder diese Eindringlichkeit erreichen.

Und das war auch schon unser Best of 2017.

Wir wünschen euch allen einen guten Rutsch, Gesundheit und viel Glück für 2018.

 

 

 

 

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Die Idee trug Regisseur Tom Holland bereits ein ganzes Jahr mit sich herum, bevor er dazu überging, diese in ein Drehbuch umzuarbeiten. Die Produktionsfirma Columbia Pictures gab ihm das kleinst mögliche Budget und interessierte sich nicht weiter für das Projekt. Als der Film dann 1985 in die Kinos kam, war man in der Chefetage dann doch überrascht. Denn das Einspielergebnis lag bei fast 25 Millionen Dollar – gegenüber dem Budget von knapp 7 Millionen.

„Fright Night“ wurde ein echter Kassenschlager. Und das, obwohl man ihm durchaus das geringe Budget ansieht. Doch Tom Holland machte das Beste daraus – und hinzu kam, dass ihm keiner der Produzenten ins Handwerk pfuschte. Das Ergebnis war eine nette Horrorkomödie, die sich lustig macht über das Leben in den US-amerikanischen Vororten und genau so die durch das Horrorgenre stark geprägte Popkultur.

Horror hatte damals Hochkonjunktur. Umso witziger ist es daher, wenn Charley Brewster, der zusammen mit seiner Mutter neben einem leer stehenden Haus wohnt, vergeblich versucht, ihr zu erklären, dass sie seit letzter Nacht einen Vampir als Nachbar haben. Doch nicht nur seine Mutter hält ihn für ein bisschen zu überdreht (sie schiebt es darauf, dass er in letzter Zeit zu viel gelernt habe), sondern auch seine Freundin Amy und sein Kumpel Edward, den Charley immer Teufel nennt – in der Originalfassung trägt Edward den Spitznamen Evil Ed, als Anspielung auf den Klassiker „Evil Dead“. Als alles nichts hilft und es zu sonderbaren Todesfällen kommt, betrachtet Charley den drittklassigen Schauspieler Peter Vincent, der eine erfolglose Horrorsendung in einem Regionalsender moderiert, als seine letzte Hilfe.

Die Handlung, die sich auf diese Weise weiter entwickelt, ist wirklich witzig, hinzu kommen tolle Spezialeffekte, die sich der Film für die zweite Hälfte des Films aufhebt. Robert Enlund, der ein Jahr davor die Spezialeffekte für „Ghostbusters“ mitentworfen hatte, durfte hier nochmals sein Können zeigen. Trotz des Witzes, der die gesamte Handlung durchzieht, regen die Gags weniger zum Lachen als viel mehr zum Schmunzeln an. In den einzelnen Aufnahmen gibt es immer wieder viele Anspielungen auf das Horrorgenre zu entdecken (wie z.B. der Zaun in Form eines Vampirgebisses), doch der Konflikt zwischen Charley und dem Vampir Jerry Dandridge, der Amy entführt, erscheint dann doch zu sinnlich und zu düster, als dass er als reine Komödie durchgehen könnte, viel eher scheint in diesen Szenen dann eine Hommage an die klassischen Vampirfilme hindurch.

Dies ist andererseits aber auch die Stärke des Films, denn das Düstere und das Lustige schließen sich in dem Film nie gegenseitig aus. Dies liegt vor allem daran, da „Fright Night“ sich nicht lustig über das Horrorgenre macht. Es kommt zu keinen Veralberungen, im Gegenteil, wenn es um Vampirismus geht, so bezieht sich Holland sowohl auf Aspekte des Aberglaubens als auch auf die entsprechenden filmischen Merkmale. Besonders ist hierbei, dass der Vampir als bisexuell charakterisiert wird. Holland bringt diese Merkmale stets in einen alltäglichen Zusammenhang, woraus sich eine originelle Situationskomik ergibt.

„Fright Night“ entwickelte sich rasch zu einem Klassiker des Genres. Ein Jahr darauf sollte Tom Holland (wieder in Zusammenarbeit mit Schauspieler Chris Sarandon) einen weiteren Klassiker der 80er Jahre kreieren: „Child’s Play“, der in Deutschland unter dem Titel „Chucky – Die Mörderpuppe“ in die Kinos kam.

„Fright Night 2“ (1988) war zwar in den Kinos deutlich weniger erfolgreich als das Original, holte dies aber durch den Video-Release nach. Das Remake von 2011 orientierte sich zum großen Teil am Originalfilm, wobei es ihm durchaus gelang, den Humor beizubehalten. Auch zu diesem Film wurde ein Sequel gedreht, das aber nur noch auf DVD erschien.

Fright Night. Regie u. Drehbuch: Tom Holland, Produktion: Herb Jaffe, Darsteller: Chris Sarandon, William Ragsdale, Amanda Bearse, Stephen Geoffreys, Roddy McDowall. USA 1985, 106 Min.

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Cover der Originalausgabe von 1945

Als Evelyn Waughs Roman „Wiedersehen mit Brideshead“ 1945 erschien, wurde er von den Kritikern eher mittelmäßig bewertet. Eigentlich wusste niemand so recht, was der Roman sollte. Und vor allem das Ende ließ die Leser irgendwie unbefriedigt zurück. Dennoch wurde „Wiedersehen in Brideshead“ ein Bestseller. Dies nicht nur in England, sondern auch in den USA, wo bis dahin Waughs Romane nur wenige Leser gefunden hatten.

„Wiedersehen mit Brideshead“ ist in aller erster Linie ein Familienroman. Allerdings nicht geschildert aus der Perspektive eines der Mitglieder, sondern eines Freundes und Liebhabers namens Charles Ryder. Als dieser während des Zweiten Weltkriegs im Landhaus Brideshead stationiert wird, beginnt er sich an die Zeit zu erinnern, als er selbst immer wieder in den 20er und 30er Jahren hierher gekommen ist.

Evelyn Waugh (1903 – 1966)

Aus dieser Rahmenhandlung ergibt sich eine wunderbare Geschichte, die voller Witz, Tragik und einer sanften Melancholie steckt. Es geht um Liebe, um Verlust, um Veränderung. Und dabei erschafft Evelyn Waugh ein Kaleidoskop einzigartiger tragikomischer Figuren, die dem Leser regelrecht ans Herz wachsen. Angefangen von Sebastian Flyte, der mit seinem Teddybären die Uni in Oxford besucht und mit dem sich Charles anfreundet, ja sich regelrecht in ihn verliebt, bis hin zur sinnlich-melancholischen Julia, Sebastians Schwester, für die Charles später seine Frau verlässt. Und dann gibt es da noch die vielen Nebenfiguren, wie den schrulligen Anthony Blanche, Julias ersten Mann Rex Mottram, der sich durch jeden und alles Vorteile erhofft, oder sogar den sonderbaren, fast schon widerlichen Kurt, der später von Sebastian nicht mehr weichen will.

Waugh haucht all diesen Figuren ein unvergleichliches Leben ein, was den Roman an sich zu etwas überaus Lebendigem macht. Als Leser ist man mitten drin in dem Geschehen. Man fühlt mit den Figuren, man lacht über die gelungenen Gags und ist tief betroffen bei den tragischen Episoden. Und dann ist da noch dieser wundervolle Schreibstil, mit dem man durch Charles Ryders Erlebnisse gleitet: nicht nur flüssig und makellos, sondern in jeder Hinsicht elegant.

Cover der Neuübersetzung im Diogenes Verlag

In absolute Hochform kommt Waugh im ersten Kapitel des dritten Teils, als Charles zusammen mit seiner Frau auf einem Schiff von den USA zurück nach England fährt und dort nach langen Jahren (ich glaube, es sind inzwischen zehn Jahre vergangen), wieder auf Julia trifft. Ich habe das Kapitel gleich mehrmals nacheinander gelesen, da es einfach nur wunderbar, genial, ja schlicht und ergeifend perfekt ist.

Doch dann kommt eben dieser unerwartete Schluss des Romans, der einem nach dem letzten Kapitel ratlos und nach dem Epilog irgendwie erschreckt zurücklässt. Es ist so, als wollte Waugh den Leser am Ende aus seinem Roman wieder vertreiben und die Tür hinter ihm zu schlagen. Nach dem Motto: Tschüss, das war’s dann. Aber böse kann man ihm deswegen nicht sein. Dafür ist die Geschichte von Charles und der Familie Flyte einfach ein zu großes Geschenk.

1981 wurde der Roman als TV-Serie verfilmt und schrieb dadurch Fernsehgeschichte. Der Erfolg der Serie war so enorm, dass in den USA Brideshead-Partys veranstaltet wurden und Geschäfte in ihren Auslagen Kleidung aus der damaligen Zeit (20er und 30er) ausstellten. Nicht zuletzt wurde dadurch der Roman selbst erneut zu einem Bestseller. Die Kinoadaption aus dem Jahr 2008 dagegen ging zu recht unter. Der Film konstruierte die Handlung des Romans auf eine Weise um, sodass diese völlig falsch wiedergegeben wird.

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Zwischen den Jahren 1811 und 1815 veröffentlichten die beiden Schriftsteller Friedrich Laun und Johann August Apel „Das Gespensterbuch“, eine Sammlung unheimlicher Erzählungen in fünf Bänden. Im Jahr 1812 stellte der französische Übersetzer Jean-Baptiste Benoît Eyriès daraus eine eigene Sammlung zusammen, die er unter dem Titel „Fantasmagoriana“ veröffentlichte.

Es war diese französische Ausgabe, die 1816 Lord Byron, seinem Arzt Polidori, Mary Shelley und ihrem Mann Percy Shelley in die Hände fiel, als sie sich im Sommer jenes Jahres in der Villa Diotati aufhielten. Da es mehrere Tage durchgehend regnete, vertrieb man sich die Zeit mit dem Vorlesen der unheimlichen Geschichten aus jenem Buch.

Dies führte dazu, dass die Gruppe daraus ein Spiel machte, denn jeder sollte nun eine eigene unheimliche Geschichte erfinden. Während Polidori die berühmte Erzählung „Der Vampyr“ verfasste, sollte dieses Spiel ebenfalls zur Geburt eines anderen Stücks Weltliteratur führen: zu dem Roman „Frankenstein“, der eben durch jene Geschichten inspiriert wurde.

Im Verlag Ripperger u. Kremers ist nun eben diese Anthologie, wie sie Byron, Polidori und das Ehepaar Shelley in den Händen hielten, erschienen. Neun Erzählungen beinhaltet die Sammlung, von denen „Die Bilder der Ahnen“ die Bewohner der Villa anscheinend am meisten beeindruckt hat. Darin geht es um einen unheimlichen Familienfluch, denn durch die Gemäuer eines alten Herrenhauses stampft in manchen Nächten ein Ritter. Und wenn dies geschieht, so kommt es jedes Mal zu sonderbaren Todesfällen.

Und auf diese Weise geht es weiter. In „Die Totenbraut“ verführt eine Untote junge Männer, in „Der Totenkopf“ nimmt eine Geisterbeschwörung ein fatales Ende und in „Verwandtschaft mit der Geisterwelt“ erzählt eine junge Frau von ihrer verstorbenen Schwester. Das Märchen „Stumme Liebe“ ragt dabei aus der Sammlung heraus, da es sich hierbei um eine Art fantastisches Abenteuer handelt, in dem ein Mann, der sein ganzes Erbe verprasst hat, nach einem geheimnisvollen Schatz sucht. Dennoch besitzt auch diese Geschichte ihre unheimlichen Momente und liefert sozusagen den Auftakt zu den übrigen Erzählungen.

Der Sammlung voran geht das Vorwort von Jean-Baptiste Benoît Eyriès, das hier zum ersten Mal überhaupt in einer deutschen Übersetzung vorliegt. Die Zusammenstellung bietet nicht nur kurzweilige und spannende Unterhaltung, sondern liefert zugleich einen faszinierenden Einblick in die damalige Lebenswelt. Ein sehr interessantes Nachwort von Markus Bernauer rundet das Buch ab. Wer sich also nicht nur angenehm gruseln lassen, sondern auch wissen möchte, was bei Percy Shelley damals eine regelrechte Wahnvorstellung ausgelöst hatte, der hat sicherlich viel Vergnügen mit diesem Buch.

Fantasmagoriana. Geisterbarbiere, Totenbräute und mordende Porträts. Ripperger u. Kremers 2017, 288 Seiten, 19,90 Euro, ISBN: 978-3-943999-88-4

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Einmal gegrilltes Huhn bitte; „Weltraumbestien“ (1957); Copyright: JSV

Wenn es einen Regisseur gibt, der mit dem Phantastischen Film eng verbunden ist, so ist dies Ishiro Honda. Auf sein Konto geht nicht nur „Godzilla“, sondern auch jede Menge weiterer Monsterfilme, die das Image des japanischen Films (neben den Werken Akira Kurosawas) im Ausland prägten.

1957 drehte Honda den SF-Film „Weltraumbestien“, den Kritiker gelegentlich als die japanische Version von „Krieg der Welten“ bezeichnen. In Hondas Film als auch in der berühmten Adaption von H. G. Wells‘ Klassiker geht es um eine Invasion vom Mars. Nur, dass sich die Hintergründe der Invasion in „Weltraumbestien“ ein wenig komplexer gestalten.

Originalplakat von „Weltraumbestien“

Denn in diesem Film stammen die außerirdischen Invasoren von einem Asteroiden namens Mysteroid, der einst Teil eines Planeten gewesen sein soll. Von dort seien die Außerirdischen auf den Mars geflohen und wollen nun die Erde besetzen. Das alles beginnt mit einem sonderbaren Waldbrand, der bereits das erste Anzeichen der Landung der Mysteroiden ist. Kurz darauf greift ein Riesenroboter eine kleine Stadt an. Während das Militär vergeblich gegen die Invasoren kämpft, versucht eine Gruppe internationaler Wissenschaftler, eine Waffe zu entwickeln, die gegen die überlegene Technik der Außerirdischen doch noch etwas bewirken kann …

„Weltraumbestien“ weist in allererster Linie eine hervorragende Optik auf. Auch wenn aus heutiger Sicht der Roboter ziemlich trashig wirkt, so ist die riesige Kampfmaschine dennoch genial in Szene gesetzt. Doch bleibt es nicht allein bei dem Angriff der gewaltigen Maschine, sondern es kommt zu Erdbeben und Überflutungen – und nicht zuletzt ist da der verzweifelte Kampf der Menschen gegen die Außerirdischen.

Aber das ist … das ist doch … 🙂 ; „Weltraumbestien“ (1957); Copyright: JSV

Es ist also mächtig was los in dem Film, der, ähnlich wie in „Godzilla“, die Verzweiflung und die Tragik der Katastrophe hervorhebt, was „Weltraumbestien“ recht düster und ernst erscheinen lässt. Man sieht, dass hier die Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg verarbeitet wurden. Die Bilder der fliehenden Bewohner der Stadt erscheinen beinahe wie aus einer Wochenschau.

US-Plakat von „Weltraumbestien“

Diesem Realismus gegenüber stehen die detailverliebten Spezialeffekte sowie der geniale Trash-Faktor des Films, der sich z.B. bei der Entführung der Frauen bemerkbar macht, da die Außerirdischen sich mit ihnen paaren wollen, um den zunehmenden Mutationen entgegenzuwirken. So steht plötzlich einer der fremden Besucher im Garten, schnappt sich die Frau und zieht sie mit sich hoch in das im Himmel schwebende UFO, was ungefähr so aussieht, als würde ein verkleideter Ken auf einem unsichbaren Seil Barbie in die Höhe ziehen. Immerhin handelt es sich bei der Darstellerin um Momoko Kochi, die durch ihre Rolle in Hondas „Godzilla“ weltberühmt wurde.

Auf jeden Fall ist „Weltraumbestien“ ein durch und durch sehenswerter Film, bei dem einem aufgrund seines Lärmpegels nur so die Ohren dröhnen. Während der Film in Japan ein großer Erfolg war, wollte sich dieser im Ausland und vor allem in den USA leider nicht einstellen.

Weltraumbestien (OT: Chikyū Bōeigun). Regie: Ishiro Honda, Drehbuch: Takeshi Kimura, Produktion: Tomoyuki Tanaka, Darsteller: Kenji Sahara, Yumi Shirakawa, Momoko Kochi, Akihito Hirata, Takashi Shimura. Japan 1957, 89 Min.

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Literaturnobelpreisträger Sinclair Lewis (1885 – 1951) verfasste mit seinem Roman „Babbitt“ eine der Satiren über den Alltag in den USA. Veröffentlicht 1922, hat dieses Buch nichts von seiner Aktualität verloren.

Es geht um den Immobilienmakler George Babbitt, der die Alltagsroutine mehr und mehr satt hat. Doch obwohl er immer den Wunsch verfolgt, sich zu verändern, fällt er dennoch wieder zurück in den alltäglichen Trott. Dies scheint sich zu ändern, als er die attraktive Tanis Judique kennenlernt. Doch was ihn zunächst wie ein neues Leben scheint, besitzt letztendlich auch wieder seine negativen Seiten …

Man könnte „Babbitt“ als den Roman über Amerika bezeichnen. Lewis konzentriert sich zwar auf das soziale Milieu der Mittelschicht, blickt aber auch immer wieder in andere Bereiche der Gesellschaft. Daraus ergibt sich ein ganzes soziokulturelles Panorama, das von ihm minutiös durch den Kakao gezogen wird. Denn die USA, in der Freiheit hochgehalten wird, wird bestimmt von strengen gesellschaftlichen Regeln, denen man sich beugen muss, wenn man nicht ins Abseits rutschen möchte.

Sinclair Lewis (1914)

Babbitt beginnt eben diese Regeln nach und nach zu hinterfragen. Dabei versucht er zwar immer wieder, selbst diese Regeln zu durchbrechen, scheitert letztendlich aber immer wieder an sich selbst. Das fängt schon damit an, dass er mit dem Rauchen aufhören möchte, aber dann doch immer wieder Zigarren raucht, da er es ja immer schon so getan hat.

Doch die Regeln und der Anstand erweisen sich als bloße Fassade. Die Konsequenz davon ist ein Spießertum, das sich vor allem in der Mittelschicht gebildet hat und dort regelrecht zelebriert wird. Dieses satirische Blossstellen sollte ca. 40 Jahre später auch Richard Yates in seinem berühmten Roman „Zeiten des Aufruhrs“ aufgreifen, wenn auch intensiver.

Liest man „Babbitt“, so ist dies so, als würde einem jemand die Augen öffnen. Denn der Roman wirkt wie ein Schlüsselwerk, mit dem man auf einmal alle anderen US-amerikanischen Romane und Filme besser versteht. Und der wunderbare Schreibstil lässt einen dabei regelrecht durch George Babbitts Weltsicht gleiten, deren Kernpunkte sich ohne weiteres auch auf unsere Gesellschaft übertragen lassen. Ein wirklich toller Roman.

Sinclair Lewis. Babbitt. Manesse 2017, 782 Seiten, 28,00 Euro, ISBN: 978-3-7175-2384-0

 

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