Die Klunkerecke: Frankenstein – Wie er wirklich war (1973)

Regisseur Jack Smight und Autor Christopher Isherwood gelang es Anfang der 70er Jahre, einen Frankensteinfilm zu schaffen, der mit der Romanvorlage von Mary Shelley so gut wie nichts zu tun hat und zugleich oder eher dennoch einen Meilenstein des TV-Films darstellt.

Ausgestattet mit einem großen Budget, konnte man nicht nur auf Stars wie James Mason, Jane Seymour oder John Gielgud zurückgreifen, sondern auch tolle Kulissen und großartige Explosionen kreieren. Isherwood übernahm dabei lediglich die Grundhandlung des berühmten Schauerromans, der Rest ist eine rasante Gruselstory, die teils überraschend blutig ausgefallen ist und sich von einem dramatischen Höhepunkt zu nächsten hangelt.

Victor Frankenstein (Leonard Whiting) und Dr. Clerval (David McCallum) bei einem Experiment; „Frankenstein – The true Story“ (1973); © Universal Pictures

Victor Frankenstein trifft hier auf den genialen Chirurgen Henry Clerval, der Totes wiederbeleben möchte. Nach ein paar Experimenten an toten Tieren, baut er aus Leichenteilen einen Menschen zusammen. Clerval bittet bei diesem letzten Arbeitsschritt Victor um Hilfe, was dazu führt, dass sich dieser immer mehr in das Vorhaben hineinsteigert. Das Resultat ist bekannt: ein Monster. Clerval stirbt und Frankenstein versucht, den künstlichen Menschen in die Gesellschaft einzuführen.

Doch steht Frankenstein dabei vor zwei Problemen: zum einen verfällt der Körper des Monsters und zweitens ist ihm Dr. Polidori auf den Fersen, der ihn dazu bringen will, zusammen mit ihm eine Frau zu erschaffen. Auch das gelingt, doch nach und nach gerät die Situation für Frankenstein und Polidori außer Kontrolle, was tragische und tödliche Konsequenzen mit sich bringt …

„Frankenstein – The true Story“ ist packend, dramatisch und zugleich tiefgründig und, wie bereits erwähnt, reiht dabei einen Höhepunkt an den anderen. Schon die Schaffung des Monsters ist eine wahre Sensation, wenn dabei die ganzen Instrumente explodieren. Unglaublich toll, wenn bei der Schaffung der Frau bunte Farbblasen das Bild ausfüllen und dabei dem Prozess einen leicht psychedelischen Touch verleihen. Nicht weniger originell, wenn das Monster einen Tanzabend aufmischt, um die künstliche Frau namens Prima zu entführen – mit einem wahrhaft grausamen Höhepunkt. Und schließlich das Finale auf einem Segelschiff mitten auf dem Atlantik und bei starkem Sturm, während das Monster Amok läuft.

Der Film liefert bei all dem eine grandiose Optik, sodass man nicht glaubt, einen Fernsehfilm vor sich zu haben. Die Schauspieler gehen dabei voll in ihren Rollen auf. Besonders James Mason, der wie immer einen zwielichtigen Charakter mimt. Nicht weniger grandios sind Bond-Girl Jane Seymour als Prima, der künstlichen Frau, oder auch U.N.C.L.E.-Veteran David McCallum als Chirurg Clerval. Kurz: ein absolutes Meisterstück.

Frankenstein – Wie er wirklich war (OT: Frankenstein – The true Story). Regie: Jack Smight, Drehbuch: Christopher Isherwood, Produktion: Ian Lewis, Darsteller: James Mason, Leonard Whiting, Jane Seymour, David McCallum, Michael Sarrazin, Nicola Pagett. England/USA 1973, 182 Min.

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Martin Eden – Jack Londons autobiographischer Roman

Cover der deutschen Neuübersetzung bei dtv

Von einem der auszog, das Schreiben zu lernen. Jack London machte dies später in seinem Roman „König Alkohol“ (1913) zum Thema, auch wenn es, wie der Titel schon sagt, mehr um seine Alkoholsucht ging. Der 1909 erschienene „Martin Eden“ dagegen konzentriert sich voll und ganz darauf, mit welchen Schwierigkeiten einer zu kämpfen hat, der seinen Traum, Schriftsteller zu werden, verwirklichen möchte.

Seiner eigenen Aussage zufolge, hegte London bereits als Kind den Wunsch, freier Autor zu werden. Nach einem recht abenteuerlichen Leben wurde er dies dann auch, ja wurde er sogar zu einem der meist gelesenen Autoren der USA. In dem Roman übernimmt diese Rolle sein Alter Ego Martin Eden, ein Seemann, der während seines Landgangs in San Francisco den Studenten Arthur vor einer Bande Raufbolde rettet. Als Dank nimmt dieser Martin mit nachhause, wo Martin Arthurs Schwester Ruth begegnet, in die er sich Hals über Kopf verliebt.

Jack London (1903)

Angestachelt durch ihre Liebe zur Literatur, beginnt Martin Eden, selbst zu lesen und hegt bereits nach kurzer Zeit die Idee, selbst zu schreiben. Dafür opfert er nicht nur seine Zeit, sondern auch sein ganzes Geld. In völliger Armut kämpft er darum, Texte zu verfassen und diese verschiedenen Magazinen anzubieten. Mit für ihn katastrophalen Folgen. Denn immer wieder muss er zum Pfandleiher, um zu Geld zu kommen. Nicht nur das, denn hat er es endlich geschafft, einen Text bei einem Magazin unterzubringen, so wartet er vergeblich auf das Honorar.

Doch ist „Martin Eden“ noch viel mehr als eine Aufarbeitung seines eigenen Lebens. Denn Jack London lässt kein gutes Haar an der sogenannten Bildungselite. Im Gegenteil, er entlarvt Professoren und Literaturkritiker als Nichtwisser und Angeber, er macht sich lustig über die „feine“ Gesellschaft, die sich nur in Oberflächlichkeiten ergeht und er zieht den gesamten Literaturbetrieb gehörig durch den Kakao.

Cover der Erstauflage von 1909

Obwohl der Roman nun schon gute 110 Jahre auf dem Buckel hat, so hat sich seitdem so gut wie nichts geändert. Seine Kritik an der Gesellschaft im allgemeinen und dem Verlagswesen im speziellen trifft heute noch genauso zu. Und genau diese Kritik, gepaart mit vielen satirischen Seitenhieben, sind eindeutig die Stärken des Buches. Hier geht Jack London wirklich auf und liefert einen interessanten, witzigen und nicht weniger packenden Bericht ab.

Auch wenn sich der Roman anfangs ein wenig zieht, so wird die Geschichte um Martin Eden, der seinem Weg trotz aller Mahnungen und Kritik treu bleibt von Seite zu Seite besser, lebendiger und rasanter. Kurz: sehr zu empfehlen.

Jack London: Martin Eden. DTV 2018, 526 Seiten, 12,90 Euro

 

Tag der Heuschrecke – Nathanael Wests Abrechnung mit Hollywood

Cover der deutschen Neuübersetzung

Nathanael Wests Roman „Tag der Heuschrecke“ („The Day of the Locust“) aus dem Jahr 1939 gilt bis heute als einer der besten Romane über Hollywood. West hatte selbst erfolglos als Drehbuchautor gearbeitet und daher das Leben hinter den Kulissen aus erster Hand miterlebt.

In seinem Roman geht es nicht um cholerische Produzenten oder notgeile Regisseure, sondern um die Menschen, deren Träume schlicht und ergreifend zerplatzt sind. Um diejeningen also, die vergeblich versuchen, Erfolg zu haben.

Im Zentrum des Romans steht der Künstler Tod Hackett, der Kostüme und Hintergrundbilder für Filme entwickelt. Gleich zu Anfang musste er einsehen, dass Kunst in Hollywood nichts zählt. Daher arbeitet er in seiner Freizeit an einem riesigen Gemälde mit dem Titel „Der Brand von Los Angeles“. Im selben Wohnhaus lebt auch Fay Greener zusammen mit ihrem Vater Harry, einem völlig heruntergekommenen Variete-Künstler. Um Fay, die nichts anderes als Schauspielerin werden möchte, bemühen sich die skurrilsten Kerle. Natürlich auch Tod. Doch als der überaus schüchterne Homer Simpson auftaucht, nutzt sie diesen gnadenlos aus …

Cover der Originalausgabe von 1939

Ja, richtig, Homer Simpson. In der Tat entlehnte „Simpsons“-Erfinder Matt Groening den Namen seiner berühmten Figur aus Nathanael Wests Roman. Doch Wests letzte Veröffentlichung war alles andere als erfolgreich. Erst Mitte der 50er Jahre wurde die Bedeutung seiner Werke erkannt. Heutzutage zählt Nathanael West (1903 – 1940) zu den wichtigsten Autoren der US-amerikanischen Literatur.

„Der Tag der Heuschrecke“ ist ein überaus düsteres Buch. Es geht um Menschen, die auf ganzer Linie gescheitert sind, die sich auch keine Hoffnung mehr auf bessere Zeiten machen, sondern sich mit ihren geplatzten Träumen irgendwie abfinden. Da ist der Cowboy-Darsteller Earl, der nichts auf die Reihe bekommt und mit seinem mexikanischen Freund Hahnenkämpfe veranstaltet, um über die Runden zu kommen. Fay, die es nicht einmal bis zur Komparsin schafft, ihren Tagträumen nachhängt, sich dennoch aufführt wie eine Diva, in Wirklichkeit aber auf den Strich geht. Dann ist da noch der „Zwerg“ Abe Kunich, ein kleinwüchsiger Halbkrimineller, der sich allen aufdrängt. Oder der bereits erwähnte Vater Fays, der als drittklassiger Variete-Künstler auftrat und nun Putzmittel verkauft. Nur Homer Simpson hat eigentlich mit Hollywood nichts zu tun. Er kommt nach Los Angeles, um sich von einer Krankheit zu erholen. Unglücklicherweise begegnet er der hübschen Fay, die zu seinem düsteren Schicksal wird.

Nathanael West (1903 – 1940)

Nathanael Wests letzter Roman geht einem so leicht nicht mehr aus dem Kopf. Mit bitterem Spott macht er sich über seine Mitmenschen lustig und wirkt dabei erschreckend aktuell. Besonders, als er die dumpfe Masse schreiender Fans beschreibt, die auf einen großen Hollywood-Star warten, möchte man nicht meinen, dass der Roman vor fast 80 Jahren erschienen ist. Hier liefert West das Bild einer Gesellschaft ab, deren Mitglieder in eine Mediensucht fliehen, um ihren stupiden Alltag zu ertragen.

Nathanael West starb ein Jahr nach Veröffentlichung des Romans zusammen mit seiner Frau bei einem schweren Autounfall. 1975 wurde das Buch von John Schlesinger verfilmt, und David Bowie zählte den Roman zu seinen Lieblingsbüchern. Ein großartiger Roman, ein Klassiker eben.

The 80s: Ferris macht blau! (1986)

Ferris Bueller’s Day Off ist nicht nur eine der erfolgreichsten Komödien der 80er Jahre, sondern zugleich ein Klassiker, der erst kürzlich in den USA in das National Film Registry aufgenommen wurde. Er gehört damit zu den filmischen Werken, die von der Library of Congress als besonders erhaltenswert betrachtet werden.

Regisseur John Hughes, der mit Komödien wie Kevin allein zuhaus oder Mr. Mom ebenfalls große Erfolge erzielen konnte, erzählt in Ferris macht blau! die Geschichte dreier Freunde, die, wie der Titel schon verrät, für einen Tag die Schule schwänzen. Angezettelt wird diese Aktion von Ferris Bueller, der einfach mal aus dem System ausbrechen möchte, um das Leben zu genießen. Sein bester Freund Cameron leidet unter Depressionen und Angstzuständen. Und als Ferris den teuren Ferrari von Camerons Vater für die gemeinsame Spritztour ausleiht, ist dies für Cameron Trauma und Therapie zugleich. Die Dritte im Bunde ist Sloane, Ferris‘ Freundin, die jeden Blödsinn mitmacht, jedoch alles überlegter angeht.

Ihnen auf den Fersen ist Schuldirektor Rooney, der nicht glaubt, dass Ferris wirklich krank ist und ihn daher als Schwindler entlarven möchte. Auf diese Weise geraten Ferris, Cameron und Sloane von einer witzigen und schrägen Situation in die nächste, wobei Rooney gleichzeitig von einem Schlamassel ins nächste stolpert.

Während Ferris und seine Freunde in einem Nobelrestaurant zu Mittag essen, sich in einem Stadion ein Baseballspiel ansehen oder in die Kunstgallerie gehen, tappt Rooney von einem Fettnäpfchen ins nächste, wobei seine Wut auf Ferris von Mal zu Mal größer wird.

Ferris macht blau! ist jedoch alles andere als eine oberflächliche Komödie, sondern liefert zugleich einen überraschenden Tiefgang. Es geht um viel mehr, als nur darum, einen Tag von der Schule fernzubleiben und allerhand Blödsinn zu treiben. Der Film hinterfragt das kapitalistische System und den ständigen Erfolgszwang, der damit verbunden ist.

Ferris liefert eine alternative Sichtweise auf den gesellschaftlichen Zwang, etwas unbedingt tun zu müssen, indem er einfach das macht, wozu er Spaß hat. Indem Ferris (gespielt von Matthew Broderick) immer wieder mit den Zuschauern spricht, fordert John Hughes diese direkt dazu auf, sich selbst Gedanken über ihr eigenes Leben zu machen.

Auf diese Weise wirkt Ferris Bueller’s Day Off stellenweise leicht melancholisch, ohne allerdings kitschig zu werden. Denn letztendlich verweist Hughes darauf, dass es eigentlich ganz und gar unmöglich ist, aus dem System vollständig auszubrechen. Es bleibt letztendlich nur beim Versuch. Und dies hinterlässt bei allem Witz eine doch irgendwie tragische Note, vor allem, da Ferris, Cameron und Sloane kurz vor ihrem Schulabschluss stehen, was für alle drei bedeutet, dass sie bald von einander getrennt leben müssen. Aber genau diese Mischung aus sprühendem Witz und einer zwischen den Zeilen verborgenen Tragik, verleiht Ferris macht blau! diesen einzigartigen Stil.

Ferris macht blau! (OT: Ferris Bueller’s Day Off). Regie, Drehbuch u. Produktion: John Hughes, Darsteller: Matthew Broderick, Alan Ruck, Mia Sara, Jeffrey Jones, Jennifer Grey, Charley Sheen. USA 1986, 103 Min.

Buddenbrooks – Ein Roman über Emanzipation?

Thomas Manns Buddenbrooks – Verfall einer Familie (1901) wird gerne auch als „Jahrhundertroman“ bezeichnet. Es ist nicht nur der Roman einer Familie, sondern eigentlich der Roman seiner Familie, nahm Mann doch die Geschichte seiner Vorfahren als Blaupause für dieses epische Werk. Als Thomas Mann dafür 1929 den Nobelpreis für Literatur erhielt, ärgerte er sich ein wenig, dass in der Laudatio sein Zauberberg unberücksichtigt geblieben war, den er für stilistisch ausgereifter hielt als die Geschichte über den Untergang einer reichen Kaufmannsfamilie.

Endlich habe ich den Roman ebenfalls gelesen, nachdem ich mich immer wieder davor gedrückt habe. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich dieses kolossale Werk erst jetzt für mich entdeckt habe, denn so kam ich in den Genuss eines packenden Familiendramas, das sich zwar über mehrere Generationen erstreckt, sich aber auf das Schicksal von Thomas Buddenbrook und seiner Geschwister konzentriert.

Obwohl Thomas Buddenbrook im Zentrum des Geschehens steht, so fällt auf, dass seiner Schwester Toni Buddenbrook beinahe genauso viel Raum in der Geschichte zukommt. Manchmal dachte ich mir sogar, dass Thomas Mann Antonie interessanter fand als Thomas, vor allem da mit ihr ein weiteres Thema in den Roman Einzug erhält, nämlich das der Emanzipation.

Toni ist von Anfang an ein aufgewecktes Kind, das sich gegen alle Konventionen stellt. Schnell aber muss sie erfahren, dass sie als Frau vollkommen dem Patriarchat unterliegt. Ihre einzige wahre Liebe findet keine Erfüllung. Stattdessen wird sie gezwungen, den widerlichen und aufdringlichen Kaufmann Bendix Grünlich zu heiraten. Bendix hat es natürlich nur auf die Mitgift abgesehen. Die Ehe scheitert. Doch Toni muss von da an mit den Schmähungen fertig werden, welche die Gesellschaft gegenüber geschiedenen Frauen hegt.

Alleinerziehend, lebt sie wieder bei ihrer Familie, bis sie in München einen weiteren sonderbaren Kauz namens Alois Permaneder kennenlernt, dessen Verhalten sie zunächst fasziniert, der sie jedoch später mit dem Hausmädchen betrügt. Wiederum ist Toni geschieden und muss die oben erwähnten Schmähungen erleiden.

Trotz ihres Scheiterns aber lässt sie nicht locker. Sie beginnt, sich mit Wahlrecht auseinanderzusetzen, was die Männerwelt geradezu schockiert. Ich glaube, dass in einem der letzten Kapitel sogar steht, dass sie sich Gedanken über das Frauenwahlrecht macht. Eine ganz kurze Stelle, die Thomas Mann wie nebenbei erwähnt.

Ein weiterer Aspekt, der mit dem Thema Emanzipation einhergeht, findet sich bei Thomas Buddenbrooks Bruder Christian, der immer wieder betont, dass er es in einem Büro nicht aushält, sondern lieber selbständig und frei werden möchte. Ähnlich wie bei Toni, so ist auch sein Streben nach Unabhängigkeit zum Scheitern verurteilt, was jedoch an ihm selbst liegt und nicht an der Gesellschaft.

Er ist überaus naiv und leichtsinnig, möchte so etwas wie ein Bohemien oder Dandy sein, doch prallen seine Vorstellungen mit voller Wucht immer wieder auf die Realität, die so aussieht, dass Christian unter einer immer stärker werdenden Psychose leidet.

Sowohl Toni als auch Christian finde ich aufgrund ihrer Versuche, sich von den traditionellen Regeln zu lösen, am interessantesten in dem Roman. Ihre Schicksale sind überaus bewegend und mitreißend, wobei man jedoch gegenüber Christian stets eine Mischung aus Sympathie und Ablehnung hegt. Sein Verhalten erscheint manchmal extrem egoistisch, was jedoch auch auf seine Psychose zurückzuführen ist.

Emanzipation ist natürlich nur eines von vielen Themen, die in diesem großartigen Roman zu finden sind. Doch verleiht dies, wie ich finde, den Buddenbrooks einen zusätzlichen Reiz und eine zusätzliche Spannung.

Öl! – Upton Sinclairs Abrechnung mit dem Kapitalismus

Cover der Neuübersetzung

Oil! lautet der bekannteste und erfolgreichste Roman von Upton Sinclair aus dem Jahr 1927. Der Roman entwickelte sich schnell zum Skandal, da Sinclair darin u. a. über Sex vor der Ehe schrieb, was in den damaligen Medien als geradezu unerhört galt. Der Roman wurde zensiert, Sinclair jedoch verkaufte die Originalfassung selbst auf den Straßen Bostons. Als kleiner Gag hatte er sich ein großes, aus Pappe gefertigtes Feigenblatt umgehängt, um sich lustig über die Moralapostel zu machen.

Diese als Fig Leaf Edition bekannte Ausgabe wurde in Deutschland unter dem Titel Petrolium veröffentlicht. Der Malik Verlag hatte sich einen Spaß erlaubt und ein Lesezeichen eingebunden, das mit einem Feigenblatt versehen war. So konnten die Leser, so lautete die damalige scherzhafte Werbung, die moralisch bedenklichen Stellen mit eben diesem Feigenblatt abdecken.

Cover der Erstausgabe von 1927

Durch diesen Skandal geriet das eigentliche Thema des Romans beinahe aus dem Blickfeld. Öl!, so der Titel der deutschen Neuübersetzung, ist Upton Sinclairs Abrechnung mit dem kapitalistischen System und orientiert sich an tatsächlichen Begebenheiten. Es geht um den Ölbaron James Arnold Ross, der in dem Roman hauptsächlich nur Dad genannt wird, und seinen Sohn James Arnold Ross Jr., von allen Bunny genannt. Dad hat sich vom Maultiertreiber über einen Kramladenbesitzer bis zu einem reichen Besitzer diverser Ölquellen hochgearbeitet und hofft, dass Bunny das Unternehmen weiterführen wird.

Bunny jedoch hat anderes im Sinn. Von Anfang an bemerkt er die soziale Ungerechtigkeit, die von den Ölbossen aufrechterhalten wird, um an billige Arbeitskräfte zu gelangen. Durch die (schwierige) Freundschaft mit Paul Watkins, der in einer bitterarmen Farmerfamilie aufgewachsen ist und nun als Freidenker durch die Lande zieht und sich dabei mehr und mehr zum Kommunismus hingezogen fühlt, beschäftigt sich auch Bunny mit den sozialistischen Theorien und setzt alles daran, um die Bedingungen, unter denen die Arbeiter auf den Ölfeldern arbeiten müssen, zu verbessern.

Upton Sinclair beim Verkauf der „Fig Leaf Edition“ in Boston

Den Konflikt, der dadurch zwischen Dad und Bunny entsteht, nutzt Sinclair, um eine vehemente Kritik am kapitalistischen System der USA einzuflechten. Dabei geht er teils satirisch, teils anklagend vor, schreibt aber vor allem einen der wohl packendsten Romane, die jemals verfasst wurden.

Zwar lässt sich Upton Sinclair anfangs Zeit, um seine beiden Hauptfiguren vorzustellen, doch danach reißt einen der Roman regelrecht mit. Bunny ist hin und her gerissen zwischen seinen Pflichten gegenüber seinem Vater und seinem Drang, die Welt zu verbessern. In der High Society stoßen seine sozialen Verbesserungsvorschläge nur auf Hohn und Spott. Dennoch setzt er seinen Weg fort, gründet eine linke Studentenzeischrift und hilft bei der Organisation der ersten Gewerkschaften mit.

Die Ölmagnaten jedoch wollen diese Entwicklung mit allen Mitteln unterdrücken und senden brutale Schlägertrupps zu den Versammlungen. Parallel dazu schildert der Roman die Entwicklung von Paul Watkins zum Gewerkschaftsführer. Im Ersten Weltkrieg kommt er bis nach Sibirien, wo er mitansehen muss, auf welche grausame Weise die gesellschaftliche Entwicklung in Russland vorangeht, währenddessen US-Konzerne den blutigen Konflikt am Laufen halten wollen, um durch den Verkauf von Waffen weiter Geld scheffeln zu können.

Die mehr als 700 Seiten liest man praktisch in einem Zug durch, so sehr lässt einen die Handlung nicht mehr los. Im Gegensatz zu seinem darauffolgenden Roman Boston, der doch gewisse Längen aufweist, ist Öl! ein durch und durch spannendes Buch, das heute eigentlich zur Pflichtlektüre werden müsste, wenn man die derzeitgen Entwicklungen betrachtet. Denn das, was Upton Sinclair 1927 über die zerstörerische Kraft des Kapitalismus schrieb, hat im Trump-Zeitalter bzw. im Zeitalter des Populismus nichts von seiner Aktualität verloren.

2007 wurde der Roman übrigens unter dem Titel There will be Blood verfilmt, auch wenn es sich um eine sehr lose Adaption handelt.

Der Winter unseres Missvergnügens – John Steinbecks letzter Roman

Kommt man im Leben weiter, wenn man sich an die moralischen Grundsätze hält? Diese Frage beschäftigt Ethan Allen Hawley, der als Verkäufer in einem kleinen Lebensmittelgeschäft arbeitet. Seine Familie war reich gewesen, jedenfalls so lange, bis sein Vater das ganze Vermögen verloren hat. Außer Geld und Land verlor die Familie eben auch den Laden, in dem Ethan nun angestellt ist.

Ethan versucht, sich nichts aus Geld zu machen. Doch nagen an ihm immer wieder Gewissensbisse, wenn er an seine Frau Mary und seine Kinder denkt. So sind sie die einzige Familie in New Baytown, die keinen Fernseher besitzt. Doch alles ändert sich, als Marys Freundin Marge ihr die Karten legt und dabei prophezeit, dass sie großer Reichtum erwartet. Und als der Bankangestellte Joey Morphy ihm erklärt, wie man am besten eine Bank überfällt, keimt in Ethan nach und nach ein Plan.

„Der Winter unseres Missvergnügens“, John Steinbecks letzter Roman aus dem Jahr 1961, nimmt eine Thematik vorweg, die in den 70er Jahren eine zentrale Rolle in Büchern und Filmen spielen sollte: Das Hinterfragen gesellschaftlicher Werte in den USA, verbunden mit einer Kritik am Kapitalismus.

Nachdem sich Ethan einmal dazu entschlossen hat, zu Geld zu kommen, nimmt das Drama seinen Lauf. Und genau hier stellt sich Steinbeck auch immer wieder die Frage, wie Kapitalismus eigentlich funktioniert. Seine Antwort lautet: Menschen, die sich an die moralischen Vorstellungen halten, kommen nicht weit. Wer es in den USA zu etwas bringen möchte, muss sich ganz und gar unmoralisch verhalten, bis er seine Ziele erreicht hat.

Auf diese Weise bleibt es nicht nur bei Ethans Plan, die Bank auszurauben. Sein Verhalten wird von Mal zu Mal verwerflicher und hinterhältiger, selbst seinem Freund, dem Obdachlosen Danny, gegenüber.

Eingewebt in John Steinbecks wunderbare Sprache, ergibt sich daraus eine intensive Tragödie, die präzise Ethans moralischen Unter- oder Werdegang schildert. Besonders stechen hierbei die großartigen Dialoge hervor, welche den Figuren eine besondere Lebendigkeit verleihen. Man gleitet regelrecht durch diesen tollen Roman und kann dabei kaum innehalten, da man stets wissen möchte, wie die Geschichte weitergeht. Und durch seine Thematik wirkt „Der Winter unseres Missvergnügens“ heute aktueller denn je.

John Steinbeck. Der Winter unseres Missvergnügens. Manesse Verlag 2018, 604 Seiten, 25 Euro, ISBN: 978-3-7175-2432-8