Maurice – Eine bisher unbekannte Erzählung von Mary Shelley

Im Frühling 1820 schrieb Mary Shelley die Erzählung „Maurice“ als Geburtstagsgeschenk für Laurette, der elfjährigen Tochter von Margeret Mason. Mrs. Mason war zusammen mit ihrem Liebhaber, dem Dichter und Privatgelehrten George William Tighe, nach Pisa gezogen, wo sie Mary und Percey Shelley begegneten und sich schnell anfreundeten.

„Maurice“ galt bis Ende der 1990er als verschollen. Doch 1997 entdeckten die Nachfahren Laurettes im Familienarchiv das rund 40 Seiten umfassende Manuskript, das ein Jahr später von der University of Chicago Press veröffentlicht wurde.

Der englische Titel lautet „Maurice or The Fisher’s Cot“ und handelt von einem Jungen, der wegen seines brutalen Vaters von Zuhause geflohen ist und schließlich bei einem alten Fischer ein neues Heim gefunden hat. Eines Tages aber stirbt der Fischer und der Junge namens Maurice darf nur noch eine Woche lang in der Hütte, die ihm alles bedeutet, leben. Eines Tages besucht ihn ein fremder Mann, der sein Schicksal auf sonderbare Weise verändern soll.

Die Erzählung „Maurice“, die nun zum ersten Mal auf Deutsch vorliegt (übersetzt von Alexander Pechmann), ist eine wunderschöne, sanfte Geschichte über Trennung und Verlust, aber auch darüber, die Hoffnung nie aufzugeben. Der Logbuch-Verlag hat die Geschichte zusammen mit Mary Shelleys Essay „Über Geister“ in seiner bekannten Pressendruck-Reihe veröffentlicht. Allerdings ist die Ausgabe auf wenige hundert Stück limitiert. Das kleine, feine Heft mit zwei Illustrationen von Erik Krick gibt es direkt beim Verlag: https://www.logbuchladen.de/#press

Vor dem Sturm – Der Debutroman von Theodor Fontane

Theodor Fontane (1860)

Für Fontane war „Vor dem Sturm“ stets der Roman, bei dem er vergessen hatte, dass er ihn selbst geschrieben hatte. Und das, obwohl er insgesamt 25 Jahre daran gearbeitet hatte, Recherchen mit einbezogen. Die Arbeit daran hatte er immer wieder unterbrechen müssen, sodass allein schon das eigentliche Schreiben des Romans zehn Jahre in Anspruch genommen hatte.

Dennoch besitzt die Mischung aus Familien- und Historienroman eine Art Schattendasein im Gesamtwerk Fontanes. Der Untertitel von „Vor dem Sturm“ lautet „Ein Roman aus dem Winter 1812 auf 13“. Die märkischen Adeligen, Bürger und Bauern erwarten mit großer Sorge die aus Russland zurückströmenden französischen Soldaten. Im Zentrum der Handlung steht dabei die Familie Vitzewitz. Vater Berndt ist zu allem bereit, um sich den Franzosen in den Weg zu stellen und organisiert daher ein Heer aus Freiwilligen. Sein Sohn Lewin, der in Berlin studiert und einen Literaturzirkel leitet, wird mehr und mehr in den Strudel der Ereignisse hineingezogen …

Die damaligen Kritiken waren zwiespältig. Die einen lobten den Roman über alles, für die anderen war der Roman zum einen zu lang, zum anderen bemängelten sie, dass darin kaum etwas passiere. Nun, ein Spannungsroman ist „Vor dem Sturm“ sicherlich nicht, obwohl Fontane hervorragend die Katastrophe, die sich anbahnt, sehr eindringlich aufbaut.

Cover der kommentierten Ausgabe im dtv-Verlag

Im Großen und Ganzen ist „Vor dem Sturm“ jedoch ein Roman über das Leben der Familie Vitzewitz, zu der neben dem Vater Berndt und dessen Sohn Lewin auch noch die Tochter Renate zählt. Die Mutter ist bereits gestorben. Die Geschichte lebt vor allem durch die überaus liebevoll gezeichneten und lebendigen Charaktere. Ob es nun der Literaturliebhaber Lewin und seine Freunde aus dem Literaturzirkel sind, ob es seine Schwester Renate ist, die alle Schicksalschläge still erduldet, oder die Geschwister Tubal und Kathinka, Cousin und Cousine der beiden, die Figuren erscheinen einem so nah, dass man sie schnell ins Herz geschlossen hat – sogar Kathinka, die im Grunde genommen ziemlich egoistisch, ja sogar snobistisch erscheint. Nicht zu vergessen Pfarrer Seidentopf, der sich mehr für sein Hobby der Archäologie interessiert als für seine Predigten. Mit der kleinwüchsigen, alten Frau Hoppenmarieken hat Fontane eine der wohl mysteriösesten Figuren geschaffen, über die man noch lange nachdenkt. Ihre Zwielichtigkeit wirkt manchmal regelrecht unheimlich.

Fontane fügt in das Geschehen immer wieder (unheimliche) Legenden und Kriegsanekdoten ein, welche nicht nur die einzelnen Figuren näher kennzeichnen, sondern auch ein genaueres Bild der Lebenswelt im Oderbruch liefern. Man kann keinesweges behaupten, dass „Vor dem Sturm“ langweilig sei, was manche Kritiker ja Fontane vorgeworfen haben. Man gleitet über die gut 700 Seiten des Romans angenehm hinweg, wobei man stets bestens unterhalten wird. „Vor dem Sturm“ ist ein Buch, in das man sich regelrecht verlieben kann und das ich persönlich mit auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Ein wirklich schönes Leseerlebnis.

1984 produzierte die ARD eine sechsteilige Miniserie, die sich jedoch nicht exakt an die Vorlage hält.

FuBs Fundgrube: „Die Gespenstertruhe“

Die Anthologie „Die Gespenstertruhe“ zählt bis heute zu den besten Sammlungen klassischer Gruselgeschichten. Herausgegeben hat das Buch Martin Gregor-Dellin, das 1967 zum ersten Mal im Nymphenburger Verlag erschienen ist.

Obwohl ich Anthologien von Gespenstergeschichten sammle, war mir anfangs speziell dieses Buch völlig unbekannt. Durch Zufall und über Umwege stieß ich darauf, als mir in einem Antiquariat der zweite Band über den Weg lief. Dieser, ebenfalls von Martin Gregor-Dellin herausgegebene Band trägt den Titel „Die schwarze Kammer“ und stammt aus dem Jahr 1972. Dieser ist zwar nicht so gut wie „Die Gespenstertruhe“, dennoch sehr lesenswert.

Lange Rede, kurzer Sinn: Auf dem Buchumschlag von „Die schwarze Kammer“ wird der erste Band beworben, den ich mir natürlich dann auch antiquarisch besorgt habe. Die Frage ist nun, was „Die Gespenstertruhe“ so unvortrefflich macht. Die Antwort lautet: weil sich in dem Buch wirklich alle bekannten, klassischen Gespenstergeschichten die Klinke in die Hand geben. Daniel Dafoes „Die Erscheinung der Mrs. Veal“ macht gleich den Anfang – und ich finde, diese Geschichte muss einfach am Anfang stehen, da sie wie ein Opener für alle anderen Geschichten wirkt. Auch Bulwer-Lyttons Spukhausgeschichte „Das verfluchte Haus in der Oxfordstreet“ fehlt hier ebenso wenig wie Alxandre Dumas‘ „Die Katze, der Gerichtsdiener und das Skelett“.

Der Band beinhaltet des weiteren die berühmten Geistergeschichten von Charles Dickens, Honoré de Balzac, Heinrich von Kleist, M. R. James, Heinrich Heine, Oscar Wilde, Mark Twain Edgar Allan Poe usw. – also wirklich keine der bekannten Spukgeschichten fehlt hier. Des weiteren hat Gregor-Dellin auch unheimliche Geschichten von Agatha Christie („Die letzte Sitzung“) und Truman Capote („Miriam“) mit aufgenommen. Ebenso wenig fehlt der Blick auf die klassischen asiatischen Geistergeschichten, von denen mit Pu Ssung-Ling und Ueda Akinari die wohl bekanntesten Vertreter vorhanden sind.

Wie oben bereits erwähnt, erschien 1972 der zweite Band. Noch im selben Jahr wurden beide Bände zusammengefügt und unter dem Titel „Das Gespenst im Aktenschrank“ im dtv-Verlag veröffentlicht. Es gibt auch noch einen „heimlichen“ dritten Band, der 1974 mit dem Titel „Das Wachsfigurenkabinett“ erst im Nymphenburger Verlag erschienen ist und 1979 erneut im dtv-Verlag. Dabei handelt es sich jedoch weniger um Gespenstergeschichten, sondern allgemein um unheimliche Erzählungen, wobei sowohl klassische als auch moderne Autoren vertreten sind. Doch sowohl der zweite als auch der dritte Band kommen an die Großartigkeit der „Gespenstertruhe“ nicht heran. Diese ist und bleibt einzigartig.

Die Gespenstertruhe. Geistergeschichten aus aller Welt. Hrsg. Martin Gregor-Dellin. Nymphenburger Verlag 1967, 464 Seiten.

 

Lady Chatterley – Der Skandalroman von D. H. Lawrence

Deutsche Ausgabe im Rowohlt Verlag

1928, zwei Jahre vor seinem Tod, veröffentlichte D. H. Lawrence einen Roman, der auch noch 1960 in England für Furore sorgte. Denn dort versuchte man, 32 Jahre nach der Veröffentlichung, das Buch per Gerichtsverordnung verbieten zu lassen. Der Grund war, dass man „Lady Chatterley“ als Pornographie betrachtete.

Eigentlich hatte Lawrence den Roman zunächst gar nicht als einen erotischen Roman geplant. Viel eher sollte es sich um eine Geschichte handeln, in der es um die soziale Ungleichheit ging. Erst die sog. dritte Fassung, für die Lawrence in England keinen Verleger fand und die er dann in Italien als Privatdruck veröffentlichen ließ, beinhaltet diverse Sexszenen, die bei vielen damaligen Lesern und vor allem bei den Behörden als obszön betrachtet wurden, bei Intellektuellen und Autoren (in Deutschland u. a. von Erich Kästner) aber gefeiert wurde.

Nachdem sich ein französischer Verlag für das Werk interessierte und veröffentlichte, wurden die Exemplare, die nach England versandt wurden, vom Zoll beschlagnahmt. Erst Mitte der 30er Jahre erfolgte dann eine Veröffentlichung in Lawrence‘ Heimat. In vielen anderen Ländern blieb das Buch verboten.

D. H. Lawrence (Quelle: Wikipedia)

Lawrence geht es eigentlich nicht nur um Sex, obwohl dies natürlich auch Thema ist, sondern um die bereits oben genannte soziale Ungerechtigkeit und die Lebensumstände der Arbeiter, die durch die Oberschicht absichtlich auf niedrigem Niveau gehalten werden. Wahrscheinlich ärgerten sich die damaligen englischen Politiker und Richter mehr darüber, dass Lawrence ausgerechnet Clifford Chatterley, der letzte Spross einer Adelsfamilie, als impotent darstellt, als über den Roman als solchen.

Die Handlung von „Lady Chatterley“ ist im Grunde genommen schnell erzählt: Es geht um Constance Chatterley, deren Mann Clifford im Ersten Weltkrieg so stark verwundet wurde, dass er teilweise gelähmt ist und daher mit seiner Frau nicht schlafen kann. Doch Constance leidet immer mehr unter ihrer unbefriedigten Lust. Als sie Cliffords Waldhüter Mellors begegnet, entflammt zwischen beiden eine tiefe Leidenschaft. Ihre Beziehung muss jedoch unter allen Umständen geheim bleiben, da beide sonst gesellschaftlich geächtet werden könnten.

Englische Ausgabe in der Bantam Press

Erregten die Sexszenen damals für Anstoß, so muss man aus heutiger Sicht sagen, dass gerade diese Szenen am wenigsten interessant sind. Viel spannender ist das Drama, das sich aus dieser Beziehung ergibt. Denn diese ist nicht nur deswegen heikel, da Mellors und Constance verheiratet sind, sondern auch, da beide aus unterschieldichen sozialen Schichten stammen, und damals war es geradezu undenkbar, dass eine Frau der Oberschicht eine Beziehung mit einem Bediensteten eingehen würde.

Auf diese Weise kritisiert D. H. Lawrence dann auch das damalige Gesellschaftssystem. Er entlarvt die Oberschicht als dekadent und abgehoben, während die Arbeiter unter den Bedingungen leiden. Constances Mann ergeht sich gerne im Sozialdarwinismus, was sie mehr und mehr verabscheut. Ihr Blick richtet sich durch die Beziehung mit Mellors immer stärker auf die düstere Realität, die bestimmt ist von der Armut und Trostlosigkeit, die das Leben der Arbeiter bestimmen. Die Kritik von damals lässt sich dabei ohne weiteres auch auf die heutige Situation übertragen. Man denke nur an Hartz 4 und die mit Absicht herbeigeführten Ungerechtigkeiten, die sich daraus ergeben.

Ständig ist natürlich die Angst da, dass die heimliche Beziehung der beiden auffliegen könnte. Während Constance sich immer freier und lebendiger fühlt, agiert Mellors vorsichtiger. Im Gegensatz zu ihr hat er bereits schlechte Erfahrungen im Leben gesammelt. Überhaupt hat er um sich herum einen dicken Schutzpanzer gezogen, um nicht erneut verletzt zu werden. Obwohl er Connstance liebt, fällt es ihm schwer, diesen Panzer fallen zu lassen. In dieser Hinsicht ist „Lady Chatterley“ ein großartiges Liebesdrama, dessen Erfolg Lawrence jedoch nicht mehr erlebte. Er starb 1930 an Tuberkulose.

Der Junge im Dunkeln – Mervyn Peakes düstere Fantasy-Erzählung

Der Maler und Illustrator Mervyn Peake (1911 – 1968) verfasste von Mitte der 40er Jahre bis Ende der 50er Jahre eine Romantrilogie, deren literarischer Stellenwert demjenigen von Tolkiens „Herr der Ringe“ durchaus gleichkommt. Im englischen Sprachraum zählt Peakes „Gormenghast“ längst zu den Klassikern der Literatur. In Deutschland dagegen hält sich der Bekanntheitsgrad dieser außergewöhnlichen Romane immer noch in Grenzen.

Dennoch bzw. zum Glück gibt es eine deutsche Übersetzung im Klett-Cotta-Verlag, die erst vor wenigen Jahren neu aufgelegt wurde. 2011 erschien dann sogar der vierte Gormenghast-Roman mit dem Titel „Titus erwacht“, eigentlich ein Romanwrackment, das Mervyn Peakes Frau nach dessen Tod vollendet hat.

In „Gormenghast“ geht es um Titus Groan, der im Schloss Gormenghast aufwächst, es geht um die seltsamen Bewohner des Schlosses und um deren heimtückischen Intrigen. Peakes Romane sind einzigartig, wunderschön geschrieben und besitzen durchweg diese spezielle, düster-schaurige Atmosphäre, welche das uralte Schloss regelrecht lebendig werden lässt.

Nun ist eine weitere Gormenghast-Erzählung erschienen, übersetzt von Alexander Pechmann, der bereits „Titus erwacht“ ins Deutsche übertragen hat. Die Erzählung mit dem Titel „Der Junge im Dunkeln“ erzählt von Titus‘ 14. Geburtstag. Ein geheimnisvolles Ritual steht bevor, dem sich Titus jedoch entziehen möchte. Daher flieht er eines nachts aus dem Schloss und gelangt schließlich an einen äußerst sonderbaren Ort und zu nicht weniger sonderbaren Wesen: Bock und Hyäne, zwei Tiermenschen, die sich gegenseitig nicht leiden können, doch den Jungen unbedingt zu ihrem Herrn bringen wollen, da dieser seit langer Zeit nach einem solchen Jungen sucht.

Die Erzählung ist überaus spannend und genauso wunderbar geschrieben wie die Romane. Titus erlebt darin ein düsteres, ja schauriges Abenteuer, das durch die grotesken Figuren eine ungeheure Faszination erhält. Stets stellt man sich die Frage, wie Titus aus seiner unheimlichen Gefangenschaft wieder entfliehen kann. Denn ein Entkommen scheint erfolglos, besonders da der Herr dieses bizarren Ortes, an den Titus gebracht wird, die Macht besitzt, allein durch einen Blick den Willen seiner Opfer zu brechen.

„Der Junge im Dunkeln“ ist eine erstklassige Mischung aus Fantasy und Schauergeschichte, die man auch lesen und nachvollziehen kann, wenn man Mervyn Peakes Romane noch nicht kennt. Bei der Aufmachung des Buches stellt sich allerdings die Frage, weswegen der Verlag statt eines Nachworts eine Leseprobe des ersten Gormanghast-Romans ans Ende des Buchs gestellt hat. Fast scheint es wie eine hilflose Notlösung, da man nichts anderes hinbekommen hat, was doch recht ärgerlich ist. Ein Nachwort hätte die Ausgabe um ein Vielfaches aufgwertet. Die Geschichte selbst aber ist absolut lesenswert und wird vielleicht auch Leser, die noch nichts von Mervyn Peake gelesen haben, dazu bringen, sich mit den eigentlichen Gormenghast-Romanen zu beschäftigen.

Mervyn Peake. Der Junge im Dunkeln. Klett-Cotta Verlag 2019, 110 Seiten, 16,00 Euro.

Die Klunkerecke: Frankenstein – Wie er wirklich war (1973)

Regisseur Jack Smight und Autor Christopher Isherwood gelang es Anfang der 70er Jahre, einen Frankensteinfilm zu schaffen, der mit der Romanvorlage von Mary Shelley so gut wie nichts zu tun hat und zugleich oder eher dennoch einen Meilenstein des TV-Films darstellt.

Ausgestattet mit einem großen Budget, konnte man nicht nur auf Stars wie James Mason, Jane Seymour oder John Gielgud zurückgreifen, sondern auch tolle Kulissen und großartige Explosionen kreieren. Isherwood übernahm dabei lediglich die Grundhandlung des berühmten Schauerromans, der Rest ist eine rasante Gruselstory, die teils überraschend blutig ausgefallen ist und sich von einem dramatischen Höhepunkt zu nächsten hangelt.

Victor Frankenstein (Leonard Whiting) und Dr. Clerval (David McCallum) bei einem Experiment; „Frankenstein – The true Story“ (1973); © Universal Pictures

Victor Frankenstein trifft hier auf den genialen Chirurgen Henry Clerval, der Totes wiederbeleben möchte. Nach ein paar Experimenten an toten Tieren, baut er aus Leichenteilen einen Menschen zusammen. Clerval bittet bei diesem letzten Arbeitsschritt Victor um Hilfe, was dazu führt, dass sich dieser immer mehr in das Vorhaben hineinsteigert. Das Resultat ist bekannt: ein Monster. Clerval stirbt und Frankenstein versucht, den künstlichen Menschen in die Gesellschaft einzuführen.

Doch steht Frankenstein dabei vor zwei Problemen: zum einen verfällt der Körper des Monsters und zweitens ist ihm Dr. Polidori auf den Fersen, der ihn dazu bringen will, zusammen mit ihm eine Frau zu erschaffen. Auch das gelingt, doch nach und nach gerät die Situation für Frankenstein und Polidori außer Kontrolle, was tragische und tödliche Konsequenzen mit sich bringt …

„Frankenstein – The true Story“ ist packend, dramatisch und zugleich tiefgründig und, wie bereits erwähnt, reiht dabei einen Höhepunkt an den anderen. Schon die Schaffung des Monsters ist eine wahre Sensation, wenn dabei die ganzen Instrumente explodieren. Unglaublich toll, wenn bei der Schaffung der Frau bunte Farbblasen das Bild ausfüllen und dabei dem Prozess einen leicht psychedelischen Touch verleihen. Nicht weniger originell, wenn das Monster einen Tanzabend aufmischt, um die künstliche Frau namens Prima zu entführen – mit einem wahrhaft grausamen Höhepunkt. Und schließlich das Finale auf einem Segelschiff mitten auf dem Atlantik und bei starkem Sturm, während das Monster Amok läuft.

Der Film liefert bei all dem eine grandiose Optik, sodass man nicht glaubt, einen Fernsehfilm vor sich zu haben. Die Schauspieler gehen dabei voll in ihren Rollen auf. Besonders James Mason, der wie immer einen zwielichtigen Charakter mimt. Nicht weniger grandios sind Bond-Girl Jane Seymour als Prima, der künstlichen Frau, oder auch U.N.C.L.E.-Veteran David McCallum als Chirurg Clerval. Kurz: ein absolutes Meisterstück.

Frankenstein – Wie er wirklich war (OT: Frankenstein – The true Story). Regie: Jack Smight, Drehbuch: Christopher Isherwood, Produktion: Ian Lewis, Darsteller: James Mason, Leonard Whiting, Jane Seymour, David McCallum, Michael Sarrazin, Nicola Pagett. England/USA 1973, 182 Min.

Martin Eden – Jack Londons autobiographischer Roman

Cover der deutschen Neuübersetzung bei dtv

Von einem der auszog, das Schreiben zu lernen. Jack London machte dies später in seinem Roman „König Alkohol“ (1913) zum Thema, auch wenn es, wie der Titel schon sagt, mehr um seine Alkoholsucht ging. Der 1909 erschienene „Martin Eden“ dagegen konzentriert sich voll und ganz darauf, mit welchen Schwierigkeiten einer zu kämpfen hat, der seinen Traum, Schriftsteller zu werden, verwirklichen möchte.

Seiner eigenen Aussage zufolge, hegte London bereits als Kind den Wunsch, freier Autor zu werden. Nach einem recht abenteuerlichen Leben wurde er dies dann auch, ja wurde er sogar zu einem der meist gelesenen Autoren der USA. In dem Roman übernimmt diese Rolle sein Alter Ego Martin Eden, ein Seemann, der während seines Landgangs in San Francisco den Studenten Arthur vor einer Bande Raufbolde rettet. Als Dank nimmt dieser Martin mit nachhause, wo Martin Arthurs Schwester Ruth begegnet, in die er sich Hals über Kopf verliebt.

Jack London (1903)

Angestachelt durch ihre Liebe zur Literatur, beginnt Martin Eden, selbst zu lesen und hegt bereits nach kurzer Zeit die Idee, selbst zu schreiben. Dafür opfert er nicht nur seine Zeit, sondern auch sein ganzes Geld. In völliger Armut kämpft er darum, Texte zu verfassen und diese verschiedenen Magazinen anzubieten. Mit für ihn katastrophalen Folgen. Denn immer wieder muss er zum Pfandleiher, um zu Geld zu kommen. Nicht nur das, denn hat er es endlich geschafft, einen Text bei einem Magazin unterzubringen, so wartet er vergeblich auf das Honorar.

Doch ist „Martin Eden“ noch viel mehr als eine Aufarbeitung seines eigenen Lebens. Denn Jack London lässt kein gutes Haar an der sogenannten Bildungselite. Im Gegenteil, er entlarvt Professoren und Literaturkritiker als Nichtwisser und Angeber, er macht sich lustig über die „feine“ Gesellschaft, die sich nur in Oberflächlichkeiten ergeht und er zieht den gesamten Literaturbetrieb gehörig durch den Kakao.

Cover der Erstauflage von 1909

Obwohl der Roman nun schon gute 110 Jahre auf dem Buckel hat, so hat sich seitdem so gut wie nichts geändert. Seine Kritik an der Gesellschaft im allgemeinen und dem Verlagswesen im speziellen trifft heute noch genauso zu. Und genau diese Kritik, gepaart mit vielen satirischen Seitenhieben, sind eindeutig die Stärken des Buches. Hier geht Jack London wirklich auf und liefert einen interessanten, witzigen und nicht weniger packenden Bericht ab.

Auch wenn sich der Roman anfangs ein wenig zieht, so wird die Geschichte um Martin Eden, der seinem Weg trotz aller Mahnungen und Kritik treu bleibt von Seite zu Seite besser, lebendiger und rasanter. Kurz: sehr zu empfehlen.

Jack London: Martin Eden. DTV 2018, 526 Seiten, 12,90 Euro

 

Tag der Heuschrecke – Nathanael Wests Abrechnung mit Hollywood

Cover der deutschen Neuübersetzung

Nathanael Wests Roman „Tag der Heuschrecke“ („The Day of the Locust“) aus dem Jahr 1939 gilt bis heute als einer der besten Romane über Hollywood. West hatte selbst erfolglos als Drehbuchautor gearbeitet und daher das Leben hinter den Kulissen aus erster Hand miterlebt.

In seinem Roman geht es nicht um cholerische Produzenten oder notgeile Regisseure, sondern um die Menschen, deren Träume schlicht und ergreifend zerplatzt sind. Um diejeningen also, die vergeblich versuchen, Erfolg zu haben.

Im Zentrum des Romans steht der Künstler Tod Hackett, der Kostüme und Hintergrundbilder für Filme entwickelt. Gleich zu Anfang musste er einsehen, dass Kunst in Hollywood nichts zählt. Daher arbeitet er in seiner Freizeit an einem riesigen Gemälde mit dem Titel „Der Brand von Los Angeles“. Im selben Wohnhaus lebt auch Fay Greener zusammen mit ihrem Vater Harry, einem völlig heruntergekommenen Variete-Künstler. Um Fay, die nichts anderes als Schauspielerin werden möchte, bemühen sich die skurrilsten Kerle. Natürlich auch Tod. Doch als der überaus schüchterne Homer Simpson auftaucht, nutzt sie diesen gnadenlos aus …

Cover der Originalausgabe von 1939

Ja, richtig, Homer Simpson. In der Tat entlehnte „Simpsons“-Erfinder Matt Groening den Namen seiner berühmten Figur aus Nathanael Wests Roman. Doch Wests letzte Veröffentlichung war alles andere als erfolgreich. Erst Mitte der 50er Jahre wurde die Bedeutung seiner Werke erkannt. Heutzutage zählt Nathanael West (1903 – 1940) zu den wichtigsten Autoren der US-amerikanischen Literatur.

„Der Tag der Heuschrecke“ ist ein überaus düsteres Buch. Es geht um Menschen, die auf ganzer Linie gescheitert sind, die sich auch keine Hoffnung mehr auf bessere Zeiten machen, sondern sich mit ihren geplatzten Träumen irgendwie abfinden. Da ist der Cowboy-Darsteller Earl, der nichts auf die Reihe bekommt und mit seinem mexikanischen Freund Hahnenkämpfe veranstaltet, um über die Runden zu kommen. Fay, die es nicht einmal bis zur Komparsin schafft, ihren Tagträumen nachhängt, sich dennoch aufführt wie eine Diva, in Wirklichkeit aber auf den Strich geht. Dann ist da noch der „Zwerg“ Abe Kunich, ein kleinwüchsiger Halbkrimineller, der sich allen aufdrängt. Oder der bereits erwähnte Vater Fays, der als drittklassiger Variete-Künstler auftrat und nun Putzmittel verkauft. Nur Homer Simpson hat eigentlich mit Hollywood nichts zu tun. Er kommt nach Los Angeles, um sich von einer Krankheit zu erholen. Unglücklicherweise begegnet er der hübschen Fay, die zu seinem düsteren Schicksal wird.

Nathanael West (1903 – 1940)

Nathanael Wests letzter Roman geht einem so leicht nicht mehr aus dem Kopf. Mit bitterem Spott macht er sich über seine Mitmenschen lustig und wirkt dabei erschreckend aktuell. Besonders, als er die dumpfe Masse schreiender Fans beschreibt, die auf einen großen Hollywood-Star warten, möchte man nicht meinen, dass der Roman vor fast 80 Jahren erschienen ist. Hier liefert West das Bild einer Gesellschaft ab, deren Mitglieder in eine Mediensucht fliehen, um ihren stupiden Alltag zu ertragen.

Nathanael West starb ein Jahr nach Veröffentlichung des Romans zusammen mit seiner Frau bei einem schweren Autounfall. 1975 wurde das Buch von John Schlesinger verfilmt, und David Bowie zählte den Roman zu seinen Lieblingsbüchern. Ein großartiger Roman, ein Klassiker eben.

The 80s: Ferris macht blau! (1986)

Ferris Bueller’s Day Off ist nicht nur eine der erfolgreichsten Komödien der 80er Jahre, sondern zugleich ein Klassiker, der erst kürzlich in den USA in das National Film Registry aufgenommen wurde. Er gehört damit zu den filmischen Werken, die von der Library of Congress als besonders erhaltenswert betrachtet werden.

Regisseur John Hughes, der mit Komödien wie Kevin allein zuhaus oder Mr. Mom ebenfalls große Erfolge erzielen konnte, erzählt in Ferris macht blau! die Geschichte dreier Freunde, die, wie der Titel schon verrät, für einen Tag die Schule schwänzen. Angezettelt wird diese Aktion von Ferris Bueller, der einfach mal aus dem System ausbrechen möchte, um das Leben zu genießen. Sein bester Freund Cameron leidet unter Depressionen und Angstzuständen. Und als Ferris den teuren Ferrari von Camerons Vater für die gemeinsame Spritztour ausleiht, ist dies für Cameron Trauma und Therapie zugleich. Die Dritte im Bunde ist Sloane, Ferris‘ Freundin, die jeden Blödsinn mitmacht, jedoch alles überlegter angeht.

Ihnen auf den Fersen ist Schuldirektor Rooney, der nicht glaubt, dass Ferris wirklich krank ist und ihn daher als Schwindler entlarven möchte. Auf diese Weise geraten Ferris, Cameron und Sloane von einer witzigen und schrägen Situation in die nächste, wobei Rooney gleichzeitig von einem Schlamassel ins nächste stolpert.

Während Ferris und seine Freunde in einem Nobelrestaurant zu Mittag essen, sich in einem Stadion ein Baseballspiel ansehen oder in die Kunstgallerie gehen, tappt Rooney von einem Fettnäpfchen ins nächste, wobei seine Wut auf Ferris von Mal zu Mal größer wird.

Ferris macht blau! ist jedoch alles andere als eine oberflächliche Komödie, sondern liefert zugleich einen überraschenden Tiefgang. Es geht um viel mehr, als nur darum, einen Tag von der Schule fernzubleiben und allerhand Blödsinn zu treiben. Der Film hinterfragt das kapitalistische System und den ständigen Erfolgszwang, der damit verbunden ist.

Ferris liefert eine alternative Sichtweise auf den gesellschaftlichen Zwang, etwas unbedingt tun zu müssen, indem er einfach das macht, wozu er Spaß hat. Indem Ferris (gespielt von Matthew Broderick) immer wieder mit den Zuschauern spricht, fordert John Hughes diese direkt dazu auf, sich selbst Gedanken über ihr eigenes Leben zu machen.

Auf diese Weise wirkt Ferris Bueller’s Day Off stellenweise leicht melancholisch, ohne allerdings kitschig zu werden. Denn letztendlich verweist Hughes darauf, dass es eigentlich ganz und gar unmöglich ist, aus dem System vollständig auszubrechen. Es bleibt letztendlich nur beim Versuch. Und dies hinterlässt bei allem Witz eine doch irgendwie tragische Note, vor allem, da Ferris, Cameron und Sloane kurz vor ihrem Schulabschluss stehen, was für alle drei bedeutet, dass sie bald von einander getrennt leben müssen. Aber genau diese Mischung aus sprühendem Witz und einer zwischen den Zeilen verborgenen Tragik, verleiht Ferris macht blau! diesen einzigartigen Stil.

Ferris macht blau! (OT: Ferris Bueller’s Day Off). Regie, Drehbuch u. Produktion: John Hughes, Darsteller: Matthew Broderick, Alan Ruck, Mia Sara, Jeffrey Jones, Jennifer Grey, Charley Sheen. USA 1986, 103 Min.

Buddenbrooks – Ein Roman über Emanzipation?

Thomas Manns Buddenbrooks – Verfall einer Familie (1901) wird gerne auch als „Jahrhundertroman“ bezeichnet. Es ist nicht nur der Roman einer Familie, sondern eigentlich der Roman seiner Familie, nahm Mann doch die Geschichte seiner Vorfahren als Blaupause für dieses epische Werk. Als Thomas Mann dafür 1929 den Nobelpreis für Literatur erhielt, ärgerte er sich ein wenig, dass in der Laudatio sein Zauberberg unberücksichtigt geblieben war, den er für stilistisch ausgereifter hielt als die Geschichte über den Untergang einer reichen Kaufmannsfamilie.

Endlich habe ich den Roman ebenfalls gelesen, nachdem ich mich immer wieder davor gedrückt habe. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich dieses kolossale Werk erst jetzt für mich entdeckt habe, denn so kam ich in den Genuss eines packenden Familiendramas, das sich zwar über mehrere Generationen erstreckt, sich aber auf das Schicksal von Thomas Buddenbrook und seiner Geschwister konzentriert.

Obwohl Thomas Buddenbrook im Zentrum des Geschehens steht, so fällt auf, dass seiner Schwester Toni Buddenbrook beinahe genauso viel Raum in der Geschichte zukommt. Manchmal dachte ich mir sogar, dass Thomas Mann Antonie interessanter fand als Thomas, vor allem da mit ihr ein weiteres Thema in den Roman Einzug erhält, nämlich das der Emanzipation.

Toni ist von Anfang an ein aufgewecktes Kind, das sich gegen alle Konventionen stellt. Schnell aber muss sie erfahren, dass sie als Frau vollkommen dem Patriarchat unterliegt. Ihre einzige wahre Liebe findet keine Erfüllung. Stattdessen wird sie gezwungen, den widerlichen und aufdringlichen Kaufmann Bendix Grünlich zu heiraten. Bendix hat es natürlich nur auf die Mitgift abgesehen. Die Ehe scheitert. Doch Toni muss von da an mit den Schmähungen fertig werden, welche die Gesellschaft gegenüber geschiedenen Frauen hegt.

Alleinerziehend, lebt sie wieder bei ihrer Familie, bis sie in München einen weiteren sonderbaren Kauz namens Alois Permaneder kennenlernt, dessen Verhalten sie zunächst fasziniert, der sie jedoch später mit dem Hausmädchen betrügt. Wiederum ist Toni geschieden und muss die oben erwähnten Schmähungen erleiden.

Trotz ihres Scheiterns aber lässt sie nicht locker. Sie beginnt, sich mit Wahlrecht auseinanderzusetzen, was die Männerwelt geradezu schockiert. Ich glaube, dass in einem der letzten Kapitel sogar steht, dass sie sich Gedanken über das Frauenwahlrecht macht. Eine ganz kurze Stelle, die Thomas Mann wie nebenbei erwähnt.

Ein weiterer Aspekt, der mit dem Thema Emanzipation einhergeht, findet sich bei Thomas Buddenbrooks Bruder Christian, der immer wieder betont, dass er es in einem Büro nicht aushält, sondern lieber selbständig und frei werden möchte. Ähnlich wie bei Toni, so ist auch sein Streben nach Unabhängigkeit zum Scheitern verurteilt, was jedoch an ihm selbst liegt und nicht an der Gesellschaft.

Er ist überaus naiv und leichtsinnig, möchte so etwas wie ein Bohemien oder Dandy sein, doch prallen seine Vorstellungen mit voller Wucht immer wieder auf die Realität, die so aussieht, dass Christian unter einer immer stärker werdenden Psychose leidet.

Sowohl Toni als auch Christian finde ich aufgrund ihrer Versuche, sich von den traditionellen Regeln zu lösen, am interessantesten in dem Roman. Ihre Schicksale sind überaus bewegend und mitreißend, wobei man jedoch gegenüber Christian stets eine Mischung aus Sympathie und Ablehnung hegt. Sein Verhalten erscheint manchmal extrem egoistisch, was jedoch auch auf seine Psychose zurückzuführen ist.

Emanzipation ist natürlich nur eines von vielen Themen, die in diesem großartigen Roman zu finden sind. Doch verleiht dies, wie ich finde, den Buddenbrooks einen zusätzlichen Reiz und eine zusätzliche Spannung.