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Posts Tagged ‘Klassiker’

Die Idee trug Regisseur Tom Holland bereits ein ganzes Jahr mit sich herum, bevor er dazu überging, diese in ein Drehbuch umzuarbeiten. Die Produktionsfirma Columbia Pictures gab ihm das kleinst mögliche Budget und interessierte sich nicht weiter für das Projekt. Als der Film dann 1985 in die Kinos kam, war man in der Chefetage dann doch überrascht. Denn das Einspielergebnis lag bei fast 25 Millionen Dollar – gegenüber dem Budget von knapp 7 Millionen.

„Fright Night“ wurde ein echter Kassenschlager. Und das, obwohl man ihm durchaus das geringe Budget ansieht. Doch Tom Holland machte das Beste daraus – und hinzu kam, dass ihm keiner der Produzenten ins Handwerk pfuschte. Das Ergebnis war eine nette Horrorkomödie, die sich lustig macht über das Leben in den US-amerikanischen Vororten und genau so die durch das Horrorgenre stark geprägte Popkultur.

Horror hatte damals Hochkonjunktur. Umso witziger ist es daher, wenn Charley Brewster, der zusammen mit seiner Mutter neben einem leer stehenden Haus wohnt, vergeblich versucht, ihr zu erklären, dass sie seit letzter Nacht einen Vampir als Nachbar haben. Doch nicht nur seine Mutter hält ihn für ein bisschen zu überdreht (sie schiebt es darauf, dass er in letzter Zeit zu viel gelernt habe), sondern auch seine Freundin Amy und sein Kumpel Edward, den Charley immer Teufel nennt – in der Originalfassung trägt Edward den Spitznamen Evil Ed, als Anspielung auf den Klassiker „Evil Dead“. Als alles nichts hilft und es zu sonderbaren Todesfällen kommt, betrachtet Charley den drittklassigen Schauspieler Peter Vincent, der eine erfolglose Horrorsendung in einem Regionalsender moderiert, als seine letzte Hilfe.

Die Handlung, die sich auf diese Weise weiter entwickelt, ist wirklich witzig, hinzu kommen tolle Spezialeffekte, die sich der Film für die zweite Hälfte des Films aufhebt. Robert Enlund, der ein Jahr davor die Spezialeffekte für „Ghostbusters“ mitentworfen hatte, durfte hier nochmals sein Können zeigen. Trotz des Witzes, der die gesamte Handlung durchzieht, regen die Gags weniger zum Lachen als viel mehr zum Schmunzeln an. In den einzelnen Aufnahmen gibt es immer wieder viele Anspielungen auf das Horrorgenre zu entdecken (wie z.B. der Zaun in Form eines Vampirgebisses), doch der Konflikt zwischen Charley und dem Vampir Jerry Dandridge, der Amy entführt, erscheint dann doch zu sinnlich und zu düster, als dass er als reine Komödie durchgehen könnte, viel eher scheint in diesen Szenen dann eine Hommage an die klassischen Vampirfilme hindurch.

Dies ist andererseits aber auch die Stärke des Films, denn das Düstere und das Lustige schließen sich in dem Film nie gegenseitig aus. Dies liegt vor allem daran, da „Fright Night“ sich nicht lustig über das Horrorgenre macht. Es kommt zu keinen Veralberungen, im Gegenteil, wenn es um Vampirismus geht, so bezieht sich Holland sowohl auf Aspekte des Aberglaubens als auch auf die entsprechenden filmischen Merkmale. Besonders ist hierbei, dass der Vampir als bisexuell charakterisiert wird. Holland bringt diese Merkmale stets in einen alltäglichen Zusammenhang, woraus sich eine originelle Situationskomik ergibt.

„Fright Night“ entwickelte sich rasch zu einem Klassiker des Genres. Ein Jahr darauf sollte Tom Holland (wieder in Zusammenarbeit mit Schauspieler Chris Sarandon) einen weiteren Klassiker der 80er Jahre kreieren: „Child’s Play“, der in Deutschland unter dem Titel „Chucky – Die Mörderpuppe“ in die Kinos kam.

„Fright Night 2“ (1988) war zwar in den Kinos deutlich weniger erfolgreich als das Original, holte dies aber durch den Video-Release nach. Das Remake von 2011 orientierte sich zum großen Teil am Originalfilm, wobei es ihm durchaus gelang, den Humor beizubehalten. Auch zu diesem Film wurde ein Sequel gedreht, das aber nur noch auf DVD erschien.

Fright Night. Regie u. Drehbuch: Tom Holland, Produktion: Herb Jaffe, Darsteller: Chris Sarandon, William Ragsdale, Amanda Bearse, Stephen Geoffreys, Roddy McDowall. USA 1985, 106 Min.

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Cover der Originalausgabe von 1945

Als Evelyn Waughs Roman „Wiedersehen mit Brideshead“ 1945 erschien, wurde er von den Kritikern eher mittelmäßig bewertet. Eigentlich wusste niemand so recht, was der Roman sollte. Und vor allem das Ende ließ die Leser irgendwie unbefriedigt zurück. Dennoch wurde „Wiedersehen in Brideshead“ ein Bestseller. Dies nicht nur in England, sondern auch in den USA, wo bis dahin Waughs Romane nur wenige Leser gefunden hatten.

„Wiedersehen mit Brideshead“ ist in aller erster Linie ein Familienroman. Allerdings nicht geschildert aus der Perspektive eines der Mitglieder, sondern eines Freundes und Liebhabers namens Charles Ryder. Als dieser während des Zweiten Weltkriegs im Landhaus Brideshead stationiert wird, beginnt er sich an die Zeit zu erinnern, als er selbst immer wieder in den 20er und 30er Jahren hierher gekommen ist.

Evelyn Waugh (1903 – 1966)

Aus dieser Rahmenhandlung ergibt sich eine wunderbare Geschichte, die voller Witz, Tragik und einer sanften Melancholie steckt. Es geht um Liebe, um Verlust, um Veränderung. Und dabei erschafft Evelyn Waugh ein Kaleidoskop einzigartiger tragikomischer Figuren, die dem Leser regelrecht ans Herz wachsen. Angefangen von Sebastian Flyte, der mit seinem Teddybären die Uni in Oxford besucht und mit dem sich Charles anfreundet, ja sich regelrecht in ihn verliebt, bis hin zur sinnlich-melancholischen Julia, Sebastians Schwester, für die Charles später seine Frau verlässt. Und dann gibt es da noch die vielen Nebenfiguren, wie den schrulligen Anthony Blanche, Julias ersten Mann Rex Mottram, der sich durch jeden und alles Vorteile erhofft, oder sogar den sonderbaren, fast schon widerlichen Kurt, der später von Sebastian nicht mehr weichen will.

Waugh haucht all diesen Figuren ein unvergleichliches Leben ein, was den Roman an sich zu etwas überaus Lebendigem macht. Als Leser ist man mitten drin in dem Geschehen. Man fühlt mit den Figuren, man lacht über die gelungenen Gags und ist tief betroffen bei den tragischen Episoden. Und dann ist da noch dieser wundervolle Schreibstil, mit dem man durch Charles Ryders Erlebnisse gleitet: nicht nur flüssig und makellos, sondern in jeder Hinsicht elegant.

Cover der Neuübersetzung im Diogenes Verlag

In absolute Hochform kommt Waugh im ersten Kapitel des dritten Teils, als Charles zusammen mit seiner Frau auf einem Schiff von den USA zurück nach England fährt und dort nach langen Jahren (ich glaube, es sind inzwischen zehn Jahre vergangen), wieder auf Julia trifft. Ich habe das Kapitel gleich mehrmals nacheinander gelesen, da es einfach nur wunderbar, genial, ja schlicht und ergeifend perfekt ist.

Doch dann kommt eben dieser unerwartete Schluss des Romans, der einem nach dem letzten Kapitel ratlos und nach dem Epilog irgendwie erschreckt zurücklässt. Es ist so, als wollte Waugh den Leser am Ende aus seinem Roman wieder vertreiben und die Tür hinter ihm zu schlagen. Nach dem Motto: Tschüss, das war’s dann. Aber böse kann man ihm deswegen nicht sein. Dafür ist die Geschichte von Charles und der Familie Flyte einfach ein zu großes Geschenk.

1981 wurde der Roman als TV-Serie verfilmt und schrieb dadurch Fernsehgeschichte. Der Erfolg der Serie war so enorm, dass in den USA Brideshead-Partys veranstaltet wurden und Geschäfte in ihren Auslagen Kleidung aus der damaligen Zeit (20er und 30er) ausstellten. Nicht zuletzt wurde dadurch der Roman selbst erneut zu einem Bestseller. Die Kinoadaption aus dem Jahr 2008 dagegen ging zu recht unter. Der Film konstruierte die Handlung des Romans auf eine Weise um, sodass diese völlig falsch wiedergegeben wird.

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Zwischen den Jahren 1811 und 1815 veröffentlichten die beiden Schriftsteller Friedrich Laun und Johann August Apel „Das Gespensterbuch“, eine Sammlung unheimlicher Erzählungen in fünf Bänden. Im Jahr 1812 stellte der französische Übersetzer Jean-Baptiste Benoît Eyriès daraus eine eigene Sammlung zusammen, die er unter dem Titel „Fantasmagoriana“ veröffentlichte.

Es war diese französische Ausgabe, die 1816 Lord Byron, seinem Arzt Polidori, Mary Shelley und ihrem Mann Percy Shelley in die Hände fiel, als sie sich im Sommer jenes Jahres in der Villa Diotati aufhielten. Da es mehrere Tage durchgehend regnete, vertrieb man sich die Zeit mit dem Vorlesen der unheimlichen Geschichten aus jenem Buch.

Dies führte dazu, dass die Gruppe daraus ein Spiel machte, denn jeder sollte nun eine eigene unheimliche Geschichte erfinden. Während Polidori die berühmte Erzählung „Der Vampyr“ verfasste, sollte dieses Spiel ebenfalls zur Geburt eines anderen Stücks Weltliteratur führen: zu dem Roman „Frankenstein“, der eben durch jene Geschichten inspiriert wurde.

Im Verlag Ripperger u. Kremers ist nun eben diese Anthologie, wie sie Byron, Polidori und das Ehepaar Shelley in den Händen hielten, erschienen. Neun Erzählungen beinhaltet die Sammlung, von denen „Die Bilder der Ahnen“ die Bewohner der Villa anscheinend am meisten beeindruckt hat. Darin geht es um einen unheimlichen Familienfluch, denn durch die Gemäuer eines alten Herrenhauses stampft in manchen Nächten ein Ritter. Und wenn dies geschieht, so kommt es jedes Mal zu sonderbaren Todesfällen.

Und auf diese Weise geht es weiter. In „Die Totenbraut“ verführt eine Untote junge Männer, in „Der Totenkopf“ nimmt eine Geisterbeschwörung ein fatales Ende und in „Verwandtschaft mit der Geisterwelt“ erzählt eine junge Frau von ihrer verstorbenen Schwester. Das Märchen „Stumme Liebe“ ragt dabei aus der Sammlung heraus, da es sich hierbei um eine Art fantastisches Abenteuer handelt, in dem ein Mann, der sein ganzes Erbe verprasst hat, nach einem geheimnisvollen Schatz sucht. Dennoch besitzt auch diese Geschichte ihre unheimlichen Momente und liefert sozusagen den Auftakt zu den übrigen Erzählungen.

Der Sammlung voran geht das Vorwort von Jean-Baptiste Benoît Eyriès, das hier zum ersten Mal überhaupt in einer deutschen Übersetzung vorliegt. Die Zusammenstellung bietet nicht nur kurzweilige und spannende Unterhaltung, sondern liefert zugleich einen faszinierenden Einblick in die damalige Lebenswelt. Ein sehr interessantes Nachwort von Markus Bernauer rundet das Buch ab. Wer sich also nicht nur angenehm gruseln lassen, sondern auch wissen möchte, was bei Percy Shelley damals eine regelrechte Wahnvorstellung ausgelöst hatte, der hat sicherlich viel Vergnügen mit diesem Buch.

Fantasmagoriana. Geisterbarbiere, Totenbräute und mordende Porträts. Ripperger u. Kremers 2017, 288 Seiten, 19,90 Euro, ISBN: 978-3-943999-88-4

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Einmal gegrilltes Huhn bitte; „Weltraumbestien“ (1957); Copyright: JSV

Wenn es einen Regisseur gibt, der mit dem Phantastischen Film eng verbunden ist, so ist dies Ishiro Honda. Auf sein Konto geht nicht nur „Godzilla“, sondern auch jede Menge weiterer Monsterfilme, die das Image des japanischen Films (neben den Werken Akira Kurosawas) im Ausland prägten.

1957 drehte Honda den SF-Film „Weltraumbestien“, den Kritiker gelegentlich als die japanische Version von „Krieg der Welten“ bezeichnen. In Hondas Film als auch in der berühmten Adaption von H. G. Wells‘ Klassiker geht es um eine Invasion vom Mars. Nur, dass sich die Hintergründe der Invasion in „Weltraumbestien“ ein wenig komplexer gestalten.

Originalplakat von „Weltraumbestien“

Denn in diesem Film stammen die außerirdischen Invasoren von einem Asteroiden namens Mysteroid, der einst Teil eines Planeten gewesen sein soll. Von dort seien die Außerirdischen auf den Mars geflohen und wollen nun die Erde besetzen. Das alles beginnt mit einem sonderbaren Waldbrand, der bereits das erste Anzeichen der Landung der Mysteroiden ist. Kurz darauf greift ein Riesenroboter eine kleine Stadt an. Während das Militär vergeblich gegen die Invasoren kämpft, versucht eine Gruppe internationaler Wissenschaftler, eine Waffe zu entwickeln, die gegen die überlegene Technik der Außerirdischen doch noch etwas bewirken kann …

„Weltraumbestien“ weist in allererster Linie eine hervorragende Optik auf. Auch wenn aus heutiger Sicht der Roboter ziemlich trashig wirkt, so ist die riesige Kampfmaschine dennoch genial in Szene gesetzt. Doch bleibt es nicht allein bei dem Angriff der gewaltigen Maschine, sondern es kommt zu Erdbeben und Überflutungen – und nicht zuletzt ist da der verzweifelte Kampf der Menschen gegen die Außerirdischen.

Aber das ist … das ist doch … 🙂 ; „Weltraumbestien“ (1957); Copyright: JSV

Es ist also mächtig was los in dem Film, der, ähnlich wie in „Godzilla“, die Verzweiflung und die Tragik der Katastrophe hervorhebt, was „Weltraumbestien“ recht düster und ernst erscheinen lässt. Man sieht, dass hier die Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg verarbeitet wurden. Die Bilder der fliehenden Bewohner der Stadt erscheinen beinahe wie aus einer Wochenschau.

US-Plakat von „Weltraumbestien“

Diesem Realismus gegenüber stehen die detailverliebten Spezialeffekte sowie der geniale Trash-Faktor des Films, der sich z.B. bei der Entführung der Frauen bemerkbar macht, da die Außerirdischen sich mit ihnen paaren wollen, um den zunehmenden Mutationen entgegenzuwirken. So steht plötzlich einer der fremden Besucher im Garten, schnappt sich die Frau und zieht sie mit sich hoch in das im Himmel schwebende UFO, was ungefähr so aussieht, als würde ein verkleideter Ken auf einem unsichbaren Seil Barbie in die Höhe ziehen. Immerhin handelt es sich bei der Darstellerin um Momoko Kochi, die durch ihre Rolle in Hondas „Godzilla“ weltberühmt wurde.

Auf jeden Fall ist „Weltraumbestien“ ein durch und durch sehenswerter Film, bei dem einem aufgrund seines Lärmpegels nur so die Ohren dröhnen. Während der Film in Japan ein großer Erfolg war, wollte sich dieser im Ausland und vor allem in den USA leider nicht einstellen.

Weltraumbestien (OT: Chikyū Bōeigun). Regie: Ishiro Honda, Drehbuch: Takeshi Kimura, Produktion: Tomoyuki Tanaka, Darsteller: Kenji Sahara, Yumi Shirakawa, Momoko Kochi, Akihito Hirata, Takashi Shimura. Japan 1957, 89 Min.

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Literaturnobelpreisträger Sinclair Lewis (1885 – 1951) verfasste mit seinem Roman „Babbitt“ eine der Satiren über den Alltag in den USA. Veröffentlicht 1922, hat dieses Buch nichts von seiner Aktualität verloren.

Es geht um den Immobilienmakler George Babbitt, der die Alltagsroutine mehr und mehr satt hat. Doch obwohl er immer den Wunsch verfolgt, sich zu verändern, fällt er dennoch wieder zurück in den alltäglichen Trott. Dies scheint sich zu ändern, als er die attraktive Tanis Judique kennenlernt. Doch was ihn zunächst wie ein neues Leben scheint, besitzt letztendlich auch wieder seine negativen Seiten …

Man könnte „Babbitt“ als den Roman über Amerika bezeichnen. Lewis konzentriert sich zwar auf das soziale Milieu der Mittelschicht, blickt aber auch immer wieder in andere Bereiche der Gesellschaft. Daraus ergibt sich ein ganzes soziokulturelles Panorama, das von ihm minutiös durch den Kakao gezogen wird. Denn die USA, in der Freiheit hochgehalten wird, wird bestimmt von strengen gesellschaftlichen Regeln, denen man sich beugen muss, wenn man nicht ins Abseits rutschen möchte.

Sinclair Lewis (1914)

Babbitt beginnt eben diese Regeln nach und nach zu hinterfragen. Dabei versucht er zwar immer wieder, selbst diese Regeln zu durchbrechen, scheitert letztendlich aber immer wieder an sich selbst. Das fängt schon damit an, dass er mit dem Rauchen aufhören möchte, aber dann doch immer wieder Zigarren raucht, da er es ja immer schon so getan hat.

Doch die Regeln und der Anstand erweisen sich als bloße Fassade. Die Konsequenz davon ist ein Spießertum, das sich vor allem in der Mittelschicht gebildet hat und dort regelrecht zelebriert wird. Dieses satirische Blossstellen sollte ca. 40 Jahre später auch Richard Yates in seinem berühmten Roman „Zeiten des Aufruhrs“ aufgreifen, wenn auch intensiver.

Liest man „Babbitt“, so ist dies so, als würde einem jemand die Augen öffnen. Denn der Roman wirkt wie ein Schlüsselwerk, mit dem man auf einmal alle anderen US-amerikanischen Romane und Filme besser versteht. Und der wunderbare Schreibstil lässt einen dabei regelrecht durch George Babbitts Weltsicht gleiten, deren Kernpunkte sich ohne weiteres auch auf unsere Gesellschaft übertragen lassen. Ein wirklich toller Roman.

Sinclair Lewis. Babbitt. Manesse 2017, 782 Seiten, 28,00 Euro, ISBN: 978-3-7175-2384-0

 

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Auf die Idee zu ihrem berühmten Roman „Meine Cousine Rachel“ (1951) kam Daphne du Maurier durch ein Gemälde, das Rachel Carew (1669 – 1705) darstellte, die zweite Frau eines damaligen Politikers und Großgrundbesitzers. Der Roman wurde sogleich zum Bestseller, ein Jahr später bereits verfilmt und in diesem Jahr erneut für die Kinoleinwand adaptiert.

Wie auch „Rebecca“ (1938), so handelt es sich bei „Meine Cousine Rachel“ um eine Mischung aus Krimi und Mystery, wobei die Handlung im 17. oder 18. Jahrhundert spielt. Seit dem Tod von Philips Eltern, kümmert sich um ihn sein zwanzig Jahre älterer Cousin Ambrose. Ambrose ist ein reicher Großgrundbesitzer und Philip soll einmal das Gut erben. Beide sind unverheiratet und können mit Frauen im Grunde genommen nichts anfangen. Das ändert sich jedoch, als Ambrose in Italien, wohin er auf Anraten seines Arztes reist, um dadurch seine rheumatischen Beschwerden zu kurieren, eine Frau namens Rachel kennenlernt, halb Italieniern, halb Engländerin, die er kurz darauf heiratet.

Herrschen zuhause in England zunächst Überraschung und helle Freude darüber, dass Ambrose unerwartet geheiratet hat, so nimmt die Sache eine sonderbare Wendung, als Philip ein Schreiben von Ambrose erhält, in dem steht, dass er so schnell wie möglich nach Florenz kommen solle, da er schwer erkrankt sei. Doch bei seiner Ankunft ist Ambrose bereits tot und seine Frau spurlos verschwunden.

Kaum ist Philip, der noch ein Jahr warten muss, bis er sein Erbe antreten kann, wieder zurück in Cornwall, als Rachel vor seiner Tür steht. Diese entpuppt sich als eine hübsche, liebevolle Frau, die sozusagen Leben in die Bude bringt, was dazu führt, dass Philip ihr vollkommen verfällt. Doch irgendetwas scheint mit Rachel nicht zu stimmen. Führt sie etwa eine Art Doppelleben?

Daphne du Maurier (ca. 1930)

Mit Rachel schuf Daphne du Maurier eine der mit Sicherheit geheimnisvollsten Figuren der Weltliteratur. Der ganze Roman hat im Grunde genommen nur das eine Thema: Wer ist diese Rachel überhaupt? Ist sie tatsächlich diese liebevolle und zugleich sinnliche Frau, die Philip in ihr sieht und die ihn in einen regelrechten Liebeswahn stürzt, oder ist alles bloß Fassade und sie ist in Wirklichkeit eine Betrügerin?

Das Rätsel und der Versuch, dieses aufzudecken, machen diesen Roman zu einem mysteriösen Psychothriller, der nichts zu wünschen übrig lässt. Gleich zu Beginn, wenn Philip sich die Frage stellt, wer Rachel nun eigentlich wirklich ist, herrscht diese düstere, geheimnisvolle Aura, die den gesamten Roman durchzieht.

Philip, der vollkommen unerfahren ist, weiß selbst nicht, wie ihm geschieht. Sicher ist nur, dass er Rachel nicht mehr weggehen lassen möchte, trotz dieser sonderbaren Briefe, die Ambrose in Büchern und Kleidungsstücken versteckt hat.

Besonders die zweite Hälfte des Romans reißt einen regelrecht mit, sodass man mit dem Lesen einfach nicht mehr aufhören kann. Ähnlich wie die „Überfrau“ Rebecca, so ist auch Rachel schwer zu greifen und zu begreifen. Das macht sie zu einer überaus rätselhaften Gestalt, die nicht weniger unheimliche Züge aufweist und von der man nicht sagen kann, ob sich Philip hier einen Engel oder ein Monster ins Haus geladen hat. Dies macht „Meine Cousine Rachel“ zu einem absolut fesselnden Roman, der in einem noch lange nachwirkt.

Daphne du Maurier. Meine Cousine Rachel. Insel Verlag 2017, 416 Seiten, 12,00 Euro, ISBN: 978-3-458-36197-8

 

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Eine Illustration aus einer Ausgabe von 1796

Wenige Jahre vor der Französischen Revolution veröffentlichte der Offizier Choderlos de Laclos (1741 – 1803) einen Briefroman mit dem Titel „Les Liaisons dangereuses“, auf deutsch „Gefährliche Beziehungen“, der sofort zum Bestseller wurde. Innerhalb nur eines Monats war die Auflage von 2000 Exemplaren ausverkauft, sodass nachgedruckt werden musste. Bis heute zählt de Laclos‘ einziger Roman als eines der wichtigsten Werke der französischen Literatur.

De Laclos schrieb seinen Roman aus einer gewissen Laune heraus. Als Offizier, der sich eine weitere Karriere beim Militär ausmalte, überging man ihn, da er nicht adelig genug war. Dies brachte ihn in Rage. Aus Wut gegenüber der höfischen Gesellschaft verfasste er eine Geschichte um den dekadenten und intriganten Vicomte de Valmont, der sich an der Frau eines Offiziers rächen möchte, da sie mit ihm nicht ins Bett will. Zugleich ist da aber auch die hinterhältige Marquise de Merteuil, die aus Rache eine junge Frau, die gerade aus der Klosterschule kommt, ins Verderben führen will.

Choderlos de Laclos (1741 – 1803)

Mit dem Vicomte und der Marquise schuf de Laclos zwei Figuren, die es ohne Wenn und Aber in die Hall of Fame der literarischen Fieslinge bringen würden, wenn sie dort nicht schon längst Einzug gehalten haben. Ihre Briefe, die sie sich regelmäßig schicken, strotzen nur so vor Bosheit und Gemeinheit, dass man den beiden wirklich nichts Gutes wünscht.

Valmont betrachtet Frauen und Männer lediglich als Spielfiguren, mit denen er seinen Spaß haben kann. Er gibt sich nach außen hin höflich und zuvorkommend, in Wirklichkeit aber ist er das, was man einen Wolf im Schafspelz bezeichnet. Er benutzt seine Verführungskünste nicht allein zur Lustbefriedigung, sondern um die Frauen, die sich auf ihn einlassen, ins Unglück zu stürzen. Wegen ihm gerieten bereits mehrere Damen in Skandale und wurden aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen.

Ihm aber sind die Schicksale seiner Opfer egal, im Gegenteil, er brüstet sich sogar mit seinen Untaten und benutzt die Rücken seiner Gespielinnen als Schreibtisch. Die einzige Person, mit der er so etwas wie eine echte Freundschaft unterhält, ist die Marquise de Merteuil, wahrscheinlich aber nur, weil sie ihm in Sachen Bosheit ebenbürtig ist. Gemeinsam hecken sie daher den Plan aus, zwei Personen ins Unglück zu stürzen. Valmont geht nur darauf ein, da die Marquise ihm verspricht, nach Gelingen der Tat mit ihm zu schlafen.

Der Roman war damals ein Skandal, da er die adelige Gesellschaft als dekadent, vergnügungssüchtig und im gewissen Sinne sexbesessen schildert. Die Frauen, die sich mit ihren teils viel zu alten Ehemännern langweilen, gehen fremd, die Ehemänner sind größtenteils zu dumm und zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um dies zu merken. Andeutungsweise geht de Laclos so weit, die Marquise als bisexuell zu skizzieren, was in manchen ihrer Briefe hindurchschimmert.

Doch ist „Gefährliche Liebschaften“ mehr als nur ein Roman über Verführung und Intrige. Er liefert zugleich Einblicke in das damalige Alltagsleben und übt zugleich Kritik daran, wie Frauen an reiche Männer verkuppelt werden, nur um den eigenen Lebensstil erhalten oder sogar verbessern zu können. Dies wird vor allem in den Briefen der jungen Cecile deutlich, die ihre Ängste vor einer solchen Heirat ihre besten Freundin schildert. Verliebt ist Cecile in den jungen Chevalier de Danceny, doch Ceciles Mutter will aus den oben genannten Gründen, dieser Beziehung ein Ende bereiten. Dabei geht Ceciles Mutter so weit, das Zimmer ihrer Tochter zu durchsuchen, um die Briefe Dancenys zu finden und ihm zurückzuschicken.

Manche behaupten, „Gefährliche Liebschaften“ sei ein langweilger Roman. Dem kann ich nicht zustimmen. Ich finde das Werk sehr dicht, spannend und nicht weniger aufreibend, besonders dann, wenn Valmont und die Marquise weiter an ihren hinterhältigen Plänen schmieden. Überaus faszinierend finde ich außerdem, wie de Laclos seinen Figuren in den jeweiligen Briefen Stimmen verleiht, die so lebendig erscheinen, als würde man einen tatsächlichen Brief lesen.

1988 wurde „Gefährliche Liebschaften“ von Stephen Frears verfilmt, wobei das Drehbuch nicht auf dem Roman, sondern auf dem Theaterstück basiert, das sich an dem Roman orientiert. Damals spielten John Malcovich Valmont und Glenn Close die Marquise.

 

 

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