Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Klassiker’

Cover eine Ausgabe von 1893

Als Thomas Hardys Roman „Tess of the d’Urbervilles“ 1891 erschien löste er einen Skandal aus. Vor allem männliche Leser betrachteten den Roman als einen Angriff auf die vorherrschenden Moralvorstellungen. Der Unterttitel lautete „A pure Woman“ (eine reine Frau). Doch gerade an dieser Bezeichnung regten sich die damaligen Gemüter auf. Die Frage lautete, wie Hardy seine Heldin oder vielleicht besser Antiheldin als „rein“ bezeichnen kann, wenn sie doch vorehelichen Geschlechtsverkehr hat, ein uneheliches Kind zur Welt bringt und später einen Mann ermordet?

Tess Durbeyfield ist im Grunde genommen ein Opfer. Das Leben bei ihren Eltern in dem Dorf Marlott ändert sich praktisch von einer Sekunde auf die andere, als ihr Vater erfährt, dass er ein Nachfahre des ehemaligen Rittergeschlechts d’Uberville ist. Schnell versucht ihre Mutter, Mittel zu finden, um diese Erkenntnis finanziell auszunutzen. Tess wird kurzerhand in einen Nachbarort geschickt, wo angeblich weitere Nachfahren dieser Familie leben, welche jedoch im Gegensatz zu Tess’ Familie Gutsbesitzer sind. Sie begegnet Alec d’Urberville, einem niederträchtigen Lebemann, der ihre Unerfahrenheit ausnutzt. Tess stürzt dadurch in eine tiefe Krise, aus der sie sich nur langsam erholt. Auf einem Bauernhof versucht sie als Milchmagd ihre Vergangenheit zu vergessen.

Thomas Hardy (1840 – 1928)

Doch die Begegnung mit Angel Clare, der auf demselben Hof sein Wissen über landwirtschaftliche Methoden erweitern will, um später einmal einen eigenen Bauerhnhof zu führen, konfrontiert sie erneut mit ihrem „unmoralischen“ Erlebnis. Die Liebesbeziehung zwischen Tess und Angel wird durch einen weiteren Aspekt bedroht. Alec, der sich inzwischen zu einem religiösen Fanatiker verwandelt hat, hat Tess aufgespürt und stellt ihr erneut nach.

Hardys Roman über eine Frau, deren Leben durch die patriarchalen Moralvorstellungen der viktorianischen Gesellschaft quasi zur Hölle gemacht wird, liest sich auch heute noch packend und ergreifend. Der Autor liefert dem Leser eine Fülle an lebendigen Charakteren, die man selbst nach Beendigung des Buches nicht so schnell vergisst. Sensationell ist hierbei, wie Hardy im Laufe des Romans Tess’ Charakter von einem unerfahrenen Mädchen zu einer geplagten Frau transformiert. Während damalige (männliche) Leser Tess mit Verachtung gestraft haben, hat man heute mit der Figur Mitleid.

Illustration aus der Erstausgabe von „Tess“

Hardy zeigt, dass Frauen in der damaligen Gesellschaft den Ansichten über Moral und Anstand, welche nicht von Frauen, sondern von Männern geprägt wurden, völlig ausgeliefert waren. Während für Männer moralische Regeln weniger streng ausgelegt wurden, waren Frauen auf der Stelle gebrandmarkt, wenn sie sich nicht an die herrschende Moral hielten. Diese zu Gunsten der Männer ausgelegten Bestimmungen prangert Hardy in „Tess“ entschieden an. Laut Dorothee Birke, welche das Nachwort zur 2013 im DTV-Verlag erschienen Übersetzung verfasste, soll Thomas Hardy von seinen weiblichen Lesern viele Dankesbriefe und Zustimmung erhalten haben.

„Tess“ ist jedoch alles andere als eine trockene Abhandlung über Moralvorstellungen. Der Konflikt zwischen den unterschiedlichen Ansichten prägt vielmehr den Ablauf der Handlung sowie das Verhalten der Figuren, sodass eine mitreißende Dramatik entsteht. „Tess“ wird dadurch zu einem spannenden Roman über eine Frau, die nicht so leben darf wie sie möchte.

Read Full Post »

schauheimwaertsengel

Cover der Originalausgabe von 1929

Es gibt nicht viele Romane, von denen gleich eine Vielzahl von bekannten Schriftstellern behaupten, dass dieser sie selbst zum Schreiben gebracht oder ihren Stil beeinflusst habe. Ein solcher Fall ist „Schau heimwärts, Engel“ von Thomas Wolfe (1900 – 1938) aus dem Jahr 1929.

Philip Roth, Ray Bradbury, William Faulkner, sogar Hermann Hesse konnten sich nicht diesem Meisterwerk entziehen. Jack Kerouac und die gesamte Beat Generation betrachtete Thomas Wolfe als ihr Vorbild. Und dies nicht ohne Grund. Das, was Thomas Wolfe dem damals bekannten Lektor Maxwell Perkins anbot, sucht bis heute seinesgleichen. Das Manuskript soll angeblich weit über 1000 Seiten gehabt haben. Um es in einen Band herausbringen zu können, wurde der Text auf knapp 600 Seiten zusammengestrichen.

Wolfe war davon nicht wirklich begeistert, doch lag es ihm vor allem daran, endlich den Roman veröffentlichen zu können, nachdem bereits mehrere Verlage das Buch abgelehnt hatten. „Schau heimwärst, Engel“ ist die Geschichte der Familie Gant, die in dem fiktiven Ort Altamont lebt, wo der Vater als Steinmetz arbeitet. Vor dem Geschäft steht ein steinerner Engel, da Gant sich von einem gemeißelten Engel, den er einmal gesehen hatte, zum Bildhauer berufen sah. Im Mittelpunkt aber steht der Junge Eugene Gant, der als letzter von insgesamt acht Kindern zur Welt kommt.

schauheimwaertsengel1

Thomas Wolfe (1937)

In der Familie geht es alles andere als harmonisch zu. Der Vater ist ein Trinker und versucht stets, seine Frau zu demütigen, während Eliza von Grundstückspekulationen nicht genug bekommen kann, was dazu führt, dass sie sich nicht richtig um ihre Kinder kümmert. Auf diese Weise bekommt Eugene vor allem tiefe familiäre Konflikte mit. Sein ältester Bruder Steve verkommt zu einem Alkoholiker und Herumtreiber, Eugene selbst wird von der eigenen Familie als Außenseiter betrachtet, da er sich für Literatur interessiert und lieber Bücher liest, als sich einen Job zu suchen.

Wolfe erzählt in „Schau heimwärts, Engel“ keine durchgehende Geschichte. Es handelt sich viel eher um eine Aneinanderreihung verschiedener Episoden. In diesen zeigt der Autor eine fast unbändige Sprachgewalt. Fast wie in einem nicht endenden Rausch schildert er die tragische Geschichte, die zugleich seine eigene ist. Wie kein anderer Autor machte Wolfe aus seinem Leben einen Roman. Seine Familie und die Einwohner von Ahseville waren über die Schilderungen empört. Zwar änderte Wolfe die Namen der Figuren, doch wusste jeder, wer gemeint war.

schauheimwaertsengel2

Cover der ersten Übersetzung von 1932

Die Folge davon war, dass Thomas Wolfe für mehrere Jahre nicht mehr in seine Heimatstadt zurückkehrte. „Schau heimwärts, Engel“ schlug ein wie eine Bombe. Der Roman wurde zu einem Bestseller. Wolfe, der bis zur Veröffentlichung von seiner 20 Jahre älteren Freundin Aline Bernstein, die eigentlich verheiratet war und zwei Kinder hatte, finanziell unterstützt worden war, konnte von da an selbst für sich aufkommen.

Wer einmal mit „Schau heimwärts, Engel“ begonnen hat, kommt nicht wieder davon los, bis er die letzte Seite des umfangreichen Romans erreicht hat. Wolfe schreibt einerseits sehr poetisch, andererseits aber auch unglaublich packend. Gerne übertreibt er, was die Gestik seiner Figuren anbelangt, sodass manche Szene wie aus einem klassischen Drama erscheint. Es fehlen aber genauso wenig Witz und Ironie, die fein in den Roman eingewebt sind. Zugleich finden sich in dem Roman eine Unmenge an literarischen Anspielungen und Zitaten, die Wolfes Belesenheit offenbart. Kurz: „Schau heimwärts, Engel“ ist ein Roman, den man gelesen haben muss.

 

Read Full Post »

baronbloodNachdem Mario Bava 1971 mit Im Blutrausch des Satans den Prototyp des Teeny-Slashers gedreht hatte, kehrte er ein Jahr später mit Baron Blood zu seinen eigentlichen Wurzeln des Gothic Horrors zurück. Diesmal aber spielt die Handlung nicht wie sonst im 18. Jahrhundert, sondern, da sich inzwischen das Horrorgenre stark gewandelt hatte, in der Gegenwart.

Ort der Handlung ist Österreich. Der Student Peter von Kleist kehrt nach Österreich zurück, um bei der Versteigerung des Schlosses seiner Vorfahren zugegen zu sein. Das Schloss ist unter der Bevölkerung als das „Schloss des Teufels“ bekannt, da im 16. Jahrhundert darin der Blutbaron von Kleist gehaust hat, der dort unzählige Menschen zu Tode foltern ließ. Gemeinsam mit Eva, einer Kunsthistorikerin, findet Peter eine seltsame Beschwörungsformel, mit deren Hilfe man den Blutbaron wieder zum Leben erwecken kann. Aus Neugier sprechen beide um Mitternacht die Formel aus. Kurz darauf scheint der blutrünstige Baron tatsächlich wieder ins Leben zurückgekehrt zu sein, um neue Opfer für seine Folterkammer zu suchen …

baronblood1

Gestatten, Baron Blood. „Baron Blood“ (1972); Copyright: ems.

Mit Sicherheit ist Baron Blood nicht der beste Film Mario Bavas, dennoch ist er sehr spannend und kurzweilig inszeniert. Im Grunde genommen gibt sich Baron Blood als eine genau abgestimmte Mischung aus typisch italienischem Horrofilm und den Produktionen der American International Pictures der 60er Jahre, in denen vor allem Vince Price auftrat. Das Monster, das Eva und Peter aus seinem Grab holen, hat einen recht hohen Gruselfaktor und wurde von niemand anderem als Carlo Rambaldi geschaffen, der sich etwa zehn Jahre später ebenfalls für das E.T.-Design auszeichnen sollte. Als Kulisse für das Schloss wurde das Museum Burg Korneuberg in Österreich gewählt, wo auch der gesamte Film gedreht wurde.

Baron Blood versucht zwar, die Aspekte des postmodernen Horrorfilms aufzugreifen, bleibt aber zu sehr den klassischen Aspekten treu. Dies führt dazu, dass er für einen klassischen Horrorfilm recht brutal, für einen postmodernen Horrorfilm, der 1969 durch „Nacht der lebenden Toten“ ins Leben gerufen wurde, jedoch zu naiv wirkt. Die Nahaufnahmen der Untaten des Barons sowie das von einer Eisernen Jungfrau durchbohrte Gesicht seines Dieners sind Beispiele für diesen Stil. So gesehen bewegt sich Baron Blood exakt entlang einer der prägendsten filmhistorischen Übergangsphasen.

Baron Blood, Regie: Mario Bava, Drehbuch: Vincent Fotre, Mario Bava, Produktion: Alfredo Leone, Darsteller: Elke Sommer, Joseph Cotten, Massimo Girotti, Luciano Pigozzi. Italien/Deutschland 1972, 94 Min.

Read Full Post »

sos

Cover der Ausgabe im Verlag Gebrüder Weisse von 1952

Emdond Hamilton, der vor allem durch seine „Sternenkönige“- und „Captain Future“-Romane bekannt wurde, verfasste Anfang der 50er Jahre einen Roman über eine Gesellschaft, die sich nach einem Atomkrieg zurechtfinden muss. Dabei beschränkt sich Hamilton auf die Geschehnisse in einer amerikanischen Kleinstadt.

Direkt über der Stadt Middletown kommt es zur Explosion einer atomaren Superbombe. Für den Bruchteil einer Sekunde verändert sich dadurch das Raum-Zeit-Gefüge und schleudert die Stadt in eine Millionen Jahre entfernte Zukunft. Als die Bewohner wieder zu sich kommen, erkennen sie nach und nach, dass um die Stadt herum so gut wie nichts mehr existiert. Zugleich macht sich eine weitere Gefahr bemerkbar. Denn die Erde erkaltet zunehmend. Die Bewohner von Middletown müssen schnell eine Lösung finden, um nicht zu erfrieren. Da findet ein Expeditionstrupp in einiger Entfernung die Reste einer mit Glas überdachten Stadt…

sos1

Cover der Originalausgabe von 1951

„SOS die Erde erkaltet“ erschien 1951 unter dem Titel „City at World’s End“ und bereits ein Jahr darauf in dem bekannten Leihbuch-Verlag Gebrüder Weisse. Spätere Taschenbuchausgaben erschienen Anfang der 70er Jahre in der Reihe TERRA-Taschenbücher im Pabel-Verlag.

In seinem Roman vermischt Hamilton den atomaren Schrecken mit der Schilderung einer Art außerirdischen Invasion. Denn nach und nach kommen die Bewohner zu der Erkenntnis, dass jene seltsame Stadt nicht von Menschenhand gebaut worden sein kann. Sie versuchen hinter das Geheimnis der bizarren Apparaturen zu kommen, um dadurch eine Möglichkeit zu erhalten, in die neue Stadt umzusiedeln. Hamilton schildert dies recht einfühlsam und spannend und nimmt dabei teilweise das amerikanische Kleinstadtleben aufs Korn. Der Roman ist in dieser Hinsicht völlig anders als Hamiltons diverse Sternenabenteuer, die bekanntlich George Lucas als Vorbild für seine „Star Wars“-Filme dienten. Dennoch ist „SOS die Erde erkaltet“ nicht weniger faszinierend.

Read Full Post »

weltraum

Cover der Erstausgabe aus dem Jahr 1959

John Wyndhams Roman „Griff nach den Sternen“ zählt zu den zehn besten SF-Romanen aus dem Jahr 1959. Im Gegensatz zu seinem sonstigen Stil, schuf Wyndham mit „The Outward Urge“, so der Originaltitel, einen Hard-SF-Roman, in dem es um die Besiedelung des Weltalls geht.

Erzählt wird dies in vier längeren Episoden. Die erste handelt vom Bau der ersten Raumstation im Jahr 1994. Die zweite Episode spielt im Jahr 2044 auf der ersten Mondstation, während auf der Erde ein Atomkrieg wütet. Die dritte Episode handelt von der ersten Marsexpedition im Jahr 2094. Die letzte Episode schließlich beschreibt eine Expedition zur Venus im Jahr 2144.

John Wyndham, der eigentlich für seine spannenden Invasions-Romane bekannt ist („The Day of the Triffids“ oder „The Midwich Cuckoos“ sind Klassiker des SF-Genres) versuchte mit „Griff nach den Sternen“ einen realistischen SF-Roman zu schreiben, was ihm auch durchaus gelungen ist. So erscheinen die von ihm gewählten Jahreszahlen, in denen die jeweiligen Geschichten spielen, alles andere als aus der Luft gegriffen. 1990 wurde zum Beispiel die erste internationale Raumstation in Betrieb genommen. Die erste bemannte Marsexpedition soll etwa im Jahr 2050 stattfinden.

weltraum1

Cover der Penguin-Ausgabe aus dem Jahr 1962

Wyndhams Buch war so untypisch für ihn, dass ihm der Verleger vorschlug, für die Veröffentlichung entweder ein Pseudonym oder einen zweiten Autor zu nennen. John Wyndham entschloss sich daraufhin für einen Weg, der irgendwie beides umschloss. Lucas Parkes war eines seiner verschiedenen Pseudonyme. Dieses wählte er als Name für den (eigentlich nicht vorhandenen) Zweitautoren aus.

Doch egal, ob Pseudonym oder Zweitautor, das Buch muss sich hinter den anderen Romanen, die John Wyndham geschrieben hat, nicht verstecken. In einem flotten, ja fast schon rasanten Stil schildert er vier überaus spannende Ereignisse, die durch den Namen Troon miteinander verbunden sind. Troon ist der Name einer Familie aus Weltraumpionieren, die alle ihrem inneren Drang folgen, die Sterne zu erforschen. Dadurch erzählt der Roman zugleich eine Art Familiengeschichte, die ebenso ereignisreich wie tragisch ist.

weltraum2

Cover der ersten deutschen Übersetzung aus dem Jahr 1965

Überaus intensiv wirkt gleich die erste Episode, in der Ticker Troon am Bau der ersten Weltraumstation mitarbeitet. Er sehnt sich bereits nach dem Urlaub auf der Erde, dieses Mal besonders, da er soeben von der Geburt seines ersten Sohnes erfahren hat, als auf die Station plötzlich eine Atomrakete zufliegt, abgefeuert von einer feindlichen Nation. 2044 droht auf der Mondstation ein Aufstand, da die Besatzung Angst hat, von Raketen der Sowjetunion beschossen zu werden. Ticker Troons Sohn Michael hat das Kommando über die Station und muss entscheiden, was er tun soll.

Schlag auf Schlag geht es auf diese Weise weiter. Den Mars beschreibt Wyndham dabei keineswegs als bewohnt, sondern als Felswüste. Auf der Venus, die er als eine Art Wasserplanet beschreibt, tummeln sich verschiedene Fische in den Meeren. Alles in allem ist „Griff nach den Sternen“ ein toller Roman, der den Leser regelrecht mitreißt. Auf Deutsch erschien der Roman 1965 im Heyne Verlag unter der Nummer 3055 der damaligen SF-Reihe.

Read Full Post »

exorzistAm 12. Januar starb Autor William Peter Blatty. Für längere Zeit arbeitete er als Drehbuchautor mit Komödienspezialist Blake Edwards zusammen, doch seine eigentliche Bekanntheit erlange Blatty durch „Der Exorzist“. 1971 veröffentlicht, wurde der Roman rasch zum Bestseller. Die filmische Adaption aus dem Jahr 1973 zählt bis heute zu den erfolgreichsten Filmen aller Zeiten.

Blatty, der eigentlich Priester werden wollte, arbeitete für einige Jahre als Verwaltungsangesteller an verschiedenen Universitäten. Während dieser Zeit begann er in seiner Freizeit mit dem Schreiben von Romanen. Sein Buch „Der Exorzist“ basiert auf einem wahren Fall aus dem Jahr 1949: an einem Jungen, der angeblich von Dämonen besessen war, wurde damals ein Exorzismus durchgeführt. In dem Roman ist es die 12-jährige Regan, die von dem Dämonen Pazuzu besessen wird. Zunächst glaubt ihre Mutter, dass Regan unter psychischen Störungen leidet. Doch schließlich stellt sich heraus, dass kein Arzt ihr helfen kann …

exorzist2Der Zeitpunkt für eine Veröffentlichung von „Der Exorzist“ hätte nicht besser gewählt werden können. Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre gab es einen Trend hin zum Esoterischen und Okkulten. Blattys Roman und auch der späteren Verfilmung aber lag es nicht einfach daran, eine  Modeerscheinung aufzugreifen, obwohl dies natürlich den Umsatz förderte. In „Der Exorzist“ geht es um viel mehr.

Film und Roman befassen sich mit den Ängsten und dem Wirrwarr der Postmoderne, mit einer aufkommenden Epoche also, in der sich bisherige Strukturen auflösen. Der Priester zweifelt an seinem Glauben, nicht weniger sind die Ärzte von ihrem fachlichen Wissen überzeugt. Während der Priester Regans Mutter einen Psychiater vorschlägt, um die Symptome zu behandeln, raten ihr die Ärzte, einen Exorzismus durchzuführen. In „Der Exorzist“ verläuft alles seitenverkehrt. Es herrscht ein unübersichtliches Chaos. Das rationale Weltbild bekommt Risse, durch die etwas hindurchschimmert, das aufgeklärte Geister wohl als Aberglaube abtun würden. Nur, dieser Aberglaube ist unheimlich lebendig. Das Irrationale wird zu einer Bedrohung für den modernen Menschen innerhalb der Postmoderne. Was glauben wir nur und was wissen wir wirklich?

exorzist1Diese Fragestellung griff Blatty in seinem Roman „Legion“ (1983) wieder auf, nachdem das Sequel „Der Exorzist II“ sich als ein filmisches Desaster herausgestellt hatte, mit dem Blatty nicht in Verbindung gebracht werden wollte. In dem Roman geht es um Inspektor Kinderman, der einer Reihe unheimlicher Morde nachgeht und letztendlich dem Bösen gegenübersteht. Erneut landete Blatty damit einen Bestseller, doch erst 1990 kam es zu einer Adaption – durch Blatty selbst. Der Film spielte zwar das Dreifache seiner Kosten ein, blieb aber dennoch hinter den Erwartungen der Studios zurück.

Obwohl William Peter Blatty weitere Romane schrieb, blieb „Der Exorzist“ sein bekanntestes Buch.

 

 

Read Full Post »

bronte3Im Grunde genommen ist es etwas Schönes, noch nicht alle Klassiker gelesen zu haben. Denn so kommt man immer wieder in den Genuß großartiger Geschichten und damit großartiger Unterhaltung.

So stieß ich erst kürzlich auf Charlotte Brontes „Jane Eyre“. Obwohl ich Emily Brontes „Sturmhöhe“ regelrecht verschlungen habe, machte ich um die Romane der anderen Schwestern einen Bogen. Einerseits könnte man sagen, ein Fehler, andererseits aber, was für ein Glück, denn so stieß ich auf einen Roman, den ich noch nicht kannte und der mich regelrecht packte, mitriß und bei dem ich es schade fand, dass es eine letzte Seite gibt.

bronte

Charlotte Bronte ca. 1850

Bis heute hat die Geschichte um eine junge Frau, die als Gouvernante in das unheimliche Haus des mysteriös-sinnlichen Edward Rochester kommt, nichts von ihrer Spannung und ihrer Dramatik verloren. Schon von der ersten Seite an zieht der Roman den Leser in seinen Bann. Als Waise muss Jane Eyre bei ihrer bösartigen Tante und deren widerlichen Kindern leben, bevor sie ganz verstoßen wird und in die Erziehungsanstalt Lowood kommt. Dort ergeht es ihr kaum besser, doch findet sie zumindest Freunde. Nachdem die miserablen Bedingungen, die in dem Heim herrschen, publik gemacht werden, verbessert sich die Situation der Kinder ein wenig. Jane wird zu einer der besten Schülerinnen und arbeitet dort nach ihrem Abschluss als Lehrerin.

Eines Tages aber beschließt sie, sich nach einer anderen Stelle umzusehen. Auf eine Annonce hin erhält sie eine einzige Antwort: sie könne in Thornfield Hall, dem Sitz von Edward Rochester, ein kleines Mädchen unterrichten. Jane nimmt das Angebot an, doch kaum ist sie in dem Landsitz angekommen, als es dort zu unheimlichen Zwischenfällen kommt …

bronte2

Jane Eyre und Edwin Rochester

Mit Edward Rochester ist Charlotte Bronte eine unglaublich komplexe Figur gelungen, die, sowohl düster als auch sinnlich, direkt aus einem echten Schauerroman entsprungen sein könnte. Andererseits aber war es ja auch das Ziel der Autorin, die Elemente des Unheimlichen mit denen einer gewitzten Liebesgeschichte zu verbinden. Nein, Kitsch sucht man hier vergeblich. Die Dialoge, die sich zwischen Rochester und Jane entwickeln, suchen ihresgleichen in der Literatur. Ein unglaubliches Spiel der Sprache, ein Spiel der Sinne, verbunden mit einem sanften Humor. Es sind vor allem die Dialoge, die dem Roman diese Lebendigkeit verleihen, die Figuren regelrecht dreidimensional erscheinen lassen.

Rochester gegenüber stellt sie Jane Eyre, die, in der Liebe unerfahren, dem rätselhaften, oft launischen Großgrundbesitzer Paroli bietet. Jane ist eine selbstbewusste Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt und dadurch das Interesse Rochesters weckt, der eigentlich nur Gehorsam und schöne Worte gewöhnt ist.

Immer wieder gelingen Charlotte Bronte so großartige Szenen, dass man beim Lesen eine regelrechte Gänsehaut bekommt. Die Szene, in der Janes Freundin Helen in Lowood stirbt, lässt mit Sicherheit niemanden kalt. Unglaublich, wie es der Autorin gelingt, diesen Verlust so zu schildern, dass man selbst Janes Trauer und Schmerz spürt. Eine sanfte, doch zugleich, in ihrer Wirkung, gewaltige Szene.

bronte4Später, nachdem Jane die Annonce aufgegeben hat, kommt es zu einem weiteren Geniestreich: Jane erhält nur eine einzige Antwort auf ihre Anzeige. Das Mysteriöse schleicht sich dadurch in die Geschichte, und Jane sowie der Roman schreiten dadurch über die Schwelle des Normalen hin zum Sonderbaren und Mysteriösen. Ab hier gewinnt der Roman erneut an Spannung, nimmt regelrecht an Fahrt auf, das Unheimliche mischt sich in die Liebe zwischen Rochester und Jane – und mündet in einer Katastrophe. Damit habe ich keineswegs zu viel verraten, denn auf den Leser warten noch weitere Wendungen, die alle ihre Wirkung nicht verlieren.

Charlotte Brontes „Jane Eyre“ ist jedoch viel mehr als nur eine Mischung aus Liebes- und Schauerroman. Es ist zugleich eine köstliche Satire auf die Oberschicht, die zudem bis heute kaum etwas von ihrer Aktualität verloren hat, eine Kritik an der Gesellschaft im allgemeinen, die ebenso heute noch ihre Gültigkeit besitzt, und nicht zuletzt prangert Charlotte Bronte den damaligen Umgang mit den Gouvernanten an, die den Launen verzogener Kinder vollkommen ausgeliefert waren, was ihre Tätigkeit nicht selten zu einem Albtraum werden ließ.

Neben der unerhörten Spannung beinhaltet der Roman somit noch eine große Themenvielfalt, welche die Geschichte zusätzlich interessant macht. Wer „Jane Eyre“ noch nicht kennt, hat wirklich Glück gehabt, denn er hat noch ein überaus großes Lesevergnügen vor sich.

 

 

Read Full Post »

Older Posts »