Die Klunkerecke: Kameliendame 2000 (1969)

Armand (Nino Catselnuovo) und Maguerite (Daniele Gaubert); „Camille 2000“ (1969); Copyright: Alive

Als Radley Metzgers Adaption von Alexandre Dumas d. Jüngeren „Die Kameliendame“ 1969 in die Kinos kam, löste er einen Skandal aus. Die Literaturverfilmung wurde als Porno bezeichnet. Kritiker wunderten sich, wie etwas in dieser Art in den normalen Kinos laufen konnte. Der Grund, Metzger bespickte die Verfilmung mit – für damalige Verhältnisse – recht freizügigen Erotikszenen.

Wenn man die verschiedenen Adaptionen des berühmten Romans vergleicht, so ist „Camille 2000“ eindeutig die interessanteste und originellste Version, von der Dumas‘ Sohn mit Sicherheit begeistert gewesen wäre, hatte doch bereits seine eigene Adaption als Theaterstück im Jahr 1852 für einen Skandal gesorgt.

Radley Metzger (1929 – 2017) nimmt in der Filmgeschichte einen besonderen Platz ein, liegt doch der Hauptteil seines Gesamtwerks genau zwischen Autorenfilm und Porno. Seine Erotikfilme waren stets zugleich Verfilmungen klassischer Romane und Theaterstücke, bei denen er eben die erotischen Aspekte hervorhob. Auf dieselbe Weise gelang ihm mit „Kameliendame 2000“ einer seiner bekanntesten Filme.

Es geht um Armand Duval, der nach Rom kommt, um Geschäfte für seinen reichen Vater zu erledigen. In der Oper begegnet er der genauso schönen wie sinnlichen Marguerite Gautier, vor der ihn sein Freund warnt. Denn Marguerite ist eine Edelprostituierte, die ihren Lebensunterhalt mit dem Geld reicher Männer bestreitet. Armand aber hört nicht auf seinen Freund. Zwischen ihm und Marguerite entwickelt sich eine Liebesbeziehung, die mehr und mehr dramatische Züge annimmt.

Zwar handelt es sich um eine freie Adaption, die Metzger in eine leicht futuristisch anmutende Moderne verlegt, dennoch bleibt der Film stets in der Nähe des Romans, man könnte ihn daher als eine äußerst gelungene Neuinterpretation des Stoffes bezeichnen. Statt an Tuberkulose leidet Marguerite an ihrer Kokainsucht. Ihre Freunde warnen sie, damit aufzuhören, doch kommt sie nicht davon los. Erst durch Armand scheint sie ihre Sucht bekämpfen zu können.

„Camille 2000“ besticht durch eine erstklassige Kameraarbeit. Durch die Verwendung von Spiegeln und originelle, ja ungewöhnliche Perspektiven erhalten (nicht nur) die Erotikszenen einen surrealen, fast schon psychedelischen Charakter. Untermalt sind diese Szenen durch die kongeniale Musik Piero Piccionis, die stets zwischen psychedelisch und melancholisch schwankt. Immer wieder verwendet Metzger sog. Jump Cuts, welche den Verlauf der Handlung auf interessante Weise bestimmen.

Die leider früh verstorbene Daniele Gaubert verkörpert die Kameliendame auf ganz wunderbare Weise. Sie ist zunächst Teil einer sich in Vergnügungssucht berauschenden und dekadenten Szene, hinterfragt diese durch Armands Lebenseinstellung jedoch mehr und mehr, bis sie dieser selbst kritisch gegenübersteht. Das hat nichts mit der damals aufkommenden Hippiekultur zu tun, sondern eher mit den damals mehr und mehr diskutierten postmodernen Gesellschafsttheorien. Auf jeden Fall zeigt dies Metzgers Fingerspitzengefühl, was die Modernisierung des Stoffes betrifft.

Leider haftet dem Film auch heute noch der voreingenommene Schmuddeltouch an, was viele dazu bringt, sich erst gar nicht mit diesem Werk zu beschäftigen. Es ist ein feinfühliges Erotikdrama, bespickt mit hervorragenden Darstellern. Genauso wie Dumas‘ Roman, so ist auch „Camille 2000“ ein Klassiker.

Marie Duplessis alias Die Kameliendame

Marie Duplessis, besser bekannt als „Die Kameliendame“.

Marie Duplessis‘  literarischer Name dürfte den Lesern wahrscheinlich eher bekannt sein: Marguerite Gautier. Alexandre Dumas d. Jüngere verhalf ihr zu posthumen Weltruhm. Geboren wurde Marie Duplessis als Alphonsine Plessis am 15. Januar 1824. Sie verdiente ihr Geld zunächst als Wäscherin, bevor sie zu einer der bekanntesten und reichsten Kurtisanen von Paris wurde. Obwohl sie aus ärmlichen Verhältnissen stammte, eignete sie sich innerhalb kurzer Zeit eine beispiellose Bildung an, was dazu führte, dass zu ihren Freunden und Gebliebten nicht wenige Schriftsteller, Künstler und Komponisten zählten. So soll Franz Liszt einer ihrer Bekannten gewesen sein. Auch Theophile Gautier zählte zu ihren Stammgästen (von Kunden zu sprechen wird dem Ansehen Marie Duplessis‘ nicht gerecht).  Und nicht zuletzt auch der bereits erwähnte Sohn Alexandre Dumas‘, der seine Beziehung zu Marie Duplessis nach ihrem frühen Tod in dem autobiographischen Roman Die Kameliendame verarbeitete.

Alexandre Dumas d. Jüngere

So reich und angesehen Marie Duplessis zeit ihres Lebens war, so einsam und verarmt starb sie am 7. Februar 1847 an Tuberkulose. Alexendre Dumas d. J. nennt sich in seinem Roman Armand Duval (man beachte die Alliteration). Ein Freund macht Duval auf Marguerite Gautier aufmerksam. Die Folge davon: Duval verliebt sich von einer Sekunde auf die andere in Marguerite. Trotz Marguerites Warnungen, dass ihr Lebensstil nicht zu seinen Gefühlen, die Duval ihr entgegenbringt, passt,  lässt der junge Mann nicht locker, bis sie sich schließlich ebenfalls in ihn verliebt. Was daraufhin folgt ist eines der berühmtesten Liebesdramen überhaupt.

Dennoch sollte Alexandre Dumas d. J. sein Leben lang im Schatten seines Vaters stehen. Gegen einen Graf von Monte Christo oder den bereits erwähnten Drei Musketiere kam er nicht an. Trotz Probleme mit der Zensur oder wohl eher wegen dieser Probleme war der Kameliendame von Anfang an ein großer Erfolg beschieden. Der Autor selbst arbeitete den Roman um in ein Theaterstück, welches nicht weniger erfolgreich auf den Pariser Bühnen gespielt wurde. Später schuf Guiseppe Verdi daraus seine berühmte Oper La Traviata.

„Kameliendame 2000“ galt im Jahr 1969 noch als Skandalfilm.

Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts folgten schließlich diverse Verfilmungen, u. a. mit Marlene Dietrich oder auch Greta Garbo als Marguerite Gautier. Die skandalöseste Adaption kam 1969 unter dem Titel Kameliendame 2000 in die Kinos, ein Beitrag des sog. Porn Chic, (soft)pornographischer Filme, welche in den 70er Jahren ihren Weg in die normalen Kinos fanden.  Trotzdem der Film, wie der Titel bereits vorwegnimmt, im Jahr 2000, sprich in der Zukunft (von damals), spielt, hält sich Schmuddelregisseur Radley Metzger ziemlich genau an die literarische Vorlage. Der einzig große Unterschied liegt in der Figur Marguerite Gautiers. Ihre Tuberkulose wandelt Metzger um in eine Drogensucht.

Marie Duplessis, auch wenn ihr eigentlicher Name nur selten auftaucht, ist aus der Literatur- und Filmgeschichte nicht mehr wegzudenken. Ohne sie wäre die Welt der Klassiker um Einiges ärmer.

Bis heute finden sich auf Marie Duplessis‘ Grab frische Blumen.