Korean Lovestory – Die Videoclips des Rappers San E

Koreanische Rapmusik ist, was Anspruch und Ästhetik anbelangt, in den obersten Rängen zu finden. Sie stellt eine besondere Form des Geschichtenerzählens dar, in der sich Herzschmerz, Sozialkritik, Ironie und Selbstironie zu einem besonderen Ganzen vermengen. Innerhalb dieser Konstellation ragt zurzeit vor allem der Musiker San E heraus, der seine Songs sowohl selbst komponiert als auch die Texte dazu schreibt.

Bereits vor seiner Karriere im Musikgeschäft machte er auf diversen Wettbewerben auf sich aufmerksam, was ihm schließlich einen Vertrag bei JYP, einer der drei einflussreichsten koreanischen Musikkonzerne, einbrachte. Mitte 2013 wechselte er zu Brand New Music, einer Tochterfirma der LEON-Gesellschaft. Erst hier schien sich seine Kreativität frei zu entfalten. Seine selbstironischen Texte aus der JYP-Zeit wandelten sich in interessante, leicht melancholische Liebesgeschichten, die ganz ohne Kitsch auskommen.

Der Erfolg seiner Songs ist sicherlich auch viel den dazu gehörenden Videoclips zu verdanken. Die Videos aus der JYP-Zeit sind recht einfach und strikt. Ab 2013, also nach seinem Wechsel zu Brand New Music, werden die Clips komplex. Sie besitzen mehrere Erzählebenen, weisen einen vorbildlichen Spannungsbogen auf und ziehen dadurch den Zuschauer in ihren Bann.

sane1
Szene aus dem Clip „Where did you sleep last Night“.

In dem Clip „Where did you sleep last Night?“ geht es um einen Mann, der versucht, aus seiner Freundin herauszubekommen, wo sie die vergangene Nacht zugebracht hat. Diese Befragung verläuft im Clip auf drei Ebenen. Zum einen ist es San E selbst, der in Form einer Fantasiefigur eine Frau in seiner Wohnung ausfragt, während er ihre Antworten auf eine Schreibmaschine tippt. In der zweiten Ebene untersucht ein Kommissar San Es Wohnung, um Hinweise darüber aufzuspüren, was in der vergangenen Nacht geschehen ist. Dabei kommt es zu einem Verhör von San Es Freundin in der Polizeistation. Schließlich, auf der dritten Ebene, erscheint eine Gruppe Gangster in San Es Wohnung, welche die Befragung auf ihre Weise weiterführen. Die Befragung der Freundin findet dementsprechend in einer leeren Lagerhalle statt. Alle drei Erzählebenen zeigen die unterschiedlichen Vorstellungen, die der Erzähler von seiner Freundin hat. Zum einen ist da seine Erinnerung an sie, welche sie als liebevoll charaktersieren. In der zweiten Ebene wird sie zur Verbrecherin und in der dritten zum Luder. Alle drei vermengen sich, um zum Schluss zu zeigen, dass gar nichts geschehen ist.

sane3
Das Split-Screen-Verfahren in „Midsummernight Sweetness“ zeigt zwei parallel zueinander verlaufende Lebensweisen.

„A Midsummernight Sweetness“ arbeitet wie auch „Where did you sleep last Night“ und „Brake up Dinner“ mit Split Screen-Verfahren. Dies scheint schon fast ein Markenzeichen der Videos von San E zu sein. In dem erst genannten Clip wird eine sehr zarte Liebesgeschichte erzählt, in der es um einen Mann geht, der eine Frau bei einem Vorstellungesgespräch kennenlernt und sich später mit ihr trifft. Die Geschichte ist einfach, aber visuell aufgrund der Anwendung des Verfahrens komplex umgesetzt. Das Leben zweier Menschen wird praktisch parallel zueinender erzählt. Die Parallelität löst sich auf, um zum Schluss erneut diese Form anzunehmen. Das Ende bleibt dadurch offen. Der Clip weist zugleich auf den Alltag von jungen Uni-Abgängern hin, der zwischen „Zuviel Arbeit“ und der Schwierigkeit, Arbeit zu finden, pendelt. Man könnte in dem Clip fast schon einen Hang zum Neorealismus sehen.

sane4
Split-Screen als „Markenzeichen“ der Clips von San E.

In dem Clip zu „Brake up Dinner“ wird eine Geschichte a la „Ghost“ erzählt. Ein Mann möchte sich mit seiner Freundin zum Dinner verabreden. Doch auf dem Weg dorthin verunglückt der Mann tödlich. Das Dinner findet dennoch statt. Man muss sich den Clip mehrmals ansehen, um hinter die unterschiedlichen Erzählebenen zu kommen. Zum einen ist da die „Geistergeschichte“. Zum anderen das tatsächlich stattfindende Abendessen. Spätestens beim zweiten Mal wird klar, dass die Frau sich mit einem ganz anderen Mann trifft. Dies wird gegen Ende des Videos offensichtlich, doch bereits während des Clips angedeutet, da die Ärmel des Mannes, die links in den Bildrand hineinragen, nicht zu San Es Kleidung gehören. Diese Szenen sind sehr kurz und gleichen fast nur Andeutungen. In Sachen Optik ist dies sicherlich das bisher beste Video des Rappers.

Es muss also nicht immer gleich kitschig sein, wenn es um Liebesgeschichten geht. San Es Erzählweise und die Narrationen der Clips weisen hierbei eine sehr hohe Kunstfertigkeit auf.

 

K-Pop: Rainbow Blaxx und die möglichen Folgen

rainbowblaxx1
Der sog. „Style Film“ brachte der neuen Formation Rainbow Blaxx sofort große Aufmerksamkeit.

Bereits in früheren Artikeln haben wir die zunehmende Sexualisierung koreanischer Girl Groups erwähnt. Diese Form der Marketingstrategie ist eine schlichte Folge des internationalen Erfolgs von K-Pop. Doch die Konkurrenz zwischen den einzelnen Gruppen ist hart. Es muss nach Möglichkeiten gesucht werden, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Die einfachste Lösung verspricht in dieser Hinsicht, die Erotik in den Videoclips zu steigern. Das Duo Sistar 19 machte es vor, wenn auch noch relativ harmlos. Es folgten Nine Muses mit ausgefeilteren Projekten (wie etwa den Clips zu „Wild“ und „Glue“). Im Sommer 2013 wurde in den Videos die Bikinisaison strategisch verwertet, so z.B. bei der Gruppe Rania in dem Clip „Up“ und bei dem alles andere als gelungenen Clip „Bikini“ von Kim So-Ri. Ende 2013 übernahm auch die ansonsten eher emanzipiert konzipierte Gruppe Miss A in dem Clip „Hush“ deutlichere erotische Konzepte. Eine überaus langweilige, weil fast schon lächerliche Erotisierung wurde in dem Video „Miniskirt“ der Gruppe AOA angewandt. Im Gegensatz dazu konnte die Formation Dal Shabet mit dem Clip „B. B. B.“ die Qualität wieder etwas steigern.

rainbowblaxx2
Rainbow Blaxx „Style Film“

Einen Höhepunkt der Erotikwelle in koreanischen Musikvideos wurde Mitte Januar 2014 mit der Gruppe Rainbow Blaxx erreicht. Die neu ins Leben gerufene Formation machte nicht allein durch ihr Video „Cha-Cha“ Furore. Vor der Veröffentlichung des Clips und des Minialbums wurde ein ca. drei minütiger Clip gedreht, der unter dem Namen Style Film schlagartigen Medienrummel auslöste. Hinzu kamen eine Reihe von Fotos, die in Presse und Internet veröffentlicht wurden.

Der sog. Style Film präsentiert die drei Gruppenmitglieder in Art eines Lingerie-Clips. Die Sexualisierung der Sängerinnen war für koreanische TV-Verhältnisse doch ziemlich gewagt, sodass der Clip erst ab 19 freigegeben wurde. Anscheinend gibt es auch eine geschnittene Version, die eine Altersfreigabe ab 15 erhalten hat. Untermalt von Lounge-Musik präsentieren sich die Mitglieder in verschiedenen Posen. Das Spiel zwischen Licht und Schatten besitzt dabei durchaus Niveau, insgesamt aber reicht der Kurzfilm nicht über die Qualität eines gewöhnlichen Fotoshootings hinaus. Die Posen wirken gelegentlich wenig natürlich, sondern zu sehr konstruiert.  Zudem haben sich zwei kleine Fehler in den Clip eingeschlichen. So ist in zwei Szenen, die vor einem Spiegel spielen, der Kameramann zu sehen. Unserer Meinung nach handelt es sich hierbei nicht um Absicht, da der Mann nicht zur Bildkomposition passt. Wie dem auch sei, der Clip erregte enormes Aufsehen, da hier zum ersten Mal in der Geschichte des K-Pop ein  Softerotikvideo gedreht wurde. Die Reaktion schwankt zwischen Empörung und Begeisterung. Auf jeden Fall hat dieses Marketingkonzept eine Schwelle überschritten, da hier Verspieltheit durch eine direkte Aussage ersetzt wurde.

rainbowblaxx3
Rainbow Blaxx „Style Film“

Das Video „Cha-Cha“ setzt interessanterweise das in dem Style Film präsentierte Konzept eher unwesentlich fort. Natürlich sind auch in dem Musikvideo die Sängerinnen stark sexualisiert, doch spielt sich alles innerhalb eines surrealen Rahmens ab, der die Aufmerksamkeit der Rezipienten auf die Story lenkt und weniger auf die Sängerinnen. Der Clip erzählt von drei jungen Frauen, die von einer Art Hexe mit Kuchen und anderen Süßigkeiten gefüttert werden. Als Folge erbrechen die Frauen Diamanten, welche die Hexe hortet. Das Video ist sowohl surreal als auch grotesk und erinnert im Grunde genommen an die deutschsprachige Phantastik der Jahrhundertwende. Dort gibt es z. B. eine Geschichte, die davon handelt, dass ein Mann ständig Diamanten erbricht. Wem das zu weit hergeholt erscheint, dem sei gesagt, dass in Südkorea die klassische deutschsprachige Phantastik nicht unbekannt ist. Gleichzeitig entlarvt der Clip die männlichen Zuschauer als Spanner. Dadurch setzt er das eigene Projekt sowie die Reaktion darauf in ein ironisches Licht. Teile des Clips dienen klarerweise dem Eye Catching, immerhin geht es letztendlich darum, ein Produkt zu vermarkten. Doch genau diese Methode und die dadurch angezogenen Rezipienten werden mithilfe dieser Darstellungsweise, die hinein ins Groteske reicht, durch den Kakao gezogen.

Die Qualität des Videos reicht von „durchschnittlich“ bis „gut“. Die Danceshots sind nicht unbedingt einfallsreich, sondern gleichen sämtlichen anderen Videoclips. Die narrativen Elemente allerdings sind gut in Szene gesetzt.

Rainbowblaxxvideo
In dem Clip „Cha-Cha“ der Gruppe Rainbow Blaxx werden junge Frauen mit Kuchen gefüttert, um darauf Diamanten zu erbrechen.

Wie bereits erwähnt, hat das Konzept der Gruppe eine bestimmte Grenze überschritten. Die Frage, die man sich stellen kann, lautet, wie die weitere Entwicklung des K-Pop aussehen wird. Zwar gibt es noch immer Gruppen wie z.B. Crayon Pop, die weiterhin auf Verspieltheit setzen. Die Mehrheit aber tendiert zu der oben erwähnten Erotisierung und Sexualisierung. Da in dieser Hinsicht aufgrund des Style Films eine neue Vorgabe gemacht wurde, dürfte es nicht lange dauern, bis auch andere Gruppen nachziehen werden. Innerhalb des dadurch entstehenden Wettbewerbs werden sich klarerweise die erotischen Aspekte erneut verstärken. Viele Fans, die von der Verspieltheit des K-Pop fasziniert waren und sind, wird dies sicherlich nicht gefallen. Die Frage ist, wie weit die Musikproduzenten dieses Spiel treiben werden. Sicher ist nur, dass man nicht lange auf den „Style Film“ einer anderen Gruppe warten muss.

Rainbowblaxxvideo1
Das Video entlarvt zugleich auf ironische Weise die Reaktion des männlichen Publikums.

Vor uns die Zukunft – SF-Elemente in K-Pop-Videoclips

Anyeong Bada 2
Eine Riesenfrau sucht in dem Clip „Agma“ der Indie-Band Anyeong Bada eine Stadt heim.

Das koreanische Kino tut sich schwer mit Science Fiction. Anfang 2000 wurden gerade einmal drei Filme produziert, die jedoch ohne großen Widerhall verschwanden. Ganz anders sieht es im Bereich der Musikvideos aus. Dort werden SF-Elemente immer wieder gerne aufgegriffen. Besonders narrative Videoclips übernehmen Konzepte des Science Fiction-Genres. Manchmal kitschig, manchmal witzig, selten aber düster kreieren die Videos phantastische Welten und liefern dabei einen Einblick auf eine surreal gestaltete Zukunft.

anyeong Bada 1
Gekonnt orientiert sich der Clip an Comickunst und 50er Jahre Trash.

Die Indie-Band Anyeong Bada (auf Deutsch in etwa: Hallo Meer), erzählt z.B. in ihrem Video Agma (Teufel) die Geschichte einer Riesenfrau, die eine Stadt heimsucht. Dort macht sie aus den Hochhäusern Kleinholz, bis sie endlich die Band entdeckt und sie als Zutat für ihr Abendessen mit nachhause nimmt. Schön wird dabei eine Mischung aus klassischem 50er Jahre Trash, Comic-Adaption und Mockumantary präsentiert. Viele Details fallen bei der ersten Sichtung gar nicht auf. Man muss genau aufpassen und gelegentlich auch das Bild anhalten, um in den Genuss der Ideenvielfalt zu kommen. Auch dass die Monsterfrau eine Mutation darstellt, die durch radioaktive Strahlung hervorgerufen wurde, wird erst klar, nachdem man den Clip mehrmals angesehen und somit die atomare Wüste bemerkt hat, die die Stadt umgibt.

Dal Shabet mit violetten Perücken. Eine Anspielung auf die TV-Serie UFO.

Die Girl-Group Dal Shabet deren Mitglieder in ihrem aktuellen Song nichts anderes einfällt, als über ihre Beine zu singen (Schau auf meine Beine, so die Übersetzung des Titels), machten in ihrem Debüt Pink Rocket Anspielungen auf Klassiker des SF-Genres. So finden sich darin u. a. Verweise auf Planet der Affen und auf die TV-Serie UFO. Besonders das UFO-Zitat ist nett in Szene gesetzt, tragen die Sängerinnen doch bei einem der Dance Shots violette Perücken. Bis heute ist  nicht geklärt, wieso die Frauen in der Mondstation der Fernsehserie violettfarbene Haare haben. In dem Clip von Dal Shabet kommen die Perücken ebenfalls nur in den Shots zur Verwendung, die in einer Mondstation spielen.

Die Boy-Band B.A.P. entwrift in ihrem Debüt Warrior ein recht düsteres Zukunftsbild. Verfall, soziale Konflikte und Zerstörungswut prägen die skizzierte Gesellschaft. Im Grunde genommen besteht der Clip nur aus Dance Shots, die in einer finsteren Kulisse, die Ähnlichkeiten mit einem schmuddeligen Hinterhof besitzt, spielen. Es sind jedoch gerade die Kulissen, die einen futuristischen Charakter aufweisen. Das Bild ähnelt einer Dystopie wie Carpenters Klapperschlange. Eine soziale Ordnung gibt es nicht, es gilt das Gesetz des Stärkeren. Der Clip gehört vor allem wegen seiner gelungenen Choreographie zu den besten K-Pop-Clips der letzten Zeit.

Das Video „Warrior“ der Boy-Group B.A.P. skizziert eine verrohte Gesellschaft, in der das Gesetz des Stärkeren gilt.

Die Girl-Group Stellar wird zwar generell als eine der schlechtesten K-Pop-Gruppen überhaupt bezeichnet, unternimmt in ihren Clips jedoch immer wieder Ausflüge in die Science Fiction. Bereits ihr Debüt mit dem Titel Rocket Girl ist eine interessant gefilmte SF-Story, in der es darum geht, dass die Macht in den Händen eines Konzerns liegt. Dieser kontrolliert und manipuliert die Gesellschaft. Eine Gruppe Rebellinnen (d.h. die MItglieder von Stellar) macht sich auf, um die Macht des Konzerns zu brechen. Dabei machen sie regen Gebrauch von bizarren Laserwaffen. Am Ende tragen sie natürlich den Sieg davon. Das Video nutzt gekonnt Stadtarchitektur aus, um eine Atmopshäre der Zukunft zu schaffen. Die Aspekte der Überwachung und Kontrolle sind zwar nur skizzenhaft, dennoch sehr gut umgesetzt. Auch die Handlung an sich ist, trotz ihrer Einfachheit, interessant in Szene gesetzt.

Totale Überwachung und Widerstand sind die Themen des Videoclips „Rocket Girl“ der Gruppe Stellar.

Das zweite Video von Stellar ist nicht weniger der Science Fiction zuzuordnen. Die Handlung unterscheidet sich aber grundlegend von derjenigen des Debüts. Es geht um eine junge Frau, die von ihrem Freund verlassen wird. Wenige Tage später erhält sie ein Paket, in dem sich ein humanoider Roboter befindet. Dieser ist eigentlich darauf programmiert, den Haushalt in Ordnung zu halten. Doch verliebt sich die Frau in ihn und unternimmt mit ihrem neuen „Freund“ lange Spaziergänge. Eines Tages kommt es zu einem Unfall, bei dem der Roboter zunächst außer Gefecht gesetzt wird. Als er wieder zu sich kommt, ist er endlich fähig, menschliche Gefühle zu erwidern. Der Clip ist zwar unerhört kitschig, schafft es aber andererseits die Geschichte spannend zu erzählen. Trotz Kitsch, gelingt es dem Regisseur die Geschichte an sich relativ nüchtern zu visualisieren, was das Video sehenswert macht. Auch die Einfälle sind recht nett und hätten durchaus Potential für einen Spielfilm.

stellar1
Ein Roboter als Freund. Eine SF-Lovestory in Form eines Videoclips.

Female President oder Ein Kpop-Clip als Aufreger?

Girls Day "Female President"
Striptease hinter einem Wandschirm: Der Anfang des umstrittenen Videos.

Die zunehmende Erotik in Videoclips koreanischer Girlgroups schreitet erwartungsgemäß weiter voran. Etwas anderes hätte auch niemand erwartet. Kpop ist zu einem internationalen Phänomen geworden und Erotik ist eine interkulturelle Marketingstrategie. Wen also wundert’s. Inzwischen aber mehren sich Stimmen (vor allem von europäischen Kpop-Fans der ersten Stunde), die diese Entwicklung alles andere als gut finden. Ihnen ist die zunehmende Sexualisierung der weiblichen Gruppenmitglieder eine Art Dorn im Auge.

girlsday2
Die Dance Shots ähneln stark denjenigen von anderen Gruppen wie z.B. Dal Shabet.

Betrachtet man die Entwicklung aus einer objektiven Perspektive, so hat sich die Ästhetik der Clips innerhalb eines knappen Jahres tatsächlich stark geändert. Clips weiblicher Groups sind freizügiger geworden, was nicht selten dazu führt, dass manche Musikvideos in Korea erst ab 16 oder sogar erst ab 19 zugelassen sind. Was das Besondere dieser Clips früher ausgemacht hat, war ihre Verspieltheit. Mit viel Witz und durchaus frech wurden die Konzepte visualisiert, was einen gewissen Charme entstehen ließ, der Kpop zu etwas Besonderem innerhalb der internationalen Musikbranche machte. Noch immer sind manche Musikvideos nach diesem Konzept hin ausgerichtet. Man denke nur an das Video der Sängerin Lumil „Just a Cup of Coffee“, in dem der Schlankheitswahn und die Schönheitssucht vieler Koreanerinnen geradezu genial aufs Korn genommen werden. Die Mehrheit aber tendiert in die oben skizzierte Richtung.

girlsday4
Eine der Sängerinnen im hautfarbenen Bodykostüm.

Was aktuell zurzeit viele Rezipienten aufstößt, ist das neue Video der Girlgroup Girl’s Day mit dem Titel „Female President“. Daher haben wir uns gefragt, was an dem Video so gewagt sein soll.

Der Clip ist rein optisch sehr aggressiv in Szene gesetzt. Keine Verspieltheit, kein Witz – und satirische Seitenhiebe sucht man hier ebenfalls vergeblich. Der Hook besteht aus einem Striptease, der hinter einem Wandschirm stattfindet. Bereits dieser Anfang löste anscheinend eine gewisse Empörung aus. Dieser Sequenz folgen unterschiedliche Dance-Shots sowie ein narratives Element, das eine lesbische Beziehung darstellt. Die Dance-Shots sind im Grunde genommen Durchschnitt und erinnern gelegentlich stark an Clips der Formation Dal Shabet. Hierbei aber wiederum als angeblicher Aufreger eine Szene, in der eine der Sängerinnen in einem hautfarbenen Bodykostüm vor einem Auto tanzt. Die narrativen Elemente steuern auf eine Kussszene zwischen zwei Frauen zu, welche allerdings nur angedeutet ist.

Die narrativen Elemente beziehen sich auf eine lesbische Liebesbeziehung. Der Kuss ist allerdings nur angedeutet.

Das Video ist teilweise marktschreierisch konzipiert. Der Text des Liedes handelt davon, dass junge Frauen mehr Selbstsicherheit an den Tag legen sollen. Verbunden ist dies mit einer politischen Aussage, welche das Lied fast wie einen Werbesong für die derzeitge Präsidentin Südkoreas macht. In dem Refrain heißt es, dass jetzt sogar eine Frau Präsidentin in Korea geworden ist. Wenn die das schafft, dann könnt ihr (gemeint sind die weiblichen Zuhörer/Zuschauer) das auch. Um es auf den Punkt zu bringen: der Refrain klingt danach, als würde er demnächst bei Parteiveranstaltungen verwendet werden.

Um nochmals auf die Machart des Clips zurückzukommen: im Vergleich mit den vorangegangenen Musikvideos der Gruppe stellt „Female President“ eine konsequente Weiterentwicklung des Groupkonzepts dar. Es als einen Aufreger zu bezeichnen, halten wir für ziemlich übertrieben.

K-Pop 19 oder die Eindeutigkeiten nehmen zu

Das, was wir in einem unserer früheren K-Pop-Artikel prophezeit haben, wird in der Tat nach und nach umgesetzt. Die koreanische Musikindustrie ist weiterhin im internationalen Höhenflug und schaffte sogar mit Psys „Gentleman“ einen Eintrag ins Guinnes Buch der Rekorde, da das Video zu diesem Song innerhalb von 24 Stunden am häufigsten angeklickt wurde. Und somit sind wir schon bei unserem eigentlichen Thema. Denn Psys neuestes Video wurde in Korea stark kritisiert. Zum einen wegen angedeuteten Vandalismus, zum anderen da es angeblich zu direkte erotische Anspielungen beinhalte. Noch vor einem halben Jahr herrschte helle Aufregung innerhalb der K-Pop-Welt, da das koreanische Kulturministierum meinte, eine neue Altersregelung für Musikvideos einführen zu müssen. Die Folge davon, die Clips wurden brav, Groups, die normalerweise ein erotisches oder draufgängerisches Image vermittelten, passten sich auf einmal der Norm an.

Nun, da sich die Wogen geglättet haben und K-Pop weltweit noch mehr Aufmerksamkeit erhält, scheinen sich die Images der Groups wieder zu ändern. Am Ende unseres vorletzten Artikels behaupteten wir, dass K-Pop-Clips bald mehr auf Erotik setzen würden, um mit dieser Marketingstrategie noch mehr internationalen Erfolg erzielen zu können. Tatsächlich scheint sich dieses Konzept nun langsam einzuschleichen. Damit ist nicht Hyun-A mit „Icecream“ oder die Sistar-Split-Group Sistar 19 gemeint, deren Name das Konzept des Duos bereits vorwegnimmt. Sowohl Hyun-A als auch Sistar 19 sind von Anfang an als erotische Konzepte entwickelt worden. Es geht um neuere Videoclips, die verstärkt Erotik als Strategie benutzen, um damit Erfolg zu haben.

Gain Bloom
Gains „Bloom“ ist das erste koreanische Musikvideo, in dem ein Geschlechtsakt dargestellt wird.

Bereits Ende des vergangenen Jahres erregte die Sängerin Gain durch ihr Video „Bloom“ große Aufmerksamkeit. In dem Song geht es um sexuelle Befriedigung. Das Thema wurde nicht verspielt dargestellt –  wie sonst bei K-Pop-Clips üblich -, sondern geradezu direkt visuell umgesetzt. Die narrativen Elemente des Clips zeigen Gain bei der Selbstbefriedigung und beim Sex. Interessanterweise wurde das Video nicht verboten, wie man es aufgrund der strengeren Regelung vermutet hätte, sondern lediglich mit einer Altersbeschränkung belegt, sodass es nur noch für Zuschauer ab 19 angesehen werden darf.

KimSori Dual Life
„Dual Life“ von Kim So Ri galt zunächst als zu erotisch und sollte verboten werden.

Auch die Sängerin Kim Sori bekam mit ihrem durchaus interessanten Video „Dual Life“ Probleme. Der Text spielt auf die Diskrepanz zwischen Schein und Sein an, wobei die visuelle Umsetzung durch diverse Spiegelsymbole auch auf das Thema gespaltene Persönlichkeit eingeht. Den Beamten erschien das Video als zu erotisch, sodass es tatsächlich verboten werden sollte – bei Gain stand ein Verbot überhaupt nicht zur Debatte. Die Produzenten konnten aber dieselben Herren von der Harmlosigkeit des Videos überzeugen, sodass es nun ab 12 frei gegeben ist.  Man kommt nicht umhin, an unsere FSKler zu denken, deren Entscheidungsfreude gelegentlich auch nicht wirklich nachvollziehbar ist.

Rania Just Go
In „Just Go“ kehren Rania zu ihrem ursprünglichen Stil zurück.

Anfang 2013 kehrte die Gruppe Rania zu ihrem ursprünglichen Konzept zurück, das sie ja aufgrund der strengeren Altersbeschränkungen für kurze Zeit abgelegt hatte. In ihrem neuen Video „Just Go“ erscheinen die weiblichen Mitglieder wieder in teils durchsichtigen Kostümen und legen einmal mehr eine – für K-Pop-Verhältnisse – gewagte Choreographie hin. Diesmal hütete man sich allerdings vor einem drohenden Cut, indem man auf Nahaufnahmen bei den Dance-Shots (diese hatten bei ihrem Debut-Video „Dr. Feel Good für Wirbel gesorgt) verzichtete.

NineMuses Wild
Nine Muses‘ „Wild“ ist das erste Video der Gruppe, das nur für Erwachsene frei gegeben wurde.

Schließlich und endlich ist auch der Titel „Wild“ der Gruppe Nine Muses quasi zum Programm ihres neuesten Clips geworden. Zugleich greifen die neun ehemaligen Fotomodels in visueller Hinsicht auf ihr Debut „No Playboy“ zurück, auch wenn „Wild“ eindeutig freizügiger ist und daher erst ab 19 freigegeben wurde. Anscheinend versuchten die Produzenten das etwas fragwürdig geratene Video „Dolls“, das kurze Zeit vor „Wild“ erschien, schnell vergessen zu machen, da dies wirklich an einer schlechten Umsetzung gelitten hat.

Es zeigt sich jedenfalls, dass parallel zum zunehmenden internationalen Erfolg von K-Pop die Zweideutigkeiten zunehmend in Eindeutigkeiten übergehen. Wie immer darf man gespannt sein, wie die Entwicklung weitergeht.

Emanzipation auf Koreanisch – Neue Darstellungen von Frauen in Musikvideos

Südkorea ist inzwischen auch bekannt im Hinblick auf seine Popmusik. In keinem anderen Land werden Boy- und Girlgroups fast schon fließbandartig auf den heimischen Musikmarkt geworfen wie in dem einstigen „hermit kingdom“. Was zum einen wie ein reiner „Popkultur-Kapitalismus“ erscheint, nimmt bei genauerer Betrachtung der sog. Promotional Videos interessanterweise eine sozialkritische Form an. Dies zeigt sich besonders bei den Videos der Girlgroups.

Betrachtet man die Videoclips rein oberflächlich, so scheint die Präsentation der Sängerinnen dem zu unterliegen, was man als den „männlichen Blick“ bezeichnet. Es scheint also, als symbolisiere die Kamera die sexuell beeinflusste Sichtweise eines Mannes auf eine Frau bzw. auf einen weiblichen Körper.

In der Tat jedoch stellen die meisten dieser Musikvideos eine emanzipierte Darstellung von Frauen dar. Man nehme hierbei u. a. als Beispiel den Videoclip „Good Girl, Bad Girl“ der Girlband Miss A , in welchem es um den Unterschied zwischen äußerem Schein und innerem Sein geht, wobei zugleich die oben genannte Perspektive in Frage gestellt wird. Ein anderes Beispiel wäre das Musikvideo „Nowadays You“ der Girlband Brave Girls. Hier präsentieren sich die Sängerinnern in Hosenanzügen, wobei sie von männlichen Symbolen umgeben sind (Auto, Zahnräder als Symbol für Maschinenteile usw.). Dazu passt der Kommentar eines der Mitglieder: sie seien im Grunde genommen eine männliche Girlband. Weitere Videos wären „So hot“ der Wondergirls oder auch „Bo Pe“ der Gruppe T-ARA. In beiden wird die Frau als das „stärkere Geschlecht“ dargestellt.

In dem neuen Videoclip der Gruppe „After School“ wehrt sich eine der Sängerinnen mithilfe einer Pistole gegen den männlichen Blick.

In neueren Videoclips kommt es zu einer direkten Symbolik von Emanzipation. Es handelt sich hierbei u. a. um die Videos „Hit U“ von Dalshabet und um „Flashback“ von After School. In beiden Clips verschaffen sich die Frauen durch ein durchaus männliches Symbol Gehör und verweisen dabei nicht nur auf Selbständigkeit, sondern auch auf eine soziale Gleichrangigkeit. In beiden Videoclips bedroht eine Frau einen Mann mit einer Pistole. Die Pistole gilt als ein Symbol für das männliche Geschlecht. Die Frauen erobern sich ihren sozialen Status, indem sie dieselben Mittel wie ihre männlichen Konkurrenten verwenden. In „Hit U“ ist dies um ein Vielfaches drastischer dargestellt als in „Flashback“, da hier eine Frau sämtliche Männer erschießt, die sie unterschätzt und damit ins Lächerliche gezogen haben. Als zusätzliches Symbol ihrer Rache kann das pinkfarbene Blut angesehen werden, das dabei durch die Gegend spritzt und aufgrund seiner Farbe einen weiblichen Aspekt aufweist (ein zusätzlicher Grund für die Farbgebung liegt natürlich auch darin, der Szene ihre Brutalität zu nehmen. Immerhin erschießt die Frau äußerst kaltblütig mehrere Männer, die ihr schutzlos ausgeliefert sind).

In dem Videoclip der Girl-Group „Dalshabet“ erschießt eine Frau ihren Exfreund und seine Gefährten.

After School und Dalshabet haben in diesem Sinne die Emanzipation der Frau in Korea, jedenfalls im medialen Sinne, auf eine neue Stufe gehoben. Natürlich gibt es auch weiterhin Musikvideos, in denen die Frau schlicht und ergreifend als Sexobjekt dargestellt wird wie dies vor allem in den Clips der Gruppe Sistar der Fall ist. Dennoch dürften die beiden Musikvideos in Sachen Emanzipation eine neue Richtung vorgegeben haben.