Die Justiz in den Händen der Reichen – Upton Sinclairs Roman „Boston“

1927 wurden die beiden italienischen Einwanderer Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti zum Tode verurteilt, da sie sieben Jahre zuvor einen Raubmord begangen haben sollen. Im Laufe des Prozesses aber stellte sich dieser Prozess als eine bloße Farce heraus, denn hinter dem Gericht standen niemand anderer als Banker und Großindustrielle, die den diversen sozialistischen Bewegungen, die sich in den USA formierten, einen Denkzettel verpassen wollten.

Diesen Justizskandal verarbeitete der bekannte Romancier Upton Sinclair in seinem 1928 erschienenen Roman „Boston“. Vierzig Jahre vor Truman Capotes „Kaltblütig“ schuf Sinclair damit einen dokumentarischen Roman, der es in sich hat.

In einer Mischung aus Familienroman und Justizdrama erzählt Sinclair die Geschichte der Wittwe Cornelia Thornwell, die ihre Familie plötzlich satt hat. Eines Tages beschließt sie, das Haus ihres verstorbenen Mannes, dem Großindustriellen Josiah Thornwell, zu verlassen, um auf eigenen Beinen zu stehen. Dadurch verschlägt es sie in eine Arbeitersiedlung in Plymouth, wo sie als Untermieterin bei einer italienischen Familie lebt. Ebenfalls zu Gast ist dort der Intellektuelle Bartolomeo Vancetti, der mit aller Leidenschaft den sozialistischen und anarchistischen Ideen nachgeht. Nachdem Cornelia einen Arbeiteraufstand miterlebt hat, beschließt sie, sich ebenfalls für Vancettis Sache einzusetzen.

Ihr zu Hilfe kommt ihre Enkelin Betty, die ebenfalls gegen die Macht der Konzerne und Banken und gegen die soziale Ungerechtigkeit kämpfen möchte. Eines Tages kommt es zu einem brutalen Raubüberfall auf einen Geldtransporter, und kurzerhand werden Vancetti und sein Freund Sacco als Hauptverdächtige ins Gefängnis gesteckt, obwohl beide unschuldig sind. Für die Beteilgten ist klar, dass es hier nur darum geht, den sozialen Bewegungen Einhalt zu gebieten. Währenddessen setzen Cornelia und Betty alles daran, um Vancetti und Sacco zu helfen.

Erstaunlicherweise beginnt der Roman wie eine Gesellschaftssatire. Ähnlich wie Edith Wharton, so macht sich auch Upton Sinclair mit beißendem Witz über die Upper Class lustig, indem er die Thornwells als eine Familie aus habgierigen und geldgeilen Egoisten darstellt, die sich um das Erbe streiten. Das Vergnügen jedoch hat schnell ein Ende, als sich der Roman plötzlich in eine Art US-amerikanische Version von Emile Zolas „Germinal“ verwandelt, nur um dann erneut umzuschlagen und seine eigene Richtung findet.

Auch hier bleibt es zunächst bei satirischen Elemten, wenn es um die Darstellung der Industriellen und Banker geht, besonders grandios sind die Reaktionen von Deborah und Rupert Alvin auf das Verhalten ihrer Tochter Betty geschildert, die sich den sozialistischen Ideen anschließt und sogar für ein Jahr nach Ungarn und Russland reist, um dort den armen Leuten zu helfen.

Währenddessen aber entwickelt sich bereits das Drama um Vancetti und Sacco. Und hier beginnt der Roman überaus aufwühlend und nicht weniger packend zu werden. Sinclair konzentriert sich nicht nur auf das eigentliche Drama, sondern nutzt dies für einen radikalen Rundumschlag, der seinesgleichen sucht. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, sondern seziert den Ablauf des Prozesses als eine Reihe von unerhörten Einflussnahmen seitens der Banken und der Industrie, deren Akteure über Leichen gehen, um an der Macht zu bleiben.

Die Macht der Konzerne, die Upton Sinclair beschreibt, ist überaus erschreckend und hat nichts von ihrer Aktualität verloren. Man denke nur an die Bankenkrise im Jahr 2008. Trotz seiner durchweg spannenden Handlung besitzt der Roman auch so seine unverkennbaren Längen. Manchmal schießt Sinclair dadurch über das Ziel hinaus, doch wenn er sich wieder gefasst hat, dann reißt einen die tragische und aufregende Geschichte wieder voll und ganz mit.

Upton Sinclair. Boston. Manesse Verlag 2017, 1025 Seiten, 42,00 Euro, ISBN: 978-3-7175-2380-2