Apokalyptische Sequenzen – Ein kleiner Streifzug durch schemenhafte Weltuntergangsszenarien

sequenzen6Apokalypsen müssen einem im filmischen Sinne nicht unbedingt ins Auge springen. Es gibt auch leisere Töne. Dabei handelt es sich um Filme, die man beim ersten Ansehen nicht einmal ansatzweise als endzeitlich bezeichnen würde. Dennoch gehört auch diese Art des visuellen Untergangs in den Bereich der fiktiv-globalen Katastrophe.

Die eigentliche Handlung dieser Filme verläuft meistens nicht nach dem Schema des gängigen Katastrophenfilms und hat auch nichts mit Zombies oder Außerirdischen zu tun. Ihnen gelingt es, in kurzen Sequenzen, welche manchmal nicht einmal eine Minute dauern, auf eine Apokalypse aufmerksam zu machen, auf eine weltweite Katastrophe, welche durch das Handeln der Protagonisten ausgelöst wird. Um ein Beispiel vorweg zu nehmen: „Planet der Affen: Prevolution“ gelingt es, nach dem Fade Out, sozusagen als Verzierung des Nachspanns, ein globales Virenverbreitungsschema zu skizzieren. Das Schema überlässt die damit verbundene Katastrophe voll und ganz der Fantasie der Zuschauer. Der Untergang der Menschheit ist damit besiegelt. Wir haben also eindeutig eine apokalyptische Sequenz vor uns.
Eine Darstellung solcher Sequenzen ist wohl oder übel damit verbunden, dass man die Pointe eines Films verraten muss. Aus filmtheoretischer Sicht stellt dies im Grunde genommen kein Problem dar. Leser, die befürchten, ich würde ihnen den Spaß an einem der Filme verderben, sollten jedoch jetzt aufhören zu lesen. Allen anderen wünsche ich weiterhin viel Spaß.

sequenzen1Auf der Suche nach weiteren apokalyptischen Sequenzen stößt man früher oder später auf „Donnie Darko“. Er ist nicht weniger ein Endzeitfilm wie diejenigen Produktionen, welche mit viel Geld virtuelle Häuser und Brücken einstürzen lassen. Das viel diskutierte Werk, in dem es um einen Jungen geht, der vergeblich nach Sinn und Orientierung sucht und schließlich dazu auserchoren wird, die Welt vor dem Untergang zu retten, weist jedoch nur in einer wenige Sekunden dauernden Sequenz gegen Ende des Films konkret auf den Untergang hin. In dieser kurzen Szene sitzt Donnie auf der Kühlerhaube seines Autos und blickt hinaus in die Ferne. Dabei sieht er Wolken, welche seltsame Rüssel formen. Die Sequenz endet mit dem Satz: „Ich gehe jetzt nach hause.“ Natürlich stellt sich hierbei die Frage, was Donnie mit diesem „nach hause“ meint. Bis heute wird darüber eifrig gestritten, wobei immer wieder der Begriff Paralleluniversum fällt.

sequenzen2Sein Quasi-Sequel „S. Darko“, der handwerklich hervorragend, thematisch jedoch völlig überflüssig ist, wird konkreter. Der Film erzählt die Geschichte von Donnies jüngerer Schwester, die zusammen mit ihrer Freundin ausgebüchst ist und in einem kleinen Ort mit rätselhaften Erscheinungen konfrontiert wird. Wiederum geht es um den Untergang der Menschheit, doch nicht in Form einer Wolke, sondern in Form eines sonderbaren Meteoritenschauers, der am Ende des Films herabregnet. Diese Sequenz, die zugleich den Höhepunkt des Films darstellt, ist ein klein wenig aufwendiger als Donnie Darkos schlichte Beobachtung. Die Zuschauer werden Zeuge eines fast schon altestamentarisch-prophetischen Weltuntergangs, in welchem Steine vom Himmel regnen. Das kommt nicht von ungefährt, spricht der Film doch in Ansätzen auch religiöse Fragestellungen an. Eine weitere apokalyptische Sequenz also.

Die beiden „Darko“-Filme waren noch nicht alles, was es zu diesem Thema zu sagen gibt. Ziehen wir uns etwas wärmer an und besuchen wir die Arktis, die sich ja immer wieder dafür eignet, um eine unheimliche Bedrohung auf die Menschheit loszulassen, besonders in Zeiten des Klimawandels. Die beiden Filme „Frozen“ und „The last Winter“ erzählen im Grunde genommen dieselbe Geschichte. Es geht um eine Forschungsstation, in deren Nähe durch das Auftauen des Eises uralte Viren bzw. Lebewesen freigesetzt werden, welche nicht nur die Forscher, sondern die gesamte Menschheit bedrohen. Die Umsetzung der Grundidee ist in beiden Filmen natürlich verschieden. Ersterer ist ein Actionfilm, der zweite ein Drama. Bei beiden handelt es sich jedoch ebenfalls um Endzeitfilme. Das merkt man ihnen zunächst nicht an. Doch ein Blick auf die entsprechenden Szenen drücken ihnen eindeutig das Merkmal Apokalypse auf.

sequenzen3Bei „Frozen“ befindet sich diese Sequenz gleich am Anfang. Wir sehen einen Zusammenschnitt von Nachrichtenbildern, in denen Ausschreitungen und Gewaltexzesse zu sehen sind, welche eine Welt veranschaulichen sollen, die kurz davor steht, im Chaos zu versinken. Die Bilder nehmen die Pointe des Films vorweg, denn die eigentliche Handlung erzählt, wie es zu diesen chaotischen Zuständen gekommen ist. Auch hier haben wir somit einen Endzeitfilm vor uns. Die Viren, welche durch das Schmelzen des Eises frei werden, verbreiten sich durch die Mechanismen der Globalisierung auf der ganzen Welt. Das bedeutet, wie die Anfangssequenz veranschaulicht, nichts Gutes für die Menschheit.

glasseyepix2Dem schließt sich „The last Winter“ des New Yorker Independentregisseurs Larry Fassenden an, dessen apokalyptische Sequenz aus den letzten Sekunden des Films besteht, auch wenn es hier mehr um bizarre Kreaturen und weniger um Viren geht, welche durch die Klimaerwärmung aus dem Eis schlüpfen. Die letzte Überlebende einer Katastrophe, die sich in einer Polarstation abgespielt hat, erwacht in einem Krankenhaus. Da sich keiner in dem Gebäude befindet, tritt sie hinaus auf die Straße. Leere Gebäude und das Geheul sonderbarer Kreaturen stehen als Metonymie für eine gerade ablaufende Apokalypse. Damit endet der Film. Wiederum bleibt es der Fantasie der Zuschauer überlassen, was nun wohl oder übel mit dem Rest der Menschheit geschieht.

sequenzen4Zum Schluss noch zwei Beispiele aus Japan. Das eine stammt aus den 60er Jahren, das andere entstand kurz nach der Jahrtausendwende. Ende der 60er Jahre drehte Hajime Sato den Trash-Klassiker „Goke – Vampir aus dem Weltall“. Es geht darin um ein Flugzeug, das von einem UFO gestreift wird und kurz darauf abstürzt. Die Überlebenden sehen sich einer neuen Gefahr gegenüber: einem außerirdischen Vampir. Interessant für uns ist wiederum die Schlusssequenz des Films. Einer Frau, welche den Aspekt des „Final Girl“ aus den 70er und 80er Jahren vorwegnimmt, gelingt es, sich vom Ort des Geschehens zurück in die Zivilisation zu kämpfen. Dort angekommen, veranschaulicht durch eine Raststätte, muss sie erkennen, dass der Vampir (eine Art Virus) bereits ganze Arbeit geleistet hat. Der Ort ist voller Leichen, leere Autos stehen chaotisch auf der Straße. Auch diese Sequenz ist als Symbol für den Untergang der Menschheit zu verstehen, veranschaulichen die Bilder doch eine Welt, die im Chaos untergegangen ist. Unserer Heldin kommt damit die Rolle als letzter Mensch zugute.

sequenzen5Der zweite Film lautet „Ju-On – The Grudge“ und ist, jedenfalls in seiner Schlusssequenz, nicht weniger ein Endzeitfilm. Der Mitbegründer des modernen japanischen Horrorfilms Shimizu Takashi erzählt darin in seiner gewohnt verschachtelten Episodenform die Geschichte eines Geisterhauses, dessen Bewohner allesamt spurlos verschwinden. Man kann sich natürlich fragen, was das jetzt mit dem Thema Endzeit zu tun haben soll. Takashi liefert in den wenigen Sekunden vor Schluss eine Art weiträumigere Perspektive, welche nicht mehr das Haus zeigt, sondern eine leere Straße. An Bretterwänden hängen unzählige Bilder von Vermissten. Kein einziger Mensch ist mehr zu sehen. Herum liegende Blätter veranschaulichen, dass es niemanden mehr gibt, der für Ordnung und Sauberkeit sorgt. Wiederum stehen wir hier dem Symbol oder der Metonymie einer Welt gegenüber, in der die Menschheit nicht mehr existiert.

Filmische Apokalypsen müssen nicht immer mit Pauken und Trompeten daherkommen. Es gibt, wie gerade gezeigt, auch Filme, welche eine Endzeit lediglich andeuten. Solche Filme fristen im Hinblick auf ihren Endzeitcharakter ein beinahe unerkanntes Dasein zwischen den Zombieballer- und eindeutig klassifizierbaren Katastrophenfilmen, da sie zwar in verschiedene Kategorien gestopft, aber als Endzeitfilme nicht wahrgenommen werden.
Aber aus welchem Grund beschränkt ein Regisseur den endzeitlichen Aspekt auf eine einzige Sequenz? Als Antwort könnten zwei Möglichkeiten in die engere Auswahl kommen. Ein wesentlicher Grund dürfte sein, dass das Budget nicht ausreichte, um etwas Größeres und Beeindruckenderes in Szene setzen zu können. So sind die oben skizzierten Filme allesamt Low-Budget-Produktionen. Ein anderer Aspekt dürfte ästhetische Gründe haben, besonders bei Filmen, bei denen die Endzeitsequenzen am Schluss des Films eingefügt sind. Jeder Regisseur sucht nach einem Bild, das sein Werk abschließt und in der Erinnerung des Zuschauers noch längere Zeit nachhallt. Sequenzen, in denen eine globale Bedrohung symbolhaft dargestellt wird, scheinen dafür äußerst geeignet zu sein. Doch welche wirtschaftlichen oder ästhetischen Gründe diese Sequenzen auch haben mögen, auf jeden Fall haftet ihnen ein eigener Sinn an. Denn es geht um den Verlust von Kontrolle, der dazu führt, dass sich eine begrenzte Gefahr global ausweiten und damit die Menschheit insgesamt bedroht. Und somit schließt sich der Kreis: denn es handelt sich dabei schlicht und ergreifend um Apokalypsen.

Der Artikel erschien zuvor in dem eMagazin Phantast 6: Apokalypsen unter demselben Titel. Autor: Max Pechmann.