Manhatten Transfer – Der Roman einer Großstadt

Cover der Erstausgabe von 1925

Mit „Manhattan Transfer“ veröffentlichte John Dos Passos (1896 – 1970) den ersten Großstadtroman der Literaturgeschichte. Bis heute ist sein Einfluss auf die Literatur und auch den Film ungebrochen. Und der Begriff Film ist für Dos Passos‘ Meisterwerk ein zentraler Aspekt.

Der Schriftsteller und Drehbuchautor Clemens Meyer erwähnt in seinem Nachwort zur Neuübersetzung des Romans, dass es im Grunde genommen nie einen Übergang von der Moderne in die Postmoderne gegeben habe. Denn „Manhatten Transfer“ ist sowohl modern als auch postmodern. Der Roman ist ein wahrer Rausch, der den Leser mitten hinein in das Getümmel und die Einzelschicksale New Yorks katapultiert und nicht mehr loslässt, bis der Roman bzw. das von Dos Passos‘ geschilderte New York einen wieder ausspuckt.

Um diese Hektik und die unterschiedlichen Facetten New Yorks vor und nach dem Ersten Weltkrieg zu schildern, verwendete John Dos Passos einen Stil, den er selbst als camera eye bezeichnete. Das heißt, er versuchte sich New York nicht auf rein literarischem Wege zu nähern, sondern setzte Film in Sprache um. Dadurch ergeben sich in einer Szene nicht nur die Dialoge oder Handlungen der Hauptfiguren, sondern zugleich ein Nebeneinander verschiedener kurzer Begebenheiten, Gerüche, Szenen und Beobachtungen, die diesen Roman zu einem wilden, stakkatoartigen Leserausch machen.

Cover der Neuübersetzung

Es ist kaum zu glauben, dass „Manhattan Transfer“ 1925 erschienen ist. Und hier passt Clemens Meyers Erwähnung des fehlenden Übergangs zur Postmoderne. Der Roman nimmt quasi die Werke der Beat Generation vorweg. Man glaubt, in „Manhattan Transfer“ Jack Kerouac genauso zu finden wie William S. Borroughs (z.B. die Szene mit der Schreibmaschine).

Und was ist mit der Handlung? Die grundlegende Handlung ist das Leben in New York. Und innerhalb dieser Masse verfolgt Dos Passos die Schicksale mehrerer Figuren, wie etwa Jimmy Herf, der keinen Erfolg als Reporter hat, Gus McNiel, der durch einen Unfall zu Geld kommt und später Arbeiterstreiks anführt, der Anwalt George Baldwin, dessen Karriere mit Gus McNiels Unfall beginnt, oder Ellen Thatcher, die nie die Hauptrolle beim Theater erhält, dennoch von allen geliebt wird, was dazu führt, dass sie mit allen Figuren irgendwie in Berührung kommt.

Doch die eigentliche Hauptfigur bleibt New York. Mit einer ungeheuren Wortgewalt, die fast mit dem Genie Thomas Wolfes zu vergleichen ist, beschreibt er Lichter, Farben, Gerüche, Geräusche – ja, einfach alles, sodass man nach wenigen Seiten bereits glaubt, sich selbst in dieser Stadt zu befinden.

„Manhattan Transfer“ ist ein großartiger Roman, durch den man regelrecht rast, sodass es scheint, als habe einem selbst die Hektik der Großstadt gepackt. Auf alle Fälle einer der besten Romane, die ich bisher gelesen habe.