Retribution – Japans düstere Seite

Die Frau in Rot verfolgt Kommissar Yoshioka; Retribution (2006), © Sakebi Film Partners

Kiyoshi Kurosawa ist ein Regisseur der leisen Töne. Viele Filmkritiker stellen ihn daher auf dieselbe Stufe wie Hirokazu Koreeda, der vergangenes Jahr mit „Shoplifters“ die Goldene Palme erhielt. Obwohl Kiyoshi Kurosawa eher im Horrorgenre beheimatet ist, hat er mit Koreeda doch eine große Gemeinsamkeit: die Kritik an der japanischen Gesellschaft. Geht es bei Koreeda um Realismus, so gehen Kurosawas Filme stets über ins Surreale.

Auf diese Weise funktionieren Kurosawas Filme immer auf zwei Ebenen: zum einen als Horrorfilm, zum anderen als Sozialdrama. Dies zeigt sich vor allem in seinem Spielfilm „Retribution“, der von Takashige Ichise produziert wurde, der auch als Produzent hinter den Filmen „Ring“ und „Ju-On“ steckt, den beiden Überklassikern des modernen japanischen Horrorkinos. Es geht darin um eine sonderbare Mordserie, bei der Menschen in Salzwasser ertrinken. Während die Polizei nach einem Serienmörder sucht, befürchtet Kommissar Noboru Yoshioka mehr und mehr, dass er selbst etwas mit den Morden zu tun haben könnte.

Diese Befürchtung wird dadurch untermauert, da Yoshioka auf einmal von einer seltsamen Frau in Rot verfolgt wird. Yoshioka ist eine gebrochene Figur, die es in dem düstergrauen Tokio nicht länger aushält. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin möchte er daher nicht nur die japanische Hauptstadt,  sondern Japan ganz verlassen.

Wie gesagt, funktionieren Kurosawas Filme stets als Horrorfilm, als auch als Sozialdrama. Speziell in „Retribution“ gelingt es dem Regisseur hervorragend, beide Aspekte fießend miteinander zu verbinden. Er zeigt ein düsteres, trostloses Japan, in dem eine kalte Anonymität herrscht. Leere Straßen, verlassene Häuser, Fassaden, von denen der Putz abfällt, Wohnungen, die keine Heimeligkeit vermitteln, sondern Hoffnungslosigkeit und Verfall.

Yoshioka und seine Lebensgefährtin planen, ihr Leben zu ändern; „Retribution“ (2006); © Sakebi Film Partners

All dies dient Kurosawa dazu, die negativen Seiten der Moderne hervorzuheben, wobei er sich hierbei mit Hirokazu Koreeda deutlich überschneidet: Vereinzelung, Orientierungslosigkeit, Egoismus und damit verbundene soziale Kälte. Die Frage, die man sich dabei stellt, lautet, ob das Grauen nicht eher die moderne Gesellschaft selbst ist und weniger der Geist der Vergangenheit, der den Stadtteil, in dem Yoshioka wohnt, heimsucht.

Obwohl viele Kritiker „Retribution“ weniger gelungen halten, als Kurosawas andere Filme (wie z.B. „Cure“ oder „Real“), zeigt er dennoch Kurosawas Filmkunst in überaus ausgeprägter Form. Gut, über das Ende lässt sich sicherlich streiten, doch insgesamt ist es ein hervorragender Film, dem man durchaus mehr Beachtung wünscht.

Retribution. Regie u. Drehbuch: Kiyoshi Kurosawa, Produktion: Takashige Ichise, Darsteller: Koji Yakusho, Manami Konishi, Tsuyoshi Ihara, Joe Odagiri, Ryo Kase, Riona Hazuki. Japan 2006, 104 Min.

Horror de Luxe: Apartment 1303 (2007)

Mariko (Noriko Nakagoshi) hat einen unliebsamen Mitbewohner (Apartment 1303; © MonteCristo International)

Wie wurde nicht über diesen Film hergezogen. Dass er amateurhaft sei, dass die Schauspieler schlecht seien und so weiter und so fort. Dementsprechend skeptisch ging ich an „Apartment 1303“ heran – und war überrascht, was für ein hervorragender Film dies doch ist.

„Apartment 1303“ stammt aus der Endphase von J-Horror, sprich aus dem Jahr 2007. Natürlich existiert J-Horror weiterhin, doch ist die Glanzzeit dieses Genres, das 1998 mit „Ring“ begann, vorbei – ab 2007 dümpelte J-Horror dann auch eher vor sich hin, anstatt weitere Meisterwerke zu liefern. Wie man es sich bei dem Titel denken kann, geht es um eine unheimliche Wohnung in einem Bau namens Blue Palace. Immer wieder haben dort junge Frauen Selbstmord begangen. Als auch Marikos Schwester sich aus unerklärlichen Gründen das Leben genommen hat, versucht sie, hinter das Geheimnis der Wohnung zu kommen.

Originalolakat von „Aparment 1303“

Der Film fasziniert von Anfang an durch seine unglaublich gute Optik. Regisseur Ataru Oikawa hat bereits in „Tomie“ (1999) gezeigt, dass ihm in Sachen Bildkomposition nicht jeder die Hand reichen kann, und genau diese Kunstfertigkeit setzt er in „Apartment 1303“ fort. Elegante Kamerafahrten, sorgfältige Einstellungen, eine wundervolle Farbgebung und nicht zuletzt ein erstklassiger Sound sorgen dafür, dass einen der Film vollkommen in seinen Bann schlägt.

Dabei kommt die Handlung unglaublich düster daher. Die Hintergrundgeschichte besitzt einerseits eine tiefe Tragik, andererseits nimmt sie Aspekte urbaner Legenden für sich in Anspruch. Die Kombination aus beidem macht die Geschichte überaus interessant. Besonders deshalb, da es Oikawa in „Apartment 1303“ um eine vehemente Gesellschaftskritik geht. Er zeigt zerstörte Familien, alkoholkranke Mütter, Misshandlung von Kindern. Alles in allem also harter Tobak, besonders für eine Gesellschaft, in der letzt genannter Punkt immer wieder unter den Teppich gekehrt wird.

Mariko (Noriko Nakagoshi) vor dem Blue Palace; (Apartment 1303; © MonteCristo Inernational)

Aus all dem schafft Oikawa ein kleines optisches Meisterwerk, in dem er auch eine leise, aber witzige Liebesgeschichte miteinwebt. Gut, bei einer Szene, in der Studenten von einer Geisterfrau heimgesucht werden, kratzt Oikawa etwas arg am Trash. Doch stört dieses kleine Zwischenspiel kaum. Anscheinend war den Produzenten der Film zu ruhig, sodass sie Oikawa drängten, ein bisschen mehr Hektik in das Ganze zu bringen.

Nein, die negativen Kritiken kann ich kein bisschen nachvollziehen. „Apartment 1303“ ist ein schöner Geisterfilm, der am Ende sogar klassische Züge annimmt, was einem noch mehr für diesen Film einnimmt. Wer sich diesen Film ansehen möchte, sollte dies übrigens im japanischen Original tun, da die deutsche Synchro den Schauspielern nicht wirklich gerecht wird. – Eine kleine, aber feine Perle des japanischen Horrorfilms.

2012 drehte übrigens Michael Taverna das gleichnamige Remake, landete damit aber nicht nur einen Flop, sondern wurde von negativen Kritiken nur so überhäuft.

Aparment 1303. Regie u. Drehbuch: Ataru Oikawa, Produktion: Chiaki Harada, Darsteller: Eriko Hatsune, Yuka Itaya, Noriko Nakagoshi, Naoko Otani, Arata Furuta. Japan 2007, 91 Min.

Die Klunkerecke: Onibaba – Die Töterinnen (1964)

Die ältere Frau, gespielt von Shindos Muse Nobuko Otowa; Onibaba (1964); © Toho

Es wird immer wieder darüber diskutiert, ob es sich bei Kaneto Shindos Meisterwerk Onibaba um einen Horrorfilm handelt. Die Antwort darauf ist wirklich nicht leicht. Ganz ähnlich verhält es sich ja auch bei Joseph Loseys Der Diener, der ein Jahr vor Onibaba in die Kinos kam. Bei diesem Film herrscht ebenfalls eine Uneinstimmigkeit darüber, ob es sich nicht doch um einen Film aus dem Bereich des Phantastischen handelt.

Die ältere und die jüngere Frau auf dem Weg durch das Feld; „Onibaba“ (1964); © Toho

Kaneto Shindos Film basiert auf einer alten japanischen Legende. Es geht um zwei Frauen, die alleine in einem riesigen Feld leben, während um sie herum Krieg tobt. Sie töten ahnungslose Samurai, die sich in dem Feld verirrt haben und verkaufen ihre Waffen und Rüstungen auf dem Schwarzmarkt. Die Leichen werfen sie in ein tiefes Loch in unmittelbarer Nähe ihrer Hütte. Eines Tages kommt ihr Nachbar Hachi aus dem Krieg zurück. Er ist desertiert und hofft, von den Soldaten nicht gefunden zu werden. Nach und nach entwickelt sich zwischen ihm und der jüngeren Frau eine sexuelle Beziehung, was zwischen ihr und der älteren Frau zu einem immer größeren Konflikt führt.

Die jüngere Frau wird verfolgt; „Onibaba“ (1964); © Toho

Gleich am Anfang des Films wird das Erdloch gezeigt, das schon seit Anbeginn der Zeit an dieser Stelle gewesen sein soll. Sofort kommt einem dabei der Gedanke an Lovecraft, und vielleicht hatte Shindo ja tatsächlich eine solche Anspielung im Hinterkopf. Die Geschichte selbst aber verläuft zunächst eher wie ein extrem düsteres und radikales Drama, in das sich nach und nach Elemente des Unheimlichen mischen.

Schon allein die Darstellung des Felds erinnert an die Schilderungen der bewegten Natur in Algernon Blackwoods unheimlicher Erzählung „Die Weiden“. Möglich, dass sich der Regisseur auch von diesem klassischen Horrorautor inspirieren ließ. Die Übereinstimmungen sind auf jeden Fall erstaunlich.

Originalkinoplakat von „Onibaba“

Wie gesagt, entwickelt sich der Film zunächst in Form eines Dramas, wobei von Mal zu Mal surreale Elemente eine immer stärkere Rolle spielen. So taucht z.B. eines Nachts plötzlich ein Samurai auf, der seine Maske nicht von seinem Gesicht bekommt. Er hat sich in dem riesigen Feld verirrt und fordert die ältere Frau auf, ihn von diesem Ort wieder wegzuführen. Besonders diese Szene wirkt geradezu surreal, fast schon wie ein Albtraum.

Der ganze Filme besitzt eine traumartige Atmosphäre. Hinzu kommt die direkte Darstellung sexueller Begierde, welche die junge Frau und Hachi geradezu verzehrt. Die ältere Frau hat darunter zu leiden, wird sie doch ebenfalls von dieser Begierde angesteckt, kann sie jedoch nicht befriedigen – kongenial dargestellt übrigens von Shindos Ehefrau und Muse Nobuko Otowa, die für ihn ihre Karriere als Filmstar aufgab (sie wirkte bis dahin in 134 Filmen mit) und von da an hauptsächlich nur noch in seinen Filmen mitwirkte.

Amerkanisches Plakat von „Onibaba“

Interessant ist, dass beide Frauen in dem Film keine Namen haben. Im Gegensatz zu den männlichen Figuren, wie den Nachbarn Hachi oder den Schwarzmarkthändler Ushi. Dennoch geht es in dem Film um Emanzipation, eigentlich ist dies sogar das Hauptthema des Films. Manche Filmhistoriker sehen in Onibaba auch eine vehemente Kritik am Kapitalismus, die heute sogar aktueller anmutet als damals. Der Kapitalismus als Ursache für den Krieg und zugleich als Grund dafür, weswegen dieser Krieg nicht endet. Er zerstört dadurch das Gesellschaftssystem und führt zu völliger Verrohung und Egoismus.

Onibaba war Shindos erfolgreichster Kinofilm, der sogar in den USA für einen überraschend großen Umsatz sorgte. Insgesamt drehte Shindo Kaneto 40 Filme und verfasste für über 200 Filme die Drehbücher. Noch im Alter von 98 Jahren drehte er mit Postcard einen, seinen letzten Spielfilm, der 2012 für den Oscar nominiert wurde. Im selben Jahr starb Shindo Kaneto, der zu den wichtigsten Regisseuren Japans zählt. Onibaba – Die Töterinnen ist und bleibt jedoch sein Meisterwerk.

Onibaba – Die Töterinnen (OT: Onibaba). Regie und Drehbuch: Shindo Kaneto. Produktion: Toshyo Konya, Darsteller: Nobuko Otowa, Jitsuko Yoshimura, Kei Sato. Japan 1964, 103 Min.

J-Horror: Carved – The Slit-Mouthed Woman

carvedUm Kuchisake-Onna ranken sich in Japan so allerhand Gerüchte. Die unheimliche Frau soll vor allem Kindern und Jugendlichen erscheinen und sie fragen: „Bin ich hübsch?“ Wer die falsche Antwort gibt, um den ist es geschehen. Es handelt sich bei Kuchisake-Onna um eine urbane Legende, die sich vor allem Kinder erzählen, um sich gegenseitig Angst einzujagen. Eine Besonderheit der Frau ist, dass sie einen langen Mantel trägt und ein Mundschutz ihren aufgeschlitzten Mund verdeckt. Zudem hat sie stets eine große Schere dabei, mit der sie ihre Opfer peinigt.

Diese gespenstischen Gerüchte nahm Regisseur Koji Shiraishi als Grundlage für seinen Horrorfilm „Carved“. Dieser spielt in einer Kleinstadt, in der es auf einmal zu Kindesentführungen kommt. Kinder erzählen, sie hätten eine Frau mit einem aufgeschlitzten Mund gesehen, die die Kinder mit sich nahm. Die Lehrerin Kyoko Yamashita macht sich daran, nach den entführten Kindern zu suchen. Dabei kommt sie tatsächlich auf die Spur dieser seltsamen Person …

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Nicht mehr länger nur eine Legende; „Carved“ (2007); Copyright: Splendid Film

Carved ist ein typischer J-Horror-Film und funktioniert daher auf dieselbe Weise wie „Ringu“.  So werde am Anfang in Form einer urbanen Legende Gerüchte um eine unheimliche Frau erzählt, die später tatsächlich in Erscheinung tritt. Und schließlich wird versucht, ihrem gespenstischen Treiben ein Ende zu setzen. Regisseur Koji Shiraishi gelingt es dabei, den Zuschauer durchgehend zu unterhalten. Dabei keriert er eine durchweg bedrohliche Atmosphäre, wobei es auch nicht an unheimlichen Zwischenfällen fehlt, die recht gelungen in Szene gesetzt sind. Das bizarre Aussehen der Frau steht dabei natürlich im Mittelpunkt. Mit ihrem aufgeschlitzten Mund und dem stets starren Blick hofft man, ihr nicht gerade hinter der nächsten Ecke zu begegnen.

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Kuchisake-Onna in Aktion; „Carved“ (2007); Copyright: Splendid Film

Was dem Regisseur allerdings weniger gelingt, hängt mit den Logikfehlern zusammen. Es gibt zu viele Ungereimtheiten, die den Zuschauer mit einigen Fragezeichen zurücklassen. Dies fängt bei der Hintergrundgeschichte an und geht bei der Fähigkeit der Frau weiter, den Protagonisten Trugbilder vorzugaukeln. Die zentrale Frage, die sich stellt, lautet, wer oder besser was diese Frau nun eigentlich ist. Hierbei hilft die Erklärung, die Koji Shiraishi liefert, nicht unbedingt weiter. Dennoch ist „Carved“ aufgrund seiner interessanten Optik, dem Spannungsaufbau und nicht zuletzt der unheimlichen Figur Kuchisake-Onna einer der besten J-Horror-Filme aus der Spätphase des J-Horror.

Der Erfolg des Films verlangte damals natürlich nach einer Fortsetzung. Doch „The Slit-Mouthed Woman 2“ ist mehr Drama als Horror und eigentlich mehr Prequel als Sequel, in dem erzählt wird, wie es zu dieser urbanen Legende gekommen ist. In Sachen Optik und Spannung reicht der zweite Teil an den Originalfilm nicht heran.

Carved – The slit-mouthed Woman (OT: Kuchisake-Onna), Regie: Koji Shiraishi, Drehbuch: Koji Shiraishi, Naoyuki Yokota, Produktion: Kayoko Hanamura, Darsteller: Eriko Sato, Haruhiko Kato, Chiharu Kawai, Rie Kuwana, Japan 2007, 90 Min.

Trash der 60er (9): Goke – Vampir aus dem Weltall

goke2Fast 20 Jahre vor Tobe Hoopers „Lifeforce“ gelangte schon einmal ein außerirdischer Vampir auf die Erde und zwar in Hajime Satos Film „Goke“. Hajime Sato (1929-1995) war im Trash-Genre beheimatet, wobei „Goke – Vampir aus dem Weltall“ sein bekanntestes Werk darstellt.

„Goke“ hat so ziemlich alles, was ein guter Trash-Film braucht: einen heldenhaften Flugzeugpiloten, einen fiesen Politiker, einen Gangster und einen Außerirdischen. Der Film beginnt damit, dass immer mehr Vögel grundlos gegen die Fenster des Flugzeugs knallen. Kurz darauf erscheint der Himmel blutrot. Im selben Moment erhält der Pilot von der Flugsicherung eine Warnung, dass sich eine Bombe an Bord befindet. Das Gepäck wird durchsucht, der Terrorist gibt sich zu erkennen. Mit vorgehaltener Waffe will er eine Kursänderung erzwingen, doch da kollidiert das Flugzeug beinahe mit einem UFO. Es kommt zur Bruchlandung. In unmittelbarer Nähe befindet sich das unbekannte Flugobjekt. Als der Gangster dieses betritt, wird er von einem Alienparasiten befallen und mutiert dadurch zu einem willenlosen Blutsauger, der Passagiere und Crew an den Kragen will …

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Der außerirdische Vampir (Hideo Ko) macht sich an sein nächstes Opfer (Kathy Horan) ran.

Schon die Handlung beweist, dass hier Trash-Freunde voll auf ihre Kosten kommen. Dennoch ist Satos Film keineswegs eine bloße Aneinanderreihung skurriler Begebenheiten. Sato will eindeutig mehr und seinem Werk eine gewisse Tiefe verleihen. Auf diese Weise überrascht der Film durch seine harsche Kritik an Politik und einer Mahnung über die Sinnlosigkeit des Krieges. Diese Aspekte versinnbildlichen sich in der Figur des Politikers, dessen Charakter überaus unsympathisch, man möchte schon fast sagen widerlich erscheint. Im Gegensatz dazu sind die übrigen Figuren, der Gangster eingeschlossen, Sowohl-als-auch-Charaktere. Nicht weniger erstaunlich ist auch das Ende des Films, das einen regelrecht endzeitlichen Charakter besitzt, das „Goke“ schließlich zu einem überaus düsteren Film werden lässt.

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Gangster Hirofumi (Hideo Ko) Geht auf das UFO zu. Ein Beispiel für die teils intensive Farbgebung des Films.

Bis dahin jedoch wechselt der Parasit öfters seinen Wirt, sodass die Spannung, ähnlich wie in anderen Filmen, die das „Bodysnatcher“-Thema aufgreifen, durch die allgegenwärtige Bedrohung und die daraus resultierende paranoide Angst stets aufrecht erhalten bleibt.

Noch ein Wort zum Vergleich mit Mario Bava: Dieser kam wahrscheinlich durch die Betonung der intensiven Farbgebung zustande. Bava liebte starke, leuchtende Farben, die seine Filme stellenweise wie Gemälde erscheinen lassen. Ähnliches findet man bei „Goke“. Auch hier strahlen die Farben und geben dem Film damit einen bis ins Surreale reichenden Charakter.

Goke – Vampir aus dem Weltall (OT: Kyuketsuki Gokemidoro), Regie: Hajime Sato, Drehbuch: Kyuzo Kobayashi, Susumu Takahisa, Kathy Horan, Produktion: Takashi Inomata, Darsteller: Hideo Ko, Teru Yushida, Tomomi Sato, Japan 1968, 81 Min

Uzumaki oder Lovecraft auf Japanisch

uzumakiNormalerweise wandeln langhaarige Geisterfrauen durch Japans Horrorfilme. Parallel dazu aber gibt es noch ein zweites Subgenre, das man vielleicht als eine Art Experimentalkino bezeichnen könnte. Unter anderem gehört dazu „Uzumaki“, ein Film, der einerseits auf einem Manga basiert, andererseits aber auch auf Lovecrafts „Die Farbe aus dem All“.

Der Film erzählt von der lieblichen Kleinstadt Kurouzu, in der auf einmal seltsame Dinge geschehen. Am Himmel bilden sich seltsame Spiralen, die sich auf das Gemüt der Menschen niederschlagen. Denn auf einmal werden alle spiralensüchtig. Dies geht soweit, dass manche einen außergewöhnlichen Spiralentod sterben. Ein Reporter und eine Schülerin versuchen, das Rätsel dieser Veränderungen zu lösen.

Regisseur Higuchinsky gelingt es, mit viel Ironie und schrägem Humor eine originelle Geschichte zu erzählen, die sozusagen eine japanische Version von Lovecrafts Werk darstellt. Der Wahnsinn schleicht sich unerwartet in den Alltag der Menschen der kleinen Stadt Kurouzu, die vielleicht als japanisches Arkham gelten kann. Die stete Zunahme der außergewöhnlichen Ereignisse wird mit einem Hang zu Überraschungen umgesetzt, wobei das Symbol der Spirale immer mehr ins Zentrum des Geschehens rückt. Beinahe in jeder Szene bzw. sogar Einstellung ist eine Spirale versteckt, so dass der Film für den Zuschauer gleichzeitig zu einem Bilderrätsel wird. Schon fast hypnotisch werden die einzelnen Figuren durch die Spiralen beeinflusst. Bis zum Schluss lässt die Handlung es offen, was die Ursachen für diese Veränderungen sind, wodurch die Spannung und das Rätseln bis zur letzten Sequenz aufrechterhalten wird.

Higuchinskys Film ist sicherlich einer der originellsten Adaptionen einer Geschichte von Lovecraft. Die Übertragung des kosmischen Grauens ins „Japanische“ gelingt ihm ohne Probleme. Dabei kommt er sogar dem Unerklärlichen und Unnennbarem in Lovecrafts Gesamtwerk näher als so manche Hollywood-Verfilmung. Ein schöner, witziger und überraschender Film, den man nicht nur als Lovecraft-Fan genießen kann.

Uzumaki, Regie: Higuchinsky, Drehbuch: Kengo Kaji, Produktion: Sumiji Miyake, Darsteller: Eriko Hatsune, Fhi Fan, Hinako Saeki. Japan 2000, 94 Min.

Die Klunkerecke: Kaidan

kaidanRegisseur Hideo Nakata gehört zu den Mitbegründern des modernen japanischen Horrorfilms. Seine Romanadaption „Ring“ wurde wegweisend für viele nachfolgende Produktionen und beeinflusste nicht zuletzt den US-amerikanischen Horrorfilm. Spielen J-Horror-Filme in der Gegenwart, so verlegt Nakata in seinem „Kaidan“ die Handlung in das 18. Jahrhundert und nähert sich damit den Legenden und Märchen an, in denen das Unheimliche der J-Horror-Filme seinen Ursprung hat.

Die Geschichte erzählt davon, wie die reiche Dame Oshiga, die bekannt ist für ihren Musikunterricht, sich in den Hausierer Shinkichi verliebt. Beide heiraten, was einen großen Skandal hervorruft, da Oshiga jemanden aus einem niedrigeren Stand zum Mann nimmt. Nach und nach führt dies dazu, dass Oshigas Schülerinnen wegbleiben. Zugleich macht sich bei ihr eine schwere Krankheit bemerkbar. Shinkichi vergnügt sich inzwischen mit anderen Frauen. Als sie das mitbekommt, schreibt sie auf ihrem Sterbelager einen Fluch nieder, der Shinkichi  immer dann treffen soll, wenn er eine Beziehung zu einer anderen Frau eingehen will. Zunächst hält dieser das Schriftstück für reinen Unfug. Doch dann tritt der Fluch tatsächlich in Kraft …

Im Gegensatz zu den übrigen J-Horror-Beiträgen, ist „Kaidan“ ein eher ruhiger Film, der in wunderbaren Farben schwelgt und mit einer tollen Optik überzeugt. Er verbindet Historie mit Legende und Schauerromantik und ragt durch seinen hohen künstlerischen Anspruch aus den übrigen Produktionen deutlich hervor. Trotzdem neigt Nakata nicht gerade zur Zimperlichkeit bei den Szenen, in denen der Fluch wirksam wird. Hier kommt es zu recht blutigen und grausamen Zwischenfällen, die Shinkichi an den Rand des Irrsinns bringen. Doch Hideo Nakata wollte eben mehr, als „nur“ einen Horrorfilm drehen. So kleidet er „Kaidan“ in die Form eines Dramas, in dem es um Liebe und Hass, Wahnsinn und Rache geht.

Was bei „Kaidan“ jedoch etwas verwundert, ist der Prolog, der im Grunde genommen nicht viel mit der restlichen Geschichte zu tun hat. Jedenfalls wirkt dieser überflüssig, da er im Grunde genommen nichts erklärt und so gut wie nichts mit der Ursache des Fluchs zu tun hat.

Wenn man aber von dieser kleinen Ungereimtheit absieht, ist „Kaidan“ ein Film, der vor allem durch seine sorgfältige Produktion überzeugt

Kaidan, Regie: Hideo Nakata, Drehbuch: Satoko Okudera, Produktion: Takashige Ichise, Darsteller: Kumiko Aso, Tokoaki Enoki, Reona Hirota, Mao Inoue, Tae Kimura. Japan 2007, Laufzeit: 115 Min.

Warning from Space – Japans erster SF-Film in Farbe

warningfromspace1Nach dem internationalen Erfolg von „Godzilla“ (1954), musste unbedingt ein neuer Film her, der auf diesem Erfolg aufspringen konnte. Die Fortsetzung des Monsterfilms „Godzilla kehrt zurück“ (1955) floppte an den internationalen Kinokassen. Also suchte man nach einem anderen Konzept.

Godzilla wurde zunächst einmal zu den Akten gelegt. Stattdessen versuchte man, sich an den SF-Filmen Hollywoods zu orientieren und schuf daher einen Film, in dem die Menschheit in den Kontakt zu Außerirdischen tritt. Der Titel des Films lautete „Warning from Space“ und kam 1956 in die Kinos.

Es geht darin um seesternartige Außerirdische, die die Menschheit vor einer Katastrophe warnen wollen. Ein Planet (Planet R) nähert sich der Erde. Es droht ein Zusammenstoß, der unweigerlich zur Vernichtung unserer Welt führt. Während die Wissenschaftler zum einen versuchen, hinter das Geheimnis der Außerirdischen zu kommen, versuchen sie andererseits, etwas gegen die drohende Gefahr zu unternehmen.

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Die Aliens in ihrer Raumstation. Über die Kostüme lässt sich natürlich streiten. „Warning from Space“ (1956).

Um die Aufmerksamkeit zu erhöhen, drehte Regisseur Koji Shima den Film in Farbe. Es handelte sich dabei um den ersten japanischen SF-Film in Farbe. Koji Shima reizte dabei das Farbspektrum regelrecht aus. Zunächst ist man etwas enttäuscht. Gleich die erste Einstellung, welche die Außerirdischen in ihrer Raumstation zeigen, bietet lediglich sonderbare Grautöne. Nur das Auge eines der sprechenden Seesterne blinkt in einem intensiven Blau. Doch nach einem harten Schnitt auf einen Regenschirm, der für ein paar Sekunden das komplette Bild ausfüllt, ist man positiv überrascht. Nicht nur aufgrund der Farbe. Denn die Einstellung leitet eine Szene ein, die an einem regnerischen Abend auf einem Bahnhof spielt, auf dem sich ein Reporter mit einem Wissenschaftler trifft. Dies wirkt überaus modern und so gar nicht aus dem Jahr 1956. In der Tat, was die Optik des Films betrifft, ist dieser seiner Zeit weit voraus. Ganz toll sind die Sequenzen, in denen Menschen in Tokio in den Himmel sehen, um nach den UFOs Ausschau zu halten. Wie gesagt, wirken diese nicht wie aus den 50er Jahren, sondern könnten genauso gut heute gedreht worden sein.

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Prof. Isobe spricht vor den Reportern über die drohende Gefahr.

Man hat gelegentlich den Eindruck, dass Koji Shima bei Orson Welles abgeguckt hat. Zwar wurde auch damals die Optik des Film gewürdigt, doch was die Handlung betrifft, so war man sich einig, dass „Warning from Space“ nicht viel hergibt. Und da hatten die Kritiker durchaus recht. Im Hinblick auf die Story wirkt der Film unglaublich naiv. Somit kommt es auch zu Szenen, die, trotz der genialen Optik, irgendwie dämlich wirken. So z.B. eine Szene, in der einer der Wissenschaftler mit einem in eine Frau transformierten Außerirdischen Tennis spielt. Bei jedem Schlag springt die Frau fast zwei Meter in die Höhe. Ob die Szene damals ernst gemeint war oder Shima diese mit einem Augenzwinkern bedacht hatte, bleibt unklar.

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„Keep watching the Sky!“ Hier ein Beispiel für die teils hervorragende Optik des Films. „Warning from Space“ (1956).

Auch ergeben sich mehrere Ungereimtheiten. Die vermeintliche Frau soll in dem Film eine bekannte Sängerin sein, welche die Aliens kopiert haben. Seltsam ist, dass die Wissenschaftler und Reporter sich über das Aussehen der Frau gar nicht wundern und diese nicht als eben jene Sängerin erkennen, im Gegensatz zu einer Gruppe Schülerinnen, die sie sofort kreischend umringen. Völlig überflüssig ist das plötzliche Auftreten eines Gangsters, der von einem der Wissenschaftler namens Isobe die Formel haben möchte, mit der man eine Bombe bauen kann, die um ein Vielfaches stärker als eine Atombombe ist. Isobe wird entführt. Doch auf seinem Finger trägt er einen Ring der Außerirdischen, mit dem eben jene Außerirdischen ihn jerderzeit lokalisieren können. Doch, und hier macht sich wieder die Unlogik der Story bemerkbar, als erstes kommen die als Menschen transformierten Aliens in das Forschungsinstitut und fragen, ob Isobe hier sei, worauf seine Kollegen meinen, dass sie ihn seit Tagen nicht gesehen hätten. Darauf erwidert die Alien-Frau, dass Isobe eben jenen Ring habe und sie ihn deswegen schnell finden könnten.

Auch „Warning from Space“ blieb weit hinter den Erwartungen zurück. Anfang der 60er Jahre wurde er erneut aufgeführt. Erst bei seinem zweiten Anlauf wurde er auch in den USA gezeigt. Wie bereits erwähnt, ist der Film rein optisch durchaus bemerkenswert. Trotz seiner teils verpatzten Handlung ging „Warning from Space“ als erster SF-Farbfilm in die japanische Filmgeschichte ein. Wieso aber die Außerirdischen ausgerechnet wie Seesterne aussehen, bleibt eine andere Frage.

Die Klunkerecke: Hausu

hausuGlaubt man den Gerüchten, so wollten die Toho-Studios Ende der 70er Jahre Steven Spielberg nacheifern und einen ähnlichen Film wie „Der weiße Hai“ drehen. Das Ergebnis dieser Bemühung war „Hausu“, der 1977 in die japanischen Kinos kam und alles andere als eine Mainstreamproduktion war. Die Produzenten befürchteten, mit „Hausu“ einen Megaflopp zu landen. Ihr Staunen war daher umso größer, als sie feststellten, dass sich der Film zu einem überaus großen Erfolg entwickelte.

Regie führte Nobohiko Obayashi, der die Geschichte um das Spukhaus zusammen mit seiner Tochter entwickelte. Seine Tochter zählte ihm auf, was ihr alles Angst bereitete und diese Ängste arbeitete Obayashi ein in eine Story, die experimentierfreudiger nicht sein könnte. Nachdem das Drehbuch fertig war, galt es zunächst als nicht zu verfilmen. Dennoch erhielt Nobohiko Obayashi grünes Licht.

Es geht um eine Schülerin, die zusammen mit ihren sechs Freundinnen in den Ferien das Haus ihrer Tante besucht. Doch kaum sind sie dort angekommen, als es zu unheimlichen und seltsamen Zwischenfällen kommt.

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Hausu (1977); Coypright: Toho.

Zurecht stellt sich die Frage, was „Hausu“ eigentlich ist. Ist es ein Horrorfilm, ein Märchenfilm, ein Experimentalfilm? Wahrscheinlich irgendwie alles zusammen. „Hausu“ ist eine psychedelische Achterbahnfahrt, ein visueller Rausch, totaler Wahnsinn. Es macht den Eindruck, als habe Obayashi vor Drehbeginn nochmals ein paar Lehrbücher über Montage und Kameranstellungen gelesen. Im Gegensatz zu anderen Regisseuren, pickte er sich nicht die für seinen Film geeigneten Aspekte heraus, sondern verwendete einfach alles. So beinhaltet „Hausu“ so gut wie alle Arten von Ein- und Aus- sowie Überblendungen, Zeitlupe und Zeitraffer, die Bilder laufen vor- und rückwärts, mehr als fünf Minuten lang zeigt Obayashi nur ruckartige Bewegungen, um sich dann wieder in überaus eleganten Kamerafahrten zu ergehen. Hinzu kommt die Filmmusik, die manchal als Musik zum Film, machmal als Musik im Film und manchmal beides zugleich ist, sodass der Zuschauer nahe daran ist, den Verstand zu verlieren.

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Hausu (1977); Copyright: Toho.

Es ist keineswegs falsch, wenn man „Hausu“ auf dieselbe Ebene wie Argentos „Suspiria“ stellt. Beide Filme schwelgen geradezu in filmischer Ästhetik, beides sind Beispiele dafür, dass Horror und Trash eine Form der Kunst darstellen. Beide geizen nicht in ihrer Farbgebung, auch die Grundidee, dass Schülerinnen in einem Haus auf geheimnisvolle Weise ums Leben kommen, ist nicht unähnlich, auch wenn die jeweilige Umsetzung in andere Richtungen geht. Tatsächlich stellt sich die Frage, ob Argento Obayashis Meisterwerk vor seiner Arbeit an „Suspiria“ gekannt und ihn dieses Werk auf eine gewisse Weise beeinflusst hat. In beiden Filmen wirken die Deathscenes surreal, geradezu (alp)traumartig, wobei Obayashi verstärkt versucht, seinen Effekten einen kindischen Charakter zu verleihen.

„Hausu“ ist vollendete Trash-Ästhetik. Interessanterweise fand der Film erst 2010 seinen Weg in die US-amerikanischen Kinos. In Deutschland wurde die Produktion aus den 70er Jahren 2006 veröffentlicht. Das Motto lautet: Lieber spät, als nie. Denn ansonsten wäre den hiesigen Zuschauern ein absolutes Meisterwerk entgangen.

 

 

Urbane Legenden in Realität und Film

urban legend„Candyman“ (1992) zählt zu den ersten Filmen, in denen der Begriff urbane Legende auftaucht. Interessanterweise wird hier gezielt auf den wissenschaftlichen Aspekt wert gelegt, indem zwei Volkskundlerinnen versuchen, den realen Ursprüngen der Legende um Candyman auf die Spur zu kommen. Die Bezeichnung selbst wurde titelgebend in dem Slasher-Film „Urban Legend“ (1998), der als „Düstere Legenden“ in den deutschen Kinos lief und inhaltlich auf alle bekannten urbanen Legenden anspielte.

Urbane Legenden sind keine Erfindung des Horrorgenres. Der amerikanische Volkskundler Jan Harold Brunvand veröffentlichte 1983 seinen Klassiker „The vanishing Hitchhiker“, in dem er ein paar der Legenden zum besten gibt, sich aber vor allem auf die soziokulturellen Hintergründe konzentriert. Er gilt übrigens auch als erster Wissenschaftler, der den Begriff „urbane Legende“ in Umlauf gebracht hat.

brunvandVor Brunvands Studie galt die Theorie, dass Legenden ein Markenzeichen vormoderner Gesellschaften seien. Eines der Hauptmerkmale ist, dass Legenden mündlich überliefert werden. Diese Form der mündlichen Überlieferung, so hieß es, existiert in modernen bzw. postmodernen Gesellschaften nicht, in denen Geschichten jeglicher Art schriftlich festgehalten werden. Auch zeigten die bis dahin durchgeführten Untersuchungen von Legenden, dass deren Ursprung nicht in der Moderne oder Postmoderne liegen.

Brunvand zeigte durch seine Forschung aber, dass die bisherigen Theorien völlig falsch lagen. Legenden sind kein alleiniger Bestandteil vormoderner Gesellschaften, sondern existieren auch in den heutigen Industriegesellschaften. Wie „klassische“ Legenden, so gilt auch bei den urbanen Legenden, dass sie ausschließlich  mündlich weitergegeben werden. Dabei fand Brunvand heraus, dass sogenannte Knotenpunkte der Überlieferung Schulen, Unis und Ferienlager sind.

In seinem Buch erwähnt der Volkskundler mehrere bekannte urbane Legenden, von denen aber vor allem drei das Horrorkino beeinfusst haben. Es handelt sich dabei um die Legende des verschwundenen Anhalters, die Legende vom Babysitter und die Legende vom Alligator, das durch das Klo in die Kanalisation gelangte.

hitcherVon jeder dieser Legenden gibt es unterschiedliche Versionen, die sich von Region zu Region unterscheiden. So gibt es Anhalter-Geschichten, in denen ein junger Mann oder eine junge Frau (in der Regel noch Student bzw. Studentin) nachts auf einer einsamen Landstraße einen Anhalter in das Auto einsteigen lässt, um ihn in den nächsten Ort mitzunehmen. Bei der Ankunft ist der fremde Mann entweder spurlos verschwunden oder er entpuppt sich als ein wahnsinniger Mörder, der mithilfe eines Eisenhakens dem Fahrer/der Fahrerin die Kehle aufschlitzt.

Auch von den Babysitter-Geschichten gibt es verschiedene Versionen. Die bekannteste ist die, dass das Telefon klingelt, die Studentin, die auf die Kinder aufpasst, abhebt und eine Stimme am anderen Ende der Leitung sagt, sie solle nach dem Baby schauen. Als sie das Kinderzimmer betritt, erwartet sie dort ein schreckliches Blutbad.

Die Alligator-Geschichten sind dagegen weitestgehend identisch. Es geht stets darum, dass ein Junge ein kleines Alligatorbaby geschenkt bekommen hat und dieses eines Tages das Klo runterspült. In der Kanalisation wächst es zu einem riesigen Raubtier heran, dem gelegentlich Kanalarbeiter zum Opfer fallen.

alligatorWie obern erwähnt, beeinflussten diese drei Legenden das Horrorkino und führten dort zu Klassikern des Genres. Zum einen ist hierbei John Carpenters „Halloween“ (1978) zu nennen, dessen Handlung auf der Babysitter-Legende basiert. Wie auch in der oben skizzierten Legendenversion hat es Laurie letztendlich mit einem Serienmörder zu tun, der sie und ihre Freunde bedroht.

Beinahe eins zu eins setzte der Tierhorrorstreifen „Alligator“ (1980) die Legende um den Alligator im Abwassersystem um. Im Prolog des Films wird sogar die Szene dargestellt, in der ein Junge ein Alligatorbaby ins Klo wirft und die Spülung drückt.

Die Legende von dem Anhalter findet sich in dem Horrorthriller „Hitcher, der Highwaykiller“ (1986) wieder, wobei hier die Story natürlich weiter ausgeschmückt wird. Dennoch bleibt die Grundstruktur der urbanen Legende erhalten.

Dass urbane Legenden Ideengeber für Horrorfilme darstellen, beschränkt sich allerdings nicht auf Hollywood. Sowohl in Japan als auch in Korea dienen urbane Legenden als Grundlage für so manchen Gruselstreifen.

slitmouthed woman
Carved – The Slit mouthed Woman (2007)

In Japan wird das Thema urbane Legende in dem Klassiker „Ringu“ (1998) zumindest angeschnitten, als die Reporterin Asakawa ein paar Schülerinnen über die Gerüchte befragt, die von ominösen Anrufen einer unbekannten Frau handeln. Eine tatsächliche urbane Legende fand ihren Weg durch den Film „The Slit-mouthed Woman“ (2007) in die Kinos. Die urbane Legende existiert ebenfalls in unterschiedlichen Versionen. In einer davon geht es um eine Frau, deren eifersüchtiger Mann ihr mit einer Schere den Mund aufgeschnitten hat. Seitdem wandert sie mit einem Mundschutz durch die Straßen Tokios und bringt demjenigen den Tod, der ihr begegnet. Der Film setzt die Legende ziemlich genau um. Auch der Knotenpunkt Schule spielt hier eine zentrale Rolle.

voice
Voice (2005)

In Südkorea werden urbane Legenden ebenfalls hauptsächlich an Schulen erzählt. So ist es kein Wunder, dass Schulhorrorfilme dort äußerst beliebt sind. Angefangen von „Whispering Corridors“ (1998) über „Memento Mori“ (1999) bis hin zu „Voice“ (2005) und „A Blood Pledge“ (2009) verarbeiten diese Filme nicht nur die Kritik am koreanischen Schulsystem, sondern gehen gezielt auf die Gerüchte und Legenden ein, die von einem Schüler zum nächsten weitergegeben werden. In der Regel handelt es sich dabei um Spukgeschichten, in denen verstorbene Schülerinnen (sie begingen meistens Selbstmord) sich an ihren Peinigern rächen wollen. Im Untertitel wird noch deutlicher, dass sich die jeweiligen Filme auf urbane Legenden beziehen. Übersetzt heißt dieser „Geistergeschichten aus der Mädchenschule“.

Ähnlich wie die beiden Doktorandinnen in „Candyman“, so machte sich auch Jan Harold Brunvand auf, um nach den realen Ursprüngen dieser urbanen Legenden zu suchen. Er fand dabei heraus, dass die Alligatorgeschichte einen historisch belegbaren Hintergrund hat. Tatsächlich soll ein solcher Fall in den 60er Jahren in New York geschehen sein. Da Legenden in der Regel auf reale Ereignisse beruhen, so ist anzunehmen, dass auch die Anhalter- und Babysitter-Geschichten auf irgendeine Art und Weise einmal geschehen sind. Durch das mündliche Weitererzählen verändern sie aber ihre Struktur, manchmal wird etwas hinzuerfunden oder weggelassen oder es kommt zu unterschiedlichen Arten von Zwischenfällen. Sicher ist, dass diese Legenden das Horrorgenre ungemein bereichern. Und da urbane Legenden hauptsächlich von jungen Leuten erzählt werden, ist es kein Wunder, dass vor allem Slasher-Movies darauf eingehen.