Voice from the Stone (2016)

Die große Zeit der italienischen Horrorfilme ist leider längst vorbei. Selbst Dario Argento ist von einer gewissen ästhetischen Müdigkeit befallen. Vielleicht aus dem Grund hatten Indie-Produzent Dean Zanuck (Enkel des legendären Filmproduzenten Darryl F. Zanuck) und Regisseur Eric Dennis Howell die Idee, eine kleine Hommage an diese wundervolle Kinozeit zu schaffen.

Titel des gemeinsamen Filmes lautet „Voice from the Stone“ und spielt in einem einsam gelegenen Haus in der Toskana. Dorthin verschlägt es das Kindermädchen Verena, die sich um einen stummen Jungen kümmern soll und ihn, wenn möglich, wieder zum Sprechen bringen. Jakob, der durch den Tod seiner Mutter einen Schock erlitt, ist fest davon überzeugt, dass seine Mutter durch die Wand seines Kinderzimmers mit ihm spricht. Verena will ihm diese Wahnvorstellung austreiben, doch dabei wird sie selbst immer stärker in die unheimliche Atmosphäre hineingezogen, die im und um das Haus lastet …

„Voice from the Stone“ ist in erster Linie ein überaus ruhiger Film, der sich vor allem Mühe gibt, den richtigen Ton zu treffen. Denn die Schaffung einer mysteriösen, durchaus unheimlichen Atmosphäre steht hier eindeutig im Vordergrund. Dabei orientieren sich Zanuck und Howell sehr genau an den damaligen Horrorfilmen von Mario Bava, Luigi Cozzi oder Antonio Margheriti.

Egal ob es sich um die düsteren Aussenansichten des Schlosses handelt oder um die teils leeren Innenräume des Gebäudes, hier spiegelt sich beinahe identisch die damalige Low-Budget-Ästhetik wider, die bis heute so viele Herzen höher schlagen lässt. Die Story selbst ist gar nicht mal schlecht, orientiert sich aber zu sehr an Henry James‘ berühmter Novelle „Das Drehen der Schraube“, auch wenn „Voice from the Stone“ eine Adaption eines italienischen Mystery-Thrillers ist.

Sowohl bei Henry James als auch in Howells Film kommt eine Erzieherin in ein einsam gelegenes Haus, in dem sich kleine Kinder äußerst seltsam benehmen und behaupten, von Geistern heimgesucht zu werden. Während es bei „Voice from the Stone“ ein Geist ist, so sind es bei James gleich zwei, aber die Überschneidungen sind eindeutig. In dieser Hinsicht fehlt es dem Film an Originalität. Schön ist allerdings, dass Howell und Zanuck versuchen, eine klassische Geistergeschichte zu erzählen.

Das ist ihnen auch gelungen, auch wenn die Hauptdarstellerin Emilia Clarke in ihrer Rolle als Kindermädchen nicht wirklich überzeugt. Man nimmt ihr die Rolle einfach nicht ab, ihr Spiel beschränkt sich in aller erster Linie auf eine irgendwie unbeholfene Mimik, stellenweise hat man das Gefühl, einer Schauspielstudentin beim Üben zuzusehen.

Was den Film aber dennoch interessant macht, ist seine sorgfältig konzipierte Optik, die viel zu der oben beschriebenen Atmosphäre beiträgt. Die Meister des italienischen Horrorkinos hätten sich daran sicherlich erfreut, auch wenn sie die Handlung spannender und dramatischer gestaltet hätten.

Voice from the Stone. Regie: Eric Dennis Howell, Drehbuch: Andrew Shaw, Produktion: Dean Zanuck, Darsteller: Emilia Clarke, Marton Csokas, Edward Dring. USA/Italien 2016, 94 Min.

Trash der 60er (2): Der Dämon und die Jungfrau

dämonunddiejungfrauWenn man so will, begann in den 60er Jahren ein Wettbewerb zwischen den US-amerikanischen und den europäischen Filmstudios. Während Hollywood in den 50er Jahren den B-Picture-Bereich dominierte, sprangen in den 60er Jahren England, Frankreich, Italien und auch Deutschland (in der Regel als Coproduzent) mit auf den Zug. In England entstanden die von den Fans so sehr geliebten Horrorfilme der Hammer Studios, auf dem europäischen Festland war es vor allem Italiens Cinecitta, die u. a. mit den Filmen Mario Bavas für Furore sorgte.

Es war die Hochzeit des Gothic-Horror. Die Handlungen spielten in der Regel im 18. Jahrhundert. Die American International Pictures konnten sich auf Vince Price als ihren Stammschauspieler verlassen. Gelegentlich übernahmen auch Peter Lorre, Boris Karloff und Barbara Steele eine Rolle. Technicolor sorgte für satte Farben, die heute genauso faszinieren wie damals. Der Unterschied zu den europäischen Filmen lag in den Darstellungen von Gewalt und Sex. Während in den USA stets nur angedeutet wurde, wagten sich Hammer und Co. an durchaus provokante Szenen heran. Als die AIP-Produzenten James H. Nicholson und Samuel Z. Arkoff nach Italien fuhren, um sich dort über die Machart italienischer Horrorfilme zu informieren, sollen beide schier erstaunt gewesen sein über die freizügige Art der Darstellung.

Ein Beispiel dieser Freizügigkeit ist „La frusta e il corpo“ aus dem Jahr 1963, der in Deutschland unter dem Titel „Der Dämon und die Jungfrau“ in den Kinos lief. Regie führte Mario Bava, dessen Einfluss auf den Horrorfilm bis heute anhält. Bava, der eigentlich Maler werden wollte, setzte seine malerischen Fähigkeiten stets in wunderbaren Farbspielen um, die seine Filme zu wahren Kunstwerken machen. Erst vor kurzem wird sein Werk auch von etablierten Filmkritikern ernst genommen, davor galt Bavas Oeuvre als trivial, was zur Folge hatte, dass sich lange Zeit niemand damit beschäftigte.

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Kurt Menliff (Christopher Lee) schwingt gleich die Peitsche. In: „Die Jungfrau und die Peitsche“ (1963).

In seinem Film „Die Jungfrau und die Peitsche“ setzte Mario Bava alle Register. Es handelt sich im Grunde genommen um eine Familiengeschichte. Kurt Menliff wurde von seinem Vater verstoßen, da er eine Beziehung zu einem Dienstmädchen hatte. Nach Jahren kehrt Kurt wieder in das alte Schloß der Menliffs zurück. Während sein Bruder Christian als auch sein Vater über die Rückkehr bestürzt sind, entwickelt Christians Frau Nevenka ganz andere Gefühle. Kurt merkt schnell, dass Nevenka daran leidet, dass sie ihre Sexualiät nicht ausleben kann. Zwischen beiden entwickelt sich eine heimliche Beziehung, die bestimmt ist von sado-masochistischen Praktiken. Später wird Kurt ermordet aufgefunden. Von da an geschehen auf dem Schloß unheimliche Dinge. Die Bediensteten glauben, dass Kurt von den Toten zurückgekehrt ist, um Rache zu nehmen.

Die sexuellen Anspielungen in „Die Jungfrau und die Peitsche“ waren so direkt, dass der Film zunächst nur für Erwachsene freigegeben wurde. Die Folge davon war, dass Mario Bava den Film kürzen musste. In Deutschland wurde versucht, die SM-Thematik ganz unter den Tisch fallen zu lassen, was dazu führte, dass die Auspeitschszenen aus dem Film genommen wurden. Erst vor ca. zehn Jahren erschien zum  ersten Mal eine ungeschnittene Fassung des Films auf DVD. In der Tat lässt einen Bavas Umsetzung von Nevankas Lust auf Schmerz auch heute noch erstaunen. Die Szenen, in der sich Nevanka unter den Peitschenhieben Kurt Menliffs lustvoll rekelt, haben es durchaus in sich.

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Nevanka (Daliah Lavi) während einer „SM-Sitzung“. Schön zu sehen: Bavas Spiel mit den Farben. „Die Jungfrau und die Peitsche“ (1963).

Gespielt wurde Nevanka von dem israelischen Fotomodel Daliah Lavi, die hier in ihrer mit Sicherheit sinnlichsten Rolle zu sehen ist. Christopher Lee übernahm die Rolle des Kurt. Wie oben bereits angedeutet, ist „Die Jungfrau und die Peitsche“ nicht nur ein Horrorfilm. Es handelt sich zugleich um ein prächtiges Farbenspiel, in dem Bava wie ein Maler auf einer Palette das farbige Licht der Scheinwerfer mischt. So gibt es nicht nur satte Rotfarben, sondern wunderbare Blau- und Violetttöne sowie unterschiedliche Variationen von Grün.

„Die Jungfrau und die Peitsche“ veranschaulicht, dass Horrorfilme keineswegs trivial sind, sondern diese vielmehr eine Kunstform darstellen – eine spezielle Form innerhab der Filmkunst. Bavas Schüler war u. a. Dario Argento, der 1978 mit „Suspiria“ seinem Meister huldigte. Böse Zungen behaupten, dass Bava den Film teilweise mitgedreht habe. Doch Belege dafür gibt es nicht. Sicher ist nur, dass Bava das Horrorfilmgenre sehr stark beeinflusste. Sein Einfluss reicht bis nach Südkorea. So ist z.B. „A Tale of two Sisters“ (2004) eine klare Verneigung von Regisseur Kim Jee-Won vor dem italienischen Meister.

 

Die Klunkerecke: Paganini Horror

paganinihorrorcoverEs gibt Filme, die so schlecht sind, dass sie schon wieder gut sind. Dieses Kriterium trifft eindeutig auf „Paganini Horror“ des italienischen Regisseurs Luigi Cozzi zu. Cozzi dürfte Trash-Fans eher durch seinen SF-Film „Star Crash – Sterne im Duell“ (1978) bekannt sein. „Paganini Horror“, aus dem Jahr 1989, stammt aus der Spätphase des italienischen Horrorfilms.

Es geht um eine Girlband, die nach ihrem letzten Erfolg unbedingt einen neuen Hit braucht. Doch das, was Kate, Elena und Rita zusammenschustern, taugt nicht viel. Da gelangen sie an eine vergessene Komposition Niccolo Paganinis. Sie schreiben die Noten um in einen Popsong, den sie Paganini Horror nennen. Um dem ganzen Projekt noch den letzten Schliff zu verpassen, soll in einem verlassenen Haus, in dem u. a. Paganini selbst gewohnt hat, ein Videoclip gedreht werden. Doch während des Drehs kommt es zu seltsamen Zwischenfällen.

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Rita sieht …

Der lange Vorspann, in dem ein Mädchen mit einem Geigenkoffer durch Venedig läuft, besitzt Stil und lässt auf einen guten Film hoffen. Nach dem Prolog aber kommt es zu einem harten Schnitt und der Film wird wie durch Zauberhand zu einer echten Trashgranate. In einem Tonstudio kommt es zu einem hysterischen Zickenkrieg, da der neue Song nichts taugt. Kurzerhand und ohne weitere Erklärung trifft Daniel, der Drummer der Band, einen seltsamen Mann, der ihm das geheimnisvolle Notenblatt Paganinis für eine Tasche voller Geld verkauft. Der Mann wurde übrigens von niemand anderem als Donald Pleasance gespielt. Gerüchten zufolge soll der Schauspieler während der Dreharbeiten stets völlig betrunken gewesen sein.

Die unlogischen Momente reihen sich weiter aneinander. Aus einem reinen Horrorfilm wird ein Film über unterschiedliche Zeitdimensionen. So als wollte Cozzi dieses Thema dick unterstreichen, hängt in einem der Zimmer ein Bild von Albert Einstein. Personen verschwinden, tauchen wieder auf und verschwinden erneut. Zwischendurch geistert ein Mann mit einer vergoldeten Pappmachemaske durch die Gegend, bei dem es sich um den Teufelsgeiger Paganini handeln soll. Das ganze Hin und Her wird durch trashige Dialoge noch versüßt.

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… den hier.

Man könnte sagen: Eindeutig ein Film für die Tonne. Doch Luigi Cozzi gelang das Kunststück, von Anfang an köstlich zu unterhalten. Das liegt vor allem an der Schnelligkeit der Handlung. Die Story rast richtiggehend von einem Zwischenfall zum nächsten. Und die oben erwähnten Dialoge tun ihr übriges. Hellhörig werden sicherlich Musikfans, denn die Melodie des Songs Paganini Horror ist geradezu identisch mit dem Song Twilight der Band ELO. Es wäre interessant, zu wissen, was Jeff Lynn damals zu diesem Quasi-Plagiat gemeint hat. Doch im Internet sucht man Informationen darüber vergeblich.

Luigi Cozzi ließ sich in seinem Tun nicht beirren und blieb dem Trash-Genre treu. Bis heute dreht er Filme dieser Art, doch lieben ihn seine Fans vor allem oder gerade wegen „Star Crash“ und „Paganini Horror“.

Die Klunkerecke: The Church

thechurch1Regisseur Michele Soavis bekannteste Arbeit ist der Horrorfilm „DellaMorte, DellAmore“ aus dem Jahr 1994. Fünf Jahre zuvor drehte er mit „The Church“ einen eher unbekannten Horrorfilm. Doch interessanterweise ist „The Church“ ästhetisch weitaus ausgefeilter als die darauf folgende Produktion.

Wie der Titel bereits verrät, geht es in „The Church“ um eine Kirche, genauer eine Kathedrale, in der soeben Restaurierungsarbeiten durchgeführt werden. Das Bauwerk wurde auf einem Ort errichtet, an dem im Mittelalter die Bewohner eines Dorfes von Mitgliedern eines Ritterordens getötet wurden, da man sie bezichtigte, Umgang mit dem Teufel zu haben. Während der Restauration entdeckt Lisa ein rätselhaftes Dokument, das in einer Geheimschrift abgefasst wurde. Der Bibliothekar Evald findet heraus, dass in dem Dokument die Rede von einem Siegel, dem „Stein mit sieben Augen“, ist, das im Unterbau der Kathedrale eingelassen ist. Evald geht der Sache nach und findet das Siegel, das sich als ein komplexer Mechanismus herausstellt. Als er das Siegel öffnet, entweicht eine bösartige Kraft, die zunehmend Besitz von dem Ort ergreift.

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Surreale Wesen erscheinen wie in einem Albtraum; „The Church“ (1989).

Der Hintergrund zu „The Church“ ist nicht weniger interessant, als der Film selbst. Die grundlegende Idee stammte von „Dämonen“-Regisseur Lamberto Bava, der mit „The Church“ den bisherigen beiden Teilen einen dritten Teil hinzufügen wollte. Michele Soavi aber hatte keine Lust, aus dem Stoff einen gewöhnlichen Horrorfilm zu drehen. Beeinflusst von Terry Gilliam, bei dessen „Baron Münchhausen“ er mitgearbeitet hatte, hatte er ein surreales Kunstwerk im Kopf. Kurzerhand schrieb er das vorhandene Drehbuch komplett um. In einem späteren Interview bemerkte er, dass er „The Church“ als eine Art filmischen Essay betrachte. Als Produzenten konnte er Dario Argento gewinnen. Böse Zungen behaupten, dass Argento beim Dreh das Steuer selbst in die Hand nahm und man daher von einem Argento-Film und weniger von einem Soavi-Film sprechen muss.

Tatsächlich finden sich in „The Church“ viele Elemente, die auf den Stil Argentos hinweisen. Verschiedene Kameraeinstellungen und Bildkompositionen erinnern an sein „Inferno“ (1982) oder an „Suspiria“ (1978). Soavi selbst äußerte sich dazu nicht. Doch egal, wie die Arbeitsaufteilung war, sicher ist, dass es eine bessere Zusammenarbeit nicht hätte geben können.

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Das Finale wird Hieronymus Bosch-artig eingeleitet; „The Church“ (1989).

„The Church“ ist genau das, was Soavi im Sinn hatte, als er das Drehbuch umschrieb: ein surreales Kunstwerk. Dieses entfaltet seine ganze Kraft ab der Szene, in welcher die unheimliche Macht die Portale der Kathedrale verriegelt, sodass die Besucher nicht mehr hinaus können. Ab diesem Moment löst sich die anfängliche Handlung beinahe auf. Der Film wird zu einem wahren Bilderrausch. Jede Szene, jedes Bild steht für sich und ist beinahe überfrachtet mit Details. Um in den vollen Genuss der kompositorischen Einzelheiten zu kommen, müsste man jedes Bild einfrieren, um es genauer betrachten zu können.

Für die Musik engagierte Argento einmal mehr seine „Hausband“ Goblin, die sich hier an Philip Glass orientieren, wobei sie sich vor allem auf das Stück „Floe“ aus dem Album „Glassworks“ beziehen.

Trotz der großartigen Kunst, die in „The Church“ geboten wird, ist der Film heutzutage nur noch wenigen Horrorliebhabern bekannt. Nach seinem erfolgreichen „DellaMorte, dellAmore“, legte Michele Soavi eine längere Pause ein. Seit Ende der 90er Jahre dreht er vor allem Werbefilme und TV-Krimis.

 

 

 

Die Dämonen, die ich rief oder M. R. James im Film

mrjamesMontague Rhodes James (1862 – 1932) war nicht nur ein bekannter Gelehrter, sondern auch ein erfolgreicher Verfasser von Geistergeschichten. Seine Popularität führte dazu, dass er in England auch unter dem Namen „Gespenster-James“ bekannt war. Das Besondere seiner Geschichten liegt darin, dass sie wie tatsächliche Begebenheiten wirken. James fand die Ideen für seine Geschichten auf seinen Reisen durch Europa, wo er mündlich überlieferte Gespenstergeschichten sammelte. In seinen unheimlichen Erzählungen, die in der Regel mitten auf dem Land spielen, geht es nicht selten um Kirchen und deren schreckliche Geheimnisse. Über diese Geheimnisse erfährt der Protagonist in der Regel in alten Büchern oder Manuskripten.

Trotz seines Erfolges betrachtete sich James stets bescheiden als Hobbyautor. Dies verhinderte jedoch nicht, dass er viele professionelle Schriftsteller bis heute beeinflusst. Auch H. P. Lovecraft war seinerzeit von den Gespenstergeschichten des englischen Gelehrten sehr angetan.

nightofthedemonM. R. James‘ Ideen sollten später auch von Drehbuchautoren aufgegriffen und filmisch umgesetzt werden. Eine der bekanntesten Adaptionen einer James-Geschichte (die Umsetzung basiert auf „Casting the Runes“) ist Jacques Tourneurs „Night of the Demon“ aus dem Jahr 1957. Es geht darin um den bekannten Psychiater Hamond, der in London an einem wissenschaftlichen Kongress teilnehmen soll. Kaum ist er dort angekommen, als er erfährt, dass einer seiner Kollegen auf rätselhafte Weise ums Leben gekommen ist. Der verstorbene Wissenschaftler stand in engem Kontakt mit einem Mann namens Karswell, der einen satanischen Zirkel leiten soll. Nicht nur das, denn Karswell selbst soll ein echter Hexenmeister sein. Hamond, ein Skeptiker, versucht, Karswell als Betrüger zu entlarven. Dabei gerät er jedoch zunehmend in Zwischenfälle, die er sich rational  nicht mehr erklären kann.

„Night of the Demon“, der in den USA unter dem Titel „Curse of the Demon“ lief und dort um 13 Minuten gekürzt wurde, gilt bis heute als einer der besten Horrorfilme, die je gedreht wurden. Das liegt zum einen sicherlich an den Fähigkeiten des Regisseurs, der in den 40er Jahren mit seinem Film „Katzenmenschen“ berühmt geworden war. Doch auch die Schauspieler erweisen sich in dem Film als erstklassig. Auch heute noch schafft der Film eine unheimlich-mysteriöse Dichte, die vor allem von den konfliktreichen Begegnungen zwischen Hamond und Karswell und deren intensiven Dialogen am Leben erhalten wird.

thechurch1989 kam es zu einer weiteren Adaption einer Geschichte von M. R. James. Es handelt sich dabei um den italienischen Horrorfilm „The Church“ von Michael Soavi. Dario Argento war für das Drehbuch und die Produktion verantwortlich. Böse Zungen behaupten, dass Soavi den Film gar nicht gedreht hat, sondern viel mehr Argento selbst die Zügel in der Hand hielt. In der Tat verweisen sehr viele Szenen auf die Arbeiten Argentos, sodass das Gerücht durchaus als eine Tatsache bewertet werden kann.

Der Film basiert auf der Geschichte „The Treasure of Abbot Thomas“. Soavi bzw. Argento machte daraus ein wahres Kunstwerk. Es ist eine Ansammlung surrealer Ideen, die sich um das Geheimnis einer alten Kirche drehen. Die Kirche wurde auf einem mittelalterlichen Massengrab errichtet. Ein Ritterorden hatte ein Dorf überfallen und sämtliche Bewohner ermordet. In einem alten Schriftstück, das eine Restauratorin entdeckt, wird auf das Geheimnis hingewiesen. Doch die Kirche beginnt ein unheimliches Eigenleben. Die Portale schließen sich plötzlich und die Besucher sehen sich einer tötlichen Gefahr gegenüber.

Der Film führt bis heute leider ein Schattendasein unter den Werken Argentos. Vor allem in Deutschland ist dieser Film so gut wie unbekannt. „The Church“ ist wahre Filmkunst, ein Rausch aus Farben, traumartiger Sequenzen und einer spannend inszenierten Handlung. Soavi, der mit seinem Film „Dela Morte, Del Amore“ einen großen Bekanntheitsgrad erreicht hatte, gelang nach „The Church“ nichts Erwähnenswertes mehr.

The BorderlandsIm Jahr 2013 wurde mit „The Borderlands“ eine weitere James-Geschichte frei adaptiert. Es handelt sich dabei um eine Low-Budget-Produktion im Stil des Lost Footage-Genres. Zwei Parapsychologen erhalten den Auftrag, seltsame Geschehnisse in einer alten Dorfkirche zu untersuchen. Der Film ist im Groben und Ganzen nicht schlecht. Regisseur Elliot Goldner gelingt es, eine klassisch angehauchte Gespensteratmosphäre zu schaffen. Doch leider fällt ihm nicht sonderlich viel ein, sodass sich sowohl der Anfang als auch das Ende ziehen. Das ist sicherlich schade, denn Goldner zeigt, dass er sein Handwerk versteht.

Die Geschichten von M. R. James erfreuen sich auch heute noch einer großen Leserschaft. In Deutschland sind seine Geschichtensammlungen nur noch antquarisch zu bekommen. Vielleicht ändert sich dies ja wieder. Seine Geschichten sind auf jeden Fall immer wieder lesenswert.

Emile Zola Horrorstar

 

Mit seinem 1867 erschienenen Roman Thérèse Raquin verfasste Emile Zola nicht nur ein packendes Erotikdrama, sondern begründete damit zugleich den Naturalismus. Hundert Jahre später diente sein Romandebut als Vorlage für den italienischen Horrorfilm The Ghost und 2009 ließ sich der bekannte koreanische Regisseur Park Chan-Wook von Zolas Roman für seinen Vampir-Thriller Thirst inspirieren.

Zolas Debut als Fortsetzungsroman

Thérèse Raquin in eine Horrorstory umzuwandeln liegt im Grunde genommen auf der Hand. Zola selbst verwendet in seinem Roman Aspekte der Schauerliteratur, um damit die Schuld und das schlechte Gewissen seiner beiden Prota-Antagonisten zu veranschaulichen. Thérèse Raquin und ihr Liebhaber Laurant geraten nach dem Mord an Thérèses Ehemann Camille in eine immer größer werdende Psychose. Sie leiden unter Halluzinationen, in denen sie den getöteten Camille zu sehen glauben, der bei jedem Erscheinen stets mehr der Verwesung anheim fällt (dieser Aspekt findet sich übrigens auch in John Landis‘ American Werewolf wieder, in welchem Davids verstorbener Freund Jack regelmäßig auftaucht, wobei er bei jedem seiner Auftritte etwas mehr der Fäulnis unterliegt).

1963 drehte Riccardo Freda (u. a. bekannt durch seine Maciste-Filme) mit The Ghost eine freie Adaption dieses Stoffes. Die Handlung spielt im 19. Jahrhundert. Die Hauptfiguren bestehen aus Margaret Hichcock (gespielt von Barbara Steele), ihrem Mann Dr. John Hichcock und ihrem Liebhaber Dr. Charles Livingstone. Die Handlung, auch wenn Emile Zola als Ideengeber nicht erwähnt wird, orientiert sich an Thérèse Raquin. Margaret geht eine Beziehung mit dem Freund ihres Mannes ein. Beide beschließen, ihren Mann umzubringen. Nach dieser Tat werden beide von unheimlichen Visionen heimgesucht, in denen der Ermordete sein Unwesen treibt. The Ghost, leider fast völlig vergessen, besticht dabei durch eine hervorragende Kameraarbeit und kreiert von Anfang an eine knisternde Dichte, welche sich ebenso in Zolas Roman wiederfindet.

Riccardo Fredas freie Adaption. Zola wird dabei jedoch nicht genannt.

2009 folgte die koreanische Adaption. Park Chan-Wook, der mit seinem Film Oldboy, weltberühmt geworden ist, orientiert sich sehr genau an Zolas Vorlage. Die Rahmenhandlung, in welcher der Priester Sang-Hyeon durch einen medizinischen Versuch zum Vampir wird, erscheint dabei überflüssig. Parks Film hätte auch ohne diffuse Erklärung funktioniert. Doch unabhängig davon ist hier, ähnlich wie mit The Ghost, ein Meisterstück gelungen. Die Haupthandlung spielt wie in Zolas Debut in einem Nähgeschäft. Dort langweilt sich Tae-Joo zu Tode. Ihr stets kränkelnder Mann geht ihr auf die Nerven. Als Sang-Hyeon in ihr Leben tritt, geht sie sogleich eine Affäre mit ihm ein. Der Beschluss, ihren Mann Kang-Woo zu töten, ist schnell gefasst. Die darauf folgenden Visionen, welche wie in Zolas Roman die Schuldgefühle symbolisieren sollen, ähneln denjenigen in Thérèse Raquin. Emile Zolas „Thriller“, der auf einem wahren Kriminalfall beruht, galt seinerzeit als Skandal. Einen solchen wollte auch Regisseur Park provozieren, in dem er neben den freizügigen, bis ins Skurrile reichenden Sexszenen zum ersten Mal im koreanischen Kino einen völlig nackten Mann präsentiert. Auch wenn dessen Gemächt nicht einmal eine Sekunde lang zu sehen ist, so erregte diese Szene vor allem beim (nicht nur weiblichen) Publikum Aufsehen.

Park übernimmt viele Aspekte von Zola

Es zeigt sich dabei, dass man großartige Literatur durchaus in großartige Horrorästhetik transformieren kann, ohne dass der eigentliche Inhalt verloren geht. Oder anders ausgedrückt, hätte Emile Zola ein anderes Genre gewählt, wäre er wahrscheinlich ein großartiger Horrorautor geworden.