FuBs Fundgrube: „Der Todesflüsterer“ von Donato Carrisi

Donato Carrisi gehört zu den bekanntesten italienischen Krimiautoren. Zwei seiner Romane („Der Nebelmann“ und „Diener der Dunkelheit“) wurden verfilmt. Sein Debutroman steht jedoch in Spannung und Originalität in Nichts nach.

„Der Todesflüsterer“ erschien in Italien 2009 und ein Jahr später in deutscher Übersetzung. Es geht um eine Reihe unheimlicher Mordfälle, die von einem Täter verübt werden, der keinerlei Spuren hinterlässt. Jedes Mal, wenn die Polizei glaubt, den Mörder endlich gefasst zu haben, muss sie einsehen, dass sie ihm erneut auf den Leim gegangen ist. Das Schlimme dabei ist, dass es sich bei den Opfern um junge Mädchen handelt, die zuvor von ihren Eltern als vermisst gemeldet wurden. Dies ruft die Ermittlerin Mila Vazquez auf den Plan, die eine Expertin für Entführungsfälle ist. Doch auch mit ihren Erfahrungen stößt sie in diesem Fall an ihre Grenzen …

Wieso „Der Todesflüsterer“ nicht mehr neu aufgelegt wurde, ist ein Rätsel. Besonders deswegen, da Carrisi ja spätestens mit „Der Nebelmann“ auch einem breiteren Lesepublikum bekannt wurde. Auf jeden Fall ist er gerade deswegen ein Fall für unsere Fundgrube, in der wir nur antiquarische Bücher vorstellen.

Um es kurz zu machen: „Der Todesflüsterer“ ist einer der besten, spannendsten und gruseligsten Krimis bzw. Thriller, die ich jemals gelesen habe. Carrisi schafft Situationen, die im wahrsten Sinne des Wortes Gänsehaut bereiten. Einfach grandios, wie er das alte, seit Jahren leerstehende Waisenhaus beschreibt. Nicht weniger unheimlich ist der Zwischenfall in einer Villa, in der eines der toten Mädchen gefunden wird.

Don Carrisi weiß, wie man Spannung erzeugt. Hinzu kommt ein grandioser Schreibstil, der einen regelecht gefangen hält. Carrisi besitzt dabei ein großartiges Gespür für das Unheimliche, wobei der Roman Mystery-Thriller und reinen Kriminalroman vermischt. Bei den Figuren schwächelt er zwar ein wenig, besonders Melinas Hang dazu, sich selbst zu ritzen, wirkt wenig plausibel, doch fällt dies gegenüber dem großartig konstruierten Fall eher wenig ins Gewicht.

Was die Euphorie allerdings ein wenig dämpft, ist der letzte Teil des Romans, in dem mit Carrisi ein wenig die Pferde durchgehen. „Der Todesflüsterer“ lebt u. a. von den verblüffenden Wendungen, gegen Ende aber werden es eindeutig zu viele davon, sodass damit auch der Gruselfaktor etwas nachlässt. Insgesamt aber ist der Roman ein echter Knaller und taugt dazu, auch mehrmals gelesen zu werden – was bei Krimis doch eher selten vorkommt.

Don Carrisi. Der Todesflüsterer. Piper Verlag 2010, 493 Seiten.