FuBs Fundgrube: Der Kormoran

kormoranInteressanterweise kam es Ende der 80er, Anfang der 90 Jahre auf dem deutschen Buchmarkt zu einer nicht zu verkennenden Horrorwelle. Interessant deshalb, da im selben Zeitraum die Horrorwelle im Kino abnahm. Vor allem die großen Verlage brachten eigene Horroreditionen heraus. Am schrillsten schnitt damals der Knaur Verlag ab, der mit seiner Taschenbuchreihe in Sachen Cover aus allen übrigen Titelreihen hervorstach. Die schön bunten, teils kitschigen Cover sollten wohl den Sammlerreiz beim Horrorfan auslösen. Knaur brachte Autoren heraus, die damals in Deutschland völlig unbekannt waren und versuchte diese so zu sagen über das Cover zu verkaufen. Dadurch kam der Leser z.B. in den Genuss der Action-Horror-Romane von Stephen Laws („Blutiges Fest“, „Geisterzug“) sowie der Nazi-Zombies in Robert McCammons „Tauchstation“.

Unter anderem erschien auch Stephen Gregorys Roman „Der Kormoran“, der mit dem Sommerset-Maugham-Preis ausgezeichnet wurde und aus dem Jahr 1986 stammt. Gregory ist eigentlich von Beruf Lehrer, seine Romane sind vor allem im englischsprachigen Raum bekannt. Sein Roman „Der Kormoran“ schildert die Geschichte von Ann und ihrem Mann, die zusammen mit ihrem Sohn das Haus ihres Onkels geerbt haben. Allerdings dürfen sie das Erbe nur antreten, wenn sie sich bereit erklären, sich um den Kormoran des Onkels zu kümmern. Gesagt, getan. Doch mit der Zeit entpuppt sich der Wasservogel als alles andere als putzig. Immer mehr zieht er den Sohn der beiden in seinen Bann. Auch Anns Mann John scheint sich dem seltsamen Vogel nicht mehr länger entziehen zu können. Als der Kormoran den Jungen angreift, hält es Ann nicht mehr länger aus und packt ihre Sachen. Aus dem Beisammensein mit dem Vogel, wird für John ein Kampf ums Überleben.

Gregorys Geschichte besticht eher durch seine leisen Töne und Andeutungen als durch offensichtlichen Grusel. Ähnlich wie in den Erzählungen Algernon Blackwoods entwirft Gregory eine bedrohliche Atmosphäre, die ihren Ursprung in der Natur hat. Als Stadtmenschen stehen John und Ann der freien Natur eher ratlos gegenüber, ja empfinden sie sogar als etwas Unheimliches und Bedrohliches. So hat John gleich zwei Theorien parat: es könnte zum einen sein, dass der Vogel, so wie es sein Großvater angedeutet hat, von einem bösen Geist besessen ist, oder es könnte sein, dass die abergläubischen Annahmen stimmen, nämlich, dass ein Kormoran den Tod bringt.

Gregory konzipierte seinen Roman so, dass er viele Dinge offen lässt, um dadurch der Geschichte eine dichte, ja bedrohliche Atmosphäre zu verleihen. Denn es wäre natürlich auch denkbar, dass das Tier einfach nur auf das falsche Verhalten seiner neuen Besitzer feindlich reagiert. Genau dieser Punkt macht den Roman interessant. Denn Gregory lädt den Leser dazu ein, nicht nur seiner spannenden Geschichte zu folgen, sondern auch mit zu rätseln, was die eigentliche Erklärung für das eigenartige Verhalten des Kormorans sein könnte.

1993 wurde „Der Kormoran“ unter demselben Titel von der BBC als Fernsehfilm verfilmt und gehört zu den wenigen Romanadaptionen die wirklich gut sind. Denn der Film hält sich sehr genau an Gregorys Romanvorlage, wobei es ihm auch gelingt, die bedrohliche Atmosphäre fast eins zu eins zu übertragen. Obwohl der Film überaus gute Kritiken erhalten hat, geriet er mit der Zeit in Vergessenheit. Stephen Gregory schreibt auch heute noch Horrorromane, doch fällt es ihm schwer, an seine frühen Erfolge anzuknüpfen. Dies führte dazu, dass sein letzter Roman nur noch als e-Book veröffentlicht wurde.