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Posts Tagged ‘Horrorfilme der 70er’

Obwohl der Film damals die Zuschauer maßlos entsetzte, floppte „The Wicker Man“ an den Kinokassen. Bis heute gilt Robin Harrys‘ Werk als nicht nur bahnbrechend, sondern als einer der verstörendsten Horrorfilme überhaupt. Viele Regisseure inspiriert dieser Film bis heute, vor allem Eli Roth, der seine eigenen Produktionen im Stil von „The Wicker Man“ sieht.

Doch um was geht es überhaupt in diesem sonderbaren, überaus beklemmenden Film? „The Wicker Man“ handelt von einem verschwundenen Mädchen. Inspektor Neil Howie hat den Auftrag, zu ergründen, was mit dem Mädchen geschehen ist. Die Suche führt ihn letztendlich auf die Insel Summerisle, die von einem eigenartigen Kult beherrscht wird. Die Bewohner glauben nicht an Gott, sondern an diverse Naturgötter, die sie in verschiedenen Ritualen verehren. Doch da vergangenes Jahr die Ernte überaus schlecht ausfiel, sehen sich die Bewohner dazu gezwungen, dieses Mal ihren stärksten Zauber durchzuführen. Dieser gelingt jedoch nur durch ein Menschenopfer …

Die Grundidee des Films basiert auf Caesars „Gallischen Krieg“, in dem er an einer Stelle von einer riesigen, aus Weiden geflochtenen Figur berichtet, in die Menschen eingepfercht wurden, um sie daraufhin zu verbrennen. Ob dies tatsächlich stimmt oder es sich um eine Art von antiker Propaganda handelt, darüber sind sich Historiker bis heute uneins. Jedenfalls war damit die Idee zu „The Wicker Man“ geboren.

Eigentlich sollte der Film  auf den Roman „Ritual“ von David Pinner basieren. Doch Robin Harrys und Drehbuchautor Anthony Shaffer veränderten den Stoff so stark, dass von der ursprünglichen Geschichte kaum noch etwas übrig blieb. Nur der Grundkonflikt blieb gleich, indem ein religiöser Polizeibeamter auf eine Sekte trifft, die die Natur anbetet.

Der Star des Films: die unheimliche Wicker Man-Figur; „The Wicker Man“ (1974); Copyright: Studiocanal

Man merkt, dass speziell bei den Szenen, in denen es um die Diskussion zwischen Neil Howie (gespielt von Edward Woodward) und dem Sektenführer Lord Summerisle (gespielt von Christopher Lee) Jacques Tourneurs Klassiker „Night of the Demon“ (1956) Pate gestanden hat. Während es bei Tourneur um die Gegenüberstellung von rationalem Wissen und Aberglauben ging, so geht es in den entsprechenden Szenen bei Robin Harrys um die Frage, was nun eigentlich der wahre Glaube ist.

Auf diese Weise treffen in „The Wicker Man“ zwei Extreme aufeinander: der Polizeibeamte, der neben seinem Glauben keinen anderen Glauben gelten lassen möchte, und Lord Summerisle, der nicht weniger von seiner Naturreligion überzeugt ist. Dass es dadurch zu keiner Einigung kommen kann, sondern sich der Konflikt dadurch nur verschärft, liegt quasi auf der Hand.

Doch „The Wicker Man“ geht noch einen originellen Schritt weiter. Die Bewohner der Insel nutzen die moralischen und religiösen Einstellungen Howies aus, um mit ihm ein bösartiges Spiel zu treiben. Und genau hier kommen die beklemmenden und bedrohlichen Aspekte des Films ins Spiel, die „The Wicker Man“ bis heute so einzigartig machen.

Alternatives Kinoplakat von „The Wicker Man“

Hinzu kommt ein weiteres wichtiges Merkmal des Films: er ist nicht nur als Mystery-Thriller und Horrorfilm konzipiert worden, sondern ebenso als Musical. Besonders einprägend ist hierbei der „Wicker Man Song“. Die Musical-Sequenzen und die damit verbundene alternative Lebensführung legt nahe, dass hier die Hippie-Bewegung aufs Korn genommen werden sollte. In dieser Hinsicht war der Film seiner Zeit voraus, denn die satirische Sichtweise auf die Hippies nahm das Horrorgenre erst ab Anfang der 80er Jahre vor (wie z.B. in „Poltergeist“).

Wie gesagt, floppte „The Wicker Man“ und dies war natürlich schlecht für die Produktionsfirma, die kurz vor dem bankrott stand. Wahrscheinlich ging die Rechnung nicht auf, da der Film sich in keine vorgefertigte Schablone stecken lässt. Er hält sich nicht an Genrevorgaben, sondern rührt alles durcheinander. Was damals die Kinogänger abschreckte (die Zuschauer, die den Film sahen, erschreckte er), gilt heute als einer der wichtigsten Filme der britischen Filmgeschichte, da er in England genau den Schnitt zwischen den Filmen von Hammer und den postmodernen Horrorfilmen markiert und dadurch zugleich das postmoderne Kino im allgemeinen einläutet.

Aus heutiger Sicht könnte man „The Wicker Man“ in die Protestfilme der 70er Jahre einordnen, also vor allem Filme wie „Texas Chainsaw Massacre“ oder „Last House on the Left“, die die konservativen Moralvorstellungen hinterfragten. „The Wicker Man“ geht dabei noch einen Schritt weiter, indem er Menschen zeigt, die sich gegen die staatlichen Behörden wenden.

Doch ganz egal, wie man den Film sehen möchte und vor allem was man in dem Film sehen möchte, „The Wicker Man“ ist ein Film, der einen nicht mehr loslässt, über den man immer weiter nachdenken muss und der einen mit einem mulmigen Gefühl zurücklässt. Kurz: einzigartig.

The Wicker Man. Regie: Robin Hardy, Drehbuch: Anthony Shaffer, Produktion: Peter Snell, Darsteller: Edward Woodward, Christopher Lee, Ingrid Pitt, Britt Ekland. England 1974, 89 Min.

 

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baronbloodNachdem Mario Bava 1971 mit Im Blutrausch des Satans den Prototyp des Teeny-Slashers gedreht hatte, kehrte er ein Jahr später mit Baron Blood zu seinen eigentlichen Wurzeln des Gothic Horrors zurück. Diesmal aber spielt die Handlung nicht wie sonst im 18. Jahrhundert, sondern, da sich inzwischen das Horrorgenre stark gewandelt hatte, in der Gegenwart.

Ort der Handlung ist Österreich. Der Student Peter von Kleist kehrt nach Österreich zurück, um bei der Versteigerung des Schlosses seiner Vorfahren zugegen zu sein. Das Schloss ist unter der Bevölkerung als das „Schloss des Teufels“ bekannt, da im 16. Jahrhundert darin der Blutbaron von Kleist gehaust hat, der dort unzählige Menschen zu Tode foltern ließ. Gemeinsam mit Eva, einer Kunsthistorikerin, findet Peter eine seltsame Beschwörungsformel, mit deren Hilfe man den Blutbaron wieder zum Leben erwecken kann. Aus Neugier sprechen beide um Mitternacht die Formel aus. Kurz darauf scheint der blutrünstige Baron tatsächlich wieder ins Leben zurückgekehrt zu sein, um neue Opfer für seine Folterkammer zu suchen …

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Gestatten, Baron Blood. „Baron Blood“ (1972); Copyright: ems.

Mit Sicherheit ist Baron Blood nicht der beste Film Mario Bavas, dennoch ist er sehr spannend und kurzweilig inszeniert. Im Grunde genommen gibt sich Baron Blood als eine genau abgestimmte Mischung aus typisch italienischem Horrofilm und den Produktionen der American International Pictures der 60er Jahre, in denen vor allem Vince Price auftrat. Das Monster, das Eva und Peter aus seinem Grab holen, hat einen recht hohen Gruselfaktor und wurde von niemand anderem als Carlo Rambaldi geschaffen, der sich etwa zehn Jahre später ebenfalls für das E.T.-Design auszeichnen sollte. Als Kulisse für das Schloss wurde das Museum Burg Korneuberg in Österreich gewählt, wo auch der gesamte Film gedreht wurde.

Baron Blood versucht zwar, die Aspekte des postmodernen Horrorfilms aufzugreifen, bleibt aber zu sehr den klassischen Aspekten treu. Dies führt dazu, dass er für einen klassischen Horrorfilm recht brutal, für einen postmodernen Horrorfilm, der 1969 durch „Nacht der lebenden Toten“ ins Leben gerufen wurde, jedoch zu naiv wirkt. Die Nahaufnahmen der Untaten des Barons sowie das von einer Eisernen Jungfrau durchbohrte Gesicht seines Dieners sind Beispiele für diesen Stil. So gesehen bewegt sich Baron Blood exakt entlang einer der prägendsten filmhistorischen Übergangsphasen.

Baron Blood, Regie: Mario Bava, Drehbuch: Vincent Fotre, Mario Bava, Produktion: Alfredo Leone, Darsteller: Elke Sommer, Joseph Cotten, Massimo Girotti, Luciano Pigozzi. Italien/Deutschland 1972, 94 Min.

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reitendeleichenMit Die Nacht der reitenden Leichen schuf Regisseur Amando de Ossorio einen zeitlosen Klassiker des spanischen Horrorkinos. Der Film hat die Legenden der grauenvollen Riten der Tempelritter zum Thema, die auch noch nach ihrem Tod als blutgierige Zombiegerippe durch die Landschaft reiten.

Der Film beginnt mit dem Wanderurlaub eines jungen Paars, das plötzlich in Streit gerät. Die Folge des Streits: Virginia flüchtet in die Ruinen eines verfallenen Klosters, um dort zu übernachten. Doch sobald die Sonne untergeht, kommen die Templer aus ihren Gräbern. Als ihrem Freund Roger es doch etwas zu merkwürdig vorkommt, dass Virginia nicht mehr zurückkehrt, beschließt er, sie auf eigene Faust zu suchen. Dabei kommt er ebenfalls zu dem abgelegenen Kloster …

Die beiden größten Fragen, die dieser Film seit jeher aufgeworfen hat, lauten: wieso 1. die Pferde der Tempelritter nicht auch nur aus Knochen bestehen und 2. woher diese Pferde überhaupt stammen. Wenn man sich jedoch nicht weiter darüber den Kopf zerbrechen möchte, so bietet Die Nacht der reitenden Leichen eine schöne Geistermär, in der um Mitternacht die Geisterglocke durch das Kloster hallt, die Einwohner jene gespenstische Gegend seit jeher meiden und furchtbar langsame Gerippe in staubigen Mönchskutten auf Opfersuche gehen. In der Tat wundert man sich immer wieder, wieso die Menschen diesen extrem langsamen Knochenmännern nicht entkommen können. Aber sei’s drum. Wenn die Leichen erst auf ihren Pferden sitzen, liefern sie eine herrliche Gespensterästhetik, die jedes Mal von neuem begeistert.

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Die Tempelritter sind erwacht. „Die Nacht der reitenden Leichen“ (1971); Copyright: Atlas Film

Insgesamt drehte Ossorio noch drei Fortsetzungen mit den Titeln Die Rückkehr der reitenden Leichen, Das Geisterschiff der reitenden Leichen sowie Das Blutgericht der reitenden Leichen. Während im zweiten Teil die knöchernen Tempelritter eine spanische Kleinstadt überfallen und dieser Film mit einem gewissen Tempo aufwartet (manche halten ihn sogar für besser als das Original), besitzt Teil drei eine sehr schöne Geisterschiffkulisse. Hinzu kommt eine angenehm trashige Handlung, in der es darum geht, dass eine Gruppe Fotomodells auf das Schiff der reitenden Leichen gerät. Teil vier schließlich ist der schlechteste Film der Reihe. Hier zieht ein Ehepaar in einen kleinen Küstenort, dessen Einwohner alle sieben Jahre den Templern Opfer darbringen.

Mir persönlich gefällt der Originalfilm am besten. Die Darstellung des auf Volksglauben basierenden Spuks ist hier überaus gelungen. Dieser Film macht aufgrund seiner Mischung aus wundervoll gefilmter Gruselästhetik und Trash einfach immer wieder Spaß. Natürlich drehte Ossorio auch noch weitere Trash- und Horrorfilme, doch wurden diese nie auf dieselbe Weise wahrgenommen wie seine Filme über die reitenden Leichen.

Die Nacht der reitenden Leichen (OT: La Noche del terror ciego), Regie u. Drehbuch: Amando de Ossorio, Produktion: Jose Antonio Perez Giner, Darsteller: Lone Fleming, Cesar Burner, Elena Apron, Joseph Thelman, Maria Silva. Spanien 1971, 97 Min.

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jacktheripperFür die meisten Kritiker ist und bleibt Regisseur Jess Franco lediglich ein Schmuddelregisseur. In der Tat aber war Jess Franco ein Schüler von Orson Welles. Sein Können zeigte er jedoch hauptsächlich in Trash-Filmen. Hierbei überschritt er gerne die Grenze zwischen „normalem“ Film und (soft)pornographischem Film. Und er machte dabei deutlich, dass Erotikfilme nicht banal sein müssen. Mit „Eugenie“ schuf er z.B. ein geradezu surreales Kunstwerk.

Viele seiner Filme wurden von dem schweizerischen Produzenten Erwin C. Dietrich produziert. So auch Francos Verfilmung der Untaten von Jack the Ripper. Darin geht es um den Arzt Dennis Orloff, der tagsüber eine kleine Praxis führt und seine Patienten behandelt, ohne dafür Geld zu verlangen, nachts aber als Serienmörder durch London streift, wo er Prostituierten auflauert und umbringt. Inspektor Selby versucht, den Mörder zu fassen, doch ohne Erfolg. Selbys Verlobte Cynthia, die als Balletttänzerin arbeitet, beschließt heimlich, Selby zu helfen und verkleidet sich als Prostituierte, um damit den Ripper anzulocken. Als dieser tatsächlich auf sie aufmerksam wird, kommt es zu einem Wettlauf zwischen Leben und Tod.

Dennis Orloff alias Jack the Ripper ist geradezu eine Paraderolle für Klaus Kinski gewesen. Er verkörpert den wahnsinnigen Serienmörder auf seine typische Kinskiart und verleiht dadurch der Figur eine schizophrene Ausstrahlung, gepaart jedoch mit einer tragischen Komponente, deren Ursache in Orloffs Kindheit liegt. Neben ihm agieren deutsche Trash-Stars wie Herbert Fux und Andreas Mannkopff, die nicht weniger ihre Rollen überzeugend darstellen.

Im Groben und Ganzen kann man Francos „Jack the Ripper“ als eine Mischung aus Hammer- und Edgar Wallace-Film betrachten. Allerdings kommt hierbei noch eine Menge Kunstblut hinzu. Auch wenn die Morde hauptsächlich angedeutet sind, so liefert Jess Franco gegen Ende des Films doch ein paar Szenen, welche relativ drastische Puppeneffekte beinhalten. Dass Jess Franco durchaus ein Meister seines Fachs war, beweist er u. a. in einer der Hauptszenen des Films, in dem der Ripper eine Prostituierte durch einen Wald verfolgt. Durch die gelungene Optik und die hervorragende Schnittfolge lässt er die Panik des Opfers fast schon greifbar werden. „Jack the Ripper“ zählt bis heute zu den erfolgreichsten Filmen Jess Francos.

Jack the Ripper – Der Dirnenmörder von London (OT: Jack the Ripper), Regie u. Drehbuch: Jess Franco, Produktion: Erwin C. Dietrich, Darsteller: Klaus Kinski, Josephine Chaplin, Herbert Fux, Andreas Mannkopff, Lina Romay. Deutschland/Schweiz 1976, 89 Min.

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fleshandbloodshow„The Flesh & Blood Show“ gehört im gewissen Sinne zur englischen Post-Hammer-Ära, in der die englischen Produktionen versuchten, an den sozialkritischen US-Horrorfilmen der 70er Jahre anzuknüpfen. Regie führte Peter Walker, der davor im Erotik-Genre tätig gewesen war. Dies liefert eine Erklärung dafür, weswegen sich jede der Protagonistinnen mindestens einmal naggisch macht. Seine späteren Filme „Haus der Peitschen“ und „Frightmare“ sind in Deutschland leider noch immer beschlagnahmt.

Peter Walkers erster Horrorfilm handelt von einer Gruppe junger Schauspieler, die in einem alten Theater, das in einem Küstenort liegt, ein Stück proben. Doch kaum sind sie dort angekommen, als einer nach dem anderen von einem Psychopathen ermordet wird …

Aus einem filmhistorischen Gesichtspunkt ist dieser Film sicherlich interessant, da er, wie gesagt, ein Beispiel für den 70er Jahre-Horrorfilm aus England ist, der ja größten Teils ohne die Produktionen der Hammer-Studios auskommen musste. Die sozialkritischen Grundtöne, die vor allem den Werte- und Generationenkonflikt in den Mittelpunkt stellen, kennzeichnen Walkers Erstling ebenfalls als Kind seiner Zeit. Die offene und freie Lebenseinstellung der Schauspieler, die man als eine Art Symbol für die Hippie-Bewegung nehmen könnte, steht die strenge, konservative Moral- und Wertevorstellung der älteren Generation gegenüber. Dies schafft natürlich einen Nährboden für Konflikte, da weder die Hippies die Älteren verstehen wollen noch umgekehrt. Trotzdem „The Flesh & Blood Show“ gerne als Horrorfilm bezeichnet wird, so ist der Film doch eher Krimi bzw. Psycho-Thriller und liegt irgendwo zwischen Agatha Christie, Edgar Wallace und Robert Bloch. In diese Richtung funktioniert Walkers Film allerdings recht gut, kreiert er doch eine bedrohliche und durchaus beklemmende Grundatmosphäre, die zu mehreren spannenden Szenen führt. Das eigentliche Grauen oder besser der eigentliche Schrecken vollzieht sich jedoch nur in teils sehr vagen Andeutungen, sodass der Film speziell in diesen Szenen schwächelt. So ist es dann auch nicht verwunderlich, dass das Ende eher enttäuscht, als provoziert.

The Flesh & Blood Show – Im Rampenlicht des Bösen (OT: Originaltitel: The Flesh & Blood Show), Regie u. Produktion: Peter Walker, Drehbuch: Alfred Shaughnessy, Darsteller: Ray Brooks, Jenny Hanley, Luan Peters, Patrick Barr. England 1972, 92 Min.

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tunnelderlebendenleichen“Eine atembeklemmende Schreckensreise in das schauerliche Horror-Reich der lebenden Leichen!” wurde dem Zuschauer in den 70er Jahren geboten. Und in der Tat, dieser „Super-Horror“ aus dem Jahre 1972 ist äußerst beklemmend, obwohl wir es eigentlich nicht mit wirklichen Zombies zu tun haben. Dafür wartet der Film mit einer weit originelleren Idee auf.

In den U-Bahn-Stationen Londons verschwinden seit einigen Jahren spurlos Menschen. Die Polizei ging den Fällen nur halbherzig nach und schließlich verliefen sie im Sand. Eines Tages aber verschwindet ein bekannter Politiker. Inspektor Calhoun bleibt daher nichts anderes übrig, als eine gründliche Untersuchung anzuordnen. Die Spur führt ihn dabei zu einem längst vergessenen U-Bahn-Tunnel, der bei Bauarbeiten um die Jahrhundertwende einstürzte und die Arbeiter von der Außenwelt abschnitt. Dort entwickelten sie eine Art autonome Gesellschaft, deren letzte, missgebildete Nachkommen einen Weg nach draußen gefunden haben, wo sie nach Menschenfleisch gieren …

Regisseur Gary Sherman lieferte mit seinem Werk „Death Line“ einen überaus spannenden, extrem dichten Horrorfilm ab, der zu den ersten Streifen der englischen Post-Hammer-Ära gehört. Die Charaktere sind sehr überzeugend und lebendig, wobei vor allem Donald Pleasence als extrem spießiger Inspektor hervorsticht. Anscheinend soll Pleasence während der gesamten Dreharbeiten ständig betrunken gewesen sein. Wenn dies stimmt, so hat ihm dies keineswegs geschadet, denn seine schauspielerische Leistung ist erstklassig. Sherman machte seinen Film zum Kind seiner Zeit, indem er die traditionelle britische Lebensart (vertreten durch den Inspektor) der Hippie- und Jugendkultur der 70er Jahre gegenüberstellt. Diese sozialkritische Perspektive ist hervorragend eingewoben in eine recht originelle Gruselgeschichte, die, gewürzt mit mehreren Gore-Szenen, auch heute nichts von ihrer Wirkung verloren hat. Der deutsche Titel ist verwirrend, spiegelt aber sehr schön das Bahnhofskino-Flair von damals wider. Im ganzen Film kommt kein einziger Zombie vor und auch der Plural ist keineswegs angebracht. Denn in der U-Bahn haust nur mehr ein einziger Nachfahre der ehemaligen Tunnelarbeiter, und dieser leidet unter Blutarmut und Beulenpest. Sherman verhindert es stilvoll, seinen Antagonisten zu einem bloßen, menschenfressenden Monster werden zu lassen. Vielmehr zeigt er uns in dem „letzten seiner Art“ eine verzweifelte, vereinsamte Kreatur, wodurch der Film einen starken tragischen Unterton bekommt.

Shermans „Death Line“, der in den USA unter dem Titel „Raw Meat“ lief, wurde 1972 zum besten Horrorfilm nominiert. Er gilt als vergessener Klassiker des Genres. Der Ruf „Vorsicht an den Türen!“ bleibt einem noch lange im Gedächtnis.

2008 drehte Peter A. Dowling ein Remake des Films mit dem Titel „Stag Night“. Dowling gelang es, die Handlung in Form eines Slashers recht gut zu aktualisieren. Allerdings schaffte der Film es nie in die Kinos, sondern wurde direkt als DVD vermarktet.

Tunnel der lebenden Leichen (OT: Death Line (UK)/Raw Meat (USA)), Regie: Gary Sherman, Drehbuch: Ceri Jones, Gary Sherman, Produktion: Paul Maslansky, Darsteller: Donald Pleasence, Norman Rossington, David Ladd, Sharon Gurny, Christopher Lee, England 1972, 83 Min.

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hausuGlaubt man den Gerüchten, so wollten die Toho-Studios Ende der 70er Jahre Steven Spielberg nacheifern und einen ähnlichen Film wie „Der weiße Hai“ drehen. Das Ergebnis dieser Bemühung war „Hausu“, der 1977 in die japanischen Kinos kam und alles andere als eine Mainstreamproduktion war. Die Produzenten befürchteten, mit „Hausu“ einen Megaflopp zu landen. Ihr Staunen war daher umso größer, als sie feststellten, dass sich der Film zu einem überaus großen Erfolg entwickelte.

Regie führte Nobohiko Obayashi, der die Geschichte um das Spukhaus zusammen mit seiner Tochter entwickelte. Seine Tochter zählte ihm auf, was ihr alles Angst bereitete und diese Ängste arbeitete Obayashi ein in eine Story, die experimentierfreudiger nicht sein könnte. Nachdem das Drehbuch fertig war, galt es zunächst als nicht zu verfilmen. Dennoch erhielt Nobohiko Obayashi grünes Licht.

Es geht um eine Schülerin, die zusammen mit ihren sechs Freundinnen in den Ferien das Haus ihrer Tante besucht. Doch kaum sind sie dort angekommen, als es zu unheimlichen und seltsamen Zwischenfällen kommt.

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Hausu (1977); Coypright: Toho.

Zurecht stellt sich die Frage, was „Hausu“ eigentlich ist. Ist es ein Horrorfilm, ein Märchenfilm, ein Experimentalfilm? Wahrscheinlich irgendwie alles zusammen. „Hausu“ ist eine psychedelische Achterbahnfahrt, ein visueller Rausch, totaler Wahnsinn. Es macht den Eindruck, als habe Obayashi vor Drehbeginn nochmals ein paar Lehrbücher über Montage und Kameranstellungen gelesen. Im Gegensatz zu anderen Regisseuren, pickte er sich nicht die für seinen Film geeigneten Aspekte heraus, sondern verwendete einfach alles. So beinhaltet „Hausu“ so gut wie alle Arten von Ein- und Aus- sowie Überblendungen, Zeitlupe und Zeitraffer, die Bilder laufen vor- und rückwärts, mehr als fünf Minuten lang zeigt Obayashi nur ruckartige Bewegungen, um sich dann wieder in überaus eleganten Kamerafahrten zu ergehen. Hinzu kommt die Filmmusik, die manchal als Musik zum Film, machmal als Musik im Film und manchmal beides zugleich ist, sodass der Zuschauer nahe daran ist, den Verstand zu verlieren.

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Hausu (1977); Copyright: Toho.

Es ist keineswegs falsch, wenn man „Hausu“ auf dieselbe Ebene wie Argentos „Suspiria“ stellt. Beide Filme schwelgen geradezu in filmischer Ästhetik, beides sind Beispiele dafür, dass Horror und Trash eine Form der Kunst darstellen. Beide geizen nicht in ihrer Farbgebung, auch die Grundidee, dass Schülerinnen in einem Haus auf geheimnisvolle Weise ums Leben kommen, ist nicht unähnlich, auch wenn die jeweilige Umsetzung in andere Richtungen geht. Tatsächlich stellt sich die Frage, ob Argento Obayashis Meisterwerk vor seiner Arbeit an „Suspiria“ gekannt und ihn dieses Werk auf eine gewisse Weise beeinflusst hat. In beiden Filmen wirken die Deathscenes surreal, geradezu (alp)traumartig, wobei Obayashi verstärkt versucht, seinen Effekten einen kindischen Charakter zu verleihen.

„Hausu“ ist vollendete Trash-Ästhetik. Interessanterweise fand der Film erst 2010 seinen Weg in die US-amerikanischen Kinos. In Deutschland wurde die Produktion aus den 70er Jahren 2006 veröffentlicht. Das Motto lautet: Lieber spät, als nie. Denn ansonsten wäre den hiesigen Zuschauern ein absolutes Meisterwerk entgangen.

 

 

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