„Lesson of the Evil“ – Der japanische Regisseur Takashi Miike ist zurück

lesson of evilNeben Sion Sono, gehört Takashi Miike zu den bekanntesten Horror- und Thrillerregisseuren aus Japan. International bekannt wurde Miike durch den mehrfach ausgezeichneten Horrorfilm „Audition“ (1999), der – neben „Ring“ (1998) – das Genre J-Horror einläutete. Das Besondere an dem Regisseur ist, dass er sich nicht an bestimmte Stile festlegen lässt. Er beherrscht die vollendete Ästhetik (z.B. in „Audition“), ist sich aber auch nicht zu schade, billige Trashfilme zu kreieren (z.B. „Full Metal Yakuza“; 1997). Dann gibt es noch jede Menge Filme, die sich irgendwo zwischen diesen beiden Extremen befinden, wie etwa die Satire „Vistor Q“ (2001). Zudem ist Takashi Miike das, was man schlichtweg als Workoholic bezeichnet. Pro Jahr bringt er es auf zwei bis drei Filme.

Mit „Lesson of the Evil“ kehrt Miike nun nach langen Jahren wieder zurück zum Horrorgenre. Es geht um den Lehrer Hasumi, der bei allen Schülern und Lehrern beliebt ist. Sein Unterricht ist legendär, der Schuldirektor hört auf seine Meinung. Was jedoch niemand weiß: Hasumi ist ein Psychopath. Wo er auftaucht, kommt es zu ungeklärten Todesfällen. Hasumi besitzt jedoch die Fähigkeit, die Morde als Unfälle oder Selbstmorde wirken zu lassen. Als eine Gruppe Schüler beginnt, ihm auf die Spur zu kommen, löst dies eine Katastrophe aus.

Miikes neuer Horrorfilm besteht aus drei Hauptkomponenten: Satire, Zitierfreude und knallhartem Thriller. Er macht sich lustig über das japanische Schulsystem und hinterfragt dabei den eigentlichen Sinn der Lehrmethoden, welche nicht wenige Schüler letztendlich in den Selbstmord treiben. Diese Satire würzt Miike mit diversen Thrillerelementen. Vom klassischen Hitchcock über Brian de Plama bis zu David Cronenberg finden sich zahlreiche Elemente, welche auf die Werke anderer Regisseure verweisen. Drittens macht Miike in der letzten Stunde Halt im 80er Jahre Horrorfilm, indem er die Geschichte herumreißt in eine Blutorgie der absolut radikalsten Art. Ist man als Zuschauer in der ersten Stunde angenehm überrascht über den fast schon charmanten schwarzen Humor und die satirischen Elemente, so bleibt einem in der zweiten Hälfte des Films im wahrsten Sinne des Wortes die Sprache weg. Miike zeigt ein menschliches Monster im Blutrausch in einer (fast) noch nie da gewesenen Weise. Diese Orgie verbindet er mit den kranken Visionen und Halluzinationen Hasumis. Untermalt wird dies mit den Klängen von Frank Sinatras Version von „Jack the Knife“.

Nicht wenige Kritiker fühlten sich anscheinend speziell wegen der zweiten Hälfte geradezu abgestoßen von „Lesson of the Evil“. Nun, der Film verlangt Durchhaltevermögen. Als abstoßend würde ich ihn jedoch nicht bezeichnen. Gerade in dieser zweiten Hälfte beweist Miike erneut seine Stärke als Regisseur. Er schafft albtraumhafte Bilder, welche die absolute Gefühllosigkeit des Täters visualisieren. Kein Actiongeballer wie in US-Filmen, sondern hier wird reiner Schrecken kreiert. Das ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Denn Miike zeigt in dieser Sequenz das Böse in Reinform – ohne schwarzen Humor, ohne Satire. Das macht „Lesson of the Evil“ zu einem guten Horrorfilm und hebt J-Horror auf eine neue Ebene.

A Touch of Unseen – Koreas Horrorfilm-Saison beginnt „Low“

Nachdem im vergangenen Jahr Südkoreas Filmindustrie K-Horror mit ein paar bemerkenswerten Filmen reanimierte („Killer Toon“ und der schwarzhumorige Thriller „Doctor“ gehören zu den besten Filmen, die das Genre bisher hervorgebracht hat), waren wir natürlich gespannt, wie es dieses Jahr damit weitgehen würde. Anfang Mai war es dann endlich soweit. Auf dem Jeonju International Film Festival hatte „A Touch of Unseen“ seine Weltpremiere.

A Touch of Unseen
A Touch of Unseen (Gwi-Jeob, 2014). Offizielles Kinoplakat.

Der Originaltitel lautet „Gwi-Jeob“, was in etwa „Von einem Geist besessen“ bedeutet. Regie führte Lee Hyeon-Cheol, der mit dieser Produktion sein Debut feiert. Erzählt wird die Geschichte zweier Schwestern, die von einem Geist heimgesucht werden. Die Heimsuchung erfolgt jedoch auf eine sehr heimtückische Weise. Denn der Geist vergewaltigt die Frauen, während sie schlafen. Um allem noch einen Hauch von Suspense zu verleihen, würzt Lee seinen Erstling mit einem Stalker, welcher die jüngere Schwester verfolgt.

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A Touch of Unseen (Szenenfoto)

Für Lees Debut stand nicht viel Geld zur Verfügung. Um genau zu sein, das Budget war so niedrig, dass nicht einmal Geld für genügend Scheinwerferlicht vorhanden war. Die Wohnungen der beiden Schwestern gleichen sich so sehr, dass man geneigt ist, zu vermuten, die Szenen seien in ein und derselben Wohnung gedreht worden. Doch Lee macht aus der Not eine Tugend. Das geringe Budget, das unweigerlich mit einer geringen Ausstattung verbunden ist, benutzt der junge Regisseur, um sozialkritische Statements einzuweben. Die Wände der Wohnungen sind kahl und vermitteln dadurch eine deprimierende Leere. Die kleinen Esstische wirken wenig einladend. Lee skizziert damit eine soziale Kälte, die sich bis hinein in die Privatleben der Individuen erstreckt. Auch die überlange Liebesszene zwischen der jüngeren Schwester und ihres damaligen Freundes und jetzigen Stalkers wirkt alles andere als erotisch. Vielmehr zeigt sich auch hier eine soziale Kälte, eine vollkommene Lieblosigkeit. Die Protagonisten wirken völlig verloren. Eine auf diese Weise kreierte Sozialkritik hat es im bisherigen modernen koreanischen Kino noch nicht gegeben. Es scheint fast so, als habe sich Lee Hyeon-Cheol an den düsteren skandinavischen Thrillern orientiert.

Stellenweise erscheint die Optik des Films ein wenig unbeholfen. In manchen Szenen klammert sich Lee an die Kameraarbeit des Thrillers „Hide and Seek“, der vergangenes Jahr für eine sensationelle Überraschung sorgte. Gleichzeitig schimmert die Atmosphäre der Horrorfilme der 70er Jahre durch, in denen es nicht selten um Besessenheit ging. Dies spiegelt sich auch in der Filmmusik wider. Es ist kaum zu glauben, doch „A  Touch of Unseen“ dürfte der erste koreanische Horrorfilm sein, in dem psychedelische Musik verwendet wurde. Der Soundtrack ist überaus interessant und versetzt den Zuschauer beinahe in Trance.

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A Touch of Unseen (Szenenfoto)

Die Frage, die man sich nun stellen kann, lautet, aus welchem Grund man eine Low Budget-Produktion für die „Saison-Eröffung“ ins Rennen schickte. Der Grund dürfte folgender sein: vergangenes Jahr waren es vor allem Low Budget-Produktionen, die für viel Diskussionen sorgten und überraschende Erfolge einfuhren. Neben „Hide and Seek“ war „The Terror Live“ ein grandioser Wurf eines Regieneulings. Wahrscheinlich wollte man auf diesen Erfolgen aufbauen. Doch kann man jetzt schon sagen, dass „A Touch of Unseen“ ein solcher Erfolg nicht vergönnt sein wird. Dafür geschieht zu wenig, dafür ist der Film zu ruhig und dafür ist Lees Arbeit zum Großteil zu TV-lastig.

Dennoch ist dieser Film sehenswert und wird einen gewissen, wenn auch kleinen, Erfolg für sich verbuchen können.