Urbane Legenden in Realität und Film

urban legend„Candyman“ (1992) zählt zu den ersten Filmen, in denen der Begriff urbane Legende auftaucht. Interessanterweise wird hier gezielt auf den wissenschaftlichen Aspekt wert gelegt, indem zwei Volkskundlerinnen versuchen, den realen Ursprüngen der Legende um Candyman auf die Spur zu kommen. Die Bezeichnung selbst wurde titelgebend in dem Slasher-Film „Urban Legend“ (1998), der als „Düstere Legenden“ in den deutschen Kinos lief und inhaltlich auf alle bekannten urbanen Legenden anspielte.

Urbane Legenden sind keine Erfindung des Horrorgenres. Der amerikanische Volkskundler Jan Harold Brunvand veröffentlichte 1983 seinen Klassiker „The vanishing Hitchhiker“, in dem er ein paar der Legenden zum besten gibt, sich aber vor allem auf die soziokulturellen Hintergründe konzentriert. Er gilt übrigens auch als erster Wissenschaftler, der den Begriff „urbane Legende“ in Umlauf gebracht hat.

brunvandVor Brunvands Studie galt die Theorie, dass Legenden ein Markenzeichen vormoderner Gesellschaften seien. Eines der Hauptmerkmale ist, dass Legenden mündlich überliefert werden. Diese Form der mündlichen Überlieferung, so hieß es, existiert in modernen bzw. postmodernen Gesellschaften nicht, in denen Geschichten jeglicher Art schriftlich festgehalten werden. Auch zeigten die bis dahin durchgeführten Untersuchungen von Legenden, dass deren Ursprung nicht in der Moderne oder Postmoderne liegen.

Brunvand zeigte durch seine Forschung aber, dass die bisherigen Theorien völlig falsch lagen. Legenden sind kein alleiniger Bestandteil vormoderner Gesellschaften, sondern existieren auch in den heutigen Industriegesellschaften. Wie „klassische“ Legenden, so gilt auch bei den urbanen Legenden, dass sie ausschließlich  mündlich weitergegeben werden. Dabei fand Brunvand heraus, dass sogenannte Knotenpunkte der Überlieferung Schulen, Unis und Ferienlager sind.

In seinem Buch erwähnt der Volkskundler mehrere bekannte urbane Legenden, von denen aber vor allem drei das Horrorkino beeinfusst haben. Es handelt sich dabei um die Legende des verschwundenen Anhalters, die Legende vom Babysitter und die Legende vom Alligator, das durch das Klo in die Kanalisation gelangte.

hitcherVon jeder dieser Legenden gibt es unterschiedliche Versionen, die sich von Region zu Region unterscheiden. So gibt es Anhalter-Geschichten, in denen ein junger Mann oder eine junge Frau (in der Regel noch Student bzw. Studentin) nachts auf einer einsamen Landstraße einen Anhalter in das Auto einsteigen lässt, um ihn in den nächsten Ort mitzunehmen. Bei der Ankunft ist der fremde Mann entweder spurlos verschwunden oder er entpuppt sich als ein wahnsinniger Mörder, der mithilfe eines Eisenhakens dem Fahrer/der Fahrerin die Kehle aufschlitzt.

Auch von den Babysitter-Geschichten gibt es verschiedene Versionen. Die bekannteste ist die, dass das Telefon klingelt, die Studentin, die auf die Kinder aufpasst, abhebt und eine Stimme am anderen Ende der Leitung sagt, sie solle nach dem Baby schauen. Als sie das Kinderzimmer betritt, erwartet sie dort ein schreckliches Blutbad.

Die Alligator-Geschichten sind dagegen weitestgehend identisch. Es geht stets darum, dass ein Junge ein kleines Alligatorbaby geschenkt bekommen hat und dieses eines Tages das Klo runterspült. In der Kanalisation wächst es zu einem riesigen Raubtier heran, dem gelegentlich Kanalarbeiter zum Opfer fallen.

alligatorWie obern erwähnt, beeinflussten diese drei Legenden das Horrorkino und führten dort zu Klassikern des Genres. Zum einen ist hierbei John Carpenters „Halloween“ (1978) zu nennen, dessen Handlung auf der Babysitter-Legende basiert. Wie auch in der oben skizzierten Legendenversion hat es Laurie letztendlich mit einem Serienmörder zu tun, der sie und ihre Freunde bedroht.

Beinahe eins zu eins setzte der Tierhorrorstreifen „Alligator“ (1980) die Legende um den Alligator im Abwassersystem um. Im Prolog des Films wird sogar die Szene dargestellt, in der ein Junge ein Alligatorbaby ins Klo wirft und die Spülung drückt.

Die Legende von dem Anhalter findet sich in dem Horrorthriller „Hitcher, der Highwaykiller“ (1986) wieder, wobei hier die Story natürlich weiter ausgeschmückt wird. Dennoch bleibt die Grundstruktur der urbanen Legende erhalten.

Dass urbane Legenden Ideengeber für Horrorfilme darstellen, beschränkt sich allerdings nicht auf Hollywood. Sowohl in Japan als auch in Korea dienen urbane Legenden als Grundlage für so manchen Gruselstreifen.

slitmouthed woman
Carved – The Slit mouthed Woman (2007)

In Japan wird das Thema urbane Legende in dem Klassiker „Ringu“ (1998) zumindest angeschnitten, als die Reporterin Asakawa ein paar Schülerinnen über die Gerüchte befragt, die von ominösen Anrufen einer unbekannten Frau handeln. Eine tatsächliche urbane Legende fand ihren Weg durch den Film „The Slit-mouthed Woman“ (2007) in die Kinos. Die urbane Legende existiert ebenfalls in unterschiedlichen Versionen. In einer davon geht es um eine Frau, deren eifersüchtiger Mann ihr mit einer Schere den Mund aufgeschnitten hat. Seitdem wandert sie mit einem Mundschutz durch die Straßen Tokios und bringt demjenigen den Tod, der ihr begegnet. Der Film setzt die Legende ziemlich genau um. Auch der Knotenpunkt Schule spielt hier eine zentrale Rolle.

voice
Voice (2005)

In Südkorea werden urbane Legenden ebenfalls hauptsächlich an Schulen erzählt. So ist es kein Wunder, dass Schulhorrorfilme dort äußerst beliebt sind. Angefangen von „Whispering Corridors“ (1998) über „Memento Mori“ (1999) bis hin zu „Voice“ (2005) und „A Blood Pledge“ (2009) verarbeiten diese Filme nicht nur die Kritik am koreanischen Schulsystem, sondern gehen gezielt auf die Gerüchte und Legenden ein, die von einem Schüler zum nächsten weitergegeben werden. In der Regel handelt es sich dabei um Spukgeschichten, in denen verstorbene Schülerinnen (sie begingen meistens Selbstmord) sich an ihren Peinigern rächen wollen. Im Untertitel wird noch deutlicher, dass sich die jeweiligen Filme auf urbane Legenden beziehen. Übersetzt heißt dieser „Geistergeschichten aus der Mädchenschule“.

Ähnlich wie die beiden Doktorandinnen in „Candyman“, so machte sich auch Jan Harold Brunvand auf, um nach den realen Ursprüngen dieser urbanen Legenden zu suchen. Er fand dabei heraus, dass die Alligatorgeschichte einen historisch belegbaren Hintergrund hat. Tatsächlich soll ein solcher Fall in den 60er Jahren in New York geschehen sein. Da Legenden in der Regel auf reale Ereignisse beruhen, so ist anzunehmen, dass auch die Anhalter- und Babysitter-Geschichten auf irgendeine Art und Weise einmal geschehen sind. Durch das mündliche Weitererzählen verändern sie aber ihre Struktur, manchmal wird etwas hinzuerfunden oder weggelassen oder es kommt zu unterschiedlichen Arten von Zwischenfällen. Sicher ist, dass diese Legenden das Horrorgenre ungemein bereichern. Und da urbane Legenden hauptsächlich von jungen Leuten erzählt werden, ist es kein Wunder, dass vor allem Slasher-Movies darauf eingehen.