FuBs Fungrube: Nach der Stunde Null

darkdecemberDie Zeit des Kalten Krieges war für viele SF-Autoren eine Epoche, in der Gedanken darüber gesponnen wurden, was mit der Menschheit nach einem nuklearen Kahlschalg passieren würde. Gäbe es noch immer eine Zivilisation oder würden wir uns – wie Einstein dies behauptete – mit Keulen die Köpfe einschlagen? Doch auch Autoren, die im Grunde genommen nicht zum SF-Genre zu zählen sind, befassten sich mit diesem Thema. Einer davon ist Alfred Coppel (1922-2004), der eigentlich im Bereich des Western- und Kriegsromans beheimatet war.

Sein einziger in Deutschland bekannter Roman trägt den Titel „Nach der Stunde Null“ und erschien 1971 im Heyne Verlag (in den USA erschien der Roman bereits 1960 unter dem Titel „Dark December“). Die Geschichte beginnt kurz nach dem Atomkrieg, der beinahe die ganze Welt verwüstet hat. Major Kenneth Gavin, Spezialist für Atomraketen, quittiert den Dienst und macht sich auf in seine Heimat, um zurück zu seiner Familie zu gelangen. Auf einem der letzten militärischen Stützpunkte, begegnet er dem kriegsgeilen und extrem sadistischen Major Collingwood. Als Gavin diesen wegen seines Sadismus zur Anzeige bringt, hat er zugleich einen seiner ärgsten Feinde gefunden. Von Rache getrieben, verfolgt Collingwood Gavin durch das gesamte entvölkerte und degenerierte Amerika, bis es schließlich kurz vor Gavins Heimat zum Showdown kommt…

Coppels Roman ist gekennzeichnet durch eine Vielzahl lebendiger Charaktere, spannender Dialoge und einer fesselnden Verfolgungsstory. Beinahe skizzenhaft schildert der Autor die einzelnen Stationen von Gavins Reise, bringt dabei zugleich aber eine emotionale Tiefe und eine elektrisierende Dichte ins Spiel, die den Roman wie das Drehbuch für einen SF-Film erscheinen lassen. Überhaupt stellt sich beim Lesen die Frage, wieso Hollywood diesen grandiosen Roman nie verfilmt hat. Die Story schreit richtiggehend danach. Vielleicht aber ist es auch besser so, denn wer weiß, was die Herren Produzenten wieder für Kokolores angestellt hätten. Die Schilderung einer postatomaren Bevölkerung wirkt recht wahrscheinlich. So grenzen sich einzelne Dörfer und Kleinstädte durch Warnschilder und einer intakten Bürgerwehr von der Umwelt ab, da sie Angst vor plündernden Banden haben. Bestechung ist zur Normalität geworden. Unzählige Menschen leiden unter den Folgen der radioaktiven Strahlung. Durch sein Emblem erkenntlich als Raketenexperte, wird Gavin zu einem nicht gern gesehenen Außenseiter unter den Menschen. Sein Feind Collingwood kann dagegen vom Krieg nicht genug bekommen. Getrieben durch seinen Sadismus und seinen Minderwertigkeitskomplex, wird Collingwood zu einem Psychopathen, der Gavin das so wie so bereits kaputte Leben zur Hölle macht. Die Stellen, in denen Gavin und Collingwood ihren Konflikt austragen, sind dermaßen spannend und aufwühlend, dass man inständig hofft, dass dieser widerliche Militärjunky ein ungutes Ende findet.

Alfred Coppel: Nach der Stunde Null (OT: Dark December), Verlagsdaten: Heyne Verlag (1971), Nr. 3078, 157 S.

FuBs Fundgrube: Hausers Gedächtnis

hausers gedächtnisCurt Siodmak (1902 – 2000) war nicht nur ein bekannter Drehbuchautor, sondern schrieb auch mehrere erfolgreiche SF-Romane. Sein berühmtester Roman ist sicherlich „Donovans Gehirn“ (1942), in dem ein Wissenschaftler ein Gehirn künstlich am Leben erhält. 1968 wandte er sich erneut dem Thema Bewusstsein und Bewusstseinstransfer zu. Dieses Mal in dem Roman „Hauser’s Memory“, der 1974 unter dem Titel „Hausers Gedächtnis“ auf Deutsch erschienen ist.

Es geht darin um Professor Patrick Cory, der zusammen mit seinem Assistenten Hillel Mondoro neuartige wissenschaftliche Experimente durchführt. Beide versuchen, die Erinnerungen eines Lebewesens auf ein anderes zu übertragen. Dies durch die Injizierung von RNS. Bei Tieren zeigt die Übertragung gewisse Erfolge. So benehmen sich Ratten wie Hamster, nachdem sie deren RNS gespritzt bekamen, oder Mäuse wie Katzen. Eines Tages erhält Cory Besuch von einem CIA-Agenten. Der Geheimdienst, der Corys Forschungen heimlich mitverfolgt hat, möchte, dass er sein Experiment an einem Menschen durchführt. Es geht dabei um das Gedächtnis eines im Sterben liegenden deutschen Wissenschaftlers namens Hauser, der kürzlich über die DDR in die BRD geflohen ist und dabei angeschossen wurde. Cory soll versuchen, die RNS des Mannes auf einen anderen Menschen zu übertragen, um dadurch an die Erinnerungen des Wissenschaftlers zu kommen. Nach langem Zögern obsiegt bei Cory der Forscherdrang. Er möchte sich selbst die RNS injizieren. Doch sein Assistent kommt ihm zuvor …

Die Konsequenz des Versuchs besteht in einer Flucht vor Agenten, Geheimpolizei und anderen mysteriösen Gestalten. Denn alle wollen Hausers Gedächtnis in ihren Besitz bekommen. Zunächst äußerst sich die Übertragung der RNS nur in seltsamen Stimmungsschwankungen Hillels. Auf einmal kann er deutsche Bücher lesen. Plötzlich aber befindet er sich auf einer Reise, die ihn über Dänemark nach Deutschland, von dort in die DDR und schließlich in die CSSR führt. Denn Hauser hegt weiter einen geheimen Plan.

Möchte man den Roman mit nur einem einzigen Wort bewerten, so würde dies schlicht und ergreifend „Wow!“ lauten. „Hausers Gedächtnis“ ist ein hammermäßiger SF-Thriller, der einem den Atem raubt. Hat man einmal mit dem Lesen begonnen, so kommt man von der Story nicht mehr los. Siodmak braucht keine lange Einführung. Der Roman beginnt gleich an der Stelle, an der Cory Besuch von einem CIA-Agenten erhält. Von da an hetzt die Handlung von einer spannenden Situation zur nächsten. Halb Agententhriller, halb SF-Roman reißt er den Leser mit. Man könnte sagen, Curt Siodmak in Höchstform.

Doch ist „Hausers Gedächtnis“ nicht nur ein spannender Unterhaltungsroman. Siodmaks Kritik an der deutschen Gesellschaft ist direkt und hart. Noch immer leben versteckt ehemalige Nazis in Berlin, die darauf hoffen, dass das Großdeutsche Reich doch noch Wirklichkeit wird. Sehr genau beschreibt Siodmak den Alltag in der DDR. Nicht weniger interessant sind seine Beschreibungen von Prag. „Hausers Gedächtnis“ ist damit ein Roman aus der Hochzeit des Kalten Krieges, der hier als Rahmen für einen rasanten Thriller dient. Gut, die Hintergrundgeschichte erinnert ein wenig an Algis Budrys Roman „Who?“(1958), in dem ein Wissenschaftler nach einem schweren Unfall von den Sowjets behandelt und als eine Art Cyborg wieder in den Westen geschickt wird. Während Budrys Roman allerdings eher wie ein Drama wirkt, drückt Siodmak voll aufs Gaspedal. Obwohl „Donovans Gehirn“ 1953 verfilmt wurde, gab es zu „Hausers Gedächtnis“ keine filmische Adaption. Schade, denn es wäre daraus sicherlich ein genialer Actionfilm geworden.