Die Europäer – Der amüsante „Culture Crash“ von Henry James

Cover der Neuübersetzung im Manesse Verlag

Ein Thema, das sich durch beinahe alle Romane von Henry James (1843 – 1916) zieht, ist das Aufeinandertreffen der US-amerikanischen Kultur auf die europäische. So auch in seinem kleinen, aber feinen Meisterstück „Die Europäer“, in dem es um Baronin Eugenia von Münster (geborene Young) und ihren Bruder Felix geht, die in den USA entfernte Verwandte besuchen wollen, um durch sie wieder zu Geld zu kommen.

Denn Eugenia musste ihren adeligen Mann verlassen, da dessen Familie von Anfang an gegen die Heirat mit einer Bürgerlichen war, und Felix, ein erfolgloser Maler, der in den Tag hinein lebt, leidet nicht weniger unter Geldmangel. Auf diese Weise begegnen sie schließlich den Wentworths, die in einer großen Villa in der Nähe von Boston leben, und bringen deren Alltag gehörig durcheinander.

„Die Europäer“ ist ein leichter, geradezu schwungvoller Roman über die Unterschiede zwischen der amerikanischen und der europäischen Kultur, die sich im Verhalten der jeweiligen Protagonisten zeigt und für allerhand Verwirrungen und witzige Zwischenfälle sorgt. Dies fängt schon damit an, dass die Wentworths Puritaner sind, die mit dem Vergnügen nichts anfangen können, im Gegensatz zu Eugenia und Felix, die beide das Leben in vollen Zügen genießen und stets versuchen, das Beste daraus zu machen.

Henry James

So vor allem Felix, dessen Name Programm ist. Denn er ist immer und überall glücklich, was natürlich auf die beiden Töchter Charlotte und Gertrude eine anziehende Wirkung hat. Das Problem ist nur, Getrude ist dem Pfarrer Mr. Brand versprochen, doch diese möchte von ihrem Zukünftigen plötzlich nichts mehr wissen und setzt alles daran, ihn mit ihrer Schwester zu verkuppeln.

Aber auch Eugenia zieht durch ihr sinnliches und selbstsicheres Verhalten die Aufmerksamkeit der Männer auf sich. Nebenbei soll sie ausgerechnet dem recht schüchternen Bruder von Charlotte und Gertrude dazu verhelfen, sein Leben wieder in geordnete Bahnen zu bringen. Und dann ist da auch noch Mr. Acton, der sich in Eugenia verliebt und dabei ins Selbstzweifel gerät.

Henry James‘ herrliche Beziehungskomödie ist ein Roman, den man ohne weiteres immer wieder lesen kann. Der Witz geht dabei nie verloren, denn die Verwicklungen und die wunderbare Komik, die sich durch die völlig unterschiedlichen Weltsichten und Verhaltensregeln ergeben, ist immer wieder aufs Neue unterhaltsam. Nicht weniger faszinierend sind die lebendigen Charaktere, die den Roman mit ihren Eigentümlichkeiten beherrschen und schon allein dadurch für allerhand Situationskomik sorgen.

1979 wurde der Roman von James Ivory unter demselben Titel verfilmt – mit Lee Remick als Eugenia. Die Adaption wurde damals sehr gelobt und auch mehrfach für diverse Preise nominiert. Es ist wirklich verwunderlich, dass in unserer Zeit der Remakeitis bisher kein Regisseur sich an eine Neuadaption herangewagt hat. Denn im Grunde genommen müsste man den Roman nur in eine Filmrolle stecken, das Drehbuch liefert der Roman quasi von selbst.

Briefe aus dem Jenseits

briefeausdemjenseitsDer amerikanische Schriftsteller Henry James ist in Deutschland vor allem durch seinen Roman „Der scharlachrote Buchstabe“ bekannt. Freunde der Phantastik hingegen schätzen vor allem seine Novelle „Das Drehen der Schraube“, welche zu den Klassikern der unheimlichen Literatur zählt. Neben weiteren unheimlichen und mysteriösen Geschichten, verfasste er u. a. den Roman „The Aspern Papers“, in welchem es um eine geheimnisvolle alte Frau und die Briefe eines berühmten Dichters aus dem 19. Jahrhundert geht.

1947 wurde dieser Roman, mit Robert Cummings und Susan Hayward in den Hauptrollen, verfilmt. Es handelt sich dabei um eine eher freie Adaption von James´ Geschichte, die noch mehr als der Roman auf das Mysteriöse und Unheimliche setzt. Heute würde man den Film wahrscheinlich in die Kategorie Mystery einordnen. Es geht um den Verleger Lewis Venable, der nach den verloren geglaubten Briefen des Dichters Jeffrey Ashton sucht. Durch den Autor Charles Russel erfährt er, dass diese Briefe noch immer existieren. Und zwar bei seiner einstigen Geliebten Juliana Bordereau in Venedig. Venable scheint dies unmöglich, denn diese Frau müsste nun weit über 100 Jahre alt sein. Doch als er das Haus in Venedig besucht, in welchem Juliana zusammen mit ihrer Urenkelin Tina lebt, wird er eines Besseren belehrt. Das ist jedoch noch nicht alles. Denn in dem Haus gehen sonderbare Dinge vor sich. Beim Versuch, diesen rätselhaften Zwischenfällen auf den Grund zu kommen, stößt Lewis Venable auf die Spur eines düsteren Familiengeheimnises.

Zwielichtige Gestalten, ein fast schon ins übermenschliche charakterisierter Dichter aus dem 19. Jahrhundert und ein düsteres Rätsel, das es zu lösen gilt. Diese Aspekte mischt Martin Gabel zu einem dichten und spannenden Film, der zudem ein hohes künsterlisches Niveau aufweist. Laut den Produktionsmitteilungen soll es vier Stunden gebraucht haben, um Agnes Moorehead, welche die weit über 100jährige Juliana Bordereau spielt, in eben jene alte Frau zu verwandeln. Dennoch bleibt es stets bei Andeutungen, sodass man die uralte Frau nie richtig zu Gesicht bekommt, was das Rätselhafte und Unheimliche noch verstärkt.

Diese Methode verschafft dem Film seine knisternde Atmopshäre, der man sich nicht entziehen kann. Die düstere Architektur des alten Hauses in Venedig ist dabei hervorragend in die Handlung eingearbeitet. Das Gebäude wirkt wie ein unheimlicher Fremdkörper und besitzt dadurch beinahe den Charme eines Geisterhauses. Eine sehr gute Optik, hervorragende Dialoge und natürlich sehr gute Schauspieler runden die Produktion ab.

Briefe aus dem Jenseits (OT: The lost Moment), Regie: Martin Gabel, Drehbuch: Leonardo Bercovici, Produktion: Walter Wanger, Darsteller: Robert Cummings, Susan Hayward, Agnes Moorhead, John Archer. USA 1947, 89 Min.